Absurder Filmdreh von "Kinder des Olymp" Großes Theater!

Kostüme aus Papier, zerstörte Kulissen, Gestapo-Terror: Der Dreh von "Kinder des Olymp" im besetzten Frankreich glich einer Groteske. Als das Meisterwerk 1945 endlich im Kasten war, saß dessen Star hinter Gittern.

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Das Bild: unscharf. Der Ton: dröhnend. Das handverlesene Publikum: unverschämt. Als Filmemacher Marcel Carné und Drehbuchautor Jaques Prévert am 9. März 1945 ihren 182-Minüter "Les Enfants du Paradis" im vornehmen Pariser Palais de Chaillot präsentierten, lief so einiges schief. Eine halbe Stunde vor Ende der Uraufführung klappten im Saal zahlreiche Sitze hoch und eilten die Menschen Richtung Ausgang, um die letzte Métro zu erwischen.

Wer sitzen blieb, war Regisseur Jaques Feyder, Carnés alter Mentor. Auf die bange Frage Carnés, wie er den Film denn gefunden habe, erwiderte Regisseur Feyder schneidend: "C'est pas mal." Nicht schlecht also. Zu Deutsch: fürchterlich. Am schwersten jedoch wog an jenem verkorksten Abend die Abwesenheit des Top-Stars: Hauptdarstellerin Arletty, im Film die von vier Männern gleichzeitig begehrte "Garance", befand sich zum Zeitpunkt der Vorstellung im Schlösschen La Houssaye-en-Brie - unter Hausarrest. "Übrigens: Ich saß im Knast, als die 'Kinder' das Licht erblickten", schreibt die Schauspielerin in ihren Memoiren lakonisch.

Ihr Vergehen: Ausgerechnet die Heldin von "Kinder des Olymp", Monument der geistigen Überlegenheit der Franzosen über den tumben Nazi-Furor, hatte sich mit einem deutschen Offizier eingelassen. Kollaboration mit dem Erzfeind lautete der Vorwurf, bereits im Oktober 1944 war Arletty interniert worden. Doch war dies bei Weitem nicht der einzige Skandal, der auf einem der poetischsten, melancholischsten Filme aller Zeiten lastete: Die gesamte Entstehungsgeschichte glich einem einzigen Kampf. Es grenzt an ein Wunder, dass die Produktion, argwöhnisch beäugt von den deutschen Besatzern und der Vichy-Regierung, überhaupt vollendet werden konnte. Zum ersten Mal drohte das Projekt bereits drei Tage nach Drehstart zu scheitern.

Geldgeber weg, Schauspieler getürmt

Die Arbeiten zu "Kinder des Olymp", einer verwickelten Liebesgeschichte im Pariser Theatermilieu des 19. Jahrhunderts, hatten gerade begonnen - da wurde die Crew vom südfranzösischen Drehort Nizza nach Paris beordert. Der Grund: Im Juli 1943 landeten die Alliierten auf Sizilien, die Produktion wurde kriegsbedingt gestoppt. Verzweifelt bat Carné um eine weitere Woche, vergebens. Und es kam noch schlimmer: Auf einen Schlag war der Regisseur seine Geldgeber los.

Scalera Film, der italienische Co-Produzent, zog sich zurück, nachdem Benito Mussolinis Nachfolger, General Pietro Badoglio, im September 1943 einen Waffenstillstand mit den Alliierten abgeschlossen hatte. Ab sofort waren sämtliche italienisch-französischen Filmprojekte streng untersagt. Und der französische Produzent André Paulvé erhielt Arbeitsverbot, weil die deutschen Besatzer entdeckten hatten, dass einer von Paulvés entfernten Verwandten jüdischer Abstammung war.

Zwei Monate lang schien es, als sei das Projekt tot. Dann stieg die französische Firma Pathé ein und rettete die Finanzierung. Doch bald, nachdem Carné weiterdrehen konnte, türmte einer der Schauspieler: Robert Le Vigan, der den Kleiderhändler Jéricho mimte. Als der Zusammenbruch des Vichy-Regimes abzusehen war, setzte sich der bekennende Judenhasser Le Vigan ab - später sollte er gemeinsam mit dem antisemitischen Schriftsteller Louis-Ferdinand Céline ins deutsche Sigmaringen flüchten. Stoisch besetzte Carné die Rolle neu.

Schuhsohlen aus Holz

Als die Crew im Februar 1944 endlich nach Nizza zurückkehren konnte, um in den eigens errichteten gigantischen Kulissen die Außenaufnahmen zu drehen, musste der Regisseur feststellen, dass ein Sturm die Dekorationen hinweggefegt hatte. 68.000 Arbeitsstunden waren vonnöten gewesen, um die rund 50 Haus- und Theaterfronten des historischen Paris nachzubauen. Nun musste zunächst die monumentale Kulisse repariert werden - und das mitten im Krieg, in Zeiten größter Knappheit.

Aus Mangel an Material musste die Crew vielfach improvisieren, wie sich der Schauspieler Pierre Brasseur erinnert: "In diesem Film, der so prunkvoll wirkt, waren viele Kostüme aus Papier, und das Leder unserer Schuhsohlen war aus Holz. Deshalb mussten fast alle Dialoge nachsynchronisiert werden, denn es war so, als ob Holzpferdchen durchs Studio galoppierten." Immer wieder unterbrach Fliegeralarm die Dreharbeiten. Weil der Strom rationiert war, konnte mitunter nur eine Stunde pro Tag gedreht werden.

