Karikaturen aus dem "Dritten Reich" Ventil für den Wahnsinn

Karikaturen aus dem "Dritten Reich": Ventil für den Wahnsinn Fotos
Verlag Ludwig

Für so viel Aufmüpfigkeit kamen andere ins KZ: Während Nazi-Architekt Albert Speer an der "Welthauptstadt Germania" arbeitete, karikierte sein Vize den Größenwahn in bissigen Zeichnungen. Die Blätter werden jetzt erstmals komplett in Berlin ausgestellt - einestages zeigt die besten. Von Benjamin Maack

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Es war ein irrsinniges Projekt: 1937 ernannte Hitler seinen Lieblingsarchitekten Albert Speer zum "Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt". Speer sollte aus Berlin die Welthauptstadt Germania formen, den monumentalen Mittelpunkt für das "großgermanische Weltreich".

Ausgestattet mit allen Kompetenzen und geblendet von der Gelegenheit, einer Weltstadt seinen Stempel aufzudrücken, machte sich der 32-jährige Speer als Leiter der Generalbauinspektion daran, die Phantastereien des NS-Diktators Wirklichkeit werden zu lassen. Ohne Rücksicht auf Bürger und Baumasse sollten zwei gewaltige Paradestraßen als Achsen kreuzförmig durch Berlin geschlagen werden, dazu ein 117 Meter hoher Triumphbogen errichtet und eine Ruhmeshalle von fast 300 Metern Höhe gebaut werden. Sie wäre der größte Kuppelbau der Welt geworden.

Viele Zeitgenossen standen dieser unverhohlenen Megalomanie skeptisch gegenüber - selbst manche Nationalsozialisten.

Stadtplanung mit Riesengeschützen

Eine aktuelle Ausstellung im Architekturmuseum der Technischen Universität Berlin zeigt jetzt die Planungen für "Germania" im Spiegel bissiger Karikaturen aus den vierziger Jahren. Mit einem riesigen Geschütz wird da die große Achsenstraße einfach in das Berliner Stadtbild geschossen, darunter der Kommentar des Zeichners: "Durchschlagendes Ergebnis der Personalunion zwischen Generalbauinspektor und Reichsminister für Bewaffnung und Munition" - Speer war von Hitler 1942 zum Rüstungsminister ernannt worden. Auf einem anderen Blatt führen die beiden riesigen Verkehrsachsen über Berlin hinaus und laufen schnurgerade einfach bis zum Nordpol und über die Alpen hinweg; die Stadt Berlin hat sich entlang der Trassen gleich einem christlichen Kruzifix ausgedehnt.

Die Wahnidee der Riesenkuppel für Hitlers Lieblingsprojekt, die "Große Halle", wird in einer anderen Zeichnung karikiert: Einsam thront ein irritiert wirkender Reichsadler, die Weltkugel in den Klauen, auf der aus dem Wolkenmeer ragenden Kuppelspitze, während von unter der Wolkendecke "Heil"-Rufe erklingen. Die Gigantomanie der NS-Planungen wird auch in einem anderen Blatt mit gewissermaßen wolkigen Assoziationen aufgespießt: Aus einem pompös dimensionierten Krankenhaus schaffen Engel die auf dem OP-Tisch Verstorbenen direkt durch das Fenster mit Schubkarren in den Himmel.

Aufs Korn genommen wird auch die Umsetzung der Siegessäule von ihrem angestammten Platz vor dem Reichstag auf die zum Teil realisierte Ost-West-Achse: Siegesgöttin Victoria, die oben auf der Säule thront, setzt sich per Fallschirm von ihrem neuen Standort ab.

Linientreuer Karikaturist

Dass die Nazis wenig Spaß verstanden, ist eine Binsenweisheit, und der Betrachter der liebevoll gestrichelten Sottisen fragt sich unwillkürlich nach dem Schicksal des Zeichners. Schon für weniger scharfe Kommentare endeten unter Hitler Menschen im KZ. Dem begabten Zeichner allerdings erging es nicht schlecht unter den Nationalsozialisten. Er war ja auch kein eingeschworener Hitler-Gegner - sondern einer der engsten Vertrauten Albert Speers.

