John F. Kennedy "Ish bin ein Bearleener"

John F. Kennedy: "Ish bin ein Bearleener" Fotos
Reuters/National Archives

Als John F. Kennedy West-Berlin besuchte, lagen ihm die Bewohner der Frontstadt zu Füßen. Michael Sontheimer war als Achtjähriger im Juni 1963 einer der vielen Jubel-Berliner. Auf einestages erinnert er sich an seine Begegnung mit dem Präsidenten - der wenig später erschossen wurde.

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Die Spannung war enorm. Dicht gedrängt stand die Menge auf dem Bürgersteig am Café Kranzler in der Joachimstaler Straße. Mit einem Mal brandete Jubel auf. Endlich hob mich mein Vater hoch, damit ich auch etwas sehen konnte. Konfetti wirbelte durch die Luft. Zunächst rollten Schupos in weißen Jacken auf Motorrädern vorbei, die "weißen Mäuse". Es folgte ein Ford Lincoln Continental.

In dem nachtblauen Cabriolet standen sie: ganz links John F. Kennedy, der US-Präsident, in der Mitte Willy Brandt, der Regierende Bürgermeister West-Berlins, rechts Konrad Adenauer, der Bundeskanzler. Alle drei in dunklen Anzügen. Sie winkten, sahen dabei aber unwirklich aus. Distanziert.

Adenauer erinnerte an einen alten Indianer; Brandt war der größte des Trios; Kennedy wirkte am frischesten. Ich war gerade mal acht Jahre alt, wedelte hektisch mit einem Fähnchen, einem "Star-Spangled Banner" aus Papier. Es war der Mittag des 26. Juni 1963 - das erste eindeutig politische Erlebnis, an das ich mich erinnern kann.

Es gibt viele Orte und Epochen, an und in denen politische Ereignisse gar nicht in die Lebenswelt der Kinder eindringen. Nicht so zu Beginn der sechziger Jahre in West-Berlin: In der Frontstadt des Freien Westens im Kalten Krieg entkam niemand der Politik. Jedes Kind wusste, dass die Ost-Berliner Kommunisten unter Führung von Walter Ulbricht am 13. August 1961 eine Mauer quer durch die Stadt gebaut hatten.

Einer meiner Schulfreunde war damals bei seiner Oma im sowjetischen Sektor zu Besuch gewesen - und hatte erst nach mehreren Wochen zu seiner Mutter und seinem Bruder in den Westen zurückkehren können. Wir sangen auf der Straße: "Wir hängen Mister Ulbricht auf am Brandenburger Tor" - zur Melodie von "When the Saints Go Marching In" klang das ziemlich schmissig.

55 Kilometer Jubel

John F. Kennedy war bereits drei Tage vor seiner Ankunft in Berlin, am 23. Juni 1963, mit seiner Air Force One auf dem Flughafen Köln-Bonn gelandet. Er hatte den Kölner Dom besucht, den Kanzler und den Bundespräsidenten in Bonn getroffen, war nach Hanau zu den US-Soldaten gefahren und hatte Frankfurt einen Besuch abgestattet. West-Berlin war die letzte Station und der Höhepunkt seines Deutschland-Besuchs.

Um 9.45 Uhr landete Kennedy auf dem Flugplatz in Tegel. Von Anfang an waren die Straßen, durch welche sich der Konvoi mit dem Präsidenten bewegte, von jubelnden Berlinern gesäumt. Sie standen sogar entlang der Stadtautobahn, sie standen entlang der gesamten 55 Kilometer langen Route, die Kennedy zurücklegte.

Die erste Station des Präsidenten war die Kongresshalle im Tiergarten - heute das Haus der Kulturen der Welt. Dort richtete Kennedy ein paar Worte an den Kongress der Industriegewerkschaft Bau, Steine, Erden. Dann ging es weiter zu einem Produkt von Bauarbeiterkollegen aus Ost-Berlin, der Mauer.

Am Brandenburger Tor hatten DDR-Soldaten den Blick von der westlichen Aussichtsplattform über die Mauer und durch die Säulen mit rotem Tuch verhängt. Kennedy wollte wissen, wo das Hotel Adlon steht, in dem er kurz vor Beginn des Krieges ein paar Tage logiert hatte. Doch es war nicht mehr da, es war schon im Mai 1945 abgebrannt und später abgerissen worden.

