Katastrophen Die Todesfahrt der "Gustloff"

Es war die größte Schiffskatastrophe aller Zeiten: Rund 10.000 Menschen starben, als ein sowjetisches U-Boot am 30. Januar 1945 die mit Flüchtlingen überfüllte "Wilhelm Gustloff" torpedierte. Armin Fuhrer zeichnet die Tragödie in der eisigen Ostsee nach.


Dem Furor der Roten Armee versuchen im Winter 1945 Millionen Deutsche zu entfliehen - auch über die Ostsee, auch auf der Wilhelm Gustloff. Korvettenkapitän Wilhelm Zahn kennt die Tücken seiner Aufgabe ganz genau. 15 Jahre hat er selbst als Kommandant auf U-Booten die Meere befahren. Jetzt soll er ein Schiff mit 10.500 Menschen an Bord durch die Ostsee nach Westen steuern - ohne dass die russischen U-Boote, die auf der Lauer liegen, um die "deutschen Faschisten" zu töten, wo sie nur können, davon etwas mitbekommen. Dass die deutsche U-Boot-Aufklärung am 30. Januar 1945, als Zahns Schiff Wilhelm Gustloff Gotenhafen-Oxhöft verlässt, keine feindlichen U-Boote auf Strecke nach Westen gesichtet haben, kann ihn kaum beruhigen. Doch nach Tagen des Wartens will Zahn endlich ablegen, um seine menschliche Fracht möglichst rasch aus der Gefahrenzone zu schaffen. Die Rote Armee steht in den ersten Wochen des letzten Kriegsjahres buchstäblich vor der Tür, hat Gotenhafen bereits eingeschlossen.

Wer aus der Stadt heraus will, kann das nur noch über die See.

Am 30. Januar um 12.30 Uhr legt die Wilhelm Gustloff von Schleppern gezogen ab. Geleitschutz steht praktisch nicht zur Verfügung, nur drei Torpedofangboote sollen den 208 Meter langen Riesen begleiten. Wegen stürmischer See müssen zwei davon die Fahrt schon nach einer Stunde abbrechen. Vor der Halbinsel Hela ankert die Wilhelm Gustloff, bis Ersatz kommt - die Löwe und die TF1 sollen Schutz gewähren. Auch die TF1 muss bald die Fahrt abbrechen, so dass nur noch die Löwe übrig bleibt. "Ein Hund bewacht einen Riesen", knurrt daraufhin Kapitän Zahn. Doch er will unbedingt weiterfahren, denn die Wilhelm Gustloff ist eine noch leichtere Beute, wenn sie nicht in Bewegung ist. Das weiß auch der zivile Marinekapitän Friedrich Petersen - und stimmt seinem Kollegen vom Militär zu.

Auf der Kommandobrücke geht es unruhig zu, denn es gibt gleich vier Kapitäne und dazu Offiziere, die teils der Handelsmarine, teils der Kriegsmarine angehören. Für die Regelung der Kompetenzen war in den vorangegangenen Tagen, in denen die Wilhelm Gustloff zum Flüchtlingsschiff umgebaut und dann mit Tausenden von Menschen "beladen" wurde, keine Zeit. So beäugen sich jetzt die zivilen und die militärischen Marinevertreter auf der Brücke misstrauisch. Über wichtige Fragen herrscht Uneinigkeit: über die Route oder über die Geschwindigkeit zum Beispiel. Bei der Route setzt sich Petersen durch. Es gibt zwei Möglichkeiten: entweder die Küstenroute oder die einzig minengeräumte Tiefwasserroute, den sogenannten "Zwangsweg 58". Die erste hat den Vorteil, dass U-Boote nur wenige Meter zum Tauchen haben und daher relativ leicht auszumachen sind. Außerdem können sie wegen der geringen Entfernung zwischen Küste und Zielobjekt nur von der Seeseite her angreifen - womit die Landseite nicht geschützt werden muss. Der Nachteil: Ein großes Schiff wie die Wilhelm Gustloff läuft jederzeit Gefahr, auf Minen zu laufen und zu sinken. Diese Gefahr besteht beim Zwangsweg 58 nicht. Dafür kann das Schiff von beiden Seiten angegriffen werden. Trotzdem fällt die Entscheidung schließlich für diese Strecke.

Die Ostsee ist unruhig in dieser Nacht. Das Wasser ist mit nur zwei Grad eisig kalt, die Außentemperatur beträgt 18 Grad unter Null. Die Wellen, die auf die Decks brechen, lassen eine Eisschicht zurück, auf der kaum ein Halten ist. Schneetreiben sorgt für schlechte Sicht - doch schlechtes Wetter ist für die Wilhelm Gustloff gutes Wetter, weil sie für den Feind so schwieriger auszuspähen ist und man sich wegen Fliegerangriffen keine Sorgen machen muss.

