Karl-Marx-Allee Boulevard der zerbrochenen Träume

Karl-Marx-Allee: Boulevard der zerbrochenen Träume Fotos
Marko Schubert/N. Moussa

Der Wessi redete nur Unfug: Als ein Politikstudent auf einer WG-Party in der Karl-Marx-Allee wichtigtuerisch über die DDR-Aufmarschmeile dozierte, reichte es Marko Schubert. Der einzige Ostdeutsche in der Runde ergriff das Wort - und erzählte von dem ersten Mal, an dem er gern auf eine Demo ging. Von

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Ich war auf einer großen WG-Party eines Arbeitskollegen eingeladen. Die Feier fand in der Karl-Marx-Allee in Friedrichshain statt. Obwohl ich sehr spät kam, befanden sich noch viele Gäste in der Bude. Micha begrüßte mich euphorisch und stellte mir jeden einzeln vor. Die verqualmte Küche war wie immer das lautstarke Zentrum der Wohnung und besonders gut gefüllt. Bald war klar: Ich, der Junge von nebenan, war der einzige ehemalige Ostdeutsche auf der gesamten Party. Unglaublich, denn noch bis vor wenigen Jahren waren dieses Haus, die Straße und der Bezirk ausschließlich von Ossis bewohnt gewesen. In der Badewanne schwammen die letzten, einsamen Beck's Gold.

Manchmal kann ich gar nicht glauben, wie sehr sich meine Stadt verändert hat. Ziemlich schockiert öffnete ich mir eins meiner im Sixpack mitgebrachten "Berliner Pilsner" und sah mich erst mal um. Irgendwie kam mir die Wohnung bekannt vor. Ich ging in die Küche und lauschte den Gesprächen. Eine große Runde scharte sich um einen Typen mit Brille, der sich offenbar selbst gern reden hörte. Micha hatte ihn mir als Daniel aus Hannover vorgestellt, der in Berlin Politikwissenschaften studierte. Ich stellte mich daneben und hörte staunend zu. Er erklärte uns die Geschichte der Karl-Marx-Allee.

Leider redete er ausschließlich dummes Zeug. Ich wollte ihn am liebsten anschreien und sagen, dass diese Häuser nicht erst in den sechziger Jahren gebaut worden waren, dass es auch schon vor der Wende Badewannen und Fahrstühle gab - und dass in dieser Straße nicht jede Woche Panzer und Raketenwagen auffuhren. Die monumentale Karl-Marx-Allee, die bis 1961 noch Stalinallee geheißen hatte, war ab 1952 nach den Vorbildern der Prachtboulevards in Moskau, Lenin- und Stalingrad errichtet worden. Sie diente nicht nur dem städtischen Verkehr, sondern sollte Berlins Status als Hauptstadt verkörpern - und bot die Bühne für Aufmärsche und Paraden. Obwohl sich ab dem Strausberger Platz einige unschöne Plattenbauten anschlossen, blieb die schnurgerade Karl-Marx-Allee vom Alex bis zum Frankfurter Tor mit ihren Häusern im Zuckerbäckerstil eine der ungewöhnlichsten und vielleicht schönsten Straßen meiner Stadt. Die selbstverliebte Show des arroganten Wessis machte mich wütend. Selten hatte ich mich so aggressiv erlebt. Trotzdem behielt ich meinen Ärger für mich und schwieg. Warum?

Sinnlose Kämpfe

Ich hatte bis zu diesem Moment schon zu viele sinnlose Kämpfe ausgetragen, zu oft über meine verschwundene Heimat gesprochen, als ob ich sie gedemütigt vor anderen verteidigen müsste. Meine Lust auf weitere Diskussionen tendierte im Laufe der Jahre gegen Null. Mir wurde egal, wie andere die DDR deuteten oder was darüber in den Geschichtsbüchern stand.

Ich setzte mich an einen Tisch, schaute aus dem Fenster in die tiefschwarze Nacht und dachte nach. Vielleicht verlangte ich einfach zu viel. Auch ich hatte erst als junger Student erfahren, was genau hier einst geschehen war. Am 17. Juni 1953 hatte sich hier auf den Baustellen dieser prestigeträchtigen Straße der Widerstand formiert, in der DDR kam es zu einer Welle von Streiks und Protesten - der erste historisch bedeutende Aufstand in den Staaten des Ostblocks. Nachdem ich das in der DDR verbotene Buch "5 Tage im Juni" von Stefan Heym gelesen hatte, war ich sprachlos gewesen. Wie hatten sie es geschafft, uns diesen wichtigen Abschnitt der deutschen Geschichte so lange vorzuenthalten? Wie war es möglich, dass ich bis zu meinem 20. Lebensjahr noch nie davon gehört hatte?


