Karneval in der DDR Spaßbremse Stasi

Karneval in der DDR: Spaßbremse Stasi Fotos
Ralf Ströder

Mit einem ausgeklügelten System aus Zensur und Drohungen versuchte die SED, staatsfeindlichen Humor beim Wasunger Karneval zu unterbinden. Schließlich filmten etliche Fernsehteams aus dem Westen den bekanntesten Jecken-Umzug der DDR. Die Überwachung gelang - nicht immer. Von

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"Wenn Karneval kommt, ist man einfach anders. Da überkommt mich das Kribbeln", erzählte DDR-Bürger Hartwig Köhler im Februar 1989 einer westdeutschen Journalistin. Was den Präsidenten des Wasunger Carneval Clubs WCC sonst noch überkam, ahnte seine närrische Umgebung damals nicht. Köhler war Inoffizieller Stasi-Mitarbeiter (IM), Deckname: "Harty". Während der fünften Jahreszeit widmete er sich der Aufgabe, die "Organe für Sicherheit" bei der Abwehr von "Störversuchen gegen den friedlichen Aufbau des Sozialismus zu unterstützen", wie es in seiner in der Jahn-Behörde Suhl liegenden Akte vermerkt ist. Kurz: Er brachte den Karneval auf SED-Linie.

Dabei hatte der Spitzel viel zu tun. Denn Gegner der Arbeiter- und Bauernmacht witterte die Stasi überall: Jede Büttenrede, jeder Gesangsbeitrag, jedes Wagenbild des Umzugs könne vom Feind für "Störungen der staatlichen Sicherheit und öffentlichen Ordnung missbraucht werden", notierte die Meininger Kreisdienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) 1986 in einer Dienstanweisung.

"Zur vorbeugenden Verhinderung solcher Angriffe" erhielt der 1938 geborene WCC-Präsident deshalb von seinem Führungsoffizier den Auftrag, alle Beiträge und Pläne für den karnevalistischen Umzug schriftlich bei ihm abzuliefern - und zwar in dreifacher Ausfertigung. Außerdem sollte Köhler über die Reaktionen der Verfasser auf abgelehnte Beiträge berichten und bei Schwierigkeiten "offensiv seine Funktion als Vorsitzender wahrnehmen und vorbeugend bestimmte Dinge, die sich gegen die Gesellschaftsordnung richten, abfangen", befahl die Stasi-Kreisdienststelle. Die Partei verstand keinen Spaß: Kritik an der Obrigkeit ließ sie nicht zu - auch nicht in der mehr als 400 Jahre alten traditionsreichsten Narrenzunft auf dem Gebiet der DDR. Gerade dort nicht.

Denn auf die rund 4000 Einwohner zählende thüringische Kleinstadt an der Werra blickte man während der Faschingszeit nicht nur in der DDR. Auch westliche Journalisten kamen nach Wasungen, um über den Karneval zu berichten, darunter sogar ein Fernsehteam aus Japan. In den Augen der SED galt Wasungen während der tollen Tage daher als potentieller Gefahrenherd: Die Partei fürchtete, die zu dem Spektakel aus allen Teilen des Landes anreisenden DDR-Bürger könnten mit Hilfe der freien Medien auf Menschenrechtsverletzungen aufmerksam machen. Während der fünften Jahreszeit glich die Stadt deshalb einer kleinen Festung, fest im Griff der Deutschen Volkspolizei und des MfS. Der Karneval, so die Maxime, hatte als "Waffe im Klassenkampf" der sozialistischen Bewusstseinsbildung zu dienen. Und die ließ humoristisch verkleidete Zweifel an der Gesellschaftsordnung nicht zu.

Sozialistisches Zensur-Kollektiv

Die Karnevalisten kannten diese Normen. Dass der in Dienst der Stasi stehende WCC-Präsident Köhler heftige Auseinandersetzungen über die närrische Linie zu bewältigen hatte, ist nicht anzunehmen. Das meiste, das anecken konnte, fiel bereits der Selbstzensur zum Opfer.

"Wir wussten, was in der Regel zugelassen war", erzählt der heute 87-jährige Gustav Reichardt, zu DDR-Zeiten verantwortlich für die Programmgestaltung des WCC. Ärger mit der Nachbarschaft, so etwas sei erlaubt gewesen, auch harmlose Funktionsstörungen der Planwirtschaft und politisch weitgehend neutrale Themen wie Straßenbau, "kleiner Klimbim" eben. "Nichts fürchteten unsere Oberen dagegen so sehr, wie lächerlich gemacht zu werden", erzählt Reichardt. "Da waren sie sehr feinfühlig."

