Karneval vor 60 Jahren Jecken zwischen Schutt und Asche

Karneval vor 60 Jahren: Jecken zwischen Schutt und Asche Fotos
Historisches Archiv der Stadt Köln / Theo Felten

Ihr Traum war ein Karneval "met allem, wat dozo gehööt": Als nach dem Zweiten Weltkrieg der erste Rosenmontagszug durch die Trümmer aufbrach, ließen sich die Kölner ihren Spaß einfach nicht nehmen. Irre Kostüme wurden improvisiert - und der Schnaps schnell selbstgebrannt. Von Thomas Thiel

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Karneval in Trümmern? Das kann nicht funktionieren! So lautete der Tenor der meisten Zeitungen, die Anfang 1949 die Planungen für den ersten Kölner Rosenmontagszug seit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs kommentierten. Und auf den ersten Blick hatten diese Kritiker recht: Köln wirkte wahrlich nicht wie eine Stadt in Feierlaune. In großen Teilen der Innenstadt schien der Krieg erst gestern zu Ende gegangen zu sein. Schuttberge säumten die Straßen, ausgebombte Ruinen dominierten immer noch das Stadtbild. Der mächtige Kölner Dom, der wie durch ein Wunder die Bombennächte des Zweiten Weltkriegs überstanden hatte, wachte über eine zerschundene Stadt.

Doch die legendäre Liebe der Kölner zum Karneval war mitnichten weggebombt worden wie ihre Häuser. Trotz aller Not und Zerstörung blickten die Narren trotzig nach vorne - schon im November 1945 war in kleineren Sitzungen wieder der Auftakt der "fünften Jahreszeit" gefeiert worden. Ein Motto der Session 45/46 lautete: "Der Krieg ist zu End'/ unser Kölle ging drauf / Spuck' in die Händ'/ und bau wieder auf!" Doch der ganz große Auftritt fehlte: der Rosenmontagszug, das Hochamt des Karnevals, fand nicht statt.

In den ersten Nachkriegsjahren war beim besten Willen kein Platz dafür. Überall herrschte Armut und Elend, in der Stadt musste erst einmal das Nötigste wieder aufgebaut werden. Immerhin zogen bereits im Februar 1946 ganze Gruppen von Kindern in ärmlichen Kostümen und mit bemalten Gesichtern Arm in Arm singend über die zugeschneiten Trümmerfelder, die früher einmal stolze Straßen gewesen waren. Dann, am 28. Februar 1949, war es endlich soweit: Unter strahlend blauem Himmel starteten wieder Rosenmontagszüge, in Köln, aber auch in Düsseldorf und den anderen rheinischen Karnevalshochburgen.

Ein Zug "met allem wat dozo gehööt"

Die Wiederauferstehung der traditionellen Volksfeste am Rhein war ein weiteres Symbol für den beginnenden Aufbruch in Westdeutschland im Jahr 1949: Der Parlamentarische Rat hob in Bonn das Grundgesetz und mit ihm die Bundesrepublik aus der Taufe, in Frankfurt öffnete die internationale Buchmesse das erste Mal ihre Tore, beim Oktoberfest auf den Münchner Wiesn wurden die ersten Maß Bier seit elf Jahren gezapft. Überall im Land erwachte langsam wieder das politische, wirtschaftliche und kulturelle Leben.

Die Kölner erlebten einen Rosenmontagszug "met allem wat dozo gehööt": Angeführt vom Kölner Dreigestirn schlängelten sich immerhin 15 Festwagen und mehr als fünfzig verkleidete Karnevals- und Musikgruppen durch die zerstörten Straßen der Domstadt. 2000 Blumensträuße und zehn Zentner Kamelle - rheinische Bonbons - wurden ins Publikum geworfen. Der Andrang war gewaltig: Fast eine Million Menschen warteten an der Zugstrecke. Die 14.000 Tribünenplätze waren restlos besetzt. Viele Zuschauer erklommen Schutthügel am Straßenrand, um einen besseren Blick auf das Geschehen zu bekommen - Schilder, die vor Lebensgefahr warnten, wurden an diesem Tag ignoriert.

Nach zehn Jahren erzwungener Karnevalsabstinenz bewegte die Rückkehr der geliebten Tradition viele Kölner tief, wie der damalige Zugleiter Thomas Liessem aus erster Hand erlebte: "Ich sah nur Menschen, die sich unbändig freuten und denen doch die Tränen in den Augen standen. Sie winkten aus den ausgebrannten Fensterhöhlen der Ruinen und benutzen ihre Taschentücher immer wieder dazu, ihre Augen zu trocknen", schreibt Liessem in seinen Memoiren. "Köln war närrisch und erschüttert zugleich. Ich scheue mich nicht zu gestehen: die Bilder wühlten mich innerlich so auf, dass ich am Ende fix und fertig war." Kein Zweifel: Der Zug gab den Kölnern ein Stück verloren geglaubter Normalität zurück.

