Sklaven der US-Kriegswirtschaft Das Leid der Gummi-Soldaten

Schwerstarbeit, Schlangenbisse und Malaria-Attacken: Im Zweiten Weltkrieg mussten Zehntausende im Amazonasgebiet unter Lebensgefahr für die USA Kautschuk zapfen. Im Urwald starben mehr Brasilianer als auf Europas Schlachtfeldern.

Giorgio Palmera/ Echo Photojournalism

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Ein so verlockendes Angebot konnte er schlecht ausschlagen: José Romão Grande war gerade 20 Jahre alt, als ihm die Regierung plötzlich gut bezahlte Arbeit versprach. Im armen Nordosten Brasiliens, wo er aufgewachsen war, schufteten die Leute tagaus, tagein auf staubtrockenen Feldern, die von tiefen Furchen durchzogen waren. Eine bessere Zukunft war ebenso illusorisch wie die Aussicht auf genug Regen.

Und so bestieg Grande am 3. März 1943 in Parnaíba gemeinsam mit weiteren 200 Männern einen Güterzug, danach ein Schiff und später kleinere Boote. Mehrere Monate dauerte die Reise, die im Nirgendwo mitten im Amazonas-Urwald endete. Hier, am Caurés-Fluss, sollte der Junge fortan in brütender Schwüle Kautschuk aus Gummibäumen zapfen, um den Truppen der USA im Zweiten Weltkrieg einen knappen Rohstoff zu liefern.

Knochenarbeit im Dschungel

Denn nachdem die japanische Armee am 7. Dezember 1941 den US-Marinestützpunkt Pearl Harbor auf Hawaii angegriffen und die Malaiische Halbinsel besetzt hatte, waren die USA von kriegswichtigen Kautschuk-Lieferungen aus Südostasien abgeschnitten. Die US-Produktion von synthetischem Gummi lief damals erst an. Washington war also dringend auf den milchigen Saft aus den Bäumen angewiesen - denn Naturlatex wurde beispielsweise für die Herstellung von Gasmasken und Flugzeugreifen oder zum Bau von Kriegsschiffen und Geschützlafetten benötigt.

In der Not besannen sich die USA auf Brasilien, einst weltgrößter Kautschukproduzent und inzwischen durch massenhafte Billigkonkurrenz aus Südostasien ruiniert. Nachdem Präsident Franklin D. Roosevelt seinem Amtskollegen Getúlio Vargas 1942 hohe Kredite und Militärtechnologie zugesichert hatte, wurde fieberhaft nach Männern gesucht, die die Knochenarbeit im Dschungel verrichten würden - immerhin gab es im Amazonasgebiet insgesamt rund 200 Millionen wildwachsender Kautschukbäume. Die Behörden rekrutierten daraufhin etwa 55.000 soldados da borracha, die als sogenannte Gummi-Soldaten weit entfernt von den eigentlichen Schlachtfeldern Kriegsdienst leisteten.

"Ein neues Leben im Amazonas", war auf Plakaten zu lesen, die den mittellosen Männern im Nordosten ein wahres Schlaraffenland verhießen. Eindringlich appellierte die Regierung an ihr Nationalgefühl: "Mehr Gummi für den Sieg", hieß es. Oder: "Während unsere Soldaten in Italien kämpfen, kämpft ihr in euren Schützengräben für Gummi." Auf einem der Werbebilder kauerte Hitler ängstlich vor einem riesigen Reifen aus brasilianischem Kautschuk nieder.

Als Grande schließlich an seinem Einsatzort ankam, bekam er einen Strohhut, Kleidung zum Wechseln und ein geschwungenes Messer, mit dem er die Baumstämme anritzen sollte. Ein paar Männer erklärten ihm kurz, wie er die Bäume überhaupt erkennen konnte. Von dort an war er allein auf sich gestellt.

