Kinderfernsehen in der DDR Ach du meine Nase!

Kinderfernsehen in der DDR: Ach du meine Nase! Fotos
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Pittiplatsch, Schnatterinchen und das Sandmännchen: Die Kindersendungen des DDR-TV sollten die Kleinsten zum Singen und Sporttreiben animieren - und die jungen Zuschauer ganz nebenbei auf das sozialistische Leben einschwören. Zum größten Hit wurde ein dreister Ideenklau. Von Steffen Eggebrecht

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Wenn man den Westen mit seinen eigenen Waffen schlagen wollte, musste man schnell sein. Im November 1959 erhielt der Puppengestalter Gerhard Behrendt einen Auftrag von höchster Stelle. Binnen weniger Tage sollte er eine Figur für das Kinderfernsehen der DDR erschaffen. Walter Heynowski, damaliger Programmchef des Deutschen Fernsehfunks, dem Staatsfernsehen der DDR, hatte gerade erfahren, dass in der Bundesrepublik ab dem 1. Dezember eine abendliche Kindersendung ausgestrahlt werden sollte. Ihr Titel: "Das Sandmännchen".

Innerhalb von zwei Wochen erschuf Behrendt das freundliche Männchen mit der roten Mütze und dem langen weißen Spitzbart. Anschließend produzierte er mit einem Team in nur zwei Tagen und Nächten den ersten Trickfilm. Ebenso eilig entstand die Titelmelodie der Sendung. An nur einem Abend schrieb der Komponist Wolfgang Richter die Melodie zu den Strophen von Kinderbuchautor Walter Krumbach. Die Mühe hatte sich gelohnt. Am 22. November, um 18.55 Uhr, streute im DDR-Fernsehen das Männchen zum ersten Mal Sand in die Augen der Kinder - knapp eine Woche vor dem West-Pendant. Der Titel verschleierte kaum, nach welchem Vorbild die Sendung entstanden war. Sie hieß: "Unser Sandmännchen".

Nicht ohne Hintergedanken reagierten die Funktionäre des DDR-Fernsehens auf die Konkurrenz zum eigenen Gute-Nacht-Programm so schnell. Schließlich sollten nicht schon die Kleinsten auf Westfernsehen umschalten. Deshalb musste das Kinderprogramm unbedingt mit dem des Westens mithalten.

Margots singende Pioniere

Auch vor dem Sandmännchen hatte das Kinderfernsehen der DDR seine Stars: Ab Mitte der fünfziger Jahre gehörte Meister Nadelöhr zu den ersten Fernsehlieblingen der DDR. Die Figur, die dem Tapferen Schneiderlein ähnelte, fesselte mit seinen Geschichten aus dem Märchenwald über Jahrzehnte die kleinen Zuschauer sonntäglich vor den Bildschirm. Zusammen mit Meister Nadelöhr lebten noch einige andere Wesen in dem Wald, darunter die redselige Ente Schnatterinchen und der ständig Streiche spielende Kobold Pittiplatsch. Die Macher des frühen Kinderfernsehens in der DDR wollten vor allem unterhalten. Kinderfernsehen sollte kein groß angelegtes Erziehungsprojekt sein, sondern künstlerischen Anspruch besitzen. Themenwahl, Erzählweise oder Figurengestaltung lagen fast durchweg im Ermessen der Autoren und Filmemacher.

