Karriere nach Schicksalsschlag Der Korb hängt hoch

Karriere nach Schicksalsschlag: Der Korb hängt hoch Fotos
Armin Diekmann

Beim Reiten fühlte sich Annika Zeyen immer am wohlsten. Doch mit 14 Jahren änderte sich ihr Leben schlagartig: Bei einem Ausritt stürzte sie vom Pferd, seither ist sie querschnittsgelähmt. Aber sie gab nicht auf. Heute zählt Zeyen zu den besten Rollstuhl-Basketballern Deutschlands - und rechnet fest mit einer Medaille in Peking. Von

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Schon als Kind habe ich immer viel Sport getrieben, die üblichen Sportarten: Ich ging schwimmen, eine Zeit lang turnte ich, und schließlich fing ich mit dem Reiten an. Ich fand Pferde total faszinierend, so schön anzuschauen. Erst nahm ich ganz normale Reitstunden. Dann fand ich eine Reitbeteiligung auf einem Hof, zu dem ich mit dem Fahrrad fahren konnte. Da konnte ich jeden Tag reiten, weil die Besitzerin des Pferdes wenig Zeit hatte. "Svenja", ein Haflinger, war quasi mein eigenes Pferd, es gehörte mir bloß nicht.

Bald wollte ich Turniere reiten. Da "Svenja" aber kein einfaches Pferd war, wollte ich ein eigenes haben. Also sah ich mir gemeinsam mit meinen Eltern ein Pferd an: ein Vollblut, das früher auf der Rennbahn gelaufen war. Das erfuhr ich allerdings erst, als wir schon bei der Besichtigung auf dem Hof der Eigentümerin waren. "Lady", so hieß das Pferd, war sehr wild.

Auf dem Reitplatz kam ich mit ihr noch gut zurecht. Die Besitzerin hatte zwei Pferde und wir entschlossen uns, mit den beiden ins Gelände zu gehen und ein bisschen durch den Wald zu reiten. Ich wollte wissen, ob ich dort auch mit dem Pferd klar käme. Ich war 14, sie war 16 Jahre alt. Wir ritten also in den Wald - und dann passierte es: Plötzlich gingen beide Pferde durch und rasten quer durch den Wald. Ich wusste überhaupt nicht mehr, wo ich war. Ich war nur noch damit beschäftigt, zu versuchen, das Pferd irgendwie anzuhalten. Die ganze Zeit hörte ich das andere Mädchen hinter mir, es hatte sein Pferd auch nicht mehr unter Kontrolle. Mitten im Vollgalopp verlor ich meine Steigbügel - das war das Letzte, an das ich mich erinnern konnte. Später habe ich erfahren, dass ich in diesem Moment vom Pferd gestürzt sein musste. Auch meine Begleiterin stürzte, sie hatte aber nur ein paar Prellungen.

Irgendwie bin ich ein positiver Typ

Anders erging es mir. Als ich wieder aufwachte, waren meine Eltern bei mir. Ich hatte starke Schmerzen, dann kam ein Rettungshubschrauber. Die Sanitäter spritzten mir etwas, so dass ich wieder bewusstlos wurde. Zwei Wochen lag ich auf der Intensivstation und wurde mehrmals operiert. Doch die Computertomographie zeigte, dass nichts mehr zu machen war: Die Wirbelsäule war komplett durchgebrochen, die beiden Enden standen quasi nebeneinander statt übereinander. Zwei Wirbel an der Grenze zwischen Brustwirbel und Lendenwirbel waren komplett zertrümmert.

Nach und nach wurde mir klar, dass ich nie mehr würde laufen können. Ich war völlig verzweifelt und wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Aber meine Eltern machten mir Mut. Zurückblickend kann ich heute sagen, dass ich eigentlich erstaunlich gut damit klar kam. Irgendwie bin ich ein positiver Typ, und meine Eltern haben mich gelehrt, optimistisch in die Welt schauen.

Während der Reha spielte ich neben den Übungen auch ein bisschen Basketball und fand das sofort toll. Mir war gleich klar, dass ich trotz meiner Behinderung einen Sport machen wollte. Also fing ich nach der Reha an, in einem Verein Basketball zu spielen. Ich wollte auch ein paar mehr Leute kennen lernen, die in meinem Alter waren und ebenfalls im Rollstuhl saßen.

Beim ASV Bonn traf ich eine nette Truppe mit jungen Leuten. Zunächst spielten wir in der Jugendgruppe, später nahmen wir an Juniorenturnieren teil. Nach und nach wurden wir so immer besser. Man muss schon einiges lernen und viel trainieren, denn der Ball ist genauso schwer wie beim normalen Basketball, und der Korb hängt genauso hoch.

