Kapitäne erzählen Wahnsinn nach der Windstille

Schweinedreck und Knüppelschläge: Die Äquatortaufe auf hoher See ist eine raue Sitte. Als Hans Peter Jürgens 1939 auf dem legendären Großsegler "Priwall" um Kap Hoorn segelte, musste auch er sich diesem Brauch stellen - und erlebte ein Fest für Sadisten.

Hans Peter Jürgens

Eigentlich sollte es eine reine Routinefahrt werden, als der 15-jährige Schiffsjunge Hans Peter Jürgens vor 70 Jahren in Richtung Kap Hoorn ablegte. Doch als der Großsegler "Priwall" wenige Wochen später in Chile festmachte, begann für Jürgens eine Odyssee durch eine Welt im Krieg. Er arbeitete als Straßenbauer in Chile, überlebte ein Lager im afrikanischen Dschungel und fütterte Bären an Kanadas großen Seen. Lesen Sie seine spannende Geschichte hier auf einestages, von jetzt an jede Woche eine neue Folge.

1. Juni 1939

Tag um Tag verging, und wir glitten im Passatwind dahin. Es war eine angenehme Zeit für die Besatzung, denn keine unerwarteten Segelmanöver unterbrachen die Routine im Tagesablauf. In den warmen Nächten war es sogar erlaubt, auf den Luken zu schlafen. Als Kopfkissen nahm ich eine zusammengerollte Jacke oder ein Stück Holz. Ich fand meist schwer in den Schlaf, weil ich in diesen fantastischen Himmel sehen musste. In einer Nacht ging es weniger romantisch zu. Einer der Matrosen, der besonders berüchtigt für seine Schindereien war, hatte sich auf Luke IV gelegt und schlief tief. Sein Schnarchen war von weitem zu hören. Das war die Gelegenheit, auf die wir gewartet hatten! Kein Offizier war in der Nähe, kein anderer Matrose. Der Moment unserer Rache war gekommen.

"Los jetzt!", wisperte einer der Jungs. Wir waren sechs.

Lautlos schlichen wir an unseren Peiniger heran und umwickelten seine Arme und Beine mit einem dünnen Tau. Wir fesselten seine Hände an das Gangspill auf dem Achterdeck und die Füße an die Reservespiere an Deck. Dann hievten wir das Tau mit dem Gangspill, bis sein Körper in der Luft hing.

Der Matrose wurde wach, erschrak und rief um Hilfe: "Ihr verdammten Halunken, lasst mich sofort runter!" Wir ließen ihn hängen. Bis ihn jemand fand und losmachte, vergingen mehrere Minuten. Er konnte darüber nachdenken, ob er uns wieder schlagen wollte oder wo wir ihn beim nächsten Mal hinhängen würden. Wie wir später feststellten, verstand er unsere Warnung. Dieser Matrose schikanierte uns nicht mehr.

Je weiter südlich die "Priwall" segelte, desto böiger und unberechenbarer wurde der Wind. Wir näherten uns den Mallungen, dem Trennungsgebiet zwischen den Passaten, das wegen der drückenden Hitze und der Windstille von Segelschiffsbesatzungen gefürchtet wurde. Weil die Spanier früher dort ihre verendeten Pferde über Bord warfen, nennt man dieses Seegebiet auch "Rossbreiten".

Warten auf einen Windhauch

Eine schwere Schwüle legte sich bald auf die "Priwall" und lähmte das Leben an Bord. Das Meer wirkte wie aus Blei gegossen. Kein Windhauch war zu spüren. In der Takelage klapperte es, weil die Segel nicht unter Spannung standen. Drähte und Taue schlugen, wenn das Schiff sich leicht bewegte, gegen die Rahen aus Stahl. Ein deprimierendes Geräusch. Wer auf dem Hochdeck zu tun hatte, tat gut daran, Kapitän Hauth aus dem Weg zu gehen. Seine Laune war miserabel, denn er sorgte sich um die Geschwindigkeit auf unserer Reise. Die Schoten der Untersegel waren aufgegeit, um jeden noch so leichten Windhauch einfangen zu können. Ständig einsatzbereit sein zu müssen in der trägen, heißen Schwüle, strapazierte unsere Nerven zusätzlich.

