Karriere im Kaiserreich Scheefers Stündchen

Karriere im Kaiserreich: Scheefers Stündchen Fotos
Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz

Mit maßlosem Ehrgeiz durchlief der Beamte Max Scheefer zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine beispiellose Karriere - bis ihn Reichskanzler Bülow sogar zu seinem Privatsekretär machte. Seinen Aufstieg verdankte er einer Dienstleistung, von der im wilhelminischen Reich niemand wissen durfte. Von Peter Winzen

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Die heißesten Monate des Jahres verbrachte Bernhard Fürst von Bülow am liebsten in der Villa Edda im mondänen Seebad Norderney - auch 1908 war das so, doch an Müßiggang war in diesem Sommer nicht zu denken: Den ganzen August lang und auch noch in den Folgemonaten widmete der Reichskanzler und preußische Ministerpräsident einen Großteil seiner Arbeitskraft der Frage, wie er seinen Privatsekretär Max Scheefer aus dessen bisheriger Stellung entlassen könnte.

Die Angelegenheit war äußerst kompliziert und heikel noch dazu: Arbeitsmäßig war Scheefer leicht zu entbehren. Seine Aufgabe bestand lediglich darin, Diktate aufzunehmen und Abschriften anzufertigen. Doch Fürst von Bülow fürchtete sich davor, die Entlassung auszusprechen. Denn er fürchtete Scheefer, und das nicht nur, weil sein mit Titeln und Orden überhäufter Lieblingssekretär um diverse geheime politische Vorgänge wusste. Seine Angst wurzelte vielmehr darin, dass die beiden Männerfreunde seit langem eine intensive homoerotische Beziehung verband. Ihre Aufdeckung konnte den Reichskanzler ruinieren.

Dabei hatte Fürst von Bülow schon genug Probleme: Das Flottenwettrüsten mit dem seebeherrschenden England hatte zu riesigen Haushaltslöchern geführt, die nur mit einer kühnen Reichsfinanzreform zu stopfen waren. In der Außenpolitik schickte sich der einzig verbliebene Bundesgenosse Österreich-Ungarn an, Bosnien und die Herzegowina gegen den Widerstand von Serbien und Russland zu annektieren und damit einen europäischen Krieg anzuzetteln. Und nicht zuletzt hatte die Hohenzollernkrone an Glanz und Ansehen verloren, seit herausgekommen war, dass ein Kreis von Günstlingen wesentlichen Einfluss auf die deutsche Innen- und Außenpolitik von Kaiser Wilhelm II. genommen hatte - und sich in dessen Umgebung erstaunlich viele Homosexuelle aufhielten.

Liebesdienste auf Staatskosten

Privatsekretär Scheefer stand seit 1895 in Bülows Diensten. Der Geheimrat hatte eine beispiellose Karriere vorzuweisen. Wohl kein zweiter Beamter im wilhelminischen Reich hatte es auf derart viele Personalakten gebracht wie der Junggeselle Max Hermann Alfred Scheefer - in nur 16 Jahren.

Erst mit 30 Jahren war Scheefer als Eisenbahnbetriebssekretär in den Auswärtigen Dienst eingetreten, mit 46 ging er als Geheimer Regierungsrat in den Wartestand. Seine sieben Personalakten sind angefüllt mit unzähligen Eingaben an seine Vorgesetzten, in denen es immer wieder um finanzielle Forderungen und um das ungestüme Drängen auf eine baldige Beförderung ging, die nach einem Machtwort des Kanzlers regelmäßig bewilligt worden war.

Scheefer war davon überzeugt, dass der Kanzler ihm gegenüber wegen seiner Liebesdienste in der Schuld, ja geradezu verpflichtet sei, ihn angemessen auf Staatskosten zu entlohnen. So lebte er wie die Made im Speck: Auf Befehl der Gräfin Maria von Bülow waren ihm im Mai 1901 im südlichen Seitenflügel des Reichskanzlerpalais drei Zimmer zugewiesen worden und im Souterrain des nördlichen Seitenflügels zwei weitere mit Küche. Da seine Mutter Marie zu seinem Hausstand gehörte, durfte sie bis zu ihrem Tode im April 1903 im Souterrain des Reichskanzlerpalais logieren, während die Zimmer ihres Sohnes direkt über dem Arbeitszimmer des Kanzlers lagen.

Bülows "Scheeferstündchen"

Diese ungewöhnliche Konstellation sollte in der homosexuellen Szene Berlins nicht unbemerkt bleiben. Homosexualität galt in der wilhelminischen Gesellschaft als verpönt, bestimmte gleichgeschlechtliche Handlungen unterlagen sogar dem Strafparagrafen 175.

Groß war deshalb die Aufregung, als am 10. September 1907 eine Flugschrift mit dem Titel "Fürst Bülow und die Abschaffung des § 175" erschien. Herausgebracht hatte sie der für die gesellschaftliche Gleichstellung der Homosexuellen eintretende Schriftsteller Adolf Brand, der darin Scheefer als des Kanzlers "bessere Hälfte" bezeichnete und ironisch auf Bülows "Scheeferstündchen" in Norderney hinwies.

Nach Recherchen von Brand musste es bereits im Hochsommer 1895 in Rom zu einem engen homoerotischen Verhältnis zwischen Scheefer und dem damaligen Botschafter Bülow gekommen sein. Bülow habe in Rom intensiv in den Kreisen der Homosexuellen verkehrt und unter ihnen den Spitznamen "Concettina" gehabt - die Bezeichnung für einen feminin empfindenden Homosexuellen. Scheefer habe als sein "Verhältnis" gegolten.

