Kim Wilde "Ich hatte genug von der Glitzerwelt"

Ihr Hit "Kids in America" machte sie zu einer Popikone der Achtziger - dabei verdankte sie ihn vor allem ihrer musikalischen Familie. Die britische Sängerin Kim Wilde über Ruhm, Ufos und Landschaftsgärtnerei.

ullstein bild/ United Archives

Ein Interview von


Zur Person
  • Andreas Gebert/ DPA
    Kim Wilde wurde am 18. November 1960 als Kim Smith in Chiswick, London, geboren. Ihr Vater Marty Wilde (bürgerlich: Reginald Smith), ist Rock'n'Roll-Sänger, ihre Mutter Joyce sang ebenfalls. Mit 20 beendete Kim Wilde ihr Kunststudium am St. Albans College vorzeitig und wurde in den Achtzigern mit Hits wie "Kids in America" und "You Keep Me Hangin' On" gefeierter Popstar. 1996 heiratete Wilde den Schauspieler Hal Fowler und wurde Mutter. 2018 erschien ihr neues Album "Here Come the Aliens".

    Tourdaten 2018: 02.10. München, 04.10. Mannheim, 06.10. Köln, 07.10. Bremen, 08.10. Bochum, 09.10. Hamburg, 11.10. Schwalmstadt, 12.10. Hannover, 13.10. Berlin, 15.10. Frankfurt/Main, 16.10. Stuttgart, 17.10. Nürnberg.

einestages: Frau Wilde, als Sie 1981 Ihre Karriere mit "Kids in America" starteten, machten Sie Synthie-Pop, dabei ist ihr Vater Marty Rock'n'Roller. Hat er Sie nicht beeinflusst?

Wilde: Er riet mir zum New-Wave-Sound, weil der total angesagt war. Ich habe mitgemacht, obwohl ich in Wahrheit ein "Rock-Chick" bin. Thin Lizzy war meine Lieblingsband, und ich liebe David Bowie und Elvis. Mein Vater war in den Fünfzigern eines der ersten Rockidole in England, lange bevor es die Beatles gab. Ich vertraute ihm, und es hat funktioniert.

einestages: Ihre Mutter war Sängerin bei The Vernons Girls, ihr Bruder Ricky auch Musiker - ins Showgeschäft sind Sie wohl förmlich reingewachsen?

Wilde: Schon mit zwölf stand ich auf der Bühne, bei einem Konzert meines Vaters. Mit 16 durfte ich als Backgroundsängerin mit ihm touren. Nach der Schule begann ich ein Kunststudium, brach es aber ab. Mich hat das Showbiz angezogen wie das Wasser die Ente. Ich wollte unbedingt singen, aber in einem Background-Chor, wie meine Mutter. Ich war ziemlich schüchtern.

einestages: Hat Sie Ihr Vater zur Popkarriere gedrängt?

Wilde: Im Gegenteil. Er wollte mich vorm Showgeschäft beschützen, denn er wusste, wie es in diesem Haifischbecken zugeht.

einestages: Offenbar vergeblich.

Wilde: Alles begann mit meinem Bruder Ricky, der vom bekannten Produzenten Mickie Most unter Vertrag genommen wurde. Mickie hatte The Animals, The Sweet, Smokie und Suzi Quatro groß gemacht. Er meinte, ich könne im Studio gern mitsingen. Mein Ehrgeiz, selbst zum Star zu werden, hielt sich in Grenzen.

einestages: Aber Most hat Ihr Showtalent erkannt.

Wilde: Er wollte mich auf die Bühne bringen, statt mich im Studio zu verstecken. Mein Bruder hatte zu jener Zeit einen Song auf seinem Mini-Synthesizer komponiert, in unserem Haus in Hertfordshire. Mein Vater lieferte den Text: "We're the Kids in America." Dann wurde beschlossen, dass ich den Song singen solle.

einestages: Er wurde einer der größten Hits der Achtziger. Wie war Ihr Vater auf das "Amerika"-Thema gekommen?

Wilde: Er hatte immer schon ein Faible für das Geburtsland des Rock'n'Roll. Und damals hatte mein Dad gerade eine Dokumentation über Jugendliche in den USA gesehen - wie sie ticken, was sie antreibt, das hatte ihn inspiriert.

einestages: Mit dem Song landeten sie einen Top-30-Hit in den USA, später gelang ihnen dort mit der Supremes-Coverversion "You Keep Me Hangin' On" sogar ein Nummer-1-Erfolg. Durch die USA getourt sind Sie jedoch nie. Warum?

Wilde: Mir reichte der Erfolg in Europa. Ich war hier ständig auf Achse, das war stressig genug. Die USA waren mir zu groß. Außerdem gelten die Amis im Showbiz als besitzergreifend: Wenn du dort einen Vertrag unterschreibst, wird erwartet, dass du immer zur Verfügung stehst und dort in allen TV-Shows auftrittst. Darauf wollte ich mich nicht einlassen.

einestages: In frühen Videos trugen Sie Jeans und T-Shirts, bald darauf knappe Minis und High Heels. Ihre Entscheidung - oder die Ihres Managers?