Ihre Versprechen hielt die Vargas-Regierung nie ein. Um den USA im Kampf gegen Nazi-Deutschland und dessen Verbündete Unterstützung zu leisten, beutete Brasilien seine Seringueiros, wie die Kautschuk-Zapfer genannt wurden, skrupellos aus. Statt wie zunächst geplant fünf Jahre dort zu bleiben, verbrachten die meisten Gummi-Soldaten ihr gesamtes Leben im Amazonasgebiet. Die Familien, die sie in über tausend Kilometer Entfernung zurückließen, sahen sie nie wieder. "Im Traum höre ich immer noch meine Mutter nach mir rufen", sagt Grande. Von der Außenwelt völlig abgeschnitten, erfuhren sie erst mit Verspätung, dass der Zweite Weltkrieg längst zu Ende war. "Wir konnten ja nicht einmal Radio hören", erinnerte sich einer der alten Männer 1991 im Interview mit der "New York Times".

"Die Schulden lebten länger als wir selbst"

Keinen Cent hätten die Arbeiter in all den Jahren gesehen, klagt der 85-jährige Augusto Evangelista de Moraes, dessen Gesicht sonnengegerbt und tief zerfurcht ist. Auch die Kinder, die mit Vater und Mutter in den Urwald gezogen waren, mussten mit anpacken. Essen, Kleidung oder Schuhe konnten die Männer nur auf Pump anschaffen. Dabei wurden sie offensichtlich schamlos übers Ohr gehauen. Oft kam es vor, dass sie im Dezember dem einzigen Laden auf der Plantage bereits ihren gesamten nächsten Jahresertrag an Kautschuk schuldeten.

Gabriel de Jesus war erst neun Jahre alt, als er 1943 die Plantage Bom Futuro (Gute Zukunft) am Jaru-Fluss erreichte. Die anhaltende Dürre hatte seine Familie gezwungen, den Bundesstaat Ceará zu verlassen. In der am Atlantik gelegenen Stadt Fortaleza ließ sich sein Vater als Gummi-Soldat anwerben und nahm die Familie mit. Was sie im Urwald erwartete, war jedoch schlimmer als ihr bisheriges Leben: Neuankömmlinge wohnten in primitiven Hütten. Zu essen gab es meist nur selbst angebauten Maniok oder das Fleisch von Affen und Tapiren, die sie auf der Jagd erlegten.

Jesus' Mutter brachte 14 Kinder zur Welt, der Vater starb schließlich an Typhus. Der Junge musste alle Schulden abarbeiten, die die Familie während der Krankheit des Vaters angehäuft hatte. "Unser Chef hat mir nichts erlassen", erinnert er sich im März 2015 im Interview mit Juliana Barbassa für Al Jazeera America. "Die Schulden lebten länger als wir selbst." Bis 1966 blieb er als moderner Sklave auf der Plantage.

Mit der Machete durch den Dschungel

"Morgens fingen wir im Dunkeln an zu arbeiten und hörten erst auf, als die Sonne wieder untergegangen war", erzählt der 82 Jahre alte Jõao de Oliveira Botelho. "Am Kopf schnallten wir eine Kerosinlampe fest, damit wir überhaupt etwas sehen konnten. Manche hatten ein Gewehr dabei, wegen der Tiere. Mit der Machete bahnten wir uns den Weg durch den Dschungel."

An den angeritzten Stämmen der Bäume befestigten die Männer kleine Eimer, in denen die klebrige Flüssigkeit aufgefangen wurde. Abends wurde der Milchsaft über dem offenen Feuer so lange gekocht, bis er sich in eine feste Gummimasse verwandelte. Dabei entstand so viel Qualm, dass viele Kautschuk-Zapfer Augenverletzungen erlitten oder sogar erblindeten.

