Kennedy in Berlin "Der wäre sofort mein Freund gewesen"

Kennedy in Berlin: "Der wäre sofort mein Freund gewesen" Fotos
Ulrich Mack/Hirmer Verlag

So begrüßt wurde seither kein Mensch mehr: 50 Jahre nach dem Besuch von John F. Kennedy schwärmen Berliner noch immer von dem US-Präsidenten - etwa ein ehemaliger Lieferant, der auf einestages erzählt, wie er durch die Sicherheitsabsperrung gelangte, und eine Schauspielerin, die sich verliebt hatte. Von Sophie Arts

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Am Eingang der Zweizimmerwohnung im Berliner Westend wartet ein Paar Filzpantoffeln auf Besucher - genau wie in manch einem altehrwürdigen Schloss. Aber wer hier nach wertvollen Antiquitäten sucht, wird enttäuscht. Stattdessen sind die Wände des Flurs mit alten Fotografien tapeziert. Die Hauptattraktion ist eine Schwarzweißaufnahme: John F. Kennedy winkt lachend aus einer offenen Limousine.

Den Tag, an dem er diesen Schnappschuss machte, hat Werner Eckert nicht vergessen. Für den drahtigen 81-Jährigen war es eines der einprägsamsten Ereignisse seines Lebens: Am 26. Juni 1963 kam der 35. Präsident der Vereinigten Staaten nach Berlin, um seine Solidarität mit den Bewohnern der geteilten Stadt zu bekräftigen.

"So was wie Kennedy, das war noch nie da", sagt Eckert. "Er war ein Politiker zum Anfassen. Der wäre sofort mein Freund gewesen. Vielleicht der mächtigste Mann überhaupt - und er hatte eine Ausstrahlung, dass man sich ihm gleich verbunden fühlte."

Der ehemalige Marathonläufer und Amateurboxer Eckert, dem man sein Alter nicht ansieht, präsentiert seine kleine Privatsammlung mit großem Stolz. Als Kennedy im Sommer 1963 nach Berlin kam, arbeitete Eckert als Lieferant für verschiedene Berliner Kaffeehäuser. Deshalb konnte er die Sicherheitsabsperrungen passieren und den Präsidenten dreimal aus nächster Nähe sehen und fotografieren.

Gänsehaut und Tränen

Neben Eckerts privater Schatzkammer gibt es in Berlin auch ein offizielles Kennedy-Museum. "The Kennedys" bietet eine der größten Sammlungen an Kennedy-Erinnerungsstücken weltweit. Museumsleiterin Alina Heinze ist erst 32. Trotzdem kennt sie jedes Wort der berühmten Rede, die Kennedy vor dem Schöneberger Rathaus gehalten hat.

"Alle freien Menschen, wo immer sie leben mögen, sind Bürger dieser Stadt", krächzt Kennedys Stimme in akzentuiertem Bostoner Englisch aus dem Lautsprecher. Auf einer großen Leinwand läuft seine Rede als Endlosschleife. Viele Zeitzeugen, die in das Berliner Museum strömen, erleben hier den historischen Moment noch einmal. "Oft sitzen die dann bei uns im Filmraum und haben Tränen in den Augen", sagt Alina Heinze. "Ich hab die Rede ja schon unzählige Male gesehen, aber ich kriege dann immer eine Gänsehaut."

Kennedys Berlin-Besuch liegt ein halbes Jahrhundert zurück, aber die Erinnerung ist nie verblasst. Heinzes Kindheit ist von unzähligen Geschichten über den denkwürdigen Tag geprägt. Auch ihre Eltern, die damals noch zur Schule gingen, waren dabei.

"Man kann jeden, der damals in Berlin war, fragen, ob er Kennedy gesehen hat, und die meisten werden das sicher mit Ja beantworten", sagt sie. Halb Berlin strömte damals auf die Straßen, um den Präsidenten zu sehen. Schätzungen schwanken zwischen einer und zwei Millionen Zuschauern.

