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Verlassene Orte Geisterkaserne für Hollywood

Verlassene Orte: Geisterkaserne mit Hollywood-Charme Fotos
Robert Conrad

Hinter ihren Mauern lernte die Nazi-Elite reiten. Heute führt in der ehemaligen Kaserne Krampnitz die Natur Regie - und manchmal auch ein Star wie George Clooney. Von

Am 20. Juli 1944 ging ein Fernschreiben in der Kaserne Krampnitz bei Potsdam ein: "Der Führer Adolf Hitler ist tot." Oberst Harald Momm, ehemaliger Olympiasieger im Springreiten, war hocherfreut: "Ordonanz, eine Flasche Schampus, das Schwein ist tot!"

Auf dem Appell-Platz versammelten sich derweil die Truppen. Von der Kaserne sollten sie nach Berlin aufbrechen. So sah es der interne Notfallplan der Wehrmacht für den Fall eines drohenden Aufstandes gegen das NS-Regime vor. Ersatz- und Ausbildungstruppen wurden mobilisiert, um kriegswichtige Punkte wie die Reichshauptstadt zu schützen.

Die Hitler-Attentäter um Claus Schenk von Stauffenberg hatten den Notfallplan mit dem Codewort "Walküre" für ihre Ziele umfunktioniert. Als die neue Nachricht einging: "Der Führer lebt", kehrten die Truppen um. Der gescheiterte Staatsstreich endete mit der Hinrichtung Stauffenbergs und seine Mitstreiter. Und auch für Oberst Momm hatte der Tag Konsequenzen: Wegen seines Spruchs war er bei der Gestapo denunziert und in eine Strafeinheit versetzt worden.

Die Wehrmachtskaserne, in der die Meldung von Hitlers vermeintlichem Tod mit einem Ruf nach Schampus beantwortet wurde, ist heute ein gespenstischer Ort. Krampnitz ruht verlassen - und wirkt zugleich unheimlich, wenn die Sonne durch die blinden Fenster des Offizierscasinos fällt und das Parkett in den leeren Hallen leuchtet. Als wären hier vor kurzen noch Offiziere in ihren Reitstiefeln durchmarschiert.

Wahrheit oder Fiktion?

In die repräsentative, prunkvolle Anlage des Architekten Robert Kisch war 1937 die renommierte Heeresreit- und Fahrschule eingezogen. Krampnitz galt als Luxuskaserne, Offiziere und Unteroffiziere des "Dritten Reichs" erhielten hier ihre Reitausbildung. Die Turnierabteilung genoss einen guten Ruf; neben den Kavalleriepferden standen Olympiapferde in den Ställen.

Nach Kriegsende zog die Sowjetarmee in die Kaserne und blieb bis 1992. Heute sind die Gebäude und Stallungen von der Natur überwuchert. Manchmal aber erwacht in dieser Zeitkapsel das Leben.

Die nahen Filmstudios Babelsberg entdeckten das ehemalige Kasernengelände als Drehort, zur Jahrtausendwende hörte auch Hollywood davon. Oscarpreisträger Jean-Jacques Annaud war auf der Suche nach einer geeigneten Location für "Duell - Enemy at the Gates" durch halb Europa gereist. In der alten Kaserne Krampnitz ließ er schließlich Teile des umkämpften Stalingrads im Zweiten Weltkrieg nachbauen.

So wurde der kleine Ort berühmt - und die Filmkarriere der Kaserne ging weiter: Quentin Tarantino drehte dort Teile von "Inglourious Basterds" (2009) mit Brad Pitt. Auch George Clooney wanderte für Szenen von "The Monuments Men" (2014) über die Brache der Geisterkaserne.

Jedes Filmteam veränderte den Ort ein wenig. Sie malten Schriftzeichen an die Wände oder bauten ganze Kulissen ein.

NS-Erbe in der Sowjetgeschichte

Der geschichtsträchtige Ort lockte auch Fotografen an. Robert Conrad, Thomas Kemnitz und Michael Täger dokumentierten die ehemalige Kaserne für ihren Lost-Places-Bildband "Stillgelegt". Und sie mussten oft sehr genau hinschauen: Was war historisch echt und was Filmkulisse?

