Kevin Keegan beim HSV Die Supermaus

Kevin Keegan beim HSV: Die Supermaus Fotos

So einen spektakulären Deal hatte die Bundesliga noch nicht gesehen: Vor 30 Jahren kaufte der HSV den englischen Fußballstar Kevin Keegan ein. Es war der Beginn einer großen Liebe - die in Verzweiflung umschlug, als er wieder ging. Zurück blieben viele deutsche Jungs, die auf den Namen Kevin hören. Von Martin Sonnleitner

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"Alle sprechen vom Hamburger Super Verein (HSV), ob in England oder in Russland. Der Höhenflug des HSV ist (...) das Beste, das Hamburg zurzeit zu bieten hat."

So schrieb es das "Hamburger Abendblatt" am 13. November 1979. Die Sätze könnten von heute stammen. Der HSV ist derzeit als erster Bayern-Verfolger in der Bundesliga sportlich obenauf - und über Hamburgs Grenzen hinaus beliebt wie eh und je. Doch was der Traditionsclub damals vollbracht hat, ist noch fern: die Krönung des Erfolgskurses mit einem Titel, möglichst der Deutschen Meisterschaft.

Heute heißt der Star des HSV Rafael van der Vaart, "der kleine Engel". Vor 30 Jahren hatten die stolzen Hanseaten ein anderes Idol in ihren Reihen: den Engländer Kevin Keegan, der schon beim FC Liverpool ein Star war und ehrfürchtig "Mighty Mouse" ("Supermaus") gerufen wurde. Keegan gilt beim HSV als Mythos. Er ist auf einer Stufe mit Uwe Seeler - ganz oben also im Olymp, der mit großen Namen bespickten HSV-Ahnengalerie.

Dressierte Seehunde

Seit Mitte der Siebziger waren die Hamburger im Aufwind. Der umtriebige Präsident und spätere Generalmanager Peter Krohn hatte erkannt, dass Fußball ein vermarktungsträchtiges Geschäft ist, dessen größtes Kapital die Spieler sind. Wie dressierte Seehunde präsentierte er vor 20.000 Zuschauern schon zur Saison 1976/77 die Protagonisten in rosafarbenen Trikots im alten Stadion am Rothenbaum. "Fußball ist die Unterhaltung des Jahrhunderts", schwadronierte damals der eloquente hauptberufliche Verleger.

Krohns große Stärke war, dass er nicht nur gerne und viel redete, sondern auch handelte. So wurde den Fans vor der Spielzeit 1977/78 ein großer Coup versprochen. "Immer zu Saisonbeginn wurde nach noch mehr Innovation gelechzt", erinnert sich der damalige HSV-Torwart Rudi Kargus. Immerhin hatte der HSV kurz zuvor im Europapokal der Pokalsieger in einem denkwürdigen Finale von Amsterdam den RSC Anderlecht mit 2:0 besiegt und den Cup gewonnen. Der Verein war ganz oben und wollte sich in diesen höchsten Sphären europäischen Klubfußballs einnisten.

Der Keegan-Wechsel war der spektakulärste Transfer seinerzeit, nicht nur in Hamburg, in der gesamten Bundesliga. 2,3 Millionen Mark Ablösesumme ließen sich die Hanseaten den Kauf der kleinen Wuschelmähne, die mit Liverpool diverse nationale und internationale Titel gewonnen hatte, kosten. Zum ersten Mal überhaupt wurde in der Liga die Zwei-Millionen-Marke geknackt. Immerhin handelte es sich um den Kapitän der englischen Nationalmannschaft.

Visionen vom Fußball 2000

Keegans Start in Hamburg lief allerdings schlechter als erwartet. Kargus berichtet: "Es hat das ganze erste Jahr gedauert." Die mit Brimborium in die Saison gestarteten Rothosen erlebten eine krisenhafte Saison, in der am Ende der den eigenen Ansprüchen nicht gerecht werdende zehnte Platz raus sprang.

Rudi Gutendorf hatte zu Saisonbeginn Kuno Klötzer als Coach abgelöst. Dieser musste trotz des Europapokalsieges gehen, weil er nicht in Krohns Vision vom "Fußball 2000" passte. Gutendorf, ebenfalls um keine Eitelkeit verlegen, wurde aber bereits Ende Oktober 1977 von Arkoc Özcan abgelöst, der den HSV bis zum Saisonende coachte. Noch heute tönt Gutendorf, der Keegan-Transfer sei ausschließlich sein Verdienst gewesen. Auch dass die Mannschaft den Engländer nicht angenommen habe, gehört zu seinen Legenden.

Kargus relativiert: "Dass wir ihn anfangs abgelehnt haben, stimmt nicht. Die Probleme waren eher fußballtaktischer Natur."

19 Jahre warten

Den Durchbruch beim HSV schaffte der nur 1,69 Meter große, extrem laufstarke Wirbelwind dann in der Saison drauf. Der Verein hatte den jugoslawischen Startrainer Branco Zebec verpflichtet. Zunächst wurde Keegan auf Rechtsaußen eingesetzt, "das war er aber nicht", so Kargus über seinen einstigen Teamkollegen. Erst unter Zebec bekam der Topspieler dann alle Freiheiten in der Spielausrichtung, agierte eher hinter den Stürmern. Auch Kargus muss auffällige Parallelen zur Rolle van der Vaarts beim heutigen HSV einräumen. Der Niederländer, gelernter Mittelfeldmann, wurde vom jetzigen Coach Huub Stevens zur hängenden Spitze umfunktioniert und mit allen Freiheiten ausgestattet.

