Karl May Der tollkühne Deutsche im Land des Herdenwürgers

Vor 105 Jahren starb Karl May. All die Abenteuer, die er als "Kara Ben Nemsi" so markant schilderte, hat er nie erlebt. Der sächsische Hochstapler nahm Maß bei anderen - Männern wie Alfred Brehm oder Ernst Marno.

Karl-May-Museum Radebeul bei Dresden

"Das Land heißt Belad el Alman; ich bin also ein Almani oder, wenn Du das Wort vielleicht gehört haben solltest, ein Nemsi und heiße Kara Ben Nemsi", verkündet der Fremdling im "Krüger Bei". "Mein Vaterland liegt weit über dem Meere drüben."

Und klar: Jeder Karl-May-Fan weiß längst, wer da mit Diener Hadschi Halef Omar, Lord David Lindsay und Pferd Rih unterwegs ist zwischen wildem Kurdistan, den Schluchten des Balkans und dem Lande des Mahdi - niemand anderes als der berühmte Autor selbst, die Ostversion des Westmanns Old Shatterhand.

In seinen "Reiseerinnerungen aus dem Türkenreiche" gab Karl May eine Erklärung ab, wie es zu dem Namen kam: durch Hadschi Halef Omar nämlich. "Der brave Mensch hatte mich einmal nach meinem Namen gefragt und wirklich das Wort Karl im Gedächtnisse behalten", so der Ich-Erzähler. "Da er es aber nicht auszusprechen vermochte, so machte er rasch entschlossen ein Kara daraus und setzte Ben Nemsi, Nachkomme der Deutschen, hinzu."

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Karl May: Wild ist der Westen, Osten und Süden, schwer ist der Beruf

Karl der Deutsche also erkundete Teile des Orients und wagte sich sogar tief ins Innere Afrikas vor, und nicht selten hängt sein Leben in den Erzählungen am seidenen Faden. Im Lande des Mahdi, dem Sudan, herrschte schon zu Mays Zeiten Krieg. In der Wüste machten Islamisten messerschwingend Jagd auf Elefanten, Sklaven und auch Fremde, die sich ihnen näherten.

Old Lügenbold und das Fernweh

Kein Zweifel, Karl May war ein großer Erzähler, ein ungemein produktiver Romancier. Kein Schriftsteller bediente das Fernweh von vielen Millionen Lesern so geschickt wie dieser Mann aus dem Erzgebirgsstädtchen Ernstthal, geboren am 25. Februar 1842 und gestorben am 30. März 1912 in Radebeul.

Hinlänglich bekannt ist allerdings ebenso: Karl May war ein Aufschneider erster Güte, einer mit frühem Hang zu Gaunereien aller Art - und später zu schrillen Auftritten, bei denen Fakten und Fiktion verschmolzen.

Fleißig und dreist fertigte der Autor seine Legenden vom verwegenen Abenteurer. So prahlte er damit, 40 Sprachen zu sprechen, darunter Kisuaheli und sechs arabische Dialekte. Aber auf Weltreisen befand er sich nur in seiner überaus lebhaften Fantasie. Die von ihm so sehr geliebte Heimat von Winnetou, edler Häuptling der Apachen, kannte er womöglich aus Wildwest-Shows, mit denen Buffalo Bill auch in Dresden gastierte. Als das Gros seiner Reiseromane erschien, hatte May Nordamerika so wenig mit eigenen Augen gesehen wie den Orient und wie Afrika, wo seine Geschichten um Kara Ben Nemsi spielen.

Aber woher bezog May seine landeskundlichen Kenntnisse? Er sog wissenschaftliche wie literarische Werke auf und verleimte sie zu seinen Erzählungen. Fortan vermochte er Land und Leute verblüffend anschaulich zu schildern. In den Sudan etwa, wo "die Stechmücken zur entsetzlichen Plage werden" und "riesige Krokodile zu Hunderten im Schlamme liegen", hat May nie einen Fuß gesetzt.

Auch nicht, als der notorische Hochstapler 1899 doch noch zu einer anderthalbjährigen Orientreise aufbrach; sie führte ihn von Ägypten bis nach Sumatra. In die Heimat schrieb der bereits 57-Jährige: "Jetzt gehe ich nach dem Sudan, dann über Mekka nach Arabien zu Hadschi Halef." Doch bei Assuan machte May kehrt, über den ersten Nil-Katarakt kam er nicht hinaus. Die Vereinigten Staaten besuchte er erst kurz vor seinem Tod; die Ostküste, nicht etwa den "Wilden Westen".

