Kernkraft damals Abgefahren aufs Atom

Schwarz-Gelb regiert - kommt das Comeback der Atomkraft? So extrem wie in den fünfziger Jahren wird es kaum werden. Damals tüftelten Techniker an Autos mit Atomantrieb, Reaktoren für den Heizkeller oder Nuklear-Baukästen für Kinder. Und nicht nur Politiker sahen im Atom den Retter des Weltfriedens.

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Im Grunde war die Idee ja nicht schlecht: Sage und schreibe 5000 Kilometer am Stück sollte das formschöne Gefährt zurücklegen können, und das bei 150 Kilometern pro Stunde - schlecht nur, wenn ein Mitfahrer zwischendurch hätte pinkeln müssen. Das Design des Wunderautos war traumhaft futuristisch, und noch heute wirkt der Wagen in Form eines rechteckigen Kaudragees mit kecken Heckflossen und Glaskuppel irgendwie avantgardistisch. Fulgur, zu deutsch Blitz, hieß der Prototyp, mit dem der französische Autobauer Simca 1958 Furore machte: Statt Benzin sollte ein Atomreaktor im Miniaturformat mit vier Brennstäben den Blitz auf vier Rädern antreiben.

Was heute nach abgedrehter Science-Fiction-Requisite klingt, war in den fünfziger Jahren durchaus ernst gemeint. Ungeahnt schienen die Möglichkeiten, die sich durch die Entdeckung der Kernenergie auftaten. Das Atomauto war nur eine davon - und keineswegs nur in den Werkstätten von Simca verfolgt. Im gleichen Jahr stellte der US-Autogigant Ford sein Modell Nucleon vor, dessen Modellbezeichnung bereits Ausdruck der glühenden Atommanie der Nachkriegsjahre war.

Viel hatte es nicht gebraucht, um sie zu entfachen - erstaunlich angesichts des Grauens, das die amerikanischen Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki 1945 ausgelöst hatten. 1949 hatte auch die Sowjetunion ihre erste A-Bombe getestet. US-Präsident Dwight D. Eisenhower befürchtete ein atomares Wettrüsten der Supermächte und beschloss, die Welt zum Verzicht auf die Bombe zu bewegen und stattdessen die friedliche Nutzung der Kernenergie als Geschenk für die Menschheit zu propagieren, unter dem Motto "atoms for peace".

1080 Atombomben, in Reihe zu zünden

Die feierliche Bescherung fand 1955 statt. Auf Betreiben der USA veranstalteten die Vereinten Nationen in Genf eine Atomkonferenz. Bis heute gilt dieses Treffen von Atomforschern und Politikern als das wohl folgenreichste der Wissenschaftsgeschichte. Die USA öffneten ihre militärischen Tresore, um atomares Know-how mit denen zu teilen, die der Bombe abschworen. Und die Belohnung war verlockend: Energie für alle Ewigkeit. Entsprechend euphorisch war die Stimmung. Der deutsche Atomphysiker Wolf Häfele sprach später von einem "überschäumenden und unnatürlichen Optimismus", der in Genf geherrscht habe; Bernard Goldschmidt, Mitglied der Pariser Atombehörde, verglich die Konferenz gar mit der Französischen Revolution.

Es waren die Anfänge der friedlichen Atomphysik. Dass auch sie Gefahren birgt, beschäftigte noch niemanden. Eher im Gegenteil: Das eigentliche Risiko sahen die Experten darin, sich die Macht des Atom nicht zunutze zu machen und deswegen den wirtschaftlichen Abstieg zu riskieren. Also forschte man und entwickelte - und heraus kamen die irrwitzigsten Projekte. Was die Erfindung des Penicillins für die Medizin gewesen war, sollte die Kernenergie für die Industriegesellschaft bewirken - eine echte Zeitenwende. Auf der Weltausstellung in Brüssel 1958, der ersten nach dem Zweiten Weltkrieg, wurde die gewaltige Kugelkonstruktion des Atomiums hoch über der belgischen Hauptstadt zum Ausdruck des Lebensgefühls einer ganzen Epoche. Alles schien möglich.

Die Konstruktionspläne der Forscher sprengten bald alle bisherigen Grenzen. Eine XXL-Raumfähre namens Orion mit 400 Metern Durchmesser und acht Millionen Tonnen Gewicht sollte den interplanetaren Flugverkehr in Schwung bringen. Angetrieben wurde das Monster von 1080 Atombomben, die - schnell hintereinander gezündet - das Gefährt zum Mars und wieder zurück katapultieren sollten. Allerdings fand sich einfach keine Lösung für den hochgiftigen Atomstaub, den ein Start in die Atmosphäre geschleudert hätte, selbst wenn Orion von der Arktis aus ins All geschossen worden wäre, wie die Wissenschaftler kurzfristig erwogen. Die ehrgeizigen Blaupausen, 1958 mit schwingender Feder gezeichnet, verschwanden nach sechs Jahren intensiver Forschungsarbeiten in den Tiefen der Archive.

Unfassbarer Energieverbrauch

Britische Forscher arbeiteten derweil an einer Art fliegenden Untertasse, die anhand von "kontrolliert thermonuklearen Fusionen, ausgelöst durch Laserstrahlen" von der Erde abheben sollte. "Wenn man sich heute die Pläne ansieht, dann wirken sie nicht wirklich seriös", sagt Michel van Baal von der Europäischen Raumfahrtbehörde, "diese fliegende Untertasse hätte unfassbar viel Energie gebraucht." Auch sie wurde nie gebaut - wie im Übrigen auch der Simca Fulgur oder der Ford Nucleon: Die Antriebstechnik entpuppte sich als zu schwer und zu teuer. Und auch als zu gefährlich.

