Kent-State-Massaker Schüsse auf Studenten

Am 4. Mai 1970 erschossen Nationalgardisten im US-Bundesstaat Ohio ohne ersichtlichen Grund vier Studenten, die gegen den Einmarsch von US-Truppen in Kambodscha protestierten. Das Kent-State-Massaker schockierte Amerika - und war der Anfang vom Ende des Präsidenten Richard Nixon.

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Furchterregend sahen die Soldaten der Nationalgarde aus, die am 4. Mai 1970 auf dem Campus der State University im US-Bundesstaat Ohio aufmarschierten. Sie trugen schwarze Uniformen und Masken zum Schutz gegen das Tränengas, das sie verschossen. Die Leitung der Universität hatte Flugblätter verteilen lassen, dass jegliche Demonstrationen auf dem Campus verboten seien.

Die Nationalgardisten versuchten, ein paar hundert Studenten zu zerstreuen, die sich das Recht nicht nehmen ließen, gegen den Einmarsch von US-Truppen in Kambodscha zu demonstrieren. Eine Gruppe von rund 70 Soldaten marschierte erst auf die Protestierenden zu, zog sich dann aber - nachdem Demonstranten ein paar Steine in ihre Richtung geworfen hatten - auf einen kleinen Hügel zurück.

Bis zu diesem Zeitpunkt handelte es sich um eine Konfrontation zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften, wie sie im Jahr 1970, im Rahmen der weltweiten Proteste gegen den Vietnam-Krieg, nichts Ungewöhnliches war. Doch kaum hatten die Nationalgardisten den Hügel erklommen, geschah etwas Unglaubliches. 28 von ihnen drehten sich um und begannen mit Gewehren und Pistolen auf die Studenten zu schießen. Innerhalb von 13 Sekunden gaben sie über 60 Schüsse ab - und sie schossen nicht mit Platzpatronen, wie die Studenten glaubten. Als sie aufhörten zu feuern, lagen vier Studenten sterbend auf dem Boden, 13 waren verwundet.

"Four dead in Ohio"

Auf das Kent-State-Massaker wie es genannt wurde, folgten die größten Streiks von Studenten in der amerikanischen Geschichte. Als der Rockmusiker Neil Young das Cover des "Time"-Magazins mit dem Foto eines in seinem Blut liegenden toten Studenten sah, schrieb er spontan einen Song mit dem Titel "Ohio". Er begann mit den Zeilen: "Tin soldiers and Nixon coming, we are finally on our own. This summer I hear the drumming, four dead in Ohio."

Richard Nixon war der Mann, gegen den sich die Proteste der Studenten und anderer Gegner des Krieges in Vietnam vor allem richteten. Der Republikaner hatte im Herbst 1968 die Präsidentenwahlen auch deshalb gewonnen, weil er den Rückzug der amerikanischen Truppen aus Indochina versprochen hatte. Doch zusammen mit seinem Sicherheitsberater Henry Kissinger verfolgte er eine widersprüchliche Politik. Wie erst später im Zuge der Watergate-Affäre enthüllt wurde, gestattete Nixon der U.S. Air Force bereits im März 1969, unter höchster Geheimhaltung das neutrale Kambodscha zu bombardieren. Im April 1970 schickte er dann Soldaten von Südvietnam aus in das Nachbarland. Sie sollten dort nordvietnamesische Truppen und die Vietcong ausschalten, die sich in die Grenzregion zurückgezogen hatten.

Am Abend des 30. April 1970 wandte sich Nixon mit einer live im Fernsehen und Radio übertragenen Ansprache an "meine amerikanischen Landsleute". Wie ein Lehrer versuchte er mittels eines langen Zeigestocks und einer Landkarte Kambodschas zu demonstrieren, dass die Invasion nötig sei, "um unsere Männer in Vietnam zu schützen und den weiteren Erfolg unseres Rückzug und des Vietnamisierungsprogramms zu garantieren".

