Karneval in der Nazizeit Kölns mutigster Jeck

"Alaaf" statt "Heil Hitler": Karl Küpper war Kölns einziger Karnevalist, der sich unter den Nazis ein Redeverbot einhandelte. 1952 wurde "Dä Verdötschte" erneut geächtet - seine Geschichte ist fast vergessen.

Gerhard A. Küpper

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Den Mumm muss man erst mal aufbringen, im Karneval 1937. Rauszugehen auf die Bühne, den ausgestreckten rechten Arm zu heben - und dann nicht "Heil Hitler!" zu rufen, wie es der ganze Saal erwartet, sondern festzustellen: "Nä, nä, su huh litt bei uns dä Dreck em Keller!" (Nein, nein, so hoch liegt bei uns der Dreck im Keller.)

Oder, ebenfalls mit gestrecktem rechten Arm, betont unschuldig zu fragen: "Ess et am räne?" (Regnet es?), dabei die Augen nach oben zu verdrehen und zu antworten: "Nä, su e Wedder! Da müsse mer jo de Schirm opmaache" (Nein, so ein Wetter! Da müssen wir ja den Schirm aufmachen) .

Dazu die Geste des Schirmhaltens mit geschlossener rechter Faust, die nicht von ungefähr an den Gruß der Arbeiterbewegung mit der geballten Faust erinnerte. Der Mann, der diesen Mut hat, heißt Karl Küpper - und ist Kölns einziger Karnevalist, der sich bei den Nazis ein Redeverbot einhandelte.

Der Verbeulte

"Karl Küpper sah die Karnevalszeit als eine Möglichkeit an, sich gegenüber der Obrigkeit kritisch zu äußern", sagt Historiker Fritz Bilz, der ein Buch über den unangepassten Karnevalisten geschrieben hat. "Diese wichtige Rolle ging dem Karneval schon im 19. Jahrhundert verloren, als das Bürgertum das Brauchtum für sich entdeckte und es unter den Preußen seiner kritischen Momente entkleidete."

Karl Küpper dagegen knüpfte an die alte Tradition des Volkskarnevals an. "Er war aufmüpfig und hat Kritik an den Oberen geübt", sagt Bilz; dabei sei er mit seinen politischen Reden in ein Vakuum gestoßen, das sonst kein anderer Karnevalist ausgefüllt habe.

1905 in Düsseldorf geboren, trat Küpper 1927 zum ersten Mal als "Dä Verdötschte" (der Verbeulte) auf. Mit dieser Figur wurde er zum bekanntesten Büttenredner seiner Zeit. Nicht in der Bütt - dem großen Fass, in dem der Redner steht -, sondern auf deren Rand sitzend nahm er sich die aktuellen politischen Ereignisse und die Herrschenden vor. Der Sprung auf den Rand des Fasses, erzählt sein Sohn Gerhard Küpper im Gespräch mit einestages, wurde bald zum Markenzeichen des "Verdötschten".

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Karneval im NS: Ziemlich viel Dreck im Keller

Ob als Rheintourist (1930), "Zeppelin-Berichterstatter" (1931) oder Kritiker des Völkerbundes: Karl Küpper trat nicht nur zum Karneval im Rheinland auf, sondern tourte im ganzen Deutschen Reich und sogar im europäischen Ausland. Er spielte bei Vereinen und Volksfesten, in kleinen Kneipen und auf großen Theaterbühnen.

Ab 1933 wehte beim Karneval ein anderer Wind. "Die Durchführung dieses Festes ist eine wichtige Aufgabe für die Nationalsozialistische Gemeinschaft 'Kraft durch Freude'", verkündete Robert Ley, Leiter der Deutschen Arbeitsfront, "bestehen doch große Möglichkeiten, Lebenswerte für unser Volk lebendig werden zu lassen, die es weiterhin in seinen seelischen Kräften gesund und wirklich gemeinschaftsverbunden machen."

Verwarnt, verprügelt, verboten

Toleranz gehörte nicht zu diesen Werten. Ab sofort waren antisemitische und rassistische Mottowagen bei fast allen Karnevalsumzügen zu sehen, vermeintlich homosexuelle Darstellungen von Männern in Frauenkleidern verpönt. Die Jungfrau im Kölner Dreigestirn und die Funkenmariechen, seit Jahrzehnten von Männern dargestellt, wurden zu Frauenrollen. Und schon im Februar 1933 verkündete die Kölner Prinzengarde, dass die NS-Führer von karnevalistischer Kritik verschont zu bleiben haben.

