Katastrophe in Mexiko Flammenhölle auf Erden

San Juan Ixhuatepec war ein friedlicher Ort im Norden von Mexiko-Stadt - bis am 19. November 1984 in der Raffinerie der Stadt eine Gasleitung platzte und eine grausame Kettenreaktion auslöste. Der Blogger und Buchautor Airen über ein Feuerinferno, das Hunderte tötete, Tausende verletzte - und eine ganze Nation traumatisierte.

Alberto Rodríguez

Am Morgen des 19. November 1984 erwacht das Städtchen San Juan Ixhuatepec im Norden von Mexiko Stadt langsam zum Leben. Es ist ein Montag, die ersten Menschen kommen aus ihren Häusern, erledigen Besorgungen, manche fahren auf Fahrrädern zu den Ausgabestellen der staatlichen Milchversorgung. In den Häusern wecken Mütter ihre Kinder für die Schule.

San Juanico, wie der Ort im Volksmund genannt wird, hat in den letzten Jahren ein starkes Wachstum erlebt. Seitdem die staatliche Petroleumgesellschaft "Petróleos Mexicanos" (Pemex) eine große Raffinerie in diesem Dorf am Fuße einer Bergkette errichtet hat, boomt der Ort. Zulieferbetriebe haben sich neben den Raffinerien angesiedelt und Tausende Arbeiter aus ganz Mexiko ließen sich mit ihren Familien im Tal nieder.

Knapp 100.000 Menschen hat das Ölgeschäft aus dem ganzen Land hierhergezogen. Seit die Anlage in Betrieb ist, wurden unzählige Häuser in unmittelbarer Nähe der Raffinerien errichtet. Schlichte einstöckige Häuser drängen sich an die Fabriken, daneben stehen ganze Kolonien von provisorisch errichteten Wellblechhütten.

Ein penetranter Gasgeruch

Vor dem Haupttor der Raffinerie hat sich an diesem Montagmorgen eine lange Schlange von Tanklastwagen gebildet. Manche Laster stehen schon die ganze Nacht da und warten darauf, am Morgen mit LP-Gas betankt zu werden, einem Propan-Butan-Gemisch, bestimmt für die Gasherde mexikanischer Haushalte. Sechs 40 Meter hohe Kugelgasbehälter auf dem Pemex-Gelände beherbergen das hochexplosive Gemisch, daneben stehen 48 längliche Gastanks, von den Anwohnern Salchichas genannt. Würstchen.

Bereits am Tag zuvor haben einige Menschen in der Nähe der Installationen einen penetranten Gasgeruch wahrgenommen. Aber das kommt öfter vor in San Juanico, und niemand macht sich Gedanken. Dabei wäre die Sorge berechtigt: Die Ursache des Geruchs ist ein nicht funktionierendes Sicherheitsventil im Herzen der Anlage. In einer 20 Zentimeter dicken Gasleitung steigt der Druck deshalb seit Tagen. Sie leitet Gas von drei Raffinerien zu einem Gastank.

Am Morgen des 19. November hält das Rohr dem Druck nicht mehr stand: Um 5.30 Uhr platzt die Leitung. Aus einem Leck tritt das gefährliche Gemisch zunächst unbemerkt an die Luft. Und während die Einwohner von San Juanico ihren Tag beginnen, bildet sich eine unsichtbare, aber tödliche Gaswolke über dem Ort.

Ganze Wohnblocks brennen

Zehn Minuten später hat die Wolke bereits eine Ausdehnung von 150 mal 200 Metern. Es ist ein hochexplosives Gas-Luft-Gemisch, das da beständig an Größe zunimmt. Heute weiß niemand, was dann den entscheidenden Funken auslöste – eine Fackel in Bodennähe, ein Lichtschalter, vielleicht nur ein heruntergefallener Schraubenzieher. Aber um 5.40 Uhr entzündet sich diese Wolke – und eines der schlimmsten Industriedesaster der Geschichte nimmt seinen Lauf.