Das riesige Schiff kämpft sich mit 12 Knoten durch die aufgewühlte, stürmische See. Gegen 18 Uhr, es ist schon dunkel, erreicht die Kommandobrücke ein Funkspruch, nachdem ein Minensuchverband auf direktem Gegenkurs ist. Was tun? Zahn setzt sich gegen andere Meinungen auf der Brücke durch und lässt die Positionslichter setzen, damit es nicht zu einer Kollision kommt. Nun ist die Wilhelm Gustloff, die zuvor völlig abgedunkelt gefahren war, weithin sichtbar. Später werden sich Gerüchte um diese mysteriöse Meldung ranken, denn ein Minensuchverband wird nie gesichtet. Ein Irrtum? Vielleicht gar Verrat? Die Frage ist bis heute ungeklärt und wird es wohl auch bleiben. Um 19.30 Uhr jedenfalls werden die Positionslichter wieder ausgeschaltet, weil von einem entgegenkommenden Marinesuchverband nichts zu sehen ist.

Zu spät. Doch noch ahnt niemand an Bord, dass das russische U-Boot S13 die Fährte des Riesen aufgenommen und sich an seine Schrauben geheftet hat. Die Wilhelm Gustloff selbst kann schon seit Stunden wegen atmosphärischer Störungen keine Funksprüche mehr empfangen. So wissen die Kapitäne nicht, dass inzwischen eine U-Boot-Warnung für ihren Bereich ausgegeben wurde. Und auf der Löwe, dem letzten verbliebenen Begleitschiff, ist das U-Boot-Ortungsgerät wegen Vereisung ausgefallen. Ein Hund bewacht einen Riesen? Angebrachter ist wohl dieser Vergleich: Ein blinder Hund bewacht einen tauben Riesen.

Geschickt ist die Taktik des U-Boot-Kapitäns Alexander Marinesko: Weil sein potenzielles Opfer auf der Seeseite von der Löwe begleitet wird, fährt S13 von der Landseite so lange parallel zur Gustloff, bis es wegen seiner größeren Geschwindigkeit auf gleicher Höhe ist. Dann verkürzt es den Abstand von zunächst 2000 auf nur noch 700 Meter. Das ist nicht ungefährlich für die russische Besatzung, denn das Wasser auf der Küstenseite ist nur 30 Meter tief - zu wenig, um sich bei einem gegnerischen Angriff zu verstecken. Wie stark - oder besser: wie schwach - der Begleitschutz ist, weiß Marinesko nicht. Ebenso wenig, was für ein Schiff er da überhaupt vor seine Torpedorohre bekommen hat. Klar ist ihm nur, dass es irgendetwas ganz Großes sein muss, mit 20.000 Bruttoregistertonnen oder mehr. Ein toller Fang!

An Bord des deutschen Schiffes spricht gerade der "Führer". Über Lautsprecher wird seine Rede zum Tag der "Machtergreifung" exakt zwölf Jahre zuvor übertragen. Es ist Adolf Hitlers letzte öffentliche Rede, und sie endet mit dem Abspielen der Nationalhymne. Dann wird es auf dem Schiff allmählich ruhig. Vor allem Frauen, Kinder und Greise liegen überall in drangvoller Enge auf Matratzen und versuchen, Ruhe zu finden. Trotz der widrigen Umstände sind sie nach tagelanger Flucht durch den eisigen Winter und nach ausgestandenen Todesängsten froh, auf dem Schiff zu sein, mit warmen Essen versorgt zu werden und ein festes, wenn auch schwankendes Dach über dem Kopf zu haben. Das wichtigste: Sie fühlen sich sicher, wähnen sich auf dem Weg in den Westen, wo sie hoffen, den Amerikanern und Engländern in die Hände zu fallen und den Russen zu entkommen.

Um 21.15 Uhr ist es vorbei mit der trügerischen Ruhe. Die Wilhelm Gustloff wird von drei Torpedos der S13 getroffen. Die Torpedos, denen die U-Boot-Mannschaft liebevoll Namen wie Für Leningrad, Für das sowjetische Volk und Für das Mutterland gegeben haben, landen Volltreffer. Nur Für Stalin bleibt im Rohr stecken. Eine todgefährliche Situation für S13, denn Stalin kann bei der kleinsten Erschütterung explodieren und alles an Bord zerfetzen. Später gelingt es der Besatzung jedoch, Stalin zu entschärfen.

