Karl May in der DDR Der Ritt durch die Zensur

Antihumanistisch, imperialistisch und noch dazu schlecht geschrieben: Karl Mays literarischer Leumund in der DDR war mangelhaft, seine Beliebtheit bei den Lesern dagegen ungebrochen. Bis 1982 wusste man eine ernst zu nehmende Veröffentlichung geschickt zu verhindern - ohne offizielle Zensur.

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Im Amt für Literatur und Verlagswesen der DDR trafen Anfang der fünfziger Jahre unzählige Briefe empörter Bürger ein. Sie forderten die Freigabe für Karl-May-Literatur. "Es wäre eine Schande für das deutsche Volk, wenn der Name des Volksschriftstellers noch weiterhin geknebelt wird", vermerkte dabei einer der Briefeschreiber "im Namen aller Karl-May-Leser".

Die Geschichten um Winnetou und Old Shatterhand waren in der DDR beliebt - und ein knappes Gut. Aus Buchläden und Bibliotheken der Sowjetischen Besatzungszone und später der DDR waren die Werke des Abenteuerschriftstellers Karl May (1842-1912) verschwunden. Wer noch ein altes Exemplar besaß, gab es an seine Kinder weiter. Versteckt in Paketen schickten Verwandte aus dem Westen heimlich May-Bücher über die Grenze. Nicht immer gelang das: Noch Ende der sechziger Jahre ließ die Zollverwaltung keine Paketsendung passieren, die ein solches Buch enthielt.

Für den SED-Staat war Karl May ein Problem: Seine Bücher waren nicht nur in der Zeit des Kaiserreiches und der Weimarer Republik, sondern auch während des Faschismus für die Zwecke chauvinistischer und rassistischer Verblendung und Verhetzung eingesetzt worden. Die SED-Führung wollte diese Bücher daher aus der Öffentlichkeit verbannen. Der Schriftsteller würde nicht "wegen seiner Phantasie und wegen der Abenteuerlichkeit seiner Erzählungen abgelehnt", sondern ausschließlich deswegen, "weil er seine jugendlichen, unkritischen Leser in vielfacher Hinsicht antihumanistisch beeinflusst und ihnen ein völlig verzerrtes Bild der Welt malt.", so die Begründung. Um jedoch einem Zensurvorwurf seitens des Westens zu entgehen, verzichteten die Behörden auf ein Verbot - und wählten subtilere Wege. Karl-May-Literatur wurde nicht gedruckt, stattdessen brachten DDR-Verlage eigene Abenteuer-Heftreihen heraus, um die große Nachfrage nach Fantasie- und Abenteuergeschichten zu stillen. Doch den Fans genügte das nicht.

Karl-May-Literatur "überflüssig"

Die Zensurstellen mussten reagieren. Nicht nur Leser, auch verschiedene Verlage drängten darauf, Karl-May-Literatur drucken zu dürfen. Vor allem der Verlag Neues Leben, in erster Linie zuständig für die Herausgabe von Abenteuerliteratur in der DDR, plädierte für eine generelle Freigabe und eine endgültige Entscheidung. Als Begründung führte Verlagsleiter Peterson an, dass den Jugendlichen in der DDR eine so hervorragende Erziehung und Bildung zuteil würde, dass diese nicht einmal Karl May mit seinen Büchern untergraben könnte. "Seine Bücher vermitteln gute völkerkundliche Kenntnisse, die der wissenschaftlichen Nachprüfung durchaus standhalten, seine Bücher sind lehrreich." Natürlich würde die Herausgabe von Mays Werken den Verlagen auch einen gesicherten Absatz garantieren - doch solche ökonomischen Erwägungen durften in der sozialistischen Zentralwirtschaft nicht den Ausschlag geben und wurden daher nicht laut geäußert.

Das Ergebnis der Diskussion war wenig überraschend. Jedes Buch, das in der DDR publiziert wurde, musste zuvor ein sogenanntes Druckgenehmigungsverfahren durchlaufen. Offiziell ging es darum zu prüfen, ob es sich um eine nützliche Verwendung der wertvollen Papierressourcen handelte. Die Verleger, auch Verlagsleiter Peterson, stimmten darin überein, dass Mays Bücher vor einer Veröffentlichung komplett überarbeitet werden müssten. Dies bedeutete aber, dass angesichts eines solchen Aufwandes ebenso gut auch Werke von DDR-Autoren gedruckt werden könnten. Bei der Prüfung wurden May-Bücher im offiziellen Sprachgebrauch daher regelmäßig als "überflüssig" eingestuft und abgelehnt. Die Argumentation war typisch für die DDR-Zensur. An die Öffentlichkeit sollte diese Entscheidung aber nicht dringen, um keine weiteren Diskussionen zu entfachen.

