Karaoke-Erfinder Ei dit it mei wäääihhhhh!!!

Sie ist die Performance-Krücke für verkannte Goldkehlchen und betrunkene Rampensäue: 1971 begann der Siegeszug der Karaoke-Maschine. Ihren Erfinder aber kennt kaum jemand. einestages über den Unglücksraben, der die ganze Welt zum Singen brachte - und trotzdem kein Millionär wurde.

AP

Von Stefanie Erhardt


Am Ende bekam er doch noch, was er verdiente. "You're just too good to be true, can't take my eyes off of you" schallte es Daisuke Inoue im Jahr 2004 aus unzähligen begeisterten Kehlen entgegen. Etwas schüchtern nahm der Japaner mit dem graumelierten Haar und der großen Brille seinen Ig-Nobelpreis entgegen. Die Spaßnobelpreise werden jährlich für seltsame wissenschaftliche Errungenschaften verliehen. Er erhielt seinen in der Kategorie "Frieden".

Was hatte Inoue, von dem die meisten bis dahin noch nie gehört hatten, Besonderes geleistet? Der Mann aus Osaka, so der Laudator, habe "eine völlig neuartige Methode entwickelt, den Menschen beizubringen, sich gegenseitig zu tolerieren". Inoues Rezept für bessere Völkerverständigung: eine Bühne, ein Bildschirm, ein Mikrofon - und ein Raum voller Menschen, die auf einen Schlag alle Contenance über Bord werfen, um mit großen Gesten und schiefen Noten ihre liebsten Hits nachzusingen. Daisuke Inoue ist der Erfinder der Karaoke-Maschine und könnte heute steinreich sein - hätte er nicht einen entscheidenden Fehler gemacht.

Alles begann Anfang der siebziger Jahre in Kobe. In der japanischen Küstenstadt circa 400 Kilometer südwestlich von Tokio waren viele kleine Bars entstanden, in denen Live-Musiker auftraten. Manchmal enterten Leute aus dem Publikum die Bühne, die ihre eigenen Gesangskünste vorführen wollten. Dann hatte die Band für ein oder zwei Stücke einen neuen Sänger. Auch Daisuke Inoue, der seit der Highschool Schlagzeug spielte, tingelte damals als Musiker durch die Kneipen.

Begeisterung aus der Konserve

Eines Tages hatte Inoue eine Idee: Vielleicht würden Barbesucher auch zu Tonbandaufnahmen singen? 1971 tüftelte der damals 31-Jährige einen Kassettenrecorder, einen kleinen Gitarrenverstärker und ein Mikrofon zusammen, baute alles in einen kleinen rot-weißen Holzkasten und versah das Ganze mit einem Münzeinwurf. Karaoke - zu Deutsch: leeres Orchester - hatte mit dieser ersten Mitsingmaschine das Licht der Welt erblickt.

Und die Leute waren begeistert. Schon bald musste Inoue weitere Geräte konstruieren. Zudem ließ er Hunderte Songs von örtlichen Musikern einspielen, in mittleren Tonlagen, damit jeder die Töne treffen konnte. Die Karaoke-Maschinen verlieh er an die Kneipen in Kobe, die Musikkassetten und die Texte, die er zu einem Buch binden ließ, lieferte er gleich mit.

Mitte der Siebziger vertrieb Inoue seine Karaoke-Maschinen bereits in Osaka und Tokio, und bald darauf eroberte er ganz Japan. Mit einem Kleinbus, auf dem das Wahrzeichen seiner Firma Crescent - ein großer Plastikgorilla - thronte, fuhr er durchs Land und lieferte seinen Kunden neue Musikkassetten und Ersatzmikrofone.

In einem Atemzug mit Gandhi

Doch Inoue hatte etwas Entscheidendes vergessen. Er meldete kein Patent auf seine Maschine an. Der Geschäftsmann glaubte nämlich, gar nichts erfunden zu haben. Schließlich hatte er nur bereits bestehende Technologien zusammengefügt. Zudem kosteten die notwendigen Anträge bei den Behörden Tausende Dollar. "Ich dachte, warum soll ich dafür so viel Geld bezahlen?", erzählte er 2007 dem amerikanischen Journalisten Brian Raftery in einem Interview für dessen Karaoke-Buch "Don't stop believin'. How Karaoke conquered the world and changed my life".