Wilde: Mit dem Erfolg hatte ich Selbstsicherheit gewonnen und war bereit, mich sexyer zu zeigen. Aufgedrängt wurde mir das nicht. Als "Kids in America" rauskam, hatte ich gerade das College verlassen und trug noch meinen Studentinnen-Look. Außerdem war ich als Teenie, was man im Englischen einen "Tomboy" nennt - ein Mädchen mit Jungs-Attitüde. Mit Anfang 20 wurde ich allmählich zur Frau, ich entdeckte meine weibliche Seite. Meine Outfit-Experimente waren manchmal total daneben, aber mit der Zeit bekam ich ein Gespür dafür, was mir steht.

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Kim Wilde: "Ich hatte genug von der Glitzerwelt"

einestages: Hatten Sie Stil-Vorbilder?

Wilde: Marilyn Monroe. "Manche mögen's heiß" hab ich mir Dutzende Male angesehen und in unserem Wohnzimmer hing ein wunderschönes Monroe-Porträt. Später habe ich nachgeholfen und meine dunkelblonde Mähne heller färben lassen.

einestages: In den Achtzigern zierten dann Poster von Ihnen unzählige Jugendzimmer. Wie sind Sie so jung mit solchem Erfolg umgegangen?

Wilde: In der "Bravo" gab's sogar mal einen Starschnitt von mir in Lebensgröße (lacht). Zum Glück kannte mein Vater sich mit dem Tücken des Geschäfts aus, er war mein bester Berater. Ich wurde britisch diszipliniert und bodenständig erzogen. Auf meinen Erfolg bildete ich mir nie was ein.

einestages: Auch nicht, als Sie 1988 Michael Jackson, der "King of Pop", mit auf Europatour nahm?

Wilde: Ich empfand das als Ehre - der größte Popstar der Welt hatte mich persönlich ausgewählt als Support-Act für seine "Bad"-Tour. Plötzlich stand ich in Stadien vor 60.000 Fans auf der Bühne. Persönlich habe ich ihn dabei leider nur einmal kurz für ein gemeinsames Foto getroffen. Sonst habe ich ihn nur auf der Bühne gesehen. Sein Manager Frank DiLeo erlaubte mir, während Michaels Wahnsinnsshow seitlich auf der Bühne zu stehen, hinter den Bodyguards, die ihn abschotteten. Auf mich wirkte Michael, trotz der Entourage, einsam und isoliert vom Leben. So berühmt wie er wollte ich nie sein, das ist ein schweres Los.

einestages: In den Achtzigern machten Gerüchte über Spannungen zwischen Ihnen und Nena die Runde. Was war da dran?

Wilde: Die deutsche Teenie-Presse wollte eine Rivalität heraufbeschwören - blond gegen brünett, England gegen Deutschland (lacht). Das Gegenteil trat ein: Wir wurden Freundinnen. Nena war es auch, die mich 2003 aus der Versenkung holte mit der Idee zum Duett "Irgendwie, irgendwo, irgendwann". Dass es so ein großer Erfolg wurde, hat mich überrascht und dazu gebracht, wieder Musik zu machen, denn wegen meiner Kinder hatte ich ja aufgehört.

einestages: Wie war das für Sie, als Sie Mitte der Neunziger aus der Popwelt verschwanden?

Wilde: Meine Karriere schien vorbei, aber ich hatte eh genug von der Glitzerwelt. Ich spielte noch im Musical "Tommy" von The Who mit und lernte dabei den Schauspieler Hal Fowler kennen. Wir verliebten uns, heirateten und bekamen zwei Kinder, Harry und Rose-Elisabeth. Meine Priorität war nun, eine gute Mutter zu sein. Als die Kinder alt genug waren, habe ich mein Hobby, die Landschaftsgärtnerei, zum Beruf gemacht und eine TV-Sendung darüber moderiert.

einestages: Landschaftsgärtnerei?

Wilde: Die Welt der Pflanzen faszinierte mich schon immer, als Kind war mein Lieblingsspielplatz der Apfelbaum in unserem winzigen Garten in Greenwich. Als ich neun war, sind wir aufs Land gezogen, in ein Dorf außerhalb Londons. Da gab's einen Gemüsegarten und ringsum Wälder, ich fühlte mich wie im Paradies.

einestages: Auch Malerei gehört zu Ihren Hobbys. Stimmt es, dass Sie mal ein Selbstporträt für ein Albumcover nutzen wollten?

Wilde: Ja, 1990 für die Platte "Love Moves". Aber die Idee habe ich schnell wieder verworfen - weil ich auf dem Bild fast nichts anhatte (lacht). Das, ähem, Kunstwerk habe ich dann lieber versteigert, zugunsten der Krebshilfe.

einestages: In Ostberlin gab es zu DDR-Zeiten mal eine Punk-Band namens "Feeling B", die Ihnen kurz vor dem Mauerfall einen Song gewidmet haben: "Kim Wilde".