Die Nationalgarde wird angefordert

Kriegsgegner im ganzen Land, vor allem Studenten, die eine Einberufung und den Marschbefehl nach Vietnam fürchteten, waren empört über die völkerrechtswidrige Ausweitung des Krieges. An der Kent State University kamen am Tag nach Nixons Ansprache rund 500 Kriegsgegner auf dem "Common" zusammen, einer großen Wiese auf dem Campus. Sie klagten Nixon an, dass er ohne Zustimmung des Kongresses Truppen nach Kambodscha geschickt hatte. Sie verbrannten die Verfassung. Drei Tage später, so hieß es zum Schluss, sollte erneut demonstriert werden.

Am Abend kam es im Zentrum der Kleinstadt Kent zu Unruhen, die allerdings weniger vom politischen Bewusstsein als durch Mengen von Bier angefacht wurden. Aufrührer warfen Flaschen auf Polizisten, plünderten ein paar Läden und zündeten ein Feuer auf der Straße an. Nach einer Stunde hatte die Polizei die Ordnung wiederhergestellt. Leroy Satrom, der Bürgermeister von Kent, rief dennoch am Tag darauf beim Gouverneur von Ohio an und bat um die Entsendung der Nationalgarde, einer Reservistentruppe der U.S. Army.

Am Sonntag, den 3. Mai, hatten an die tausend Nationalgardisten den Campus der Universität besetzt. Auf einer Pressekonferenz goss Gouverneur Jim Rhodes Öl ins Feuer: "Sie sind schlimmer als die Braunhemden und die kommunistischen Elemente", sagte der Republikaner über die Kriegsgegner. "Sie sind die übelste Sorte von Leuten, die wir in Amerika beherbergen. Ich denke, wir stehen gegen die stärkste, am besten trainierte militante revolutionäre Gruppe, die sich jemals in Amerika versammelt hat."

"Schweine, runter vom Campus"

Rund 3000 Studenten hatten sich am Vormittag des 4. Mai auf dem Common der State University eingefunden; bei rund 500 handelte es sich um überzeugte Kriegsgegner, die einer Konfrontation nicht aus dem Wege gehen wollten, etwa 1000 waren Sympathisanten und vielleicht 1500 Schaulustige.

Kurz vor 12 Uhr mittags beschloss General Robert Canterbury, der Kommandeur der Nationalgardisten, die Studentengruppe zu zerstreuen. Er ließ einen Jeep zu den Demonstranten fahren, von dem herab ein Nationalgardist durch ein Megafon das Ende des Protests forderte. Doch Demonstranten warfen Steine und riefen "Schweine, runter vom Campus". Insgesamt 77 Nationalgardisten rückten dann gegen die Demonstranten aus. Die meisten hatten an ihre M1-Gewehre Bajonette gesteckt. Sie schossen mit Tränengas und marschierten bis zu einem Football-Feld vor.

Auf ihrem Rückzug, um 12.24 Uhr, fielen die tödlichen Schüsse. Es konnte allerdings nie aufgeklärt werden, ob jemand - und falls ja, wer - den Befehl zum Schießen gegeben hatte. Die Studenten Alison Krause und Jeffrey Miller, die nach den Salven tot liegen blieben, zählten zu den Demonstranten. Sandra Scheuer und William Knox Schroeder waren nur auf dem Weg zu Lehrveranstaltungen. Die Ermordeten waren im Schnitt mehr als 110 Meter von den Schützen entfernt. Drei von ihnen waren jüdisch.

Ein Richter lehnt es ab, Anklage zu erheben

Zur fotografischen Ikone des Massakers wurde ein Bild, das ein 14-jähriges Mädchen zeigt, das vor dem in seinem Blut liegenden Jeffrey Miller kniet und aufschreit. Ihn hatte ein Schuss in den Mund getötet.

Amerika war schockiert. An mehr als 450 Universitäten und Colleges traten die Studenten in einen Streik, um gegen das Massaker zu protestieren. Neil Young schrieb seinen emblematischen Song "Ohio", den er mit seinen Kollegen David Crosby, Stephen Stills und Graham Nash aufnahm. Doch viele Radiostationen weigerten sich, ihn zu spielen.

Als sich rund 100.000 Demonstranten fünf Tage nach den Todesschüssen in Washington D.C. versammelten, floh Präsident Nixon nach Camp David. Nach Meinung seines wichtigsten Beraters Bob Haldemann begann mit den Schüssen in Ohio der unaufhaltsame Niedergang des umstrittenen Präsidenten, der mit dem Rücktritt im Angesicht der Watergate-Affäre im August 1974 seinen Endpunkt fand.