Inoues Bescheidenheit machten sich schließlich andere findige Unternehmer zunutze. Ende der Siebziger begannen mehrere Firmen mit der Produktion von eigenen Karaoke-Geräten. Der Umsatz von Inoue begann zu sinken. In den Achtzigern neigte sich dann das analoge Zeitalter seinem Ende zu, und die Karaoke-Bars entsorgten nach und nach die Maschinen, die noch mit Kassetten funktionierten.

1993 erlitt Daisuke Inoue einen Nervenzusammenbruch und verbrachte drei Monate in der Psychiatrie. Er habe zwar gut verdient, zu schaffen machte ihm aber eine gewisse Leere ohne Ziel, wie er 2005 dem Wirtschaftsmagazin "Brand eins" erzählte.

Gegen die Kakerlaken!

Als der gebeutelte Unternehmer danach wieder ins Geschäftsleben einstieg, hatte er eine neue Idee: Inoue entwickelte einen kleinen, silberfarbenen Kasten, der nachts giftige Gase freisetzte und Kakerlaken tötete, die sich in den Karaokemaschinen einnisten und die Kabelfraßen. Ein Treppenwitz, dass Inoue mit dieser Erfindung ausgerechnet den Firmen half, die ihm seine Erfindung abgeluchst hatten.

Dass die Karaoke-Maschine eigentlich seine Idee gewesen war, schien er zu diesem Zeitpunkt schon fast vergessen zu haben. Und auch die Welt mochte sich anscheinend nicht an den glücklosen Tüftler ohne Patent erinnern. Doch dann veröffentlichte das asiatische "Time"-Magazin 1999 eine Liste mit den hundert einflussreichsten Asiaten des 20. Jahrhunderts. Unter ihnen, zwischen Namen wie Mao Zedong oder Mahatma Gandhi: Daisuke Inoue. Er habe geholfen, so die Begründung der Zeitschrift, den Stummen eine Stimme zu verleihen, und damit die asiatischen Nächte verändert.

In der Tat hat Inoue mit seinem Einfall eine wahre Kulturrevolution losgetreten. Vor allem in seinem Heimatland finden sich heute an fast jeder Straßenecke Karaoke-Läden. Traditionell singen die Japaner gerne in kleinen, separaten Räumen, sogenannten Karaoke-Kabinen. Man kann aber auch Etablissements im Raumschiff-Design mieten, in Karaoke-Taxis trällern oder zum Mikrofon greifen und gleichzeitig im Whirlpool entspannen. Der eher zurückhaltende Inoue selbst probierte seine eigene Erfindung trotz des reichhaltigen Angebots erst an seinem 59. Geburtstag aus.

Der Traum, die Menschen zum Singen zu bringen

Trotzdem kennt der bescheidene Tüftler die Wirkung seiner Erfindung genau: "Ich glaube, dass Karaoke geholfen hat, die Japaner zu verändern", erklärte er 1999 in der asiatischen Ausgabe des "Time" Magazins, angeblich seien sie schlecht darin, in der Öffentlichkeit aus sich herauszugehen. "Aber gib einem Japaner ein Karaoke-Mikrofon, und derselbe Mann, der Probleme hat, eine Hochzeitsrede zu halten, will nie wieder aufhören."

In seiner Dankesrede bei der Verleihung des Ig-Nobelpreises 2004 erzählte Inoue den Anwesenden in gebrochenem Englisch von seiner Vision: "Eines Tages hatte ich einen Traum, den Menschen das Singen beizubringen, also erfand ich Karaoke. Ich wusste nicht, dass es der Anfang von etwas Großem sein würde. Jetzt will ich mehr denn je der Welt beibringen zu singen - in perfekter Harmonie." Die darauf folgenden Standing Ovations waren die bis dato längsten in der 20-jährigen Geschichte des Ig-Nobelpreises.



insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Ralf Bülow, 21.06.2010
1.
In alten Hollywood-Kurzfilmen gab es schon Lieder mit Textanzeigen und einem "bouncing ball", der über die Silben sprang, so dass die Kinobesucher mitsingen konnten. Hier ist ein nettes Beispiel: www.archive.org/details/InMyMerr1932
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.