Überall lauerten Gefahren. Die Männer wurden von Ureinwohnern überfallen oder von giftigen Insekten und Schlangen attackiert. Viele starben an Malaria, Gelbfieber oder Typhus. Auf Hilfe konnten sie nicht zählen, denn Staatsbeamte ließen sich in den unwegsamen Gebieten kaum blicken. Ungefähr 30.000 Gummi-Soldaten sollen das Kriegsende nicht mehr erlebt haben. Im Amazonas-Dschungel kamen laut Untersuchungen von Historikern weit mehr Brasilianer um als auf den Schlachtfeldern in Europa, wo 457 von 25.000 brasilianischen Soldaten im Kampf fielen.

Langes Warten auf Entschädigung

Auch in ökonomischer Hinsicht erwies sich die Entsendung der Gummi-Soldaten in den Amazonas-Dschungel als bitteres Fiasko: Obwohl die USA Millionen von Dollar investiert hatten, erhöhte sich die gesamte brasilianische Kautschuk-Produktion zwischen 1940 und 1944 von rund 16.100 lediglich auf 22.300 Tonnen. Dafür legte in jenen Jahren die industrielle Herstellung von Synthetik-Kautschuk in den USA so weit zu, dass das Land selbst zum Exporteur aufsteigen konnte.

Die Männer, die im Urwald überlebt hatten, gingen auch nach Kriegsende leer aus. Erst 1988 erhielten sie nach einer Verfassungsreform eine Rente. Lang erwartete Entschädigungen flossen erst 2015, über 70 Jahre nach der Rekrutierung der Gummi-Soldaten. Und wieder hatten viele das Nachsehen, da sie die erforderlichen Dokumente nicht mehr vorlegen konnten. Somit haben nur 11.900 der mehr als 55.000 angeworbenen Kautschuk-Zapfer von der Regierung der Staatspräsidentin Dilma Rousseff das Entschädigungsgeld für ihre jahrelange Marter erhalten - eine Einmalzahlung von umgerechnet rund 7.800 Dollar.



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Andreas Zander, 04.06.2015
1. @Redaktion
Hallo Redaktion, den Satz "Im Urwald starben mehr Brasilianer als auf Europas Schlachtfeldern." finde ich unglücklich fomuliert, auch wenn er inhaltlich sicherlich korrekt ist. Es stellt sich beim Lesen die Frage: Wieviel Brasilianer starben denn im Urwald und wieviele Brasilianer starben auf Europas Schlachtfeldern? einen schönen Gruss
Stefan Hemmer, 04.06.2015
2. Sklaven der US-Kriegswirtschaft?
Es wäre schön, wenn der Artikel diese plakative Überschrift auch begründen könnte. Verantwortlich für das Elend der Arbeiter scheinen doch wohl brasilianische Politiker und Behörden gewesen zu sein. Doch scheinbar darf bei SPON kein Tag ohne USA-Bashing vergehen.
Oswald Koslowsky, 04.06.2015
3. Europas Schlachtfelder
"Im Urwald starben mehr Brasilianer als auf Europas Schlachtfeldern." - davon ist auszugehen. Wahrscheinlich starben auch mehr Kolumbianer im Bett als auf Europas Schlachtfeldern.
Ferenc Csapó, 04.06.2015
4. Danke für den interessanten Beitrag!
Wie schon viele historische Beiträge dieser Art, die hier veröffentlicht wurden, finde ich auch diesen sehr gut. Er bietet leicht verständlich und wunderbar locker geschrieben einen kurzen Einblick in die Geschichte eines Nebenkriegsschauplatzes. Verdeutlicht aber trotz seiner Kürze, wie sehr Rohstoffe – wie bereits im Ersten Weltkrieg – Kriege nicht unwesentlich beeinflussen können. So wird es leider auch in Zukunft bleiben. Wer diesen Aspekt unterschätzt, hat schon jetzt verloren. Möchte aber nicht mehr miterleben, dass sich dies bewahrheitet. Danke für den interessanten Beitrag!
Frank Giedo, 04.06.2015
5. Lol, mehr Brasilianer als auf Europas Schlachtfeldern
Gut gespielt! Nächstes sollten Sie die Überschrift aber eher noch in Richtung "Sie glauben nicht was dieser Brasilianer weiß" ausdehnen...^^
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