Eine bizarre Situation entstand am Set: Einerseits gab Perfektionist Carné das Geld mit vollen Händen aus. Zum Dreh einer bestimmten Szene ließ er einen Blumenstrauß für 30.000 Francs (aktuell: rund 5600 Euro) binden und beschäftigte einen echten Couturier, um die unwiderstehliche Garance einzukleiden.

Andererseits litt die Crew erbärmlichen Hunger, wie Brasseur erinnert, und mussten manche Bankettszenen mehrfach gedreht werden: Die mit Köstlichkeiten übersäten Tische waren oft schon leer gegessen, bevor die Klappe geschlagen wurde. Noch schwerer jedoch als materielle Knappheit und Entbehrung wog der Psychoterror, den die deutschen Besatzer ausübten.

Verhaftung am Filmset

Regelmäßig suchten Gestapo-Spione das Set auf, um Mitglieder der Résistance oder Juden aufzuspüren und zu verhaften. Ein Teil des Teams, allen voran der jüdische Filmkomponist Joseph Kosma sowie der ebenfalls jüdische Szenenbildner Alexandre Trauner, die ihrer Arbeit in aller Heimlichkeit nachgehen mussten, schwebte permanent in Lebensgefahr.

Zudem kontrollierten die Nazis, ob Carné für seine Massenszenen auch den exakt festgelegten Prozentsatz an prodeutschen Komparsen einsetzte. Zwar legte die Filmcrew den Kontrolleuren gefälschte Personallisten vor, doch die Gestapo bediente sich perfider Tricks, um verdächtige Personen zu enttarnen: Am Tag, als die trubelige, finale Karnevalszene gedreht wurde, kamen zwei Spione vorbei und suchten einen Komparsen namens Untel.

Carné ließ den Mann verleugnen, doch die Deutschen insistierten. Die Frau Untels habe einen schweren Unfall gehabt und wolle ihren Mann sehen, bevor sie sterbe. "Unglücklicherweise habe ich die Geschichte geglaubt und ließ den Mann rufen", erinnerte sich Carné. Kaum war Untel im Büro der Regie angelangt, nahm ihn die Gestapo fest. Carné sah das Résistance-Mitglied nie wieder.

Teuerster französischer Film aller Zeiten

58 Millionen Francs (aktuell fast elf Millionen Euro) verschlang die Produktion "Kinder des Olymp" - so viel wie kein französischer Film je zuvor. Als sein Mammutwerk schließlich im Kasten war, trödelte Carné mit der Fertigstellung. Nachdem die Alliierten im Juni 1944 in der Normandie gelandet waren, war er von einer fixen Idee beseelt: Sein Film, erinnert sich Carné, "sollte als der erste des endlich wiedergewonnenen Friedens gezeigt werden."

Am 9. März 1945, einem Freitagabend, war es soweit. Während die US-Air Force die Stadt Tokio mit Napalm bombardierte, erblickten im befreiten Paris die "Kinder des Olymp" das Licht der Welt. Carné hatte es geschafft: Während viele seiner Kollegen nach dem Einmarsch der Deutschen außer Landes geflohen waren, hatte er trotzig ausgeharrt und gezeigt, "dass Frankreich nur militärisch, nicht jedoch geistig besiegt wurde", wie er es später einmal formuliert hat.

54 Wochen lang lief "Kinder des Olymp" im Kino Madeleine, angeblich vergeht noch heute kein Tag in Paris, an dem der Film nicht irgendwo in der Hauptstadt zu sehen ist. Obwohl sich Carnés Mentor Feyder zunächst zurückhaltend äußerte, wurde der Film später vom französischen Kinopapst François Truffaut heiliggesprochen. 1984, sechs Monate vor seinem Tod, bekannte Altmeister Truffaut: "Ich habe 23 Filme gemacht und würde sie alle eintauschen, wenn ich die Chance gehabt hätte, nur diesen einen zu drehen: die 'Kinder des Olymp'."

Und Hauptdarstellerin Arletty, unbestrittener Star des Meisterwerks? Erst im März 1946 kam die Schauspielerin frei, große Filme sollten ihr nie wieder gelingen. "Die Liebe ist doch so einfach", haucht die schöne Garance in Carnés Opus magnum - im wahren Leben ruinierten eben jene großen, wahren Gefühle die Karriere des Ausnahmetalents.



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insgesamt 6 Beiträge
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Steffen Holler, 09.03.2015
1. Recht hat er!
Selbst Woody Allen schliesst sich meiner Meinung an: "Dies ist der schönste Film, den ich jemals (4-5 x) gesehen habe". Vielleicht noch einmal in der überarbeiteten Fassung. Merci Jean-Louis und Marcel u.v.a.
ian sonor, 09.03.2015
2. Wunderschön!
Vielen Dank für den guten Artikel und die vielen Bilder dazu, das wurde auch mal Zeit...(im Spiegel). Nun haben wir richtig große Lust bekommen, den Film wieder einmal anzuschauen, leider für uns nicht in Paris möglich, auch nicht in einem der wundervollen alten Lichtspielhäuser Europas (ja, die gibt's noch), aber dennoch mit viel Spaß und Genuss! Und garantiert ohne Popcorn.
Pierre Delalande, 09.03.2015
3.
ist allerdings nicht Arletty sondern Jean-Louis Barrault, auch wen der in diesem Artikel kaum vorkommt.
Pierre Delalande, 09.03.2015
4.
"unbestrittener Star des Meisterwerks" ist allerdings nicht Arletty, sondern Jean-Louis Barrault, auch wenn der in diesem Artikel kaum vorkommt.
Paul Biwer, 10.03.2015
5. Ein kleiner Witz...
...hat sich bei Übersetzungen eingeschlichen."Monsieur Untel" ist kein Name;es heisst "Herr So-und-so".
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