Nach dem Besuch eines weiteren Ortes an der Mauer, des Checkpoint Charlie in der Friedrichstraße, des Grenzübergangs für Ausländer, fuhr der Konvoi zum Sitz der West-Berliner Regierung. "Vor dem Rathaus Schöneberg", so Willy Brandt in seinen Memoiren, "erwartete uns eine brodelnde Masse." Nach Schätzungen der Polizei waren knapp eine halbe Million Menschen versammelt.

Vier Worte notiert

Nach dem deprimierenden Eindruck, den die Frontlinie des Kalten Krieges auf Kennedy gemacht hatte, wich er bei seiner Rede vom Manuskript ab und spitzte sie zu. "Ein Leben in Freiheit ist nicht leicht, und die Demokratie ist nicht vollkommen", sagte der Präsident. "Aber wir hatten es nie nötig, eine Mauer aufzubauen, um unsere Leute bei uns zu behalten." Und dann heizte er die Emotionen der West-Berliner richtig an, als er sagte: "Die Mauer ist die abscheulichste und stärkste Demonstration für das Versagen des kommunistischen Systems."

Zum Abschluss erklärte er: "All free men, wherever they may live, are citizens of Berlin, and, therefore, as a free man, I take pride in the words ‘Ich bin ein Berliner’!"

Kennedy hatte die letzten vier Worte bereits acht Tage vor dem Berlin-Besuch mit roter Tinte auf einem Zettel notiert. Unmittelbar vor seiner Rede übte er in Willy Brandts Dienstzimmer noch einmal mit seinem Übersetzer die Aussprache und ließ sich die phonetische Transkription aufschreiben: "Ish bin ein Bearleener".

Willy Brandt erinnerte sich in seinen Memoiren: "Solch ehrlicher Jubel ist wohl in der Geschichte dieser Stadt keinem Gast je zuteilgeworden." Das ist wohl wahr. Die Worte Kennedys waren Balsam für die geschundenen Seelen der West-Berliner, die ohnmächtig den Bau der Mauer hatten hinnehmen müssen. Die Frontstädter verdrängten zwar die Gefährdung ihrer Insel durch die Kommunisten so gut es ging, doch die Lage West-Berlins war ausgesprochen prekär.

Mutter in Tränen

Das Haus, neben dem meine Familie damals in Berlin-Lichterfelde wohnte, stand leer, die Eigentümer waren nach Westdeutschland geflüchtet. Etliche Häuser in der Nachbarschaft standen zum Verkauf. Meine Mutter hatte für mehrere Monate Büchsen mit "Senatsgulasch", Klopapier und andere Vorräte im Keller eingelagert. Für den Fall, dass die Russen West-Berlin wieder von der Bundesrepublik abschneiden würden, so wie bei der Blockade 1948 und 1949.

Zwar war die Kuba-Krise überstanden und John F. Kennedy hatte die Führung der Sowjetunion dazu gebracht, ihre Raketen wieder aus der Karibik abzuziehen, doch Nikita Chruschtschow, der starke Mann der Sowjets, hatte angedroht, dass er das Berlin-Problem bis zum Ende des Jahres lösen werde. Vor diesem Hintergrund sahen die West-Berliner die Solidaritätsbekundung Kennedys wie eine Lebensversicherung.

Aber John F. Kennedy war nicht nur deshalb so populär, weil er die Sicherheit West-Berlins garantierte. Für die westdeutsche Kriegsgeneration war er der größte Hoffnungsträger in der Politik weltweit. Bundeskanzler Adenauer war ein 87 Jahre alter Greis. Kennedy war 46, ein moderner Mann. Und dann seine Frau! Jacqueline, beziehungsweise Jackie, aus dem New Yorker Geldadel, war eine Stilikone. Die beiden Kennedys waren Pop. Der französische Schriftsteller Jean Cocteau schrieb an Jackie: "Ihr Lächeln ist für mich viel schöner als das der Mona Lisa."

