Kinder im "Dritten Reich" Zwischen Hitlerjugend und Luftangriff

Kinder im "Dritten Reich": Zwischen Hitlerjugend und Luftangriff Fotos
Walter Nies

Teenager an Kanonen, Dreikäsehochs im Luftkampf und blonde Mädels in Reih und Glied: Tausende Kinder erlagen der Faszination des Nazi-Militärdrills, viele wurden traumatisiert. Der Fotograf Walter Nies hat der Generation der Kriegskinder ein Gesicht gegeben: mal propagandistisch, mal tragisch. Von

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"Der Krieg wird nie aufhören. Ich weiß es. Sieben Jahrzehnte Leben haben es mich gelehrt", schreibt Peter Härtling, Jahrgang 1933, in seinem autobiografischen Buch "Leben lernen" über seine Kindheit im Zweiten Weltkrieg und die lebenslangen Spuren kindlicher Kriegs- und Nachkriegserlebnisse. Lange haben die Kriegskinder von einst nicht über ihre Erfahrungen gesprochen. Sie haben ihre Ängste für sich behalten, und sie haben auch nicht über das gesprochen, was sie in der Rückschau positiv sehen.

Wir erleben gegenwärtig einen Erinnerungs-Boom, in dem die Geburtsjahrgänge 1929/30 bis 1945/47 als Altersgruppe mit ganz bestimmten Erfahrungsgeschichten wahrgenommen werden: Sie haben Bombenangriffe, Evakuierungen, Flucht und Vertreibung, lang anhaltende oder dauernde väterliche Abwesenheit erlebt. Ungefähr ein Viertel aller Kinder in Deutschland wuchs nach dem Zweiten Weltkrieg auf Dauer ohne Vater auf. Etwa ein Drittel der Kinder dieser Altersgruppe galt als traumatisiert, ein weiteres Drittel machte belastende Erfahrungen, für ein weiteres Drittel galt all dies nicht. Kriegskinder haben also nicht dieselben, sondern ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht.

Das mentale Gepäck

Die Vielfalt der Erlebnisse und die Widersprüchlichkeit von Erfahrungsgeschichten spiegelt sich in Bildern wider. Fotografien, die Kriegskindheitserfahrungen zeigen, werden von denjenigen, die sich selbst und ihr Leben in diesen Bildern wiederfinden, in besonderer Weise wahrgenommen - anders als von Nachgeborenen, für die die Fotos dokumentarischen Wert als Zeitzeugnisse besitzen. Solche Bilder können bei Menschen, die zur Generation der Kriegskinder des Zweiten Weltkriegs gehören, Situationen der Vergangenheit vergegenwärtigen, Erlebtes bewusst machen, Erinnerungen wachrufen, Gefühle wecken, Ängste neu beleben. Sie gehören zu ihrem "mentalen Gepäck". Und sie üben noch heute, nach rund sechzig Jahren, eine unmittelbare emotionale Wirkung auf ehemalige Kriegskinder aus. Zeitzeugen werden beim Anblick solcher Bilder, die oft innere Bilder sind, überwältigt. Andere erinnern sich gerne zurück. Auf jeden Fall wird in den Bildern für sie "das Kind, das ich gewesen bin" greifbar.

In dem umfangreichen Bildbestand des westfälischen Fotografen Walter Nies, der zwischen 1941 und 1952 entstanden ist, befinden sich zahlreiche Fotos, die Kinder und Jugendliche in den Jahren des Zweiten Weltkriegs und in der unmittelbaren Nachkriegszeit zeigen, an denen sich also das Thema Kriegskindheit fotografisch differenzieren lässt. Der Bestand enthält Bilder, die deutlich machen, dass Kriegskindheit und -jugend in Deutschland auch bedeutete, nach nationalsozialistischen Maßstäben erzogen zu werden: vor allem in der Hitlerjugend (HJ) oder im Bund deutscher Mädel (BDM). Walter Nies hat in den Jahren vor 1945 offiziell für die HJ fotografiert: Jungen in der HJ, Mädchen im Landjahr, BDM-Mädchen.

Erziehung für die "Heimatfront"

Die HJ- und BDM-Fotomotive bedürfen eines kritischen Blicks, denn auf zahlreichen Bildern wird ein Idealbild vermittelt, das heute problematisch erscheint. So versuchen die Motive beispielsweise zu untermauern, dass das Dritte Reich nicht nur erkämpft, sondern auch "ersungen" und "erspielt" wurde. Die Bildausschnitte, insbesondere Ehrungen von Hitlerjungen, finden Parallelen bei offiziellen Parteifotografen wie Heinrich Hoffmann. Die Bilder zeigen auch, dass die nationalsozialistische Erziehung im Dienste einer gleichgeschalteten "Volksgemeinschaft" erfolgte: die Erziehung für den Kriegseinsatz von Kindern und Jugendlichen an der "Heimatfront". Erst bei genauerem Hinsehen wird deutlich: Fotos von Luftwaffenhelfern oder Kinderlandverschickungen verdeutlichen vor allem den näherrückenden Krieg.

In den Aufnahmen, die zum Kriegsende entstanden, werden immer wieder traumatische Aspekte von Kriegskindheiten thematisiert. Fotos von Kindern im Krieg eignen sich offenbar besonders dazu, beim Betrachter Emotionen für unschuldige Opfer wachzurufen, an Hilfsbereitschaft zu appellieren und ein Interesse an individuellen Schicksalen zu erzeugen. Manche der Fotos glauben wir schon einmal gesehen zu haben. Das gilt etwa für das greisenhafte Gesicht eines Flüchtlingsjungen: Er verkörpert den "traurigen kleine Jungen" als beispielhaftes Kriegskind. Viele Bilder dokumentieren kindliche Leidenserfahrungen. Sie sind typisch für die Erfahrungen derjenigen, die den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit als Kinder oder Jugendliche erlebten.