Die Geschichten des Mauerfalls: Klicken Sie sich durch die friedliche Revolution!


Die Gruppe um den selbstgefälligen Typen aus Hannover hatte sich ein wenig zerstreut. Gerade war er dabei, seinen sichtlich gelangweilten Zuhörern ausführlich die Ereignisse zu erörtern, die zum Fall der Berliner Mauer geführt hatten. Ich schätzte, dass er damals ungefähr zehn oder elf gewesen sein musste. Urplötzlich überlegte ich es mir anders, das wollte ich mir nicht länger anhören. Ich machte mir ein neues Berliner Pilsner auf, tippte ihm auf die Schulter und fragte: "Hey du. Was ist am 4. November 1989 passiert?" Als er darauf keine Antwort wusste, begann ich zu erzählen.

Der andere Samstag

Damals war ich in der zwölften Klasse. Dort mussten wir, ausgerechnet samstags, zur "nullten Stunde" antreten - eine fiese Regelung im DDR-Schulalltag. Doch an jenem ersten Samstag im November 1989 hatte unsere Klasse, ja, die komplette Schule beschlossen, den Unterricht ausfallen zu lassen. In gewohnter Manier trafen wir uns um 9 Uhr an einer zentralen Sammelstelle auf unserem Schulhof. Wir wollten demonstrieren, und zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich zu einem solchen Ereignis ausschließlich fröhliche Mitschüler ausmachen. Meine Freunde Otmar, Bernd und Matze winkten mich aufgeregt in ihre Ecke und grinsten. Die hatten doch schon wieder etwas ausgeheckt!

Wir waren nicht die einzige Berliner Schule, die an diesem Tag auf der gewohnten Aufmarschmeile Karl-Marx-Allee in Richtung Alexanderplatz zog. Alle Schulen taten das, alle Kollektive, Kombinate und Betriebe der Stadt marschierten geschlossen dort entlang. Praktisch die komplette Bevölkerung der Hauptstadt der DDR wollte sich freiwillig auf diese von Künstlern organisierte Demonstration begeben. Mit Bannern wie "Keine Gewalt" marschierten Zigtausende Menschen zum Alex - Ausdruck ihrer geballten Entschlossenheit zur Veränderung.

Wir reihten uns ein. Als wir kurz hinter dem berühmten Hochhaus an der Weberwiese auf die Straße mit ihren Häusern im Zuckerbäckerstil stießen, ging ein Raunen durch unsere Reihen, denn es war Samstag, außerdem kalt und keine Pflichtveranstaltung - und trotzdem schienen heute mehr Menschen zu marschieren als auf allen verordneten Kundgebungen der Jahrzehnte zuvor. Wir blickten auf einen unüberschaubaren Zug aufgeregter Demonstranten voller neuer Pläne, Ideen und Ideale.

Reden im Rausch

Als wir an der Volkskammer im Palast der Republik und dem Staatsratsgebäude vorbeikamen und wieder und wieder stimmgewaltig "Wir sind das Volk!" brüllten, war Matze immer noch in vorderster Reihe. Mit ernster, bedeutungsschwangerer Stimme rief er mir zu: "Heute wird die Mauer zum Einsturz gebracht!" Jetzt erst begriff ich, was er sich von der Demo versprach. Der Zug setzte seinen Marsch in Richtung Brandenburger Tor fort, und vor den riesigen Absperrungen begann Matze zu brüllen: "Macht die Mauer auf! Macht die Mauer auf! Macht die Mauer auf!" Doch niemand stimmte mit ein. Stattdessen wendeten alle auf die andere Fahrbahnseite und gingen auf der Straße Unter den Linden wieder in Richtung Osten zur Kundgebung auf dem Alex zurück. Matze stand plötzlich allein da. Es gab ein unausgesprochenes gemeinschaftliches Gefühl an diesem Tag: Die seit 40 Jahren erste nicht von oben, sondern von unten organisierte Demonstration sollte friedlich und gewaltfrei bleiben.

Vor dem Haus des Reisens gegenüber vom Alex war mittlerweile eine riesige Bühne aufgebaut. Meine Freunde hatte ich im Getümmel verloren. In der Hoffnung, sie vor dem Rednerpult wiederzufinden, kämpfte ich mich bis ganz nach vorn. Die ersten Prominenten begannen zu uns zu sprechen, und augenblicklich wurde es ungewöhnlich ruhig. Niemand wollte sich auch nur einen Satz dieser neu entdeckten Redefreiheit entgehen lassen. Mir sind besonders die Worte von Stefan Heym in Erinnerung geblieben: "Wir haben in diesen letzten Wochen unsere Sprachlosigkeit überwunden und sind jetzt dabei, den aufrechten Gang zu erlernen. Und das, Freunde, in Deutschland, wo bisher sämtliche Revolutionen daneben gegangen sind und wo die Leute immer gekuscht haben, unter dem Kaiser, unter den Nazis, und später auch."

