Kinderarbeit in den USA Kleine Sklaven

Kinderarbeit in den USA: Kleine Sklaven Fotos

Er fotografierte Achtjährige, die in Fabriken und Minen schuften: Anfang des 20. Jahrhunderts machte Lewis Hine schockierende Aufnahmen von ausgebeuteten Kindern. Dabei brachte er sich immer wieder in Gefahr und musste Fabrikbosse austricksen - doch seine berührenden Bilder veränderten Amerika. Von

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Rastlos war er unterwegs, bis zu 80.000 Kilometer im Jahr fuhr er quer durch die USA. Ein Jahrzehnt lang, von 1908 bis 1918. Und dann musste er auch noch auf der Hut sein. Schließlich konnte er die Fabrikbetreiber nicht einfach fragen: Guten Tag, darf ich mal kurz Ihre Kindersklaven fotografieren? Denn für nichts anderes hielt er das stetig wachsende Heer von Amerikas Kinderarbeitern.

Also trat Lewis Hine betont harmlos auf. Um in die Minen, Spinnereien oder Manufakturen zu gelangen, tarnte er sich mal als seriöser Versicherungsagent, dann wieder als fliegender Postkartenhändler. In den frommen US-Bundesstaaten erschlich er sich besonders erfolgreich das Vertrauen, indem er vorgab, den Arbeitern Bibeln verkaufen zu wollen.

Und irgendwie befand sich Lewis Hine ja auch auf einer Art heiligen Mission, zumindest betrieb er seinen Auftrag mit geradezu religiösem Eifer. Schließlich ging es ihm um nichts weniger als die Abschaffung der grassierenden Kinderarbeit. Doch dazu musste er diese Auswüchse erst einmal dokumentieren. Tausendfach. Und möglichst emotional. Denn wenn er wirklich etwas ändern wollte - war Hine sich sicher - musste er die Menschen berühren.

Der Hunger nach Arbeitern

Deshalb nahm Lewis Hine, dieser sonst so nüchterne Pädagoge und Soziologe, immer seine Kamera mit. Sie wurde seine wichtigste Waffe im Kampf gegen die Gier und Verantwortungslosigkeit der Fabrikbetreiber, die Jungs für ein paar Cent den ganzen Tag durch Minenschächte jagten und Mädchen bis zu zwölf Stunden an Webmaschinen hantieren ließen; die in Kauf nahmen, dass Minderjährige sich an glühend heißen Boilern verbrannten und Maschinen ihnen die Gliedmaßen abrissen.

Zwar war Kinderarbeit schon im 19. Jahrhundert in einigen US-Bundesstaaten verboten oder zumindest nur eingeschränkt erlaubt. Doch diese Regelungen wurden kaum kontrolliert und eingehalten; zudem erlaubten sie etliche Ausnahmen. Mit der industriellen Revolution war die Nachfrage nach Arbeitskräften in den boomenden Fabriken und Manufakturen explodiert. Nicht nur in den USA, auch in Großbritannien oder im deutschen Kaiserreich, wurden seitdem Hunderttausende Kinder als Arbeiter eingesetzt.

Berauscht vom rasanten technischen Fortschritt störte sich in den Industriestaaten zunächst kaum jemand an dem Bild von barfüßigen und verdreckten Kindern, die müde und erschöpft aus den Fabriken taumelten. Scheinheilig verkauften Unternehmer die Anstellung von Kindern gar als Wohltaten für verarmte Familien, die schließlich auf jeden zusätzlichen Cent angewiesen seien - was daran lag, dass dieselben Unternehmer sie gnadenlos unterbezahlten und ausbeuteten.

Angst um Amerikas Zukunft

Nach der Volkszählung in den USA gab es im Jahr 1900 mehr als 1,7 Millionen Kinderarbeiter. Damit war jedes sechste Kind zwischen fünf und zehn Jahren betroffen. Erst langsam wuchs das Bewusstsein, dass diese Entwicklung nicht nur moralisch desaströs war, sondern auch ökonomisch: Da wuchs ein Heer von ungebildeten, körperlich ausgezehrten, desillusionierten Bürgern heran, die in ihrem Leben nie etwas anders machen würden, als Baumwolle zu pflücken, Krabben zu pulen und Kohle zu schleppen.

