Kassenbuch aus dem "Dritten Reich" Hitlers letzte Abrechnung

Ein Rittergut hier, 100.000 Reichsmark dort: Ein Kassenbuch aus dem "Dritten Reich" zeigt, wie Adolf Hitler bis in die letzten Kriegsmonate nach Belieben Staatsgelder an verdiente NS-Schergen verteilte. Eine Buchhalterin machte er sogar zur Millionärin - als Belohnung für einen feigen Verrat.

Von und Axel Frohn


Tod und Armut brachte das NS-Regime millionenfach über Europa, gegenüber einigen wenigen Menschen zeigte es sich indes erstaunlich mildtätig: "Frau Dr. Gildis Engelhard" zum Beispiel war nicht nur eine überzeugte Nationalsozialistin. Sie pflegte auch gemeinsam mit ihrem Mann, einem Mediziner, den Benediktinerabt, Hitlerfreund und NS-Parteigenossen Alban Schachleiter bis zu dessen Tod 1937. Vermutlich auch dafür bekam sie eine monatliche Rente von 200 Reichsmark.

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Ein Ehrensold von sogar 400 Reichsmark ging jeden Monat an Hedwig Gustloff, die Witwe Wilhelm Gustloffs, Leiter der NS-Parteiorganisation in der Schweiz und Namenspatron des gleichnamigen Schiffes, das im Januar 1945 durch ein sowjetisches U-Boot versenkt wurde. Der Funktionär war 1936 bei einem Attentat ums Leben gekommen. 150 Reichsmark bekam die Mutter von Hitlers Lieblingsfahrer Julius Schreck, den 1936 eine Hirnhautentzündung dahingerafft hatte. 100 Reichsmark gingen zusätzlich an Schrecks Frau.

Die generösen Zahlanweisungen sind aufgeführt in einer Kladde, die diese Woche in Stamford im US-Bundesstaat Connecticut nahe New York versteigert werden soll. Das beauftragte Auktionshaus "Alexander Autographs" will einen Startpreis von 5000 bis 7000 Dollar aufrufen. Zum Verkauf bringt das Haushaltsbuch ein US-amerikanischer Handschriftensammler, der es vorzieht, anonym zu bleiben. Er hat es nach eigenem Bekunden einem US-Weltkriegsveteranen abgekauft, der es wiederum nach dem Krieg von seiner deutschen Freundin erhalten haben will.

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Wahrscheinlich wird sich ein anderer Privatsammler für das Dokument erwärmen, das wohl besser in einem Museum oder Archiv aufgehoben wäre. Denn der historische Wert des bislang unbekannten Dokuments könnte beträchtlich sein. Nirgendwo sonst, so scheint es, sind geheime Ausgaben und Bereicherungen der Nazi-Führungsriege ähnlich vollständig und detailliert dokumentiert wie in dem Haushaltsbuch mit dem schwarzen Umschlagdeckel.

In sauberer Handschrift hat ein unbekannter Buchhalter dort Datum, Zahlungsempfänger, Belegnummer und Betrag von Zahlungen aufgeführt, und zwar für die letzten beiden Kriegsjahre 1944 und 1945. Sortiert sind die Dotationen nach Kategorien wie "Theater und Musik", "Malerei und Bildhauerei", "Gesundheitswesen", "Bauwerke" und "Beihilfen, Spenden und Unterstützungen". Die meisten Einträge fallen unter die Überschrift "Verschiedenes".

Eine Fälschung? Das ist unwahrscheinlich, obwohl genaue Echtheitsprüfungen in der Branche der Militaria- und Handschriftenhändler zumeist unterbleiben. Im Bundesarchiv finden sich aber einzelne Korrespondenzen über Dotationen Hitlers an dieselben Personen und in derselben Höhe wie in dem Haushaltsbuch.