Ich redete mich auf der Party in einen regelrechten Rausch, erzählte den Umstehenden von Heyms Buch über die Tage um den 17. Juni 1953. Ich beschrieb ihnen das Ende unserer Revolution, die nur fünf Tage später am 9. November 1989 in einem nicht für möglich gehaltenen Konsumrausch verloren ging. Wir hatten keinen neuen Sozialismus zum Nutzen von ganz Deutschland geschaffen oder erbaut. Nur kurz lebte ein Traum von einer anderen, neugestalteten DDR, die auch in menschlicher und demokratischer Hinsicht mit ihrem großen Rivalen hinter der Mauer hätte konkurrieren können. Eine gleichberechtigte Nation, in der uns niemand bevormundete oder aus zweiter Hand berichtete, wie es bei uns angeblich zuging.

Als ich mich umsah, bemerkte ich erschreckt, dass sich mittlerweile eine ziemlich große Runde um mich gebildet hatte und mir aufmerksam zuhörte. Der Typ aus Hannover sah mich stumm an, als ich meinen letzten Satz sagte: "Diese Straße, die ehemalige Stalinallee und heutige Karl-Marx-Allee, hat wirklich sehr wenig mit euch zu tun. Sorry, aber es ist eine historische DDR-Straße, der Boulevard unser zerbrochenen Träume, dieser so optimistisch demonstrierenden Menschen - 1953 und 1989."

Zum Weiterlesen:

Scheppert, Mark: "Mauergewinner. 30 DDR-Sättigungsbeilagen", BoD, Norderstedt 2009.

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insgesamt 6 Beiträge
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1.
Jana Rommel 04.11.2009
Sie sprechen mir aus dem Herzen. Vielen Dank!
2.
Dirk Förster-Trallo 04.11.2009
Ein sehr lesenswerter Artikel. Allen die mehr über die Karl-Marx-Allee wissen wollen, empfehle ich einen Besuch im Café Sibylle. Man kann eine Audiotour ausleihen, sich von Friedrichshainer Orginalen die Geschichte erzählen lassen oder einfach die Ausstellungen oder Lesungen genießen. Es lohnt sich! http://www.union-sozialer-einrichtungen.de/index.php?id=84
3.
Thomas Glöckner 04.11.2009
Leider hat die Karl-Marx-Allee nach der Wende viel von ihrem Glanz, wie immer man dieses Wort in Bezug auf die Karl-Marx-Allee auch definieren möchte, eingebüßt. Diese Strasse steht für mich vor allem für den Verfall, der nach der sogenannten Wende die alten, vielleicht auch falschen Werte und Normen in neue umgewertet hat. Gleichzeitig muss man zugeben das, je tiefer die DDR in die Krise schlitterte, diese Allee um so bevorzugter behandelt worden ist, was die Renovierung und Instanthaltung der Häuser und die Ausstattung der Läden betrifft, so dass man hier oft, zu DDR-Zeiten, auf eine Kulisse traf. Zum Schluss wäre zu überlegen inwiefern der/die Architekt(en) der Karl-Marx-Allee auf Bau-Vorlagen des Nazi-Architekten Albert Speer zurückgegriffen haben, denn mir scheint, es bestehen viele Ähnlichkeiten zwischen Bauten für die "Welthauptstadt Germania" und den Bauten der Karl-Marx-Allee.
4.
Armin Herold 04.11.2009
Ja, auch mir spricht der Autor aus dem Herzen! Diese billige schwarz/weiß Siegergeschichtsschreibung und diese unwissende und arrogante Besatzermentalität - da ist man oft sprachlos und wütend. Leider hat man nicht immer die Kraft dieser politisch gewollten einseitigen Sicht etwas entgegenzusetzen. Aber wahrscheinlich ist es das Einzige, was man tun kann und vielleicht sogar muss!. Dazu braucht es aber viel mehr solches Selbst-bewusst-sein!!! Sehr guter und wichtiger Beitrag, dank dafür!
5.
Rainer Schillerwein 05.11.2009
Hinweis zu Thomas Glöckner Wenn ich mir die Straßenlaterne vor dem Haus auf Bild 15 ansehe, erinnert mich die sehr stark an die Beleuchtung der ehemaligen Ost-West Achse. Die wurde bekanntermaßen entworfen von Albert Speer. Hat man eventuell an der Karl-Marx-Allee diese Leuchter stehengelassen?
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