Wilde: Nie von ihnen gehört.

einestages: Es waren zwei spätere Rammstein-Mitglieder, Flake und Paul Landers, dabei.

Wilde: Wow, ich fühle mich geehrt. Rammstein kenne ich, ich liebe harten Rock. Bei mir zu Hause drehe ich Metallica bis zum Anschlag auf, zum Leidwesen meiner Nachbarn.

einestages: Sie standen ja sogar schon mit Schockrocker Alice Cooper auf der Bühne - bei den Rock-Meets-Classic-Festivals.

Wilde: Das war cool. Ich liebe Alice. Mit seinem Gehstock, einer Bühnenrequisite, übte er backstage immer seinen Golfschwung. Alice ist echt 'ne Marke. Einmal hat er mich bei "School's Out" an den Haaren gepackt und über die Bühne gezerrt, theatralisch, versteht sich. Er ist der Einzige, der das darf.

einestages: Auch auf Ihrem neuen Album "Here Come the Aliens" sind die Rockeinflüsse unüberhörbar - aber wie kommen Sie auf Außerirdische?

Kim Wilde: In meinem Song "1969", in dem die Zeile "Here come the Aliens" vorkommt, geht es um zwei Dinge. Einmal um die erste Mondlandung im Jahre 1969, die ich als achtjähriges Mädchen mit meinen Eltern nachts am Fernseher live miterlebte, was sehr aufregend war. Und um ein unheimliches Erlebnis im Sommer 2009: Mein Sohn wurde mit Verdacht auf Schweinegrippe im Krankenhaus untersucht. Als wir abends wieder zu Hause waren, bettete ich ihn aufs Sofa, es war gegen zehn. Mein Mann und ich setzten uns raus auf die Terrasse. Plötzlich tauchten zwei Helikopter am Himmel auf mit einem unglaublich hellen Licht außen herum. Ich dachte erst, es sei Polizei. Sie donnerten über unser Haus hinweg - und ich dachte, das war's. Doch das gleißende Licht war noch immer da, hinter einer Wolke, und viel heller als der Mond. Mit einem Mal veränderte das Ding blitzschnell seine Position. Wir konnten keine Konturen erkennen, es war totenstill, wie eine unheimliche Begegnung der dritten Art. Vielleicht war es ja ein Ufo, daher der Titel "Here Come the Aliens". Vielleicht gibt es sie ja wirklich. Und wenn sie kommen, werden sie uns entweder vernichten oder vor der Apokalypse retten.

insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
David Braben, 20.03.2018
1. Weiß zufällig jemand
wer die Lieder auf dem neuen Album geschrieben hat? Ich hatte bis in die frühen 90er alle Kim-Wilde-Platten gekauft und fand sie alle gut (obwohl Love Moves ein paar echte Ausfälle enthält). So legte ich auch arglos 30 DM für das 1995-er-Album "Now and Forever" auf den Kassentisch -- was ich bis heute bereue. Statt der verlässlich guten Ricky-Wilde-Kompositionen befindet sich darauf nur oberflächlicher, langweiliger Schrott. Nach allem, was man jetzt liest, ist Ricky wieder federführend am aktuellen Album beteiligt. Aber bevor ich nicht sicher weiß, ob er nicht wenigstens einen Teil der Lieder geschrieben hat, werde ich es nicht kaufen. Weiß es jemand? Ach ja, kleine Fehler im Artikel: Ganz oben im Abriss steht "Amerika" statt "America". Dann noch "Offenbar Vergeblich" -- das zweite Wort sollte sicherlich klein geschrieben werden.
Johannes Uwe Teichert, 20.03.2018
2. Kim Wilde und ihr Bruder Ricky
Laut Rolling Stone sie selber zusammen mit ihrem Bruder Ricky.
DAvid Gehle, 20.03.2018
3. Was ist denn das mit dieser Landschaftsgärtnerei?
Re Styles von den Tubes, Peter Green, vielleicht gibts noch mehr für die Sammlung...
Hannnelore Ahrens, 20.03.2018
4. Echte Rock'n Rollerin!
Das waren noch Zeiten! Da wurde die Musik noch mit der Hand gemacht und Original gesungen. Danke, Kim Wilde, für die unzähligen tollen Musik-Momente und vielen damit verbundenen Jugend-Erinnerungen. Hanne Ahrens
David Braben, 20.03.2018
5. Komponisten
Ich hatte oben gefragt, wer die Lieder geschrieben hat. Inzwischen habe ich hier http://www.whtimes.co.uk/what-s-on/music/kim-wilde-new-album-here-come-the-aliens-released-1-5438759 eine Auflistung gefunden. Sieht gut aus, ich werde es wohl mal wieder wagen.
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