Die Sensibelsten fanden sich denn auch in einem sozialistischen Zensur-Kollektiv zusammen. Ihm gehörten neben dem Bürgermeister ein Vertreter der Ortsparteileitung sowie ein Abgesandter vom Rat des Kreises an. Auch der WCC-Stasi-Präsident Köhler war dabei. Die Karnevalisten mussten dem Gremium ihre Büttenreden und Gesangsbeiträge vorlegen und sich dann drei bis vier Wochen gedulden. "Dann wurde man normalerweise einzeln bestellt und bekam gesagt, das geht nicht und das geht nicht", berichtet ein Ehemaliger, der ungenannt bleiben will. An diese Absprachen habe er sich gehalten. "Denn hätte ich das nicht getan, wäre das mein letzter Auftritt gewesen."

Dennoch gab es immer wieder Versuche, das engmaschige Zensursystem zu unterlaufen - und zwar durch versteckte Anspielungen und Doppeldeutigkeiten für die in dieser Hinsicht geschulten DDR-Bürger. 1982 etwa fuhr im Umzug ein Wagen mit, der vordergründig das bekannteste Radrennen des Ostblocks, die Friedensfahrt, darstellte. Dabei waren sechs offenkundig höchst unterschiedliche Radler durch verschweißte Rahmen dazu verurteilt, dieselbe Geschwindigkeit zu fahren. Wer wollte, konnte darin auch die metaphorisch verkleidete Verhöhnung des kollektiv organisierten Lebens und seiner Zwänge im Realsozialismus sehen. Die Kontrolleure blickten nur auf die Oberfläche und fanden daran nichts auszusetzen.

Genauso wenig schienen sie sich an einem Pappmaschee-Drachen zu stören, der auf die politisch bedingte Doppelzüngigkeit anspielte. Das Tier hatte zwei lange Hälse, reckte aber nur noch einen Kopf in die Luft. Der andere war ihm abgeschnitten worden und wurde vor dem Wagenbild demonstrativ wie eine Trophäe hergetragen. Das mag nicht jeder verstanden haben.

Anruf von der Polizei

Von größerer Lust an der Herausforderung der Obrigkeit war seinerzeit Heinrich Wey beseelt. Den damals stellvertretenden WCC-Präsidenten nervte der ständige Kampf gegen die Bevormundung. Als "Ricke", wie sein Spitzname lautete, war er in Wasungen einst eine närrische Größe. Heute sagt der mittlerweile 71-jährige Wey, er sei "fast der einzige gewesen, der sich auch mal direkter an politische Themen herangewagt hat".

Wey überschritt dabei 1986 offenbar eine unsichtbare Grenze. Bei der Verleihung des Lügenordens, einer närrischen Auszeichnung für den größten Aufschneider am Ort, kam es zum Eklat. In seiner Einladung zu dem traditionellen Akt hatte Wey die Karnevalisten gebeten, ihre "letzten größeren Lügen mitzubringen" - in jenem Jahr aus Anlass des gleichzeitig stattfindenden elften Parteitags der SED. Diese Anspielung fanden die örtlichen Vertreter der Arbeiter- und Bauernmacht nicht witzig.

Wey, im Hauptberuf Abteilungsleiter der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft, erhielt daraufhin in seinem Büro einen Anruf von der Polizei: "Ich durfte den Raum nicht verlassen, und es würde geprüft, was mit mir geschieht." Erst nach einigen Stunden bangen Wartens sei ihm gesagt worden, wenn er sofort eine Stellungnahme abgebe, dann könne er nach Hause gehen. "Mit zitternden Händen saß ich da und legte ab sofort alle wichtigen Ämter beim WCC nieder." In die Bütt ist er bis heute nicht zurückgekehrt.

Fleischermeister kalt gestellt

Mögliche Folgen kritischer Beiträge waren neben unangenehmen Aussprachen mit Vorgesetzten und Behörden, auch berufliche Nachteile oder Ermittlungen wegen sogenannter staatsfeindlicher Hetze mit mehrjährigen Haftstrafen. Dieter Günkel machte diese Erfahrung. Nachdem er 1984 in einem Büttenredenentwurf unter dem Motto "Auf wen können wir das wieder schieben" die verlogenen Erklärungen der SED-Propaganda für die Versorgungsengpässe verspottet hatte, wurde dem Fleischermeister der Entzug seiner Gewerbeerlaubnis angedroht. Kurz danach teilte ihm ein WCC-Präsidiumsmitglied mit, dass das zu etwa 80 Prozent mit SED-Genossen bestückte "Kollektiv des Elferrates" zukünftig auf seine Mitarbeit verzichten wolle.