Nach und nach formierte sich dagegen Widerstand. 1904 gründete sich mit dem "National Child Labor Comittee" (NCLC) die erste Lobbyorganisation gegen Kinderarbeit, die wenig später Lewis Hine beauftragte, das Ausmaß der Kinderarbeit fotografisch festzuhalten. Damit begann sein Aufstieg zu einem der Pioniere der sozialdokumentarischen Fotografie.

Der Amerikaner wusste, was Armut bedeutete. Sein Vater war gestorben, als Hine gerade 18 geworden war und seine Highschool beendet hatte. Von nun an musste sich der Teenager selbst durchs Leben schlagen, er jobbte für vier Dollar die Woche täglich dreizehn Stunden in einer Polsterfabrik, später in einer Wasserfilterfabrik. Schließlich hatte er das Glück, Menschen zu begegnen, die ihn förderten.

Frank Manny etwa, einen Professor der Pädagogik. Er ermunterte Hine zum Studium in Chicago, einer Hochburg der Reformer und Liberalen, die der Meinung waren, dass der Staat etwas gegen die massenhafte Verarmung der Arbeiter tun müsse. Hine folgte seinem Rat und fand anschließend eine Anstellung als Lehrer bei der Ethical Culture School in New York, ebenfalls einem Sammelbecken der Reformer. Hier bat ihn sein alter Förderer, sich doch einmal intensiv mit einem neuen Medium der Pädagogik zu beschäftigten: der Fotografie.

Aufrütteln und mobilisieren

Eine Bitte, die nicht nur Hine verändern sollte, sondern langfristig auch einen Beitrag dazu leisten sollte, die Zustände in seiner Heimat zu verbessern. Denn der Lehrer entpuppte sich nicht nur als meisterhaft im Umgang mit der Kamera. Er erkannte auch sofort die riesigen Möglichkeiten der Fotografie als Mittel der Dokumentation, der Emotionalisierung, der Mobilisierung. Mit Fotos, trichterte er seinen Schülern auf Exkursionen immer wieder ein, lasse sich Politik machen.

Mit seinen Aufnahmen von Kinderarbeitern, versuchte Hine das seit 1908 zu beweisen. In der Praxis war das manchmal kompliziert. "Der Eintritt zur Fabrik ist extrem schwierig", notierte er 1909 in der Stadt Augusta im Bundesstaat Georgia. "Die Verantwortlichen weigern sich vehement, mich durchzulassen. Also warte ich neben dem Haupteingang, versteckt in der Dunkelheit der Wälder."

Seine Geduld wurde belohnt: "Um sechs Uhr abends entdeckte ich etwa 35 Jungs, sie schienen so zwischen neun und 14 Jahre alt zu sein. Ich stoppte sie und führte sie für eine Aufnahme um die Ecke. Der Kleinste sagte, er arbeite schon seit Jahren in der Fabrik." Eines von vielen erschütternden Erlebnissen. Wenige Tage später sah Hine in einer Fabrik Kinder, von denen einige "so klein sind, dass sie auf die Rahmen der Webmaschinen klettern müssen, um die gerissenen Fäden zu flicken und die leeren Garnspulen einzuhängen".

Junge Körper, alte Gesichter

Wann immer es ging, versuchte der Sozialdokumentar auch so viel wie möglich über die Lebensumstände der Kinder zu erfahren. Seit wie vielen Jahren arbeiten sie hier? Wie lange am Tag? Sind sie allein hier? Unauffällig maß der Fotograf auch die Größe der Kinder, indem er sich neben sie stellte; die Knöpfe an seiner Jacke dienten ihm dabei als grobe Messlatte.