14,5 Punkte auf dem Spielfeld

Natürlich braucht man beim Rollstuhl-Basketball im Unterschied zum konventionellen Basketball einige spezielle Regeln. Dort gibt es Schrittfehler, im Rollstuhlbasketball darf man nur zwei Mal an den Rädern ziehen und muss dann wieder abgeben. Die Basketballrollstühle sind speziell für jeden Spieler individuell angepasst. Es gibt ja auch viele "Fußgänger", die eine Knieverletzung haben und deshalb Rollstuhlbasketball spielen. Die haben natürlich in der Stabilität große Vorteile und können relativ hoch sitzen.

Um diese Unterschiede auszugleichen, gibt es ein Klassifizierungssystem für die verschiedenen Behinderungen. Jeder Spieler zählt eine bestimmte Anzahl von Punkten. Insgesamt dürfen 14,5 Punkte auf dem Feld sein, verteilt auf fünf Spieler. Jemand mit einer Knieverletzung hat zum Beispiel 4,5 Punkte. Jemand, der eine relativ starke Behinderung hat, nur einen Punkt. Zur besseren Abstimmung gibt es Zwischenstufen mit halben Punkten. Nach den Regeln der Klassifizierung werden alle Sportler getestet, wie sie den Ball bei Korbwürfen, Pässen und Dribblings führen können, wie sie den Rollstuhl bewegen und welche Rumpfstabilität sie haben. Ich bin mit 1,5 Punkten bewertet.

Der Mannschaftskader ist auf zwölf Spieler begrenzt. Bei Punktspielen geht es richtig hart zur Sache, zumal die Frauen mit Männern zusammen spielen. Da kann man schon mal mit dem Rollstuhl umkippen. Aber mit ein bisschen Training, Kraft und Schwung kommt man alleine wieder hoch. Bei gemischten Teams werden Frauen von ihren Klassifizierungspunkten noch mal 1,5 Punkte abgezogen. Gut trainierte Frauen sind deshalb in einer Männermannschaft sehr gefragt. Ich zum Beispiel werde dann mit null Punkten eingestuft. Entsprechend können mehr leicht behinderte Spieler eingesetzt werden.

Aufstieg in die erste Liga

Nach meinem Abitur 2004 fragte mich der Lahn-Dill-Club; ob ich für ihn spielen würde. Das war eine große Ehre, denn die sind seit Jahren in Deutschland die Nummer eins. Nach der Eingewöhnung lief es dann richtig gut, und schon 2006 habe ich fast alles gewonnen, was man gewinnen konnte. Der schönste Titel war die Bronzemedaille bei der Weltmeisterschaft. Toll war es aber auch, als eine der beiden besten deutschen Spielerinnen ins Allstar-Team der Weltmeisterschaften berufen zu werden.

Jetzt bereiten wir uns im Nationalteam auf die Paralympics in Peking 2008 vor. Dort treten Männer und Frauen allerdings getrennt an. Mit Kolleginnen aus dem ganzen Bundesgebiet bereiten wir uns in vielen Wochenendlehrgängen vor. Außerdem sind wir in der Vorbereitungsphase oft im Ausland unterwegs. Im vergangenen Jahr waren wir zwei Wochen in Australien, zwei Wochen in Kanada, und in Deutschland haben wir bei den Europameisterschaften die Goldmedaille gewonnen. Das war richtig schön.

Das Spielen in der Nationalmannschaft ist schon anders als im Verein. Wenn man die Nationalhymne hört und weiß, man spielt für Deutschland, ist das für mich etwas Besonderes. Außerdem ist es anders, weil nur Frauen in der Nationalmannschaft sind. Jede hat eine ganz andere Rolle im Team. In meinem Verein Lahn-Dill sind sehr viele gute Spieler, da tragen in der Regel die Männer die Verantwortung. In der Nationalmannschaft gehöre ich zu denen, die Verantwortung tragen. Das ist schon etwas anderes, und wenn man dann eine Medaille gewinnt, ist die Befriedigung noch größer als bei einem Erfolg mit dem Verein. Nachdem wir bei den Paralympics 2004 in Athen als Vierte an einer Medaille vorbeigeschrammt sind, wollen wir nun in Peking auf jeden Fall eine Medaille holen. Favorit sind wieder die USA, die sind sehr schnell und athletisch und haben in den College-Teams sehr gute Trainingsbedingungen. Aber wir fahren optimistische nach China.

Ich finde es schon merkwürdig, dass ich durch einen schlimmen Unfall zu meiner Karriere als Rollstuhl-Basketballerin gekommen bin. Es ist schon toll, was ich durch den Basketball erleben kann. Ich glaube kaum, dass ich als Reiterin auch so weit gekommen wäre, und bin zufrieden damit, wie alles gekommen ist. Der Unfall war eben mein Schicksal.

Pferde mag ich immer noch sehr.

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