Die Versuche aufzuklären, warum es zu den Schüssen kam, zogen sich über mehrere Jahre hin. Nationalgardisten bezeugten, sie hätten sich selbst verteidigen müssen. Von einem Scharfschützen war die Rede, der aus dem Hinterhalt die Soldaten beschossen habe, doch es wurde nicht das geringste Indiz dafür gefunden. Eine vom Präsidenten eingesetzte Untersuchungskommission kam zu dem Ergebnis, dass die Schüsse "unnötig, ungerechtfertigt und unentschuldbar" waren.

Ein Richter lehnte es allerdings 1974 ab, Anklage gegen acht Nationalgardisten zu erheben, die geschossen hatten. Der Tod der vier Studenten blieb ungesühnt - so wie der Tod von Benno Ohnesorg, des West-Berliner Studenten, der am 2. Juni 1967 von dem Polizisten und Stasi-Agenten Karl-Heinz Kurras bei einer Demonstration erschossen wurde.

Immerhin erinnert seit mehr als zehn Jahren auf dem Campus der Universität in Kent ein Denkmal an die Toten. Im Februar dieses Jahres stellte auch die für Nationalparks zuständige Behörde den Schauplatz dieser amerikanischen Tragödie unter ihren Schutz.



insgesamt 5 Beiträge
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Florian Greiner, 04.05.2010
1.
Unaufhaltsamer Niedergang der Präsidentschaft Nixons nach dem "Kent State Massakter"? Merkwürdig, den ihren Höhepunkt hatte die Präsidentschaft doch erst 1972, als Nixon mit dem Rekordvorsprung von 18 Millionen Stimmen wiedergewählt wurde - im Übrigen gegen einen demokratischen Kandidaten, der einen Anti-Kriegs-Wahlkampf geführt hatte... Hätte man vielleicht erwähnen sollen, auch um zu zeigen, dass das Massaker zeitgenössisch vielleicht nicht ganz so dramatisch und einschneidend wahrgenommen wurde wie in der historischen Retroperspektive.
Alex Knoll, 05.05.2010
2.
Neutral war Kambodscha 1970 nur auf dem Papier. Die Kommunisten aus Nordvietnam nutzten den Nordosten des Landes als Nachschubkorridor und Basis für Angriffe auf Südvietnam. Kambodscha war militärisch nicht in der Lage das zu verhindern. Das von der Sowjetunion und der VR China hochgerüstete Nordvietnam war der kambodschanischen Armee haushoch überlegen. Die amerikanisch-südvietnamesische Intervention gegen diese Nachschubwege war daher nicht so überraschend und schon gar nicht "völkerrechtswidrig".
Michael Sontheimer, 14.07.2010
3.
Lieber Alex Knoll, Sie haben Recht damit, dass Prinz Sihanouk und die Kambodschaner den Ausbau des Ho-Tschi-Minh-Pfades durch die Vietnamesen schlicht nicht verhindern konnten, aber die Invasion eines Landes durch Truppen, das einem nicht den Krieg erklärt hat oder dem man nicht den Krieg erklärt hat, ist schlicht "völkerrechtswidrig".
Michael Sontheimer, 14.07.2010
4.
Lieber Florian Greiner, die Einschätzung, dass mit dem "Kent State Massacre" der Niedergang Nixons habe ich mir nicht einfach so ausgedacht. Nixons Berater Kenneth Adelman ist zum Beispiel auch dieser Auffassung,
Markus Bartelmeß, 13.10.2017
5. Nixons Zeigestock
"...Wie ein Lehrer versuchte er mittels eines langen Zeigestocks und einer Landkarte Kambodschas zu demonstrieren, dass die Invasion nötig sei ..." Der Zeigestock ist der Fantasie des Autors entsprungen, zumindest findet sich keiner im Video der Nixon Fundation von der Ansprache, ein bedrückendes Zeitdokument bleibt es weiterhin. Siehe https://www.youtube.com/watch?v=3cAAnoqmksg
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