Jedoch witterten einige Pädagogen schon früh Gefahr an der Kinderunterhaltungsfront. So befürchteten sie etwa, dass sich die Kleinen das lose Mundwerk und Sprüche wie "Ach du meine Nase" von Pittiplatsch abschauen könnten. Bereits nach zwei Episoden verbannten sie den braunen Kobold deshalb wieder aus der Sendung. Doch dank empörter Zuschauerreaktionen kam er Weihnachten 1962 in entschärfter Version auf die Mattscheibe zurück.

left false custom

"Von so drastischen Eingriffen blieben die meisten Sendungen des Kinderprogramms verschont", sagt Dieter Wiedemann. Der Medienwissenschaftler und Präsident der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam hat sich unter anderem der Aufarbeitung und kritischen Wertung des Kinderfernsehens in der DDR verschrieben. Schärferen Kontrollen hätten jedoch jene Magazine im DDR-Fernsehen unterstanden, die den Umgang und Alltag in den Jugendorganisationen vermitteln sollten, wie etwa "mobil", die Sendung der Thälmannpioniere. "Der Charakter der Sendungen änderte sich je nachdem, was die Partei vorgab", sagt Wiedemann.

Mitunter wurde auch Einfluss auf das Programm genommen, um Missstände zu kaschieren. Klare Anweisungen gab es bei Versorgungsengpässen. Fing etwa die Fischereiflotte der DDR zu wenig, durften keine Fischgerichte auf den Tellern der Fernsehprotagonisten zu sehen sein. Mitunter kamen sogar direkte Anweisungen von Volksbildungsministerin Margot Honecker. Als der mächtigsten Frau der DDR auffiel, dass die Pioniere zu wenig singen würden, installierte sie umgehend eine Singsendung, wie die Fernsehjournalistin Kerstin Mempel in einem Interview für das Buch "DDR-Fernsehen intern" sagte. Das gut gemeinte Konzept ging allerdings nicht auf, denn "die Kinder interessierten sich doch in dem Alter für Rockmusik", so Mempel.

"Mach mit, mach's nach, mach's besser"

Auch die Sendung "Mach mit, mach's nach, mach's besser", die ab 1964 im DDR-Kinderprogramm lief, hatten einen eindeutigen pädagogischen Auftrag: die körperliche Ertüchtigung der Heranwachsenden. Ein dreifaches "Sport frei" erklang stets wenn Gerhard Adolph, genannt Adi, die Sportsendung eröffnete. Im ballonseidenen Anzug führte Adi durch diverse Sportspiele, in denen jeweils zwei Schulklassen gegeneinander antraten. Mal kamen sie von einer Lenin-Oberschule, mal von einer Schule der Freundschaft. "Nachmachbare Dinge", wie es der Moderator nannte, wurden vorgestellt, die den Spaß am Leistungssport wecken sollten. Die Wettkämpfe fanden in Schulturnhallen statt, Sportgeräte waren die Requisiten. Da die Sendung auch in der Sowjetunion zu sehen waren und Brieffreundschaften zwischen den sozialistischen Bruderländern groß geschrieben wurden, hieß so ein Wettbewerb auch mal "Freundschaftspost".

Sendekonzepte für eine sozialistische Erziehung gab es viele. Doch längst nicht alles wurde auch umgesetzt. "Einige Projekte sollten der Nationalen Volksarmee ein positiveres Image verpassen oder den Wehrdienst schmackhaft machen", sagt Weidemann. Wie Anfang der achtziger Jahre die Serie "Moppel und das Manöver". Hier sollte die Geschichte zweier Kinder erzählt werden, deren Väter bei der Armee waren. Das Konzept blieb aber in den Schubladen der Fernsehmacher, ebenso wie die Serie "Frag doch mal den ABV" - eine Sendung über Aufgaben und Nutzen eines Abschnittsbevollmächtigten.

Biene Maja statt Pittiplatsch

Ende der siebziger Jahre wurde die Konkurrenz im TV größer. Die Bundesrepublik trumpfte mit immer größeren Produktionen wie "Biene Maja" oder "Die Sendung mit der Maus" auf. Viele Kinder in der DDR schalteten um auf Westfernsehen.