1996 hatte Robert Conrad die Kaserne zum ersten Mal besucht. Damals fand er noch Sowjetuniformen in den Baracken, auch Papiere lagen in den Büros, als wären diese fluchtartig verlassen worden. An den Wänden hingen Landkarten in kyrillischer Schrift.

Den Fotografen faszinierte die Vermischung von NS-Erbe und Sowjetgeschichte. Den Sowjets, so vermutete Conrad, hatte die Prunkarchitektur der Nazis offenbar zugesagt. Der Eindruck verstärkte sich noch, als er die Kaserne ein weiteres Mal besuchte und dabei die Prachtbauten betreten durfte: Das Offizierscasino der Wehrmacht wirkte wie unberührt. Kaum öffnete der Wachdienst die Tür, stand Conrad in einer runden Eingangshalle aus Travertinstein, die den Blick auf einen endlosen Flur preisgab. "Hochherrschaftlich und unheimlich", erinnert sich der Fotograf.

Ein leichter Geruch von Moder stieg ihm in die Nase. Er ging einen langen Flur hinunter, in dem die Schritte hallten. Es folgten das Kaminzimmer mit etwa sieben Meter hoher Kassettendecke, ein Festsaal mit edlem Wandputz, Deckenlüstern und das dunkel getäfelte Speisezimmer. Einige Fenster waren zerborsten, doch der Glanz vergangener Zeiten war unübersehbar, die Sowjets hatten fast alles so gelassen.

Um so überraschender für die Fotografen, als sie bei einem weiteren Besuch feststellten, dass plötzlich eine Holzvertäfelung in den Festsaal des Offizierscasinos eingebaut worden war. Für den Film "Mein Führer" hatte man Hitlers Reichskanzlei nachgebaut. Auch das Team von "Operation Walküre" mit Tom Cruise nutzte das Offizierscasino der Kaserne für einen Dreh.

Für die denkmalgeschützte Anlage immerhin scheint sich ein Happy End anzubahnen: In den historischen Gebäuden sollen Wohnungen entstehen.

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1. Einspruch
Thomas Jenny, 08.03.2016
Die Archtiketur ist keine typische NS-Archtiektur (wenn es so etwas überhaupt gibt), sondern entspricht dem damals vorherrschenden Stil der Art Deko. Das kann man zum Beispiel auch im Empire State Building in New York finden.
2. Brandenburgische Provinz?
Kalim karemi, 08.03.2016
hätte sich der Autor mal die Mühe gemacht auf die Karte zu sehen, hätte er festgestellt, daß Krampnitz an Berlin und Potsdam grenzt. Wenn er beide Orte mit "Brandenburgischer Provinz" dann hat er natürlich recht.
3. Verlassene Gebäude der Sowjetischen Armee
Carlos Gomes, 08.03.2016
Super Fotos! Ich habe letztens eine super Sammlung einer spanischen Fotografin gesehen, die verschiedene andere verlassene Ortschaften der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland besucht hat: Vogelsang, Wünsdorf, Jüterbog, Fürstenberg, Bernau usw. Echt sehenswert: www.perspekteva.com
4. 3. Sporthalle
r w, 09.03.2016
Zitat: "Sporthalle: Diese Sporthalle der Sowjets war früher eine Reithalle der Nazis. Typisch sind die bunten Farben, mit denen die Nachnutzer ihre Räumlichkeiten strichen." Das ist natürlich richtig. Aber wirklich interessant ist, das die Piktogramme auf der Wand, denen von Otl Aicher täuschend ähnlich sind. Diese Piktogramme hat er als Gestaltungsbeauftragter für die Olympischen Spiele 1972 in München entwickelt. Idee und Hintergrund war, sich deutlich von dem geistigen Erbe der Spiele 1936 in Berlin abzugrenzen und die neue freiheitlich demokratische internationale Offenheit zu visualisieren. Ob das den Sowjets bei ihrem "Nachmalen" bewußt war :-)
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