Manche der Fotos bilden Kinder in Flüchtlingslagern ab, sie zeigen Kinder, die auf der Flucht ihre Eltern verloren hatten und in Heimen untergebracht wurden. Neben Menschen, die in ihrem Elend Mitleid erregen, werden in den Bildern aber immer auch Zeichen der Hoffnung erkennbar: Menschen laden Hilfsgüter ab, sie nehmen andere Menschen auf, öffnen ihnen Türen, sie versorgen Notleidende und versuchen, Räume der Geborgenheit zu schaffen. Beide Aspekte sind kennzeichnend für das Denken der Nachkriegszeit. Zu den Hoffnungsbildern, die Wunschbilder der Nachkriegszeit abbilden und eine beginnende Normalität zeigen, sind jene Fotos zu rechnen, die jugendliches Gemeinschaftsleben dokumentieren: Kinder, die sich satt essen können, Kinder, für die schulische Normalität wieder zum Alltag gehört, Kinder, die sich erholen können.

Ein Platz im kulturellen Gedächtnis

Walter Nies' Bilder von Jugendlagern in der Nachkriegszeit zeigen, dass Freizeitvorstellungen, Lebensstil und Erziehungsnormen sich nach 1945 erst allmählich veränderten. Ähnliche Bilder gibt es bereits für die Zeit vor 1933 und dann bis in die fünfziger Jahre: tanzende, singende Gruppen, Fahnen und Wimpel. Interessanterweise unterscheidet sich die Bildästhetik mancher Aufnahmen aus dem Landjahr im Dritten Reich kaum von denen aus einem Jugendlager nach 1945. Dabei liegt zwischen ihnen eine der größten Schnittlinien in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Erinnerung wird oftmals durch Fotos und Filme ausgelöst, in denen sich Menschen wiederfinden, deren Kindheit in die Kriegs- und Nachkriegsjahre nach 1945 fällt. Bilder erzählen Geschichten, die Nachgeborene erst dann verstehen können, wenn sie in zeitgeschichtliche Kontexte eingebettet und wenn Zusammenhänge rekonstruiert werden. Ob die facettenreichen Erfahrungen von Kindern des Zweiten Weltkriegs auch im 21. Jahrhundert gegenwärtig sind, hängt davon ab, ob es gelingt, das Generationengedächtnis zu bewahren. Die Frage, wie wir mit den Bildern dieser Zeit und dieser Generation umgehen, entscheidet darüber, ob die Generation der Kriegskinder in unserem "kulturellen Gedächtnis" des 21. Jahrhunderts einen Platz hat.

Barbara Stambolis ist Professorin für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Paderborn. Sie beschäftigt sich mit Kultur-, Mentalitäten- und Sozialgeschichte und hat zahlreiche Beiträge zur Jugend- und Generationengeschichte im 20. Jahrhundert und zum Thema Kindheit im Zweiten Weltkrieg veröffentlicht.

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1.
Timo Voelker, 14.01.2008
Eine Anmerkung zu Bild 4 (Am Rand: Eine ungewöhnliche Aufnahme. Ein Orchester der Hitlerjugend spielt bei einem Gebietssportfest 1944 in Lüdenscheid, die kleineren Kinder schauen von der Seite zu.). Ich glaube dies ist auf dem Platz vor dem Rathaus in Witten an der Ruhr aufgenommen.
2.
Ferdinand Schumacher, 14.01.2008
Ferdinand Schumacher. Auf dem Bild Nr. 1 ist am Gewehr ein HJ Mitglied zu erkennen. Diese Person ist mindestens 14 Jahre alt. Aber selbst jüngere Leute wurden mit der Waffe vertraut gemacht. Wir als Pimpfe(Jungvolk unter 14 Jahre) mussten ebenfalls mit Luftgewehren üben. Die praktischen Übungen im Gelände wie was macht wenn Panzer von Links kommen ? Oder lernen von Flaggensignale und Morsezeichen. Die gehörten ebenfalls zur vormilitärischen Ausbildung. Diese wurden auch in den KLV Lager durchgeführt. Meine Erfahrung in einer dieser KLV Lager ist unter Heimweh und Heublumentee aufgeführt.
3.
Karl Cervik, 17.01.2008
Karl Cervik *15.10.1931 Wir hatten im Heim in Würzburg 1944 Besuch eines verwundeten SS-Soldaten, der uns die Vorzüge eines Beitritts zur Waffen-SS vermitteln wollte. Von seinen Erzählungen waren wir begeistert. Folglich trugen wir uns alle in Listen ein - ich meldete mich zur Gebirgsjäger-SS. War wohl von den Vorgängen in Norwegen angetan. Natürlich viel im März 1945 alles ab, was man uns aufocktroiert hatte. Der Spuk war zu Ende. Ich habe diese Erlebnisse in meinem Buch beschrieben: Der Abnahmebeschluss. Eine Kindheit in den nationalsozialistischen Fürsorge und Erziehungsheimen in den Gauen Wien, Niederdonau und Mainfranken. Eine Spurensuche (bei BOD Norderstdedt). Freundliche Grüße
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