Kinderbücher im Ersten Weltkrieg Klein Willi an der Front

Der böse Wolf mit Pickelhaube, das französische Mariannchen unbelehrbar: Mit Beginn des Ersten Weltkriegs hielt die Propagandaschlacht Einzug ins Kinderzimmer. Autoren und Illustratoren schrieben Märchen und Kinderbuchklassiker um - und prägten damit eine ganze Generation.

Bibliothek für Jugendbuchforschung, Goethe-Universität Frankfurt am Main

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Weihnachten 1914: Klein Willi liegt unterm Christbaum und träumt. Er sieht sich selbst, rotwangig und blond, mit deutscher Pickelhaube. In der einen Hand schwingt er den Säbel, in der anderen hält er das Gewehr: "Ach, wenn ich ein Soldat doch wär' […] schöss' ich mit Kugeln und Schrot. Die Feinde alle mausetot!" In seinem nächtlichen Weihnachtstraum metzelt der kindliche Held Willi frohgemut Russen, Franzosen und Engländer nieder. Das Fest des Friedens gerät zum Massaker.

"Hurra!" so lautet der Titel des 1915 in Stuttgart erschienenen Kinderbuchs des Illustrators und Werbegrafikers Herbert Rikli (1880-1939). Das "Kriegs-Bilderbuch", so der Untertitel, ist nur ein Beispiel dafür, wie der Erste Weltkrieg 1914 in die Kinderzimmer einzog. Eine Kriegspropaganda, wie sie so ausgeprägt nicht einmal mehr im Zweiten Weltkrieg zu beobachten war.

Ganz nebenbei klärt Riklis Kinderbuch die Kriegsschuldfrage in zeitgenössischer Interpretation: Die Aggressoren sind die Franzosen, die am Rhein aufmarschieren und denen sich Willi mutig entgegenstellt. Gegen eine Überzahl von Feinden geht er allein - später kommt ihm noch sein Freund Franzl zu Hilfe - aus zahlreichen Schlachten stets siegreich hervor, ob die Gegner nun auf Hasen, Fröschen, Mäusen oder Heuschrecken geritten kommen.

Großmutter und der dreckig-deutsche Isegrim

Nicht nur im Deutschen Reich, auch in allen anderen am Ersten Weltkrieg beteiligten Nationen wurden Kinder wie selbstverständlich zur Zielgruppe der Propaganda. Autoren und Illustratoren schreckten nicht davor zurück, altbekannte Erzählungen umzuschreiben, um auch den Jüngsten frühzeitig die eigene, nationale Sicht auf den Krieg einzuimpfen.

So erschien 1917 in Paris eine Neuausgabe des Rotkäppchen-Märchens. Das Buch präsentierte die Geschichte der Gebrüder Grimm in abgewandelter, dem Kriegs- und dem Feindbild angepasster Form. Französische Kinder sahen den bösen Wolf als dreckig-deutschen Isegrim, der den Namen des damals für Deutsche abwertend gebrauchten französischen Wortes "boche" trug. Dargestellt war das Untier mit Pickelhaube, Eisernem Kreuz und preußisch-blauem Militärmantel. Natürlich verschlang er nicht irgendeine beliebige Großmutter, sondern die "grand-mère de la paix", die "Großmutter des Friedens".

Bereits 1915 wurde der Kinderbuchklassiker "Der Struwwelpeter" von Heinrich Hoffmann, ursprünglich aus dem Jahre 1846, in Deutschland als "Kriegs-Struwwelpeter" verlegt. Darin erschienen die unartigen Kinder (Paulinchen, Zappelphilipp, Suppenkasper und andere) als "Feindstaaten": In der "gar traurigen Geschichte mit dem Feuerzeug" spielt das französische "Mariannchen" trotz der Warnung der beiden Katzen Minz und Maunz, von denen eine den preußischen, die andere den österreichischen Helm trägt, mit dem Feuer. Am Ende bleibt von der leichtsinnigen und unbelehrbaren Marianne nur ein Aschehäuflein übrig.

Krieg als Kinderspiel

Der Krieg prägte die Lebenswelt der Kinder - und die Indoktrination zeigte bald erste Wirkungen. Zeitgenossen berichteten schockiert davon, dass die Kinder auf den Straßen von Berlin und Paris am liebsten nur noch Krieg spielen würden. Andernorts in Europa hätten Kinder zu diesem Zweck sogar begonnen, eigene Schützengräben auszuheben. In Frankreich starben im Juli 1915 ein sechs- und ein siebenjähriger Junge beim Einsturz eines solchen selbst gebauten Schützengrabens.

Doch es blieb nicht beim Spiel. Zahlreiche sogenannte Heldenkinder machten sich in einer Motivmischung aus Kriegsbegeisterung und Abenteuerlust tatsächlich auf den Weg Richtung Front. Berühmt geworden ist die Geschichte der galizischen Bauerntochter Rosa Zenoch. Das zwölfjährige Mädchen versorgte Soldaten in der Schlacht um Lemberg und wurde dabei so schwer verletzt, dass ihr ein Bein amputiert werden musste.

Auch langfristig war die Wirkung der Kinderbücher nicht zu unterschätzen: Oft glitten Darstellungen in blanken Rassismus ab, etwa dann, wenn den deutschen Kindern russische Soldaten stets als verlaust, feige und illoyal und mit fratzenartigen Gesichtszügen präsentiert wurden.

Klein Willis Traum endete übrigens mit einer Siegesparade, in der er mit Lorbeer bekränzt und auf dem Steckenpferd wieder in die Heimat zurückkehrt, bevor er aus dem Bett fällt und erwacht, den Säbel aber weiter fest in der Hand hält: Aus den Kindern des Ersten wurden nur zwei Jahrzehnte später die Soldaten des Zweiten Weltkriegs.

Zum Ansehen:
Die Webseite
der Sammlung "Europeane 1914-1918" bietet die Möglichkeit, das Kinderbuch "Vater ist im Kriege" komplett durchzublättern.
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Dirk Rinnert, 08.10.2014
1. Max und Moritz waren auch im Krieg
Das Freilichtmuseum Wackershofen (Kreis Esslingen) zeigt derzeit im Rahmen einer Sonderausstellung zum ersten Weltkrieg auch ein paar propagandistische Kinderbücher aus dieser Zeit. Eines davon lautet "Max und Moritz im Felde" und passt somit gut in die von Ihnen beschriebene Kategorie der umgeschriebenen oder verfremdeten Kinderbuchklassiker.
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