Mays Erzählungen taugten fast zum Navi

Gleichwohl beschrieb er afrikanische Landschaften derart präzise, dass der Germanist und May-Experte Helmut Schmiedt in seinen "Studien zu Leben, Werk und Wirkung eines Erfolgsschriftstellers" staunte: "Einige Leser sind nach seinen Texten durch die beschriebenen Gebiete gereist und haben, wenn man ihnen glauben darf, ihr Ziel immer erreicht."

Allen Gefahren zum Trotz stießen im 19. Jahrhundert immer mehr Forschungsreisende ins Herz der Finsternis vor: Briten wie Henry Morton Stanley, David Livingstone und John Hanning Speke, Deutsche wie Gustav Nachtigal, Georg Schweinfurth und Heinrich Barth. Wenn sie lebend heimkehrten "aus der Abgeschiedenheit des fernsten Erdwinkels" (Karl May), verfassten sie meist umfangreiche Konvolute über ihre Abenteuer.

Einen begeisterten Empfänger fanden sie stets im sächsischen Romancier. May hatte es auch ein junger Zoologe angetan, den später sein "Tierleben" berühmt machte: 1847 reiste Alfred Edmund Brehm, gerade 18 Jahre alt, in den Sudan, ermuntert vom Baron und Vogelkundler Johann Wilhelm von Müller.

Karl-May-Biograf Fritz Maschke wies 1971 als Erster darauf hin, dass Alfred Brehm eines der Vorbilder für Mays Alter Ego Kara Ben Nemsi darstellte. Seitdem haben sich Generationen von Germanisten dieser Verbindung angenommen.

Die echten Abenteurer waren Mays Wunsch-Ich

"Ohne Brehms 'Reiseskizzen'", so Forscher Helmut Lieblang, "hätte Mays Einstieg in den Orient als einem der wichtigsten Handlungsräume seiner Reiseerzählungen mit ziemlicher Sicherheit völlig anders ausgesehen: und nicht nur der Einstieg, sondern auch die sich daraus ergebenden späteren Exotica seiner orientalischen Abenteuer."

Zum Beispiel schrieb Brehm:

"Die Araber und noch mehr die Türken haben Schimpfwörter, die so anstandverletzend und grauenvoll sind, daß man sie unmöglich übersetzen kann. Vorzüglich verstehen es die Weiber, sie in einer ununterbrochenen Reihenfolge herauszustoßen. Dabei ist beachtenswerth, daß das nachfolgende Schimpfwort das vorangegangene steigert. Ich will hier die Steigerung des sehr gebräuchlichen Schimpfwortes 'Kelb', Hund, anführen: 'Du Hund, du Hund des Hundes, dessen Ahnen Hunde waren und dessen Urahnen von Hunden gezeugt wurden, eine Hündin hat dich gesäugt, deren ganzes Geschlecht von Hunden abstammt, deine Kinder werden Hunde sein und Hunde bleiben."

So fluchen und schimpfen sie bei May erst recht:

"'Hamdulillah, Allah akbar, Preis sei Gott, der Herr ist groß!' erscholl es aus allen Kehlen. 'Hassa nessieb, das hat Gott geschickt, der kelb, der Hund, der Sohn von einem Hunde, der Enkel von einem Hundesohn ist todt."

Beredt gab der Erfolgsautor Kunde von Sprache und Gewohnheiten der Morgenländler. Ins Schwärmen geriet der zeitgenössische österreichische Heimatpoet Peter Rosegger: "Seiner ganzen Schreibweise nach halte ich ihn für einen vielerfahrenen Mann, der lange Zeit im Orient gelebt haben muß."

Von den Kara-Ben-Nemsi-Geschichten spielt die 1896 zum ersten Mal erschienene Mahdi-Trilogie im Sudan. Was sie neben fremdsprachlichen Ausdrücken so authentisch mache, zählt Karl-May-Forscher Lieblang auf: "vor allem Standardrequisiten wie zum Beispiel die Jagd auf den Herdenwürger, der in der Wüste unvermeidliche el Büdj, der mächtige Bartgeier, die Bastonnade und schließlich die Person des Ich-Erzählers selbst, die May mit Merkmalen seines Gewährsmannes Brehm ausstattet, der wohl - zumindest was seine 'Reiseskizzen' betrifft - in mancher Hinsicht dem Wunsch-Ich Karl Mays entsprach."

"Der geübte Aufschneider als Wissensprotz"

Dem Naturforscher Brehm setzte May wohl sogar ein verstecktes Denkmal: mit der Figur Ohmar-Arha Ben Afradin. Denn Brehm musste, wie er selbst schrieb, etliche Verballhornungen seines Vornamens erdulden: Aus Alfred wurde "Aafrihd", "was entweder 'den Gottseibeiuns', ein Gespenst oder einen verschmitzten, listigen Menschen bedeutet" oder auch "elf-afriht (tausend Teufel)". Und so wollte der Reisende nun gar nicht heißen. Daher ließ er sich von den Arabern lieber "Chalihl" nennen, Gottesfreund.