Wenige Jahre später wollte Günkel eine Karikatur des DDR-Satire-Magazins "Eulenspiegel" im Umzug darstellen. Unter dem Leitspruch "Vorwärts zu neuen Taten", sollte dabei eine Gruppe Menschen jubelnd rückwärts gehen. Doch soweit kam es nicht. Durch den Leiter der Kreishandwerkskammer, einen SED-Genossen, ließ ihm die Staatsmacht Haft androhen. Vorwärts könne die Gruppe jedoch laufen. "Aber das wäre ja wie beim 1. Mai gewesen", sagt der heute 63-Jährige.

Aufmüpfigkeit blieb jedoch die Ausnahme, die totalitären Prozeduren taten leise ihre zähmende Wirkung. 1988 hielt der Leiter der Stasi-Bezirksverwaltung in Suhl, Generalmajor Lange, zufrieden fest: "Die 62 gestalteten Bilder der Karnevalsumzüge und die Büttenreden enthielten keine feindlich-negativen Aussagen." Dazu hatte auch WCC-Präsident Köhler beigetragen, eingebunden in ein Netz der Kontrolle und angedrohter Nachteile.

Und die angereisten westlichen Fernsehteams übertrugen harmlose Bilder von einem netten, sozialistischen Karnevals-Spektakel.

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1.
David Halevi 07.02.2013
der aufzug mit der fahne großbritaniens wurde zu recht von der partei beanstandet weil loch ness bekanntlich in schottland liegt und die schottische fahne blau mit weißem andreaskreuz ist! es hätte die gefühle der schotten verletzt werden können. da die ddr schon immer für die kleinen, unterdrückten völker symathie hegte ist die beanstandung nachvollziehbar.
2.
Peter Schulz 07.02.2013
Wo ist eigentlich der Unterschied zu Heute ? Die Stasi Spitzel sitzen wieder in hohen Ämtern - Menschen die nicht passen werden diffamiert und bedrängt. Der Faschismus kommt, wie 33 bis 45, mal wieder von Links.
3.
Siegfried Wittenburg 07.02.2013
"...es hätte die gefühle der schotten verletzt werden können. da die ddr schon immer für die kleinen, unterdrückten völker symathie hegte..." Ach wie süß! Jetzt verstehe ich endlich den Sinn des gewaltigen Sicherheitsapparates.
4.
Albert Aczél 07.02.2013
Das klingt ja alles richtig dramatisch, fast so wie am 17. Juni 1953. Ja nicht den Staat provozieren, und wenn tatsächlich mal, dann nur ganz ganz vorsichtig! Meine Güte, was haben da andere Völker des Ostblock alles erleben müssen. Das war wohl ganz was Anderes als in dieser spießig-muffigen DDR, in der es offensichtlich nur an Südfrüchten gemagelt hat.
5.
Tom Müller 07.02.2013
Ich kann der Darstellung in diesem Artikel nicht ganz zustimmen. Zitat: "Die Partei fürchtete, die zu dem Spektakel aus allen Teilen des Landes anreisenden DDR-Bürger könnten mit Hilfe der freien Medien auf Menschenrechtsverletzungen aufmerksam machen. " Da Wasungen als "grenznaher Ort" ausgeschrieben war, konnte man als Jugendlicher nicht ohne weiteres dorthin fahren. Die TraPo (Transportpolizei) kontrollierte schon im Zug in Richtung Meinigen (ca. 11km von Wasungen entfernt) die Ausweise und entfernte auch "unliebsame" Besucher, die nicht dem Klischee entsprachen. Nur durch einen Trick konnte ich mit ein paar Freunden diesen Karneval besuchen. "Malern bei Oma in Meinigen." Lach. 15 Langhaarige kamen angeblich mit zum helfen. Ein Kumpel von mir hatte seine Oma wirklich in Meinigen. Adresse und ein paar typische Lagebeschreibungen haben uns geholfen, die Trapo zu überzeugen, dass wir nur naxh Meinigen wollten. Dann sind wir aus Angst die 11km zu Fuß gelaufen. Bei jedem Auto, dass vorbei kam, sind wir alle immer in den Strassengraben gehopst. Aber wir haben es geschafft, wurden freundlich empfangen und hatten einige schöne Tage beim Karneval.
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