Party mit selbstgebranntem Zuckerrübenschnaps

Neben aller Rührung wurde in der Domstadt aber auch heftig gefeiert. Aus allen Häusern und Kneipen schallten Karnevalslieder, Akkordeonspieler zogen mit einem Rattenschwanz an Zuhörern durch die Straßen. Der absolute Hit der Stunde war Karl Berbuers Schlager "Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien", eine humorvolle Nummer über das Besatzungsregime in den drei Westzonen. Das "Trizonesien-Lied" erlangte kurzzeitig gar den Status einer Art Ersatznationalhymne und wurde auch bei Siegerehrungen von Sportveranstaltungen gespielt. Über Passagen wie: "Ein kleines Häuflein Diplomaten macht heut die große Politik. Sie schaffen Zonen, ändern Staaten, und was ist hier mit uns im Augenblick?" waren die britischen Besatzer not amused. Die Londoner "Times" titelte verärgert: "Die Deutschen werden wieder frech."

Da das Geld bei den meisten Feierwütigen knapp war, griffen die Jecken zu kostengünstigen Alternativem wie selbstgebrautem Zuckerrübenschnaps. Das geschmackslose Gesöff, das in der Kehle brannte, produzierte so manche Schnapsleiche, zumal viele hungernde Jecken das Zeug wohl oder übel auf leeren Magen hinunterschütteten. Für ein paar Tage die täglichen Plagen zu vergessen, war damals noch verlockender als heute. Doch wurde auch der soziale Aspekt großgeschrieben. Die närrischen Vereine sammelten Spenden für bedürftige Kriegsopfer und halfen mit beim Wiederaufbau der Stadt.

Das Dreigestirn um den Prinzen Karneval, das Aushängeschild des Kölner Karnevals, fühlte sich dabei besonders in der Pflicht. Am 1. April 1949 erschien in einer Kölner Zeitung ein Leserbrief, der ankündigte, dass das Dreigestirn den Schutt auf dem Gelände der größten Veranstaltungshalle der Stadt beseitigen werde, dem zerstörten Gürzenich. Eigentlich sollte das ein Aprilscherz sein - doch als Karnevalsprinz Holger I. den Brief las, fackelte er nicht lange: Noch am gleichen Tag erschienen er mit den beiden anderen Oberkarnevalisten mit Schaufel und Hacke bewaffnet am Gürzenich. Das Dreigestirn blieb nicht lange allein: Bald packten zahlreiche Bürger mit an beim Enttrümmern. Die Aktion sei kein Einzelfall gewesen, erklärt der Kölner Autor und Brauchtumsexperte Reinold Louis: "Der Wiederaufbau der Stadt wäre ohne den Karneval sicher langsamer vorangekommen."

Die jecke Republik

Auch im politischen Leben der Bundesrepublik hat der jährlich wiederkehrende rheinische Irrsinn kräftig Spuren hinterlassen. Schließlich lag der neue Regierungssitz Bonn nur wenige Kilometer südlich von Köln und war in der fünften Jahreszeit fest in der Hand der Narren. Zwischen Weiberfasnacht und Aschermittwoch verwandelte sich die ansonsten verschlafene Bundeshauptstadt in ein feierwütiges Tollhaus. Die tagelangen Straßenfeste widerlegten die Vorurteile so manches ausländischen Botschafters von den muffeligen, langweiligen Deutschen. Jahrzehntelang war die Ehrentribüne des Kölner Oberbürgermeisters beim Rosenmontagsumzug ein begehrter Platz unter den Mitgliedern des diplomatischen Korps in Bonn.

Der Karneval gehörte bald zum Traditionsinventar der Bundesrepublik - dafür sorgte der Ur-Rheinländer und erste Bundeskanzler Konrad Adenauer. Während seiner 14 Jahre im Kanzleramt empfing er jedes Jahr das Bonner Prinzenpaar im Palais Schaumburg. Diese Tradition setzten alle seine Nachfolger fort, wenn auch mit wechselndem Enthusiasmus: Der Lebemann Willy Brandt und der pfälzische Karnevalsveteran Helmut Kohl werden die Wangenkuss-Marathons und Funkemariechenauftritte sicherlich mehr genossen haben als Helmut Schmidt, der Prototyp des disziplinierten und Distanz wahrenden Hanseaten.

Und als die jecke Republik 1999 an die spröde Spree zog, nahm sie ihren Karneval einfach mit. Hatte der in Berlin bis dahin nur ein Dasein im Verborgenen geführt, trugen ihn "die Bonner" auf die Straßen der einstigen Preußen-Kapitale. 2001 gab es den ersten Berliner Karnevalszug. "Passt der rheinische Karneval nach Berlin?", fragte damals eine Berliner Zeitung skeptisch.

Er passt: Vergangenes Jahr feierten mehr als eine Million Berliner mit.

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