Manche Schiffe, so wussten wir, waren für lange Zeit in den Mallungen gefangen. Einigen Besatzungen wurde die Flaute zum Verhängnis, erzählten die älteren Matrosen. Ob es Seemannsgarn war? Seeleute waren angeblich qualvoll auf dem Meer verhungert, weil kein Wind einsetzte und die Vorräte wegen der längeren Reisezeit aufgebraucht waren. Wir nutzten die Regengüsse, die heftig auf uns niedergingen, als habe man den Hahn einer Dusche voll aufgedreht, um die Frischwassertanks der "Priwall" aufzufüllen. Alle Deckabflüsse wurden verstopft und sämtliche Pützen und Balgen auf Deck gestellt. Immerhin konnten wir unsere Kleidung endlich wieder gründlich waschen.

Als ein wenig Wind aufkam, wuchs bei uns Jungen aus einem anderen Grund die Sorge. Der Äquator kam näher - und damit auch die Äquatortaufe. Ein berüchtigter Brauch: Während der Zeremonie sollen die Seeleute symbolisch vom Schmutz der Nordhalbkugel gereinigt werden, auf eine Art, die wir nicht mehr vergessen würden. Wovon die älteren Matrosen berichteten, klang wirklich beängstigend: Torturen erwarteten uns. Außerdem fragten wir uns, welches Spiel wohl der sadistische Offizier treiben würde. Und was hatten die brutalen Matrosen vor? Würde es uns der Schläfer von Luke IV, den wir wie ein Kalb aufgehängt hatten, doch noch heimzahlen?

Getauft mit Teer und Schweinedreck

Bereits am Vorabend der eigentlichen Taufe wurden wir in unserem Logis von einigen "Herolden" aufgesucht, die den Besuch des Meeresgottes Neptun ankündigten. Damit sich ihre Botschaft besser einprägte, hatten die verkleideten Matrosen Tampen mitgebracht, mit denen sie beherzt zuschlugen. Der Abend endete mit einer Art Spießrutenlauf. Es gab die ersten blauen Flecken, und einige Schiffsjungen wurden besonders brutal geprügelt.

Am nächsten Morgen wussten wir, warum wir den Schweinestall an Deck einige Tage nicht ausmisten sollten. Alle Täuflinge wurden in den stinkenden Verschlag gesperrt. Ich musste mich überwinden, dort hineinzukriechen. Übereinander lagen wir im Schweinedreck, zehn Mann auf vielleicht zweieinhalb Quadratmetern. Es galt, den Würgereiz zu unterdrücken. Und besser den Mund zu halten und sich nicht zu beschweren, denn keiner wusste, was noch folgen sollte.

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"Neptun" erschien, mit einem Bart aus Kabelgarn und in Begleitung einer vollbusigen Thetis. Die Quälereien gingen in die nächste Runde. Wir mussten durch ein "Fernglas" blicken, das mit Salzwasser gefüllt war und uns fürchterlich in den Augen brannte. Wir wurden mit Farbe und mit Tran beschmiert. Wir bekamen einen Teerquast unter die Nase gerieben, bis wir uns vor Ekel übergaben. Neptuns "Arzt" verabreichte uns Tabletten, die aus Pfeffer, Petroleum und anderen unappetitlichen Zutaten bestanden. Man rasierte einigen das "Kreuz des Südens" in die Haare. Eine Äquatortaufe? Es war eher ein Fest für Sadisten.

Als es darum ging, die Täuflinge in einem Segeltuchbecken zu reinigen, übertrafen sich Neptuns Herolde erneut vor Diensteifer. Bis kurz vor dem Ertrinken tauchten sie uns unter. Zum Abschluss mussten wir durch einen Windsack kriechen, in den man von der anderen Seite einen Wasserstrahl hielt. Auch die Tampen kamen in bewährter Manier zum Einsatz. Dann hatten wir die "Taufe" überstanden. Als wir abends in den Kojen lagen, fühlten wir uns erleichtert, weil wir den Tag überlebt hatten. Aber auch erniedrigt. Bis der Teer aus den Haaren gewaschen war, vergingen Tage. Auch in die betäubten Geschmacksnerven kam schließlich das Empfinden zurück. Bei der Qualität des Essens hätte das noch ein wenig länger dauern können, dachte ich, behielt die Überlegung aber für mich.


Lesen Sie die nächste Episode von Hans Peter Jürgens Reise hier auf einestages.

Aufgezeichnet von Stefan Krücken



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