Bei seinem Besuch in Berlin hielt Kennedy auch noch eine politische Rede im Audimax der FU, besuchte die amerikanischen Truppen in Zehlendorf und flog um 17.30 Uhr weiter nach Dublin. Im "Tagesspiegel" hieß es am nächsten Tag: "Das Echo dieser acht Stunden wird in der Geschichte immer nachhallen."

Als ich knapp fünf Monate später, am 22. November 1963, aus der Schule nach Hause kam, war meine Mutter in Tränen aufgelöst. Im Radio lief eine Sondersendung. John F. Kennedy war in Dallas, Texas erschossen worden. Mich, den Achtjährigen, erfüllte da weniger Trauer als Stolz. Ganz genau konnte ich mich an sein Gesicht erinnern, als er im Cabriolet vorbeigefahren war, an sein strahlendes Lächeln. Und jetzt war er tot. Wie aufregend.

Zum Weiterlesen:

John Provan: "Ich bin ein Berliner. John F. Kennedys Deutschlandbesuch 1963". Berlin Story Verlag, Berlin 2013, 94 Seiten.

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1.
Georg Schmidt, 24.06.2013
man darf nicht vergessen-als die Mauer gebaut wurde, ging JFK segeln, Barndt rief verzweifelt aus: die USA lassen uns im Stich, erst nach einigen Anläufen flog JFK überhaupt nach Berlin-also, so toll, war das nun alles nicht! Ihr Schmidt Georg
2.
Bernd Zocher, 23.06.2013
Sehr hübsch geschrieben, her Sontheimer, aber war der Song nicht eher "John Browns Body", der mit "Halle-halle-juja" endet, nach dem Sie gesungen haben? Mit den Saints funktionierts nicht so richtig; probiern Sie's mal. Schöne Grüsse Bernd Zocher
3.
Rolf Hilke, 23.06.2013
Die Eindrücke von Michael Sontheimer kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Damals stand ich, nicht mit Fähnchen, sondern mit meiner meiner Mutter und der neuen Agfa Click II Rollfilmkamera vormittags am Rand der Scharnweberstraße in Reinickendorf. Einen Tag vor meinem 10. Geburtstag schoss ich ein wirklich gutes Bild der drei Politiker und ärgere mich heute noch darüber, dass es leider verloren ging. Die Stimmung in Berlin war damals schon sehr außergewöhnlich. Es brauchte keine Propaganda, um kommunistenfeindlich eingestellt zu sein. Berlin war nicht erst seit dem 13.8.61 hoch politisiert. Seit der Blockade hatten die Berliner nur wenige wirkliche Freunde ? die Westalliierten und hier natürlich besonders die Amerikaner. Dass Adenauer mit in dem Wagen fuhr war nur schwer erträglich. Wer sehr genau den Ablauf der Kundgebung am Schöneber Rathaus verfolgt kann die Spannung während der Worte von Adenauer spüren. Er tat gut daran, sich sehr kurz zu halten. Noch ein, zwei Sätze mehr und er hätte ein Pfeifkonzert á la Kohl 1989 gehört? Nachdem ich am 22.11.63 am späten Nachmittag zum Turnverein ging schwirrte mir immer noch die Nachricht aus Dallas im Kopf herum. Ich blieb stehen und weinte.
4.
Holly Rahlens, 24.06.2013
Michael Sontheimer und Leser Rolf Hilke machen den gleichen Denkfehler: Erst abends hat man in Deutschland am Freitag, den 22. November 1963, vom Kennedytod erfahren können, denn erst gegen 14:40 Eastern Standard Time wurde es veröffentlicht (wir haben es in der Schule in New York gegen ca. 15h erfahren). Dies bedeutet, dass erst gegen 21 Uhr hat man es in Europa mitbekommen. So kam Michael Sontheimer höchstwahrscheinlich nicht von der Schule, als er seine Mutter weinen sah (es sei denn, es war am Samstag, den 23.11. ? hatten achtjährige Kinder Schule am Samstag?). Und Leser Hilke ging dann vermutlich ebenfalls am Samstag zum Turnverein. Nonetheless: ein spannendes Thema. Many thanks an Sontheimer für den Beitrag.
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