Der Architekt Hans Stephan, bereits 1931 in die NSDAP eingetreten, zählte als Abteilungsleiter innerhalb der Generalbauinspektion zu den führenden Köpfen bei der Umgestaltung Berlins. So plante er während seiner Arbeitszeit an der "Welthauptstadt" mit - um das Unternehmen in seiner Freizeit mit seinen humorigen Blättern in Frage zu stellen. Subversiv allerdings waren die Zeichnungen durchaus nicht gemeint - sie dienten "eher als unbewusstes Ventil, als Entlastung", meint Hans-Dieter Nägelke, Leiter des Architekturmuseums, der die Schau organisiert hat.

Speer und seinem Stab waren Stephans Zeichnungen bekannt - und wurden schmunzelnd geduldet. Anfang der vierziger Jahre stellte Stephan sogar eine Auswahl der Blätter unter dem Titel "Fröhliche Neugestaltung" zusammen; auf dem Titelblatt huldigte er ohne jede Ironie Albert Speer, der, um Hitlers Bauvorhaben zu verwirklichen und die deutsche Rüstungsindustrie auf Hochtouren zu halten, auch nicht davor zurückschreckte, die Deportation von Juden vorzuschlagen und in großem Stil Zwangsarbeiter einzusetzen.

Eine zweite Chance

Stephan mag die Sprengkraft seiner Karikaturen nicht bewusst gewesen sein - doch es sei "nicht schwer sich vorzustellen, wie die Reaktion ausgefallen wäre, wenn die Blätter damals einem größeren Kreis bekannt geworden wären", meint Nägelke. Zwar habe Speers Truppe bei den höchsten Stellen des NS-Staates größtes Wohlwollen genossen. "Aber man kann sich vorstellen, dass es Hitler kaum amüsiert hätte, den von ihm selbst entworfenen Triumphbogen als Werk eines kleinen Beamten und dessen Sohnes karikiert zu sehen", so Nägelke. "Und ob Speer sich dann schützend vor seinen Mitarbeiter gestellt hätte, darf angesichts seines skrupellosen Machtinstinkts doch sehr bezweifelt werden."

Doch es kam anders, Stephan blieb im "Dritten Reich" unbehelligt. Nach Kriegsende allerdings nutzte er die Zeichnungen, um seine verantwortliche Tätigkeit in der Generalbauinspektion in ein milderes Licht zu rücken. Es funktionierte. 1956 wurde Stephan zum Senatsbaudirektor in West-Berlin ernannt - und durfte, Ironie der Geschichte, in dieser Position ein weiteres Mal das Gesicht der Stadt gestalten. Auch seine Zeichnungen aus den vierziger Jahren fasste er noch einmal zusammen. Unter dem Titel "Die Gigantoplanie von Berlin: gezeichnet um 1940 von einem, der selbst dabei war" - dieses Mal ohne eine Huldigung an Speer auf dem Titelblatt.

bma/hmk

Die Ausstellung "Fröhliche Neugestaltung" im Architekturmuseum der Technischen Universität Berlin läuft noch bis zum 19.10.2008.

Zum Weiterlesen:

"'Fröhliche Neugestaltung' oder: Die Gigantoplanie von Berlin 1937-1943". Ludwig Verlag, Kiel 2008, 128 Seiten.

Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.


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Jan-R Handel 18.07.2008
...Die Dokumente zeigen mal wieder: nicht nur wegen der Millionenfachen Verbrechen gegen die Menschlichkeit von Seiten der Nazis und großen Teilen der Zivilbevölkerung des dutzend-jährigen 3. Reiches kann man froh sein, dass die Allierten irgendwann reagierten, und die Appeasement Politik mit "Herrn Hitler" abbrach. Better late than never!
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