"Gemäß Erlass des Führers"

Der Freiburger Militärhistoriker Gerd Ueberschär, der zusammen mit Winfried Vogel Hitlers Geschenke an die Nazi-Eliten erforscht hat, sagt: "Das Kassenbuch könnte durchaus Teil einer Handakte aus der Reichskanzlei sein. Diese Akten wurden formlos geführt, da sie bewusst nicht in den Geschäftsgang gelangen sollten." Dafür sprechen auch manche Zahlungsbegründungen wie "Dotation des Führers" oder "gemäß Erlass des Führers". Sie verweisen auf das nächste Umfeld des Diktators Adolf Hitler – etwa die Reichskanzlei unter ihrem Chef Hans Heinrich Lammers.

Dank seiner verschiedenen Funktionen standen Hitler sowohl der Dispositionsfonds des Staatsoberhaupts als auch vor allem der Etat des Reichskanzlers "zu allgemeinen Zwecken" zur unmittelbaren Verfügung. Seine Ausgaben wurden nicht mehr durch den längst ausgeschalteten Reichstag oder einen Rechnungshof kontrolliert.

Der Diktator bediente sich nach Belieben aus diesen Töpfen, ganz gleich, ob es darum ging, Ausgaben des Staates, der Partei oder als Privatmann zu tätigen. Der Griff in die Staatskasse wurde nicht einmal groß kaschiert, auch wenn der normale Volksgenosse davon wohl kaum etwas ahnte. Schon 1939 prangerte der exilierte deutsche Publizist Sebastian Haffner die "dreisteste Inanspruchnahme öffentlicher Gelder" an.

Fürstliche Geldgeschenke

Historische Forschungen haben inzwischen vielfach belegt, dass Hitler entgegen der Nazi-Propaganda durchaus auf großem Fuß lebte. Er verteilte willkürlich Ländereien, fürstliche Geldgeschenke, teure Gemälde und andere Wertgegenstände an Militärs, Minister, Parteibonzen und Künstler. Für seine Lieblingsprojekte vergeudete er bis zum Frühjahr 1945 Millionenbeträge; 19,5 Millionen Reichsmark ließ Hitler noch im Sommer 1944 aus dem Etat der Reichskanzlei an die "Dankspendenstiftung" überweisen, aus der er seine Kunstkäufe für das geplante "Führermuseum" in Linz finanzierte.

Dazu kamen regelmäßige Zahlungen an Privatpersonen, laut Kontobuch zum Beispiel an "Fräulein Maria Magdalena Fraaß". Sie sollte laut Haushaltsbuch eine monatliche Zuwendung von 600 Reichsmark erhalten, wohl vor allem dafür, dass sie den bayerischen Minister und Gauleiter Adolf Wagner bis zu dessen Tod 1944 gepflegt hatte.

Was sich nach einem kleinen Betrag anhört, war tatsächlich eine stolze Vergütung, verglichen mit den 100 bis 150 Reichsmark pro Monat, die ein Arbeiter damals brutto verdiente. Ein Reichsminister kam auf ungefähr 1700 bis 1800 Reichsmark. Was die Empfänger von Dotationen besonders freuen musste: Hitlers Zuwendungen waren steuerfrei.

100.000 Reichsmark zum Geburtstag

An seinen Leibarzt Theodor Morell, wegen seiner zahlreichen Injektionen als "Reichsspritzenmeister" verspottet, wurden monatlich 5.000 Reichsmark überwiesen. Der Berufskollege Karl Brandt, Hitlers früherer Begleitarzt und verantwortlich für Morde und Menschenversuche in Konzentrationslagern, erhielt für seinen Arbeitsstab 30.000 Reichsmark im Monat.

Hochrangige SA- und SS-Führer wie Wilhelm Schepmann und Paul Hennicke sowie den Gauleiter von Halle-Merseburg, Joachim Eggeling, beschenkte Hitler zu ihrem 50. beziehungsweise 60. Geburtstag mit jeweils 100.000 Reichsmark aus der Reichskasse. Der Oberstleutnant a.D. und NSDAP-Reichstagsabgeordnete Georg Ahlemann bekam dieselbe Summe ohne erkennbaren Grund.

