Kinderlandverschickung Blutige Triebe in der Provinz

Kinderlandverschickung: Blutige Triebe in der Provinz Fotos
Rolf Dr. Klüsener

1941 werden der fünfjährige Rolf Klüsener und seine Mutter in die Mark Brandenburg evakuiert. Dort auf dem Land verbringt der Junge trotz Kriegswirren sorglose Jahre: In der "preußischen Sanddose" lernt er reiten, melken und das andere Geschlecht kennen - und archaische Instinkte werden in ihm geweckt. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
    3.7 (13 Bewertungen)

Es riecht nach verbrannter Kohle, der schmutzige Wasserdampf der Loks hüllt den Kölner Hauptbahnhof in Nebel. Ich sitze am Bahnsteig auf einem dunklen, schweren Lederkoffer - und warte mit meiner Mutter auf den Zug, der uns nach Berlin bringen soll. Vor der Kälte schützen mich an diesem Winterabend Anfang 1941 ein dicker Wollmantel und Fäustlinge. Um die Schulter trage ich mein Spielzeuggewehr. Fünf Jahre bin ich alt.

Schließlich fährt die Lokomotive ein. An ihrer Kesselfront prangt das Emblem der Deutschen Reichsbahn: der Reichsadler mit ausgebreiteten Schwingen auf einem Lorbeerkranz mit Hakenkreuz. "Köln - Berlin-Zoo" steht auf dem Zugwagen. Die Reisenden drängen in die Waggons, einige der männlichen Passagiere tragen Uniformen. "