So entstanden bis 1918 mehr als 5000 Porträts. Sie berühren durch den Kontrast dieser ernsten, oft schon erwachsenen Gesichter, abgebildet in einer völlig unkindlichen, technisierten Umgebung: Zeitungsverkäufer, kaum größer als die Zeitungen, die sie schleppen. Vierjährige, die auf ihren Knien Kartoffeln aus dem Boden graben. Ein krummer Kinderrücken, der einen viel zu großen Korb voller Baumwolle trägt. Darunter betont nüchterne Sätze über die Porträtierten, die die Missstände umso mehr verdeutlichen. "Sprach kein Wort Englisch." Oder: "Fiel in eine Spinnmaschine, seine Hand geriet dabei in ein ungeschütztes Getriebe, das ihm zwei Finger zerquetschte."

Das saß. Die Öffentlichkeit war empört, und Hine fachte die Debatte mit Artikeln und Bildvorträgen weiter an. "Meine Kinderarbeits-Fotos haben bereits bewirkt, dass sich die Behörden die Frage stellen, ob solche Dinge überhaupt möglich sind", schrieb er 1910 zufrieden an seinen Freund Frank Manny. "Die Behörden versuchen, um die Sache herumzukommen, indem sie 'Fälschung' rufen, aber darin liegt der Wert der Daten und Zeugen."

Der Optimismus war verfrüht. Es sollte noch Jahre dauern, bis die Empörung in Reformen und Verboten mündete, und zunächst gelang das nur in einzelnen Bundesstaaten. Ein erster großer Erfolg für die Lobbyarbeit des NCLC war ein Gesetz, das 1916 den Ankauf von Gütern verbot, die durch Kinderarbeit hergestellt worden waren. Allerdings wurde die Regelung später als verfassungswidrig eingestuft. Auch andere Vorstöße scheiterten. Erst der "Fair Labor Standard Act" von 1938 schuf mit einem Arbeitsverbot für unter Sechzehnjährige eine wirksame Regelung gegen Kinderarbeit.

Lewis Hine hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon zwei Jahrzehnte von der NCLC getrennt, die erst durch seine Bilder berühmt geworden war. Der erfolgreiche Fotograf hatte um eine Gehaltserhöhung gebeten, die sein Auftraggeber unwirsch mit einer drastischen Gehaltskürzung beantwortete. Enttäuscht ging Hine nach Europa und machte für das Rote Kreuz das, was er am besten konnte: dokumentieren, diesmal die Folgen des Krieges für die Menschen.

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insgesamt 18 Beiträge
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1.
Steffen Wettengl 12.06.2012
Vielen Dank für den Artikel über Lewis Hine und seine Arbeit. Auf der Seite shorpy.com sind zahllose historische Fotos aus den USA archiviert. Meist in hoher Auflösung. Auch rund 500 von Lewis Hine. http://www.shorpy.com/lewis-hine-photos
2.
Johannes Weinheimer 12.06.2012
"And the star-spangled banner in triumph shall wave O'er the land of the FREE and the home of the brave!" Ja ja..
3.
Kurt Müller 12.06.2012
Sehr berührende Bilder, die allerdings auch eine qualitativ hochwertigere Aufarbeitung verdienen. So wird eine Spulmaschine im Bild mit einem "Webstuhl" verwechselt usw.
4.
Roland Jassenburg 12.06.2012
Besonders bitter stößt dabei auf, dass es etwa zur gleichen Zeit, im Jahre 1908, eine Kampagne in der US-amerikanischen Presse gegen das damalige deutsche Kaiserreich wegen der sogeannten "Schwabenkinder" gab, die für Empörung in der US-amerikanischen Öffentlichkeit sorgte: http://de.wikipedia.org/wiki/Schwabenkinder http://uni-protokolle.de/Lexikon/Schwabenkinder.html .Dabei hätten die USA auch hier wieder Grund gehabt, erst einmal vor der eigenen Türe zu kehren, bevor sie mit dem Finger auf andere zeigen. (Was aber natürlich nichts daran ändert, dass die Kinderarbeit der "Schwabenkinder" ein Skandal war.)
5.
Moritz Moser 12.06.2012
Interessant, dass ausschließlich weiße Kinder gezeigt werden. Wahrscheinlich hätten farbige Sklavenkinder im segretionistischen Amerika der Zeit weniger Empörung ausgelöst. Auch vermeintliche Wohltäter arbeiten manchmal mit Zerrlinsen.
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