Das Gas brennt in Sekundenschnelle ab, Feuer greift auf eine nahegelegene Siedlung über, sofort stehen zehn Wohnhäuser in Flammen. Auf dem Pemex-Gelände geraten Gerätschaften in Brand. Nur fünf Minuten später explodiert der erste kleinere Gastank in einem Feuerball. Von der Fabrik ergeht ein Notruf an die Feuerwehr. Aber die Situation ist längst außer Kontrolle. Nur eine Minute später, um 5.46 Uhr, explodiert einer der großen kugelförmigen Gastanks. 2400 Kubikmeter Flüssiggas zerbersten in Sekundenbruchteilen.

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Tödliche Kettenreaktion: Das Trauma einer Nation

Eine riesige Feuerwand steigt in den Himmel, 500 Meter hoch, eine Flamme höher als das Empire State Building. In einem Umkreis von 300 Metern wird sofort alles Leben ausgelöscht, binnen Sekunden stehen vier ganze Wohnblocks in Flammen. Der Seismograph der 20 Kilometer entfernten Universidad de México verzeichnet ein Beben der Stärke fünf auf der Richterskala. Schlagartig werden die Menschen im ganzen Ort aus ihrem Schlaf gerissen. Bis nach Mexiko Stadt ist der Brand zu sehen. Viele Menschen dort halten den Feuerschein am Horizont für die aufgehende Sonne.

Gasbehälter fliegen wie Projektile durch die Luft

Das brennende Gas schießt währenddessen mit gewaltigem Druck aus dem Tank. Der Boden bebt, eine Hitzewelle erfasst die Stadt. Als die Menschen aus ihren Häusern flüchten, sehen sie eine Hunderte Meter hohe Flamme über dem Ort. Die reißt mehr und mehr Gasbehälter mit sich. Acht Explosionen werden in den kommenden dreißig Minuten verzeichnet. Die länglichen Gastanks erweisen sich dabei als besonders tückisch: kaum entzündet, fliegen einige der zwanzig Meter langen Röhren wie Projektile durch die Luft, manche über einen Kilometer weit. Das Feuer erreicht auch die Tanks nahe gelegener Raffinerien. San Juanico hat sich binnen weniger Minuten in ein Inferno verwandelt.

Die Bewohner rennen durch die engen Straßen, viele sind nur spärlich bekleidet – doch dann wirft sie wieder eine Druckwelle zu Boden, Böen glühenden Windes erreichen sie, die Hitze verbrennt ihre Haut. Menschen rennen in Flammen, lassen Hautfetzen an den Wänden zurück. Die Leute schreien, einige vor Angst, andere vor Schmerzen. Menschen, die barfuß rennen, bleiben mit ihren Füßen am glühenden Asphalt hängen. Vom Gas durchtränkte Menschen explodieren regelrecht. Brennende Tropfen fliegen durch die Luft.

Um 6 Uhr beginnen die Rettungsmaßnahmen. Polizisten sperren die Zufahrtsstraßen ab, doch das Verkehrschaos erschwert den Rettungskräften den Zugang. Wenige Minuten später erreicht eine erste Mannschaft der Feuerwehr den Brandherd und versucht verzweifelt, der Flammen Herr zu werden. Kaum haben die Feuerwehrmänner ihre Arbeit begonnen, werden sie nach einer weiteren schweren Explosion selbst vom Feuer eingeschlossen.

11.000 Kubikmeter Gas sind verbrannt

Tausende Menschen sind nun auf der Flucht vor den Flammen. Auf den großen Zufahrtsstraßen drängen sich die Menschen, während in ihrem Rücken Tank um Tank explodiert. Ein lautes Rauschen hängt in der Luft, ein Geräusch, als würde ein Flugzeug tief über die Köpfe fliegen. Wer zurückblickt, sieht die ganze Ortschaft in Brand. Hütten werden vom Feuer aufgefressen, als wären sie aus Papier. Es ist ein großes Durcheinander auf der Hauptstraße, manche suchen im Gewühl nach Verwandten, andere beten. Viele Menschen haben schwere Verbrennungen. Einige sind so übel zugerichtet, dass die anderen erschreckt vor ihnen Reißaus nehmen.