Fast alle Jecken passten sich laut Bilz an - anders Karl Küpper: Er verulkte die braunen Machthaber, kritisierte als "Berichterstatter aus Abessinien" die Verwendung von Geldern aus der Sammlung des Winterhilfswerks für Parteizwecke. Und er dichtete, zum Beispiel:

"Es stand ein Baum am Waldesrand und war organisiert.
Er war im NS-Baumverband, damit ihm nichts passiert."

Zunächst trauten sich die Nazis nicht, offen gegen den populären Büttenredner vorzugehen. Karl Küpper bekam Gestapo-Besuch, wurde verwarnt und zusammengeschlagen. Weitergemacht hat er laut Bilz trotzdem: "So kam er mit einem dicken Verband um den Kopf auf die Bühne und sagte: 'Gestern ist mir ein Ziegelstein auf den Kopf gefallen.'"

Den Zuschauern sei klar gewesen, was das bedeutete. Und Küpper legte noch einen drauf, veränderte sein Baumgedicht:

"Es stand kein Baum am Wegesrand, er war nicht organisiert.
Er war nicht im NS-Baumverband, damit mir nichts passiert."

Karneval 1939 hatten die Nazis genug. Sie ermittelten offiziell gegen Karl Küpper, wegen "Verächtlichmachung des Deutschen Grußes" sowie von NS-Amtsträgern und Organisationen. Der widerborstige Karnevalist erhielt ein lebenslanges Redeverbot - die Strafe kam einem Berufsverbot für Küpper gleich.

Doch er gab sich noch nicht geschlagen und trat weiter bei privaten Karnevalsfeiern auf. 1940 wurde er gewarnt, dass seine Verhaftung durch die Gestapo unmittelbar bevorstehe. Daher meldete sich Küpper sofort freiwillig zur Wehrmacht - und wurde, auch wegen seiner Popularität, für Auftritte in Fronttheatern eingesetzt.

1944 forderte man ihn von offizieller Seite auf, eine Aufhebung seines Redeverbots zu beantragen. Karl Küppers setzte dazu ein Schreiben auf, und die NSDAP strich das Verbot tatsächlich: wohl, um ihn zur Aufmunterung der kriegsmüden Bevölkerung einsetzen zu können. Doch zu viel mehr als ein paar Rundfunkauftritten reicht es bis zum Kriegsende nicht mehr.

Ein Jeck gegen die Kriegsmüdigkeit

Auch danach blieb der Büttenredner unangepasst: Bei seinen Bühnenauftritten wies Küpper süffisant auf die NS-Verstrickungen der Karnevalseliten hin. Denn der Kölner Karneval war keineswegs jener Hort des Widerstands, zu dem ihn eine bis in die Achtzigerjahre hinein verbreitete Legende verklärte.

Zwar blieben die Rhein-Jecken mit Gründung des "Festkomitees Kölner Karneval" formal unabhängig, erkauften sich das jedoch durch die freiwillige inhaltliche Gleichschaltung. Festkomitee-Vorsitzender Thomas Liessem war bis 1945 im Amt - und bereits 1932 Mitglied der NSDAP geworden.

Küpper eckte nicht nur bei den Karnevalsbonzen an, sondern auch in der Politik. Im Januar 1951 trat er bei der "Herrensitzung" des Vereins "Lyskircher Junge" auf, hob wie früher den rechten Arm zum Hitlergruß und proklamierte: "Et ess ald wigger am rähne!" (Es regnet schon wieder) - als Kritik am Einfluss früherer Nazi-Kader in der Bundesrepublik.

"Dä Verdötschte" ätzte über die hohen Wiedergutmachungsanträge "ehemaliger Großagrarier und Rittergutsbesitzer" aus den Ostgebieten und verunglimpfte Bundeskanzler Konrad Adenauer "in ausgesprochen abfälliger und gehässiger" Manier, wie ein Geheimbericht des Bundesinnenministeriums feststellt. Etliche Politiker, unter anderem der Kölner Oberbürgermeister, verließen empört den Saal.

Küpper wird Kabinettsthema

Ein Jahr später wurde die Kritik der Karnevalisten an den Politikern sogar Kabinettsthema. Kanzler Konrad Adenauer diskutierte mit seinen Ministern über die "zersetzenden und gehässigen Satiren" im Karneval.