Vor Gericht

Der so offen der Homosexualität bezichtigte Reichskanzler stellte gegen den Schriftsteller Strafantrag wegen Beleidigung, am 6. November 1907 wurde vor der Zweiten Strafkammer des Berliner Landgerichts II verhandelt. Bülow und Scheefer traten dort als Zeugen auf und versicherten unter Eid, sich niemals homosexuell betätigt zu haben. Brand wurde daraufhin zu anderthalb Jahren Gefängnis verurteilt.

Die Gerüchte indes, dass der Reichskanzler damit einen Meineid geleistet hatte, wollten in der Folgezeit nicht verstummen. Scheefer selbst plagten Gewissensbisse und Abstiegsängste, die ihn zeitweilig an einen Freitod denken ließen. Er habe durch die Gerichtsverhandlung seine "gesellschaftliche Stellung verloren", schrieb er dem Fürsten Bülow einen Tag nach dem Prozess. "Ich trug mich in dieser Nacht mit dem Gedanken, meinem Leben ein Ende zu setzen. Nur die Möglichkeit, daß blöde Menschen annehmen könnten, ich hätte einen Meineid geleistet, hielt mich davon ab." Seinen gleichzeitig ausgesprochenen Demissionswunsch lehnte der Reichskanzler wegen der unberechenbaren Folgen ab. Zunächst.

Ein Sinneswandel trat bei Bülow allerdings ein, als der in den Neunzigern des 19. Jahrhunderts politisch äußerst einflussreiche Kaiserfreund Fürst Philipp zu Eulenburg-Hertefeld während seines Meineidprozesses - ihm war unter anderem homosexueller Verkehr mit Starnberger Fischern vorgeworfen worden - bei einer Befragung über die Rolle seines Privatsekretärs Karl Kistler eher beiläufig die Bemerkung fallen ließ, dass ja auch der Reichskanzler sehr gut mit dem Geheimrat Scheefer stehe. Da über die Homosexualität Kistlers kein Zweifel bestand, sorgte Eulenburgs Hinweis auf die Parallelität der Fälle Kistler und Scheefer für große Aufregung in der Villa Edda.

Verlockung des Geldes

In zahlreichen Vieraugengesprächen konnte Bülow seinen Intimsekretär auf Norderney schließlich überreden, ein Konsulat im südosteuropäischen Raum zu übernehmen. Scheefer akzeptierte nach langem Zögern - nicht zuletzt deshalb, weil damit auch eine Gehaltsverdoppelung verknüpft war.

Die für diesen Karrieresprung erforderliche Konsulatsprüfung, die Scheefer aus dem Stand noch im Herbst 1908 ablegte, erwies sich als Farce. Denn auf Bülows Drängen wurde dem Geheimrat von der Prüfungskommission des Auswärtigen Amtes das Konsulatsdiplom erteilt, obwohl der Kandidat weder juristische und volkswirtschaftliche Kenntnisse noch die Befähigung zur Anfertigung einer wissenschaftlichen Arbeit nachweisen konnte.

Seine künftige Wirkungsstätte konnte sich Scheefer selbst aussuchen. Er wählte das Konsulat in Triest - nicht allzu weit entfernt von der Villa Malta in Rom, die Bülow 1904 als Altersruhesitz erworben hatte.

"Überwindung peinlicher Stunden"

Erst Bülows Rücktritt im Juli 1909 sollte auch für Scheefers Karriere eine entscheidende Zäsur bedeuten. Ohne die Protektion des Kanzlers war sein Abstieg programmiert, denn als unfähiger Emporkömmling hatte er weder im Auswärtigen Amt noch in der Reichskanzlei irgendeinen Rückhalt. Im Februar 1911 sorgte Außenstaatssekretär Alfred von Kiderlen-Wächter mit der Abberufung des skandalumwitterten Scheefer aus Triest und der Versetzung in den einstweiligen Ruhestand für klare rechtsstaatliche Verhältnisse. Eine weitere Betätigung im Konsulatsdienst oder in der Reichskanzlei wurde ihm ausdrücklich verwehrt.

Während des Krieges fand der Hochdekorierte beim Hamburger Kriegsversorgungsamt vorübergehend Beschäftigung. Nach Kriegsende schlug er als sogenannter Altwartegeldempfänger, einer Vorstufe zur Pension, seine Zelte dauerhaft am Thuner See in der Schweiz auf, wo er am 15. November 1947 im Krankenhaus von Thun starb.

Die Kontakte zum Fürsten Bülow waren im Laufe der Jahre immer seltener geworden. In den ersten Kriegstagen scheinen sich die beiden ungleichen Freunde zum letzten Male gesehen zu haben. Als sich Bülow Mitte August 1914 vorübergehend in Berlin aufhielt, lud er Scheefer zu einem Besuch in seinem Hotel ein.

Zum Tode des Kanzlerbruders Alfred von Bülow, der um die Beziehung zwischen den Beiden wusste, schrieb Scheefer am 1. Juli 1916 seinem ehemaligen Vorgesetzten: "In manchen Tagen schwerer Prüfung war der Herr Gesandte als Vertrauter Euerer Durchlaucht auch mir ein wohlwollender Gönner, und seine weisen Mahnungen erleichterten mir die Überwindung peinlicher Stunden." Ab 1917 beschränkte sich die Korrespondenz zwischen den beiden Männern auf die Übermittlung von Neujahrswünschen - zuletzt von Scheefer an Bülow mit Schreiben vom 30. Dezember 1919.

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