Der Strom der Leseranfragen riss dennoch nicht ab. Die immerwährenden Nachfragen aus der Bevölkerung machten die Behörden schließlich mürbe. Ende der fünfziger Jahre änderte das Ministerium für Kultur (MfK) seine Strategie.

Neue Strategie

Am 3. Februar 1958 fragte der Verlag Kultur und Fortschritt beim MfK an, ob es möglich wäre, im Rahmen seiner Abenteuerreihe ein Heft zu Karl May zu verlegen. Überraschenderweise stimmte das Ministerium zu. In der Druckgenehmigung heißt es: "Wir haben mit dem Verlag das Für und Wider überlegt und kamen zu der Auffassung, dass ein Heftchen dieser Reihe, angesichts der Erklärung, dass Karl May bei uns nicht verboten ist, zu vertreten sei. Einer der Beweggründe für diese einmalige Zustimmung war der Gedanke, die ständig neu aufflammende Pressediskussion damit lahmzulegen, und gegebenenfalls darauf hinweisen zu können, dass es bei uns keinen verbotenen Karl May gibt, wenn auch kein besonderes Interesse vorhanden ist." Die Entscheidung bedeutete allerdings nicht, dass die Zensurbehörden ihre Meinung geändert hatte. Die Erlaubnis der Herausgabe sollte vor allem dem Ausland und Westdeutschland zeigen, dass die DDR kein Zensurstaat ist.

Die DDR-Bevölkerung selbst sollte von der Karl-May-Auflage nichts erfahren. Das Ministerium wollte die Nachfrage kleinhalten. Dem Verlag Kultur und Fortschritt machte es deshalb spezielle Vorgaben für das Heft: Der Name des Autors durfte nicht auf dem Titelblatt zu sehen sein, sondern sollte auf der Innenseite stehen, so dass für den Käufer zunächst nicht ersichtlich sein würde, von wem die Story stammte. Außerdem durfte das Heft weder besonders erwähnt noch beworben werden. Die Auflage war auf 5.000 Exemplare begrenzt. Die zwischen 1950 und 1965 halbmonatlich erscheinende "Kleinen Jugendreihe" des Verlages brachte das Heft 1958 unter dem Titel "In Ibrahim Mamurs Gewalt" heraus. Im Ministerium für Kultur hoffte man, dass nun alle Zensur-Diskussionen beendet wären. Offiziell würde man nun erklären können, dass es kein Verbot für Karl May gebe, seine Werke aber vergriffen seien.

Mehr als zwanzig Jahre vergingen, bis Anfang Januar 1983 in der DDR ein weiteres Werk von Karl May herauskam, diesmal ein Roman. "Winnetou Band 1" erschien im Verlag Neues Leben in einer Auflage von 100.000 Exemplaren und leitete gleich eine ganze Reihe von Karl-May-Büchern mit über 60 Titeln ein.

Die Nachfrage war in all den Jahren nicht abgerissen - verstärkt wurde sie durch die Welle der Karl-May-Verfilmungen, die im Westen aufkam und wie fast alles in die DDR überschwappte. Im Zuge auch der allgemeinen politischen Aufweichungstendenzen gab die DDR Anfang der achtziger Jahre dem Wunsch des Volkes nach und genehmigte den Abdruck der Bücher. Endlich konnte Karl May auch offiziell gelesen werden, und die DDR verfiel in einen regelrechten Karl-May-Rausch: Die Bücher wurden vom Verlag Neues Leben in einer so hochwertigen Form herausgebracht, dass sie auch heute noch als beliebte Sammelexemplare gelten.



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Volker Eschen, 18.03.2016
1. Was?
Was, bitte, haben die minderwertigen Pseudo-Western mit Pierre Brice und Lex Barker mit Karl May zu tun (außer dass sie Titel seiner Bücher und Namen seiner Figuren zu Werbezwecken missbrauchen)?
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