Auf persönlichen Wunsch des Kanzlers wurde Bundesinnenminister Lehr beauftragt, "mit den Oberbürgermeistern einiger Hauptkarnevalsstädte Rücksprache zu nehmen". Thomas Liessem, mittlerweile Leiter des "Bürgerausschusses Kölner Karneval", erließ 1952 erneut ein faktisches Redeverbot gegen Karl Küpper.

Zunehmend enttäuscht zog sich der Jeck 1959 aus dem Karneval zurück, ein Jahr später eröffnete er zusammen mit seiner Frau die Schankwirtschaft Küppers Karl in Köln-Kalk. Bekannt war er da noch immer - das breite Lachen blieb sein Markenzeichen bis zu Küppers Tod am 26. Mai 1970.

40 Jahre dauerte es, bis Köln sich wieder an den aufrechten Büttenredner erinnerte. 2011 wurde, nach zähen Diskussionen, ein kleiner Platz in der Innenstadt nach Karl Küpper benannt - das Areal sieht aus wie eine Mischung aus Straßenkreuzung und Parkhauszufahrt.

Ideen- und planlos findet das Gerhard Küpper. Der Sohn des Büttenredners verwahrt sich gegen weitergehende Pläne der Stadt, den Platz mit überdimensionalen Konfetti-Schnipsel zu gestalten: "Es wäre ein Armutszeugnis für Köln und eine Verhöhnung der Leistung Karl Küppers", sagt Gerhard Küpper.

Sein Vater hätte vielleicht darüber gelacht. Und eine seiner widerborstigen Reden als "Verdötschter" dazu geschrieben.

Zum Weiterlesen:
Fritz Bilz: Unangepasst und widerborstig. Der Kölner Karnevalist Karl Küpper 1905-1970. Herausgegeben von der Geschichtswerkstatt Köln-Kalk e.V., Verlag "Edition Kalk" 2010.

insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
Achim Schmidt, 24.02.2017
1.
"Wigger" heisst "weiter". "Wieder" heisst "widder" ;)
Andreas Quintern, 24.02.2017
2. Meine
Hochachtung für den Mann obwohl ich Karneval einfach nur für affig halte (ich entschuldige mich bei den richtigen Affen).
Justus Kowalczyk, 24.02.2017
3.
---Zitat--- trat Küpper 1927 zum ersten Mal als "Dä Verdötschte" (*der Verbeulte*) auf. ---Zitatende--- Liebe Leute, wo habt Ihr denn diese Übesetzung bitte her ? Schlimmer geht es ja nun wirklich nicht mehr. Kölsch: Blötschkopp, Doll, Doof, Jeck, Tünnes, Tring, [b]Verdötschte[/], Dötsch Kölsch eutsch: Dummkopf http://www.koelsch-woerterbuch.de/bloetschkopp-doll-doof-jeck-tuennes-trin-auf-deutsch-1751.html Oder auch bei der Akademie för uns kölsche Sprooch http://www.koelsch-akademie.de/nc/online-woerterbuch/Verdötsch/von/1/action//list/ Kölsch Deutsch verdötsch verrückt, närrisch, idiotisch, hirnverbrannt, blöd(e), dumm, bekloppt, verwirrt Es sollte doch von jedem Autor zu erwarten sein, dass er so etwas vernünftig rechhiert, gerade in Zeiten des Internet, wo man nicht mehr den Wrede (Adam Wrede) wälzen muß dafür.
Rainer Duffner, 24.02.2017
4. Traurig
Da sieht man in der Rückschau mal wieder, aus welchem Holz die Gründerväter der BRD z.T. geschnitzt waren. Offensichtlich gab und gibt es zu wenige von seiner Sorte - damals wie heute. Meine Hochachtung - um so was zu machen muss man wirklich "Eier" aus Stahl haben, das kann man sich heutzutage kaum noch vorstellen.
Otto Jardin, 24.02.2017
5. Das war gut und Mutig
Solche Leute braucht das Land und nicht die JAJA Sager. Zumal er den Leuten doch nur den Spiegel vorgehalten hat und dieses vor und besonders auch nach dem Krieg eigentlich einfach super der Mann. Zu Schämen finde ich das diesem Menschen nicht ein ordentliches Denkmal oder eine Erinnerung gewährt wird.
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