Höher dotiert, mit 250.000 Reichsmark bereits zum 50. Geburtstag, wurde Gauleiter Fritz Sauckel, der als Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz die Deportation von Millionen Zwangsarbeitern ins Reich organisiert hatte. Und diese Summe verblasst wiederum vor der Dotation an den seit Juni 1943 krankheitshalber beurlaubten SS-Oberstgruppenführer und Generaloberst der Polizei Kurt Daluege. Er erhielt das Rittergut Ilsenau im Reichsgau Wartheland, wofür Reichkanzleichef Lammers rund 600.000 Reichsmark auf den Tisch legen musste.

Der Verrat der Buchhalterin

Nach Ländereien strebten auch hohe Militärs, tatkräftig unterstützt aus der Staatskasse. Der in die "Führerreserve" abgeschobene Wilhelm Ritter von Leeb und der "Bürogeneral" Wilhelm Keitel erhielten noch im letzten Kriegsjahr Schenkungen für den Erwerb von Waldbesitz über 638.000 beziehungsweise 764.000 Reichsmark.

Der Verwalter der Gelder, Reichsminister Lammers, nutzte seine Stellung offenbar schamlos aus und griff selbst kräftig in die Kasse. Nachdem er zum 65. Geburtstag am 27. Mai 1944 das von ihm bewohnte und aus Hohenzollerbesitz stammende Jagdhaus Hubertusstock in der Schorfheide nebst 33 Hektar Grundbesitz von Hitler erhalten hatte, ließ er sich vom "Führer" auch noch eine steuerfreie Bardotation von 600.000 Reichsmark schenken.

Die höchste im Kassenbuch verzeichnete Summe, die an eine Einzelperson ausgezahlt wurde, bekam die Buchhalterin Helene Schwärzel aus Elbing in Ostpreußen – für eine fragwürdige Tat: Schwärzel verriet den ehemaligen Oberbürgermeister von Leipzig und Widerstandskämpfer Carl Goerdeler, als der sich nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 auf der Flucht befand. Hitler empfing sie dafür im Führerhauptquartier "Wolfschanze", wo er ihr als Belohnung einen Scheck über eine Million Reichsmark aushändigte. Goerdeler wurde im Februar 1945 in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Am 16. April 1945 endeten die Eintragungen im Kassenbuch, so wie sie ein Jahr zuvor angefangen hatten, nämlich mit Zahlungen an regelmäßige Zuwendungsempfänger von Hitlers Gnaden. Fräulein Fraaß bekam, wohl angesichts der prekären Kriegslage, gleich zwei Rentenbeiträge auf einmal überwiesen. Danach versiegte die Geldquelle.



insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
Ulrich Dürr, 07.12.2011
1.
Was mich ineterssieren würde. Was ist mit den Sachwerten nach dem Krieg passiert?
Hermann Zeller, 07.12.2011
2.
Wieso findet es der Autor des Artikels "erstaunlich", daß ein Regime seine Anhänger begünstigt? Die Logik erschließt sich mir nicht.
Thomas Keller, 07.12.2011
3.
Von der Geschichtsschreibung wird Hitler immer als spartanisch und sparsam dargestellt, jetzt stellt sich heraus, dass dieser Verbrecher in Saus und Braus lebte und seine Günstlinge kräftig schmierte.
Peter Poringer, 07.12.2011
4.
Ich habe diese schlimme Zeit noch miterlebt - aber der Artikel sieht die Situation aus heutiger Sicht. "Geld" war während des Krieges ziemlich belanglos, denn es gab ohnehin nichts zu kaufen. Viel begehrter waren Absschnitte von Lebensmittelkarten.
Maik Lorenz, 07.12.2011
5.
Im Spiegel von 1947 wurde auch über die Reichsmarkmillionärin berichtet, damals wusste man offenbar noch nichts von dem Geld: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41122550.html
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