Die Wilhelm Gustloff ist tödlich getroffen. Die drei Torpedos sind knapp unter der Wasseroberfläche eingeschlagen. In den unteren Decks werden auf Befehl von Kapitän Zahn sofort die Schotten geschlossen, um ein schnelles Sinken zu verhindern. Für die Menschen dort ist das gleichbedeutend mit einem Todesurteil, denn sie können nicht mehr entfliehen und ertrinken als Erste.

Noch schneller trifft es nur die 372 jungen Marinehelferinnen, die im ehemaligen Schwimmbad des Schiffes untergebracht sind. Es liegt unterhalb der Wasseroberfläche und bekommt einen Volltreffer. Die allermeisten der Mädchen sind vermutlich auf der Stelle tot. Nur von zweien ist bekannt, dass sie überlebt haben.

Weiter oben aber beginnt der Überlebenskampf. Nach den drei von den Torpedos verursachten lauten Detonationen versuchen die Menschen auf die oberen Decks zu gelangen, in der Hoffnung, auf ein Rettungsboot zu kommen. Panik macht sich breit, wer stürzt, wird einfach totgetreten. Dramatisch die Situation im unteren Promenadendeck, das mit seinem Glasdach zur tödlichen Falle für rund 1000 Menschen wird. Sie werden beim Versuch, nach oben zu gelangen, dorthin abgedrängt - und erkennen bald, dass sie bei lebendigem Leibe in einem gläsernen Sarg gefangen sind. Denn das Dach ist unzerstörbar, auch Pistolenschüsse helfen nicht. Die Soldaten lassen die Menschen aber nicht heraus und schießen sogar in die Menge, weil oben ohnehin kein Platz für noch mehr Flüchtlinge ist. Als das Wasser in das Deck eindringt, ertrinken die Gefangenen jämmerlich.

Sehr rasch hat die Wilhelm Gustloff eine starke Neigung nach Backbord und nach vorne. Dort bietet sich ein erschreckender Anblick: Mehrere Decks sind durch die Torpedotreffer einfach weggerissen worden. Der Bug senkt sich rasch nach vorne ins Wasser, riesige Wellen brechen über das Schiff hinweg und reißen die Menschen von den rutschigen, vereisten Decks in die eiskalte See. Andere retten sich mit großer Mühe in Boote oder auf Flöße. Manch einer kämpft nicht nur gegen das Wasser, sondern auch gegen andere Passagiere, um zu überleben. Nach 62 Minuten ist der Todeskampf der Wilhelm Gustloff beendet. Der Riese versinkt im Meer - nicht ohne einen letzten Aufschrei gegen diesen schrecklichen Krieg: Im letzten Augenblick heulen die Sirenen und alle Lichter auf dem Schiff erleuchten.

Wettlauf mit dem Tod

Als erste empfängt die Hansa den SOS-Ruf der Wilhelm Gustloff. Auf der Brücke des Füchtlingsschiffes, das noch immer vor Hela festliegt, löst das Signal blankes Entsetzen aus. Viele Familien wurden in Gotenhafen beim Besteigen der Schiffe auseinandergerissen, und auf der Hansa befinden sich viele Menschen, deren Mütter, Großeltern oder Geschwister nun gerade auf der Wilhelm Gustloff um ihr Leben und gegen die eiskalte See kämpfen. So wird das Ereignis an Bord als Geheimnis behandelt und nicht bekanntgegeben. Zu groß ist sonst, so die Befürchtung der Schiffsleitung, die Gefahr, dass eine Panik ausbricht.

Auch der Schwere Kreuzer Admiral Hipper, der begleitet wird vom Torpedoboot T36, empfängt das Signal. Die beiden Schiffe sind am frühen Abend von Gotenhafen aus Richtung Westen losgefahren und erreichen gegen 21.30 Uhr die Stelle, an der die Gustloff sinkt. Als die Amiral Hipper an der Unglücksstelle eintrifft, stoppt sie indes nur kurz - und setzt dann zum Entsetzen der im eiskalten Wasser schwimmenden Schiffbrüchigen ihre Fahrt fort. Sie hat selbst 1500 Flüchtlinge an Bord und wäre eine leichte Beute für das U-Boot, das die T36 noch immer ganz in der Nähe ortet.

Die Löwe, das einzige Begleitschiff der Wilhelm Gustloff, beginnt bereits zwanzig Minuten nach den Torpedotreffern, unter dem Befehl ihres Kommandanten Kapitänleutnant Paul Prüfe, Schiffbrüchige an Bord zu nehmen. Eine schwierige Arbeit, denn die See ist eiskalt, der Wellengang hoch und die Menschen in Todesangst. Besonders die Frauen haben oftmals dicke Pelzmäntel an, die mit Wasser vollgesogen sind und die sie extrem schwer machen.