"Es war eine hundertprozentig einmütige Willkommensparade", meint Historiker John Provan, der gerade ein Buch zu Kennedys Deutschland-Besuch herausgebracht hat. "Ich kann mich nicht erinnern, dass es jemals wieder eine Sympathiekundgebung von solchen Dimensionen gegeben hätte - dass ein Mensch von so vielen begrüßt wurde."

"Es hat einfach klick gemacht"

Der Besuch Präsident Obamas hat die Erinnerungen an den historischen Tag bei vielen wieder aufgefrischt. Vergleicht man die zwei Ereignisse miteinander, wird aber auch klar, wie viel in 50 Jahren geschehen ist.

Als Kennedy nach Berlin kam, war die ganze Stadt dazu aufgerufen, den amerikanischen Präsidenten zu begrüßen. Kinder hatten schulfrei, und viele Geschäfte blieben geschlossen. Eine halbe Million Menschen soll damals den Platz vor dem Schöneberger Rathaus und die umliegenden Straßen gefüllt haben. Obama sprach vor 4000 ausgewählten Zuschauern - viele davon Persönlichkeiten aus der Politik. Während Kennedy seine offene Limousine immer wieder halten ließ, um Hände zu schütteln, stand Obama am Brandenburger Tor hinter schusssicherem Panzerglas. Heutige Sicherheitsstandards schließen emotionale Massenereignisse aus.

Außerdem bestand damals eine andere politische Ausgangslage. Als Kennedy nach Berlin kam, herrschte Ausnahmezustand, seit die Ostblockmächte Stacheldraht durch die Stadt gezogen hatten und sich wenige Monate später russische und amerikanische Panzer am Checkpoint Charlie gegenüber standen.

"Das war dem Krieg näher, als man das wahrhaben wollte", sagt Werner Eckert. "Ein Weltkrieg, der sich auf deutschem Boden abgespielt hätte. 18 Jahre war der letzte Krieg da erst vorbei. Das ist da alles wachgerufen worden." Auch Eckerts eigener Vater war im Zweiten Weltkrieg gefallen.

Außerdem war die traumatische Erfahrung der Berlin-Blockade im Jahr 1949 nicht vergessen: Fast ein Jahr lang waren die Berliner damals von der Bundesrepublik abgeschnitten gewesen. Die Luftbrücke der amerikanischen Alliierten hatte die Stadt am Leben gehalten. Es gab Befürchtungen, dass die Amerikaner ihre Position in der umkämpften Stadt aufgeben könnten, um eine Konfrontation mit der Sowjetunion zu vermeiden.

"Und dann kam endlich Kennedy und sagte diesen Satz. Und es war genau der richtige Satz", sagt Museumsleiterin Heinze. "Ich glaube, dass es eine Situation war, in der Kennedy und die Umstände und die Menschen einfach klick gemacht haben."

"I love him"

Aber es war nicht nur Kennedys Satz, der die Berliner damals so gepackt hat, sondern auch seine Art, diese emotionalen Worte zu vermitteln, meint die Schauspielerin Anita Lochner. Sie kam in ihrer Jugend als amerikanische Diplomatentochter nach Berlin. Ihr Vater Robert Lochner war Direktor des RIAS, des Radiosenders im amerikanischen Sektor. Während des Staatsbesuchs übersetzte er für Kennedy. Anita war damals 13. Der Präsident blieb noch lange ein wichtiges Thema in der Familie.

"Kennedy hatte eine sehr spezielle Aura", sagt sie. "Es gibt Menschen, die kommen in einen Raum, und plötzlich sind alle still und schauen sie erwartungsvoll an. So ein Mensch war Kennedy."

Das hat sie damals selbst unmittelbar erlebt. Mit einer Gruppe amerikanischer Kinder wartete sie auf der Clayallee auf den Konvoi. Als das Auto hielt, liefen alle auf Kennedy zu, und Lochner gelang es, wenigstens sein Jackett anzufassen. Weinend lief die 13-Jährige nach Hause und gestand ihrer Mutter: "I love him."