Lediglich das äußerst bunte Magazin "Elf 99" lockte ab September 1989 Jugendliche an. Die Sendung unterschied sich gründlich vom restlichen Fernsehen der DDR. Neben den schrillen Outfits der Moderatoren Ingo Dubinski und Victoria Herrmann waren es vor allem die kritischen Beiträge, die ohne Abnicken von Funktionären produziert werden durften. Diese Freiheit kosteten die Redakteure besonders in der Zeit der Wende aus. Mit laufender Kamera tauchten sie unangekündigt vor der Regierungssiedlung Wandlitz auf oder begleiteten die Demonstrationen der friedlichen Revolution. Dafür erhielt "Elf 99" im selben Jahr sogar einen Bambi.

Nach der Deutschen Einheit blieb nicht mehr viel übrig von den Serien und Figuren die Generationen von Ostdeutschen prägten. Nur ein paar schafften es ins gesamtdeutsche Kinderprogramm - darunter natürlich "Unser Sandmännchen".

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1.
Sigurd Schwarz 19.08.2009
Zitat:"Die einschläfernde Sendung wurde von Eltern und Kindern im Osten ebenso geschätzt wie ihr Pendant im Westen." Das stimmt so nicht. Der "Westsandmann" war längst nicht so beliebt wie der "Ostsandmann". Das weiß ich daher, da mich und meinen damaligen Freudeskreis das Sandmännchen durch die Kinderzeit in der DDR begleitet hat. Da wurde der "Ostsandmann" öfter geschaut. In meiner Erinnerung war dieser doch deutlich ansprechender als sein westlicher Kollege. Mit Politik hatte das nichts zu tun.
2.
Jens Ziegenbalg 19.08.2009
Was wurde denn geklaut? Die Figur des Sandmanns hat auch der Westen nicht erfunden, die gibts schon bei E.T.A Hoffmann. Nach dieser Logik ist die Tagesschau dann eine dreiste Kopie der "Aktuellen Kamera". Oh man - der Spiegel hat wirklich Sorgen...
3.
Sabina Vollstädt 19.08.2009
Das Sandmännchen wird 50. So hätte der Titel auch lauten können. Und dann hätte man was über die Menschen hinter den Sendungen erzälen können, über die Protagonisten wie Frau Puppendoktor Pille oder die Geschichtenerzähler. Ach du meine Nase! hat Pitti übrigens immer gesagt. Warum nicht mehr über Moppi, Frau Elster und all die anderen? Bei einer Aufzählung der Kindersendungen hätte das Spielhaus auch dazugehört. Stattdessen muss ich mir erklären lassen, dass sogar Adi einen Auftrag hatte. Als wären Löwenzahn, logo oder 1-2 oder 3 nicht mit einem Konzept an den Start gegangen. Ich habe das Gefühl, dass nicht darauf verzichtet werden darf, ein Haar in der Suppe oder etwas Verwerfliches auch im letzten Detail der DDR zu finden. Ich bin übrigens kein Ostalgiker! Aber man muss nicht zwanghaft alles schlechtschreiben.
4.
Hans-Hasso Stamer 19.08.2009
Elf99 wurde genauso "gemühlfenzelt" wie der Rest der kritischen Ostmedien. Wie sehr es da um Macht ging, sieht man ja jetzt beim Desaster des digitalen Rundfunks, der an Länder/Rundfunkinteressen scheiterte (es kam kein attraktives Angebot zustande). Die Abwickelung von DT64 gehört auch dazu. Die in der Wendezeit erneuerten DDR-Medien hatten eine hohe Akzeptanz erreicht. Dieses Kapital wurde aus medienpolitischen Machtinteressen verspielt. Die Jugendlichen fielen in ein Identifikationsloch - das ist der Gesellschaft mit dem Neo-Rechtsradikalismus schwer auf die Füße gefallen. Davon steht in dem Artikel nichts. Ein dürrer Satz am Ende deutet es an...
5.
Ina Hattenhauer 19.08.2009
Also, nicht zu vergessen wären natürlich noch das »Spielhaus« und der »Brummkreisel«!!!
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