Augenzeugen berichten später von dem Geruch verbrannten Fleischs, der über der flüchtenden Menschenmasse gelegen habe, und der sich fortsetzte in den überfüllten Bussen und Taxis, die vom Unglücksort rasen. Krankenwagen kommen ihnen entgegen. Aus Mexiko Stadt rücken Rettungshubschrauber an.

Gegen 11 Uhr ereignet sich die letzte Explosion. Mittlerweile sind Dutzende Löschfahrzeuge vor Ort und bekämpfen das Feuer. Die verbliebenen Tanks werden geöffnet, damit das Gas abbrennt, ohne zu explodieren. Am späten Nachmittag haben die Rettungskräfte das Feuer weitgehend unter Kontrolle. Erschöpfte Feuerwehrmänner liegen auf dem Boden.

Löschtrupps arbeiten die ganze Nacht durch. Erst um 10 Uhr am nächsten Morgen ist die letzte Feuerquelle gelöscht. Insgesamt sind 11.000 Kubikmeter Gas verbrannt. Das Gebiet wird abgeriegelt, das Militär rückt an, um Plünderungen zu verhindern.

500 Tote - offiziell

Den Einsatzkräften bietet sich ein schreckliches Bild. An Stelle der Raffinerie klafft ein Krater von der Größe von vier Fußballfeldern. Dreihundert Meter um den Unglücksort ist alles verbrannt, kein Stein steht dort mehr auf dem anderen. Auf den Straßen und in den Häusern stoßen sie auf unzählige, bis zur Unkenntlichkeit verbrannte Leichen. Viele Körper finden sich in der Nähe der Hauseingänge, wie erstarrt. Es sind die Menschen, die in den ersten Sekunden der Katastrophe von den Flammen erreicht wurden. Andere liegen noch in ihren Betten, ganze Familien findet man zusammengekauert auf ihren verkohlten Matratzen. Auf den Bürgersteigen liegen die erstarrten Kadaver der Straßenhunde.

Nach offiziellen Angaben fordert das Desaster von San Juanico gut 500 Menschenleben. Davon konnte nur ein Dutzend Personen identifiziert werden. Drei Massengräber wurden ausgehoben, um die namenlosen Toten zu bestatten. Schätzungen gehen aber von deutlich mehr Todesfällen aus. Denn viele der Opfer waren illegale Arbeiter, deren Schicksal niemand erfragte und von denen nur Asche übrig blieb. Noch Tage später fand man in den Hügeln Leichen, die von den Explosionen kilometerweit fortgeschleudert wurden.

Der Park der Toten

7000 Menschen wurden bei dem Unglück verletzt, 150 Häuser vollständig zerstört, 1400 weitere beschädigt. In der Folgezeit siedelte die mexikanische Regierung 70.000 Menschen in die umliegenden Ortschaften um. Doch San Juanico blieb ein wichtiger Pemex-Standort, kurz nach dem Unglück wurde die Raffinerie wieder aufgebaut und neu eröffnet. Diesmal errichtete die Regierung ein "Sicherheitspolygon", eine Schutzzone 100 Meter um die Anlagen, in der keine Wohnhäuser gebaut werden durften.

Heute ist San Juanico eine ruhige, weitläufige Ortschaft. 2006 wurde die Pemex-Anlage endgültig geschlossen. Andere Gasanlagen verblieben im Gebiet. Der Mindestabstand um die gefährlichen Fabriken wird schon lange nicht mehr eingehalten, heute siedeln wieder provisorische Hütten in unmittelbarer Nähe der Tanks.

Es gibt einen kleinen Markt im Zentrum, an den Ständen wird Obst, Gemüse oder Spielzeug verkauft. Nur ein kleiner Park neben dem Markt erinnert noch heute an die Katastrophe. "Parque de los Muertos" heisst der Garten, Park der Toten. Am Eingang sitzt immer eine Frau Anfang 30 und verkauft Strickwaren, die sie zu ihren Füßen ausbreitet. Mit ihrem verbrannten Gesicht und den Armen ohne Hände erinnert sie noch heute jeden Vorbeikommenden an das Unglück, das San Juanico vor einem Vierteljahrhundert beinahe vollständig zerstörte.



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