"Es ist merkwürdig", schrieb Jackie Kennedy in einem Brief an Willy Brandt nach dem Tod ihres Mannes. "Manchmal denke ich, dass die Worte meines Mannes, die der Welt am meisten in Erinnerung bleiben werden, Worte sind, die er nicht einmal in seiner eigenen Sprache gesagt hat."

Erst als Kennedy die Treppenstufen zum Schöneberger Rathaus hinaufgestiegen sei und die jubelnde Masse gehört habe, glaubt Anita Lochner, habe er entschieden, die vier Worte auf Deutsch zu sagen. Von ihrem Vater weiß sie: "Dann ging er mit Kennedy in Willy Brandts Büro um den Satz zu üben - und der Rest ist Geschichte."

Kennedys Entscheidung war äußerst riskant. Wochenlang hatten seine Berater am Text der Berliner Rede gefeilt. Museumsleiterin Alina Heinze glaubt, dass die schockierende Realität der Mauer, die Kennedy kurz zuvor aus unmittelbarer Nähe erlebt hatte, ihn tief bewegt hat. "Seine Rede hat er daraufhin geändert."

Es war ein Bauchgefühl, das Kennedy sagte, dass dies die richtigen Worte waren, glaubt Historiker Provan. "Diese vier Worte unterstrichen Kennedys Versprechen, persönlich für die Sicherheit und Freiheit Berlins zu sorgen", sagt Provan. "Er sagte ja nicht, Amerika als Ganzes sei Berliner, sondern er als Oberhaupt der westlichen Welt und als Person stand für seine politischen Vorstellungen und Taten ein. Das war ein mutiger Schritt."

Festgehalten ist er auf einer Karteikarte, die im Berliner Kennedy-Museum zu sehen ist. Kennedy notierte den welthistorischen Satz vor seiner Rede in roter Tinte - und in Lautschrift: "Ish bin ein Bearleener."

Die Bilder zu diesem Artikel stammen aus dem Buch:

Ulrich Mack: "Kennedy in Berlin. Die Deutschlandreise 1963". Hirmer Verlag, München 2013, 143 Seiten.

Das Buch erhalten Sie bei Amazon.

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insgesamt 5 Beiträge
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    Seite 1    
1.
Ludwig Mertens, 24.06.2013
Ich verstehe bis heute nicht, warum der Übersetzer nicht "Ikke" statt "Ish" auf den Zettel geschrieben hat;-)
2.
Thomas Baecker, 24.06.2013
"Der Besuch Präsident Obamas hat die Erinnerungen an den historischen Tag bei vielen wieder aufgefrischt. " Ich würde eher sagen, die Medien haben uns den Vergleich flächendeckend dermaßen unter die Nase gerieben, das sogar meine Erinnerungen daran "aufgefrischt" wurden, obwohl ich damals noch gar nicht geboren war.
3.
Axel Bandow, 24.06.2013
Ich war noch nicht einmal geboren als Kennedy nach Berlin kam. Allerdings bin ich als Ostberliner mit dem Rathaus Schöneberg und der Freiheitsglocke verbunden. Jeden Sonntag um 12 ertönte sie im RIAS und verkörperte für mich das Unerreichbare und die Freiheit der Welt. Heute arbeite ich in Sichtweite des Rathauses und jeden Tag um 12 Uhr werde ich nach wie vor von dem Klang der Glocke tief berührt. Das Freiheitsgelöbnis welches dazu aufgesagt wurde ist übrigens wieder aktueller denn je.
4.
Martin Stendel, 25.06.2013
"Als Kennedy nach Berlin kam, war die ganze Stadt dazu aufgerufen, den amerikanischen Präsidenten zu begrüßen." Na ja, die halbe...
5.
Gerhard Hess, 25.06.2013
War dieser Kennedy denn wirklich erst zu nehmen ? Ein schamloser Sexbesessener, der seine Frau schon in der Hochzeitsnacht betrog, der als junger Erwachsener die Nazis toll fand, der wie ein auf die Bibel dressiertes katholisches Kleinkind, auf der Bettkante knieend, sein Nachtgebet verrichtete und der außer ein paar markigen Sprüchen politisch nicht viel geleistet hat ?!
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