19 Jahre hatten die Fans des Renommierklubs in der Elbmetropole auf die Meisterschaft gewartet, 1979 klappte es endlich. Auch wenn Keegan mindestens ein halbes Dutzend damalige Spitzenakteure an seiner Seite hatte: Er war das Symbol der Meisterschaft, das Idol der Kinder, Jugendlichen, Erwachsenen und Senioren der fußballbegeisterten Hansestadt. Waren es in seiner ersten Saison noch sieben Treffer, erzielte er nun 17 und lehrte den Gegenspielern trotz regelmäßiger Sonderbewachung das Fürchten.

Kargus vergisst nicht zu betonen, dass Keegan "ein durch und durch positiver Mitspieler und Mitmensch" war, "jemand, der die Gemeinschaft gewollt hat". Uwe Seeler: "Er hat sich nichts auf seine Weltklasse eingebildet, das zeichnet große Spieler aus. Keegan war sympathisch, menschlich und bescheiden." Was sich auch auf dem Platz zeigte, denn obwohl der Starspieler 1978 und 1979 Europas Fußballer des Jahres geworden war, bestach die HSV-Mannschaft von damals durch ihre Homogenität und charakterliche Geschlossenheit.

Welche Parallelen gibt es zwischen dem HSV damals und heute, welche zwischen Kevin Keegan und Rafael van der Vaart? Hat der Niederländer das Zeug, in Hamburg unsterblich zu werden? Gilt dies nur, wenn er im Sommer nicht wechselt oder reicht es schon, wenn er sich diese Saison mit dem Meistertitel verabschiedet? Schreiben Sie uns Ihre Meinung!

Hamburg weinte

Wie so viele Liebesgeschichten endete auch die mit Keegan schmerzhaft. Der Abschied des Darlings 1980 kostete bittere Tränen. Zum einen verstanden seine zahlreichen Anhänger nicht, dass die "Mighty Mouse" überhaupt irgendwann einmal Hamburg verlassen könnte. Zum anderen verspielte der HSV im Endspurt einer grandiosen Saison innerhalb einer einzigen Woche alles. Nach einem legendären Halbfinale im Europapokal der Landesmeister gegen Real Madrid (der HSV fegte die Madrilenen mit 5:1 aus dem Volksparkstadion) verlor die Zebec-Elf im Finale als das bessere Team mit 0:1 gegen Nottingham Forest. Wenige Tage später wurde auch noch die Deutsche Meisterschaft vergeigt: Sie ging nach München zum großen Erzrivalen FC Bayern.

Hamburg weinte. Es waren Keegans letzte Tage im Dress mit der Raute auf der Brust. Was blieb? Unsterbliche Nostalgie. Viele deutsche Jungs, die auf den Vornamen Kevin hörten. Eine Mannschaft, die trotz der kleinen Krise vor Selbstbewusstsein strotzte und deren allergrößte Zeit noch kommen sollte. Und eine Hymne, die sich in die Herzen der Hamburger einbrannte. Keegan schmetterte 1979 eine Liebesschnulze, die es sogar in die Top Ten schaffte, produziert von der Popgruppe Smokie: "And it looks like I'm falling all over again head over heels in love with you."

Auch Kargus erinnert sich immer noch gerne an Keegan: "Kevin hat einen total witzigen Humor gehabt. Als er seinen Abschied feierte, sagte er trocken: 'Ich gehe wieder nach England, weil beim HSV der Trainer in der Mitte steht, ich muss im Kreis um ihn rumlaufen. In England ist es genau andersherum.'" Dann habe er gelacht. Die "Mighty Mouse", dessen zwei Töchter in Hamburg zur Welt kamen, war später in England, wo er nach seiner HSV-Zeit noch vier Jahre spielte, als Trainer bei diversen Klubs beschäftigt, 2000 sogar als Nationalcoach. Seit 2005 hat er sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen und dem Fußball den Rücken zugewandt.

Wie wichtig er aber für die Hamburger war - das hat 1980 die "Welt" versucht, in Zahlen zu fassen. Zwischen 4000 und 5000 Fans, schrieb die Zeitung, seien "einst nur wegen des kleinen Engländers nach Bahrenfeld" gepilgert.

Sehen Sie auch:

Der 17-jährige Kevin Keegan im Interview auf YouTube

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1.
kai köpke 28.11.2007
Herr van der Vaart hat das Potenzial mit Herrn Keegan spielerisch gleichzuziehen. Gleichwohl wird er nicht in die Annalen des HSV eingehen: 1. Im Gegensatz zu den späten Siebzigern ist heute Werder Bremen die Großmacht im Fußball-Norden der Republik - der HSV verblasste und verblasst zu stark hinter den erfolgreichen Bremen. 2. Herr van der Vaart hat vor Beginn der Saison den einfachen Fan verschreckt - seine guten Leistungen im Verlauf der Hinrunde machen seine Wechselabsichten nicht vergessen. 3. Der HSV wird auch 2008 keinen Titel nach Hmburg entführen können - und das ist die Voraussetzung für die fußballerische Unsterblichkeit
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