Ein anderes Vorbild für Mays Sudanromane war der Österreicher Ernst Marno, der 1883 in Khartum starb. Ebenfalls als Zoologe war er einige Jahre nach Brehm im Sudan unterwegs und verfasste später den Wälzer "Reisen im Gebiete des blauen und weißen Nil: im egyptischen Sudan und den angrenzenden Negerländern, in den Jahren 1869 bis 1873".

Es war eine Steilvorlage für Karl May. Gnadenlos kupferte er bei Marno ab, mischte ganze Absätze aus dessen Abenteuern mit Passagen aus dem Brockhaus. Nüchtern konstatiert Lieblang: "Man sollte auch einen persönlichen Aspekt des Autors beim Anschwimmen dieser Wissensinseln nicht aus dem Auge verlieren: den geübten Aufschneider als Wissensprotz, der seinen weniger gut informierten Lesern leuchtende kognitive Farbtupfer auf die Pupillen malt."

Natürlich war das auch schon Mays Zeitgenossen aufgefallen. Ob der Autor seine Abenteuer tatsächlich selbst erlebt habe? Diese Frage, ätzte die "Frankfurter Zeitung", "konnte als dreiste Zumuthung an die Leichtgläubigkeit von Kindern oder Idioten von vornherein ausgeschieden werden". Karl May jammerte daraufhin: "Dieses so oft verspottete und so leidenschaftlich verhöhnte 'Ich' in meinen Werken war nicht die ruhmeslüsterne Erfindung eines wahnwitzigen Ego-Erzählers."

Doch große Teile seines Sudan-Werks lesen sich wie eine Collage aus Brehm, Marno und Lexika. Karl Mays Arbeit, so Forscher Lieblang, habe eben darin bestanden, "relevante Zeilen auszuwählen, Sprachglättung zu betreiben und Satzteile zusammenzuziehen".

Mitarbeit: Jochen Leffers

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insgesamt 31 Beiträge
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Ulrich Stelzner, 30.03.2017
1. Romanautor
Eins möchte ich endlich mal wissen: warum wird nur Karl May so oft gefragt, ob er seine Erzählungen selbst erlebt hat und ob er die Orte seiner Geschichten selbst besucht hat. Nur der Romanautor Karl May erhält ständig den Zusatz: der, der seine Geschichten nicht selbst erlebt hat. Machen das nicht die meisten Romanautoren so oder erwartet man von einem Krimiautor, dass er die beschriebenen Verbrechen selbst erlebt oder sogar selbst begangen hat, wenn der Roman in Ich-Form verfasst. Ich find die Betrachtung des Schriftstellers vor diesem Hintergrund als wenig würdevoll, ganz abgesehen davon, wie sich der Mensch Karl May sonst so innerhalb der Gesellschaft verhalten hat. Den unrühmlichen Zusatz: alles hat nur in seiner Fantasie stattgefunden, kann man nun mal weglassen und sollte ihn nicht so automatisch jedesmal nachplappern.
Michael Döring, 30.03.2017
2.
Was heißt schon "hat er nie erlebt". Er hat mit seiner Phantasie sich vorgestellt und es niedergeschrieben. Nur weil er nicht real dabei war, heißt das nicht, daß er es nicht erlebt hat. Vielleicht auch in seinen Träumen. Und wer weiß nicht, wie realitätsnah Träume sein können. Tatsächlich kannte er viele Einzelheiten und mußte sich in die Situationen hinenversetzen können. So ein großer Unterschied zum Realerlebnis ist da dann nicht mehr. Ähnlich geht es heute den Computerspielern, wenn auch bei weitem nicht so detailliert.
mario voigt, 30.03.2017
3. und wenn ...
Es gibt so viele Ich-Erzähler in der Literatur. Die wenigsten Werke derselben sind Autobiografien. Ist doch egal, ob er es selbst erlebt hat oder nicht. Wichtig ist, daß es allemal unterhaltsam ist - auch heute noch. Wobei noch anzumerken ist, daß May offensichtlich ein tief religiöser Mensch war, was sich vor allem in seinen späteren Werken niederschlug.
Dietmar Bender, 30.03.2017
4.
Egal was immer auch sein mag, ein Leben ohne Karl May ist fast nicht vorstellbar.
René Marquardt, 30.03.2017
5. Hallo, was ist mit Friedrich Gerstäcker?
Von dem hat Karl May bandweise abgekupfert! Und was May dazu gedichtet hat, ist leider erstklassiger Bloedsinn. Man besuche die Llano Estacado als feines Beispiel,
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