Und nicht überall ließen sich die Menschen von der überbordenden Technikbegeisterung anstecken. In den Kinos feierte 1958 Jacques Tatis preisgekrönter Film "Mon Oncle" Erfolge, dessen kauzige Hauptfigur Monsieur Hulot nicht mit der hochtechnisierten Alltagswelt zurechtkommt - vordergründig eine Persiflage, aber auch die Film gewordene Angst vor einer durchautomatisierten Lebenswelt. Und auch unter den Experten gab es sie, mahnende Stimmen gegen die grassierende Nukleareuphorie. Der berühmte US-Atomphysiker J. Robert Oppenheimer warnte davor, Zeit und Geld in die Entwicklung nuklear betriebener Flugzeuge zu investieren. Dass so eine Maschine jemals fliegen könnte, hielt der "Vater der Bombe" für unmöglich.

Doch wer wollte so etwas hören, wenn es dank billigen Atomstroms eines Tages selbst die Eskimos in der Arktis schön warm haben würden? So erträumte es sich zumindest Ernst Bloch. In seinem Hauptwerk "Das Prinzip Hoffung" schwärmte der deutsche Philosoph: "Die Atomenergie schafft aus der Wüste Fruchtland, aus Eis Frühling. Einige hundert Pfund Uranium und Thorium würden ausreichen, die Sahara und die Wüste Gobi verschwinden zu lassen, Sibirien und Nordamerika, Grönland und die Antarktis zur Riviera zu verwandeln." Das neue Atomzeitalter wurde nicht nur von deutschen Intellektuellen begeistert aufgenommen. "Atomenergie kann zu einem Segen für Hunderte von Millionen Menschen werden, die noch im Schatten leben", hieß es im SPD-Atomplan von 1956. Durch die "Hebung des Wohlstands für alle kann die Atomenergie entscheidend helfen, die Demokratie im Innern und den Frieden zwischen den Völkern zu festigen."

Atom-Bastelset fürs Kinderzimmer

Im Wettstreit der skurrilsten Atomideen allerdings hinkte Deutschland hinterher. Erst nachdem die Bundesrepublik 1954 ihre Souveränität erlangt hatte, wurde am 5. Oktober 1955 das Bundesministerium für Atomfragen geschaffen. An seiner Spitze stand CSU-Politiker Franz Josef Strauß, der die Kerntechnik sofort zur Existenzfrage erklärte: "Nur diejenigen Nationen, die Atomanlagen exportieren", erklärte der Minister, "können sich in der vordersten Reihe der Industrienationen behaupten". Sein Nachfolger Siegfried Balke wurde 1956 noch deutlicher: "Wenn wir keine Kernkraftwerke haben, werden wir eines Tages auch keine Staubsauger mehr verkaufen."

1957 wurde in München-Garching der erste Forschungsreaktor in Betrieb genommen - da waren andere, voran die Amerikaner, schon viel weiter. Selbst Kinder ließ man in den USA Anfang der Fünfziger am strahlenden Glück durch friedliche Kernenergie teilhaben - in Gestalt eines Hobby-Atomlabors Marke Eigenbau. Das "Gilbert Atomic Energy Laboratory" enthielt vier uranhaltige Erzproben, dazu einen Geigerzähler und eine Mini-Nebelkammer. 50 US-Dollar kostete der Spaß, allerdings wurde es nur ein Jahr lang verkauft. Heute ist es ein begehrtes Sammlerstück.

Und was ist noch geblieben von der Atomeuphorie der Fünfziger? Bis auf ein paar herrlich exzentrische Baupläne und Abermillionen verbrannter Forschungsgelder nicht sonderlich viel. Denn je mehr zum Thema Kernenergie geforscht wurde, desto klarer wurden deren Nachteile und Gefahren, von den immensen Kosten über die Entsorgung von Nuklearmüll bis zum Alptraum eines GAUs à la Tschernobyl. Vom Simca Fulgur ist immerhin ein Modell in Lebensgröße gebaut worden. Bewunderer des eleganten Fifities-Designs bringt es bis heute zum Strahlen. Auch ohne Brennstäbe.

insgesamt 3 Beiträge
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Michael Kettlitz, 26.10.2009
1.
Oh ja, Züge mit Atomkraft fahren zu lassen, diesen Gedanken gab's auch bei der guten, alten Bundesbahn Mitte der 50er: http://www.lokschuppen-hochdahl.de/galerie/displayimage.php?album=search&cat=0&pos=0 http://www.lokschuppen-hochdahl.de/galerie/displayimage.php?album=search&cat=0&pos=1
Ralf Bülow, 27.10.2009
2.
In die gleiche Ära fällt der Stapellauf (1964) des deutschen Atomfrachters "Otto Hahn", der Jahre später von Lothar-Günther Buchheim im Doku-Roman "Der Abschied" porträtiert wird. Buchheim schrieb über seine atomare Schiffsreise auch einen GEO-Artikel, und es müssten noch viele Fotos dazu im Buchheim-Archiv liegen.
Gernot Spelsberg, 27.10.2009
3.
Ein Atom-Spielkasten für Kinder? Das erinnert sehr an Loriot: "Wir bauen uns ein Atomkraftwerk." Und dann macht es bumm und alle Tiere fallen um. Weihnachten ist das Fest des Kindes.
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