Kartentrickser-Bibel Auf der Jagd nach Erdnase

Kartentrickser-Bibel: Auf der Jagd nach Erdnase Fotos

Bestseller-Autor und Betrüger? Vor 110 Jahren erschien das Buch "The Expert at the Card Table" und wurde zur Bibel der Kartenschmummler. Der größte Trick allerdings gelang dem Schriftsteller S.W. Erdnase: Obwohl Hobbyforscher seit Jahrzehnten nach ihm fahnden, weiß niemand, wer er wirklich war. Von

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In seinem Vorwort machte der Autor seinen Lesern keine großen Hoffnungen. Womöglich würde sein Buch dem Anfänger die Illusion nehmen, mit Profizockern mithalten zu können. "Aber es wird aus einem Dussel keinen weisen Mann machen." Die Hauptsache sei ohnehin, dass es sich verkaufe. Er habe das Buch schließlich nur aus einem Grund geschrieben: "Der Autor braucht die Kohle."

Es war ein ungewöhnlich ehrlicher Einstieg für ein Werk, das sich ausschließlich mit Lügen, Tricks und Manipulation beschäftigte: Auf den folgenden mehr als 100 Seiten lernte der Leser nämlich, wie man falsche Karten austeilte; er erfuhr, wie man jede beliebige Karte aus einem Deck zaubern konnte und wie man Spielkarten so mischte, dass sie trotzdem in derselben Reihenfolge blieben. Ergänzt wurden die Erklärungen durch detaillierte Illustrationen.

"The Expert at the Card Table", so hieß das Buch, war eine perfekte Anleitung zum Betrügen. Doch als es vor 110 Jahren in Chicago in einer Auflage von vermutlich nur ein paar hundert Exemplaren erschien, ahnte noch niemand, dass es einmal zum einflussreichsten Kartenbuch der Welt werden würde. Bald beriefen sich die größten Kartenmagier wie Dai Vernon auf das Buch, mittlerweile gibt es DVD-Editionen und Übersetzungen. Doch die größte Faszination geht von seinem Autor aus.

Den kennt man nämlich immer noch nicht.

"S.W. Erdnase" - so nannte sich der Mann, als er das Buch Anfang des vergangenen Jahrhunderts schrieb. Ein Pseudonym, das bis heute Rätsel aufgibt und Legionen von Hobby-Forschern zur Verzweiflung gebracht hat. Etliche Theorien gibt es mittlerweile über die Identität des magischen Mysteriums. Eins fehlt allen: ein Beweis.


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Der bekannte Wissenschaftsjournalist Martin Gardner war zum Beispiel überzeugt, Erdnase sei in Wahrheit Milton Franklin Andrews gewesen, ein jähzorniger Kartenbetrüger mit einer Vorliebe für Prostituierte. Andrews erschoss 1905 erst seine Freundin und dann sich selbst, als die Polizei ihn in seinem Apartment in San Francisco aufgespürt hatte. Gardners Erdnase-Theorie hat einen entscheidenden Haken: Während das Buch in geschliffenem Englisch geschrieben ist, galt Milton Andrews als vergleichsweise schlichtes Gemüt.

"Jede Schlussfolgerung muss auf Fakten basieren"

Als weiterer Kandidat gilt deshalb bis heute Wilbur Edgerton Sanders. Der Ingenieur hatte das, was Milton Andrews fehlte: Bildung. Außerdem konnte man ihn, wie der Autor David Alexander nachwies, mit Chicago in Verbindung bringen, dem Ort, an dem das Buch erschien. Und schließlich ist ein Anagramm von "S.W. Erdnase"? Richtig: "W.E. Sanders".

Der Mann, der die dritte glaubwürdige Theorie aufgestellt hat, lebt in Kalifornien, hat früher für die "Los Angeles Times" geschrieben und später für die königliche Familie in Monaco gezaubert. Todd Karr, 46, beschäftigt sich seit seiner Kindheit mit dem Phänomen Erdnase. Aber seine journalistische Ausbildung lässt ihn seine These ein wenig zurückhaltender vertreten als es der Rest der Forschergemeinde tut. Karr sagt: "Ich bin sehr vorsichtig, was Spekulationen über Erdnase angeht. Jede Schlussfolgerung muss auf Fakten basieren."

Todd Karr hat seine Fakten in den Archiven von Dutzenden US-Zeitungen gesucht. "Ungezählte Stunden" habe er mit dem Lesen alter Artikel der Jahrhundertwende verbracht, er ging Gerichtsakten durch, Telefonverzeichnisse und öffentlich verfügbare Stammbäume. Am Ende hatte er das Leben eines Mannes rekonstruiert, den er heute für die wahrscheinlichsten Kandidaten hinter S.W. Erdnase hält, und das nicht nur, weil dessen Name das rückwärts gelesene Pseudonym ist: E.S. Andrews.

Flucht mit 1800 Dollar

Die Geschichte des mutmaßlichen Bestsellerautoren und Betrügers liest sich wie ein Krimi der Jahrhundertwende. Er spielt in Illinois, Wisconsin und Michigan, es geht um ein ausgeklügeltes System der Abzocke, gehörnte Unternehmer und einen Mann, der selbst dann noch coole Interviews gab, als er schon im Gefängnis saß.