Um 22.15 Uhr erreicht auch die T36 den Unglücksort. Das Schiff ist selbst mit 250 Menschen eigentlich voll, doch für die Mannschaft ist es keine Frage, dass sie Hilfe leisten muss. Wegen der noch immer drohenden U-Boot- Gefahr dreht sich T36 ständig so, dass Bug und Heck immer in Richtung des georteten U-Bootes zeigen - eine große zusätzliche Nervenbelastung für die Mannschaft, die nicht das gleiche Schicksal wie die der Wilhelm Gustloff erleiden möchte. Um 0.25 Uhr, das Schiff ist längst zum Bersten gefüllt mit Menschen, entfernt sich T36, nachdem sie tatsächlich von einem U-Boot angegriffen worden ist.

Nun wird es an der Untergangsstelle allmählich ruhiger. Diejenigen, die bis jetzt noch nicht gerettet sind und noch immer auf Flößen aushalten, verlieren zusehends die Kraft, um nach Hilfe zu rufen. Diejenigen, die im kalten Wasser ausharren mussten, sind längst erfroren. Plötzlich taucht die Gotenland an der Unglücksstelle auf. Niemand an Bord ahnt etwas von dem Unglück, weil das SOS-Signal das Schiff nicht erreicht hat. Doch rasch wird der Besatzung klar, was passiert ist - überall schwimmen Flöße und tote Menschen. Das Schiff transportiert selbst 3300 Flüchtlinge, doch die Besatzung der Gotenland versucht ebenso wie die Besatzungen der zwei Begleitschiffe M341 und M387, Menschenleben zu retten. Ebenso wie die Göttingen, die gegen 1.30 Uhr die Stelle erreicht. Auch ihre Mannschaft ist völlig ahnungslos, weil sie kein Funkspruch erreicht hat. Sie setzt zwei Rettungsboote aus. Doch zu dieser Zeit sind nach Einschätzung von Heinz Schön nur noch rund zehn Prozent der Menschen, die noch nicht von einem der Schiffe gerettet wurden, am Leben. Aber auch die Männer auf der Göttingen, die selbst 2436 Verwundete und 1190 Flüchtlinge an Bord hat, ziehen noch Schiffbrüchige aus dem Wasser.

Auch das Minensuchboot M375, das noch später zum Ort des Geschehens kommt, rettet noch den einen oder anderen, doch zu diesem Zeitpunkt sind die allermeisten Menschen, die an Bord der Wilhelm Gustloff waren, schon tot oder wurden zum wesentlich geringeren Teil gerettet. Um 5.15 Uhr wird die Suche nach Überlebenden eingestellt. Doch dann geschieht das Unglaubliche: Das Vorpostenboot 1703, das als letztes an die Unglückstelle gelangt, findet auf einem Floß zwischen Toten ein Bündel aus Decken. Darin eingewickelt ist ein etwa einjähriger Junge - und er lebt. Die Löwe hat am Ende 472 Menschen gerettet, die T36 564, die anderen Schiffe weniger. Sie werden nach Kolberg, Sassnitz und Swinemünde gebracht. Insgesamt, so hat Heinz Schön errechnet, haben 1239 Schiffbrüchige überlebt. Von den 10.582 Menschen an Bord fanden 9343 den Tod, darunter etwa 5000 Kinder.

Ungekürzter Auszug aus dem Buch "Die Todesfahrt der 'Gustloff'" von Armin Fuhrer, Olzog Verlag, München 2007



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Jörn Ehlers, 30.01.2015
1. Soviel zum Thema
Krieg kennt eben nur Opfer....und diesen Artikel nehme man bitte als Mahnung mit!
Dieter Giese, 31.01.2015
2. warum immer die Gustloff
Dieser Artikel bestätigt immer wieder Tucholsys Ausspruch"Soldaten sind Mörder in Uniform", egal welche Uniform Sie tragen oder trugen. Jeser Krieg sollte verurteilt werden und es müssen Bedingungen geschaffen werden, die einen neuen Krieg verhindern. Aber warum wird nicht von Schiffsuntergängen, wie die der "Cap Arkona" berichtet? Weil Sie von den Engländern und nicht von den Russen versenkt wurde? Auch kamen dabei meines Wissens KZ Häftlinge ums Leben, ist das keinen Artikel Wert? Fragezeichen über Fragezeichen!
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