Andrews, den Todd Karr als sehr gewandt und gut aussehend beschreibt, wird in den US-Medien das erste Mal im November 1901 erwähnt - im Zusammenhang mit einem Betrug in Kokomo. Ein Fremder mit dem Namen E.S. Andrews sei in die Stadt gekommen als Vertreter der Chicagoer Firma Brandon Commercial Company und habe umgehend begonnen, lokalen Händlern seine Dienste anzubieten, schrieben die "Fort Wayne News". Andrews wollte Schulden für die Firmen eintreiben, als Vorschuss für seine Arbeit forderte er 15 Dollar. Mit 900 Dollar habe der Fremde wenig später die Stadt verlassen, natürlich ohne etwas für sein Geld getan zu haben.

Ein Krimineller aus Chicago mit dem Namen E.S. Andrews, verschlagen genug, Unternehmen reinzulegen - und das kurz bevor "The Expert at the Card Table" erschien: Für Todd Karr sind das starke Indizien für die wahre Identität von S.W. Erdnase. War die Beute womöglich das Startkapital für sein Buchprojekt?

Zum Jahreswechsel 1902/1903 schlug Andrews mit seiner Masche erneut zu: In Iowa kosteten seine "Dienste" 25 Dollar, wieder zahlten Dutzende Firmen für den vermeintlichen Geldeintreiber. Einen Monat nach seiner Ankunft floh Andrews "mit 1500 bis 1800 Dollar", schrieb das "Dubuque Telegraph Journal".

In Wisconsin 1904 versuchte es der smarte Betrüger erneut, doch am 9. Juli wurde er festgenommen und eingesperrt. Todd Karr fand bei seiner Suche nach der Erdnase-Identität ein Interview, das ein Reporter des "Daily Northwestern" mit Andrews in dessen Zelle führte und am 12. Juli veröffentlichte. Darin ließ sich der offenbar hoch gebildete Verdächtige über seine Haftbedingungen aus ("ein Palast verglichen mit Fort Wayne") und gab sich gelassen über die Vorwürfe: "Ich habe rechtlich nichts zu befürchten. [...] Aber ich kann es hier aushalten, solange ich Bücher zu lesen bekomme und frische Luft."

Belesen, gebildet, gut aussehend

"Ich könnte mich auch irren", sagt Todd Karr, "aber es ist vor allem dieses Interview, weswegen ich sicher bin: Edwin S. Andrews ist S.W. Erdnase." Clever, intelligent, betrügerisch, gebildet, mit gewählter Sprache, belesen und mit juristischem Wissen ausgestattet - all das spricht laut Karr für seine Theorie. Und noch etwas: Andrews habe in Indiana gelebt, was die Aussage des Magiers James Harto bekräftigen würde, der Erdnase gekannt haben will. Und aus Indiana stammte.

Die letzte mediale Spur des Betrügers findet sich in Denver. Und wieder passt das Puzzleteil zur Erdnase-Theorie des Berufszauberers Todd Karr. Im Firmenregister Denvers fand Karr einen Eintrag für einen ominösen "Brandon Commercial Club". War das dieselbe Agentur, auf die sich Andrews schon 1901 berufen hatte? Und hatte nicht der Zauberer Hugh Johnston erklärt, er habe Erdnase in Denver getroffen?

Einen Beweis hat auch Todd Karr am Ende nicht gefunden. Keinen Beleg dafür, dass dieser E.S. Andrews ein besonders fähiger Kartenbetrüger war oder ein bekannter Zauberer. "Und ohne diesen Link zum Kartenspiel oder zur Zauberei bleiben die Ergebnisse nur Indizien."

Auch über die Frage, warum der mysteriöse Buchautor sich überhaupt ein Pseudonym gab, kann Karr nur spekulieren: "Ich glaube, er wollte nicht als Kartenexperte bekannt sein. Schließlich hätte das bedeutet, dass mögliche Opfer gewarnt gewesen wären. Es kann auch sein, dass er einfach vorsichtig war: Andere Betrüger waren sicher nicht gerade begeistert, dass da plötzlich jemand über ihre Tricks auspackte", sagt Karr.

Das größte Mysterium der Kartengeschichte wird wohl auch weiterhin ungelöst bleiben. Und das ist laut Todd Karr gar nicht schlimm: "Ist doch toll, dass es ein Geheimnis gibt, das nicht mal Zauberer enthüllen können."

Zum Weiterlesen:

Das Buch "The Expert at the Card Table" von S. W. Erdnase als e-Book.

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1.
friedrich ehmke 26.03.2012
http://geniimagazine.com/erdnase/
2.
Thorsten Happel 26.03.2012
Zunächst vielen Dank an den Autor Christian Gödecke für diesen interessanten Artikel. Als Berufszauberer bin ich begeistert, dass diese faszinierende Geschichte auch ausserhalb der Zauberszene Interesse findet. Eine Anmerkung sei jedoch erlaubt: Im Text zu Bild 4 heisst es: "Diese Illustration (...) zeigt einen relativ einfachen Trick. " Dabei geht es um den sogenannten "Second Deal", also das austeilen der zweiten Spielkarte von oben, so dass es auf den Betrachter wirkt, als würde er ganz regulär die oberste Karte des Spiels erhalten. Einen überzeugenden "Second Deal" können nur sehr wenige Zauberkünstler richtig ausführen. Dazu gehört enorme Fingerfertigkeit und jahrelange Übung. Auch wenn das Prinzip dieses Griffs "einfach" sein mag, so kann man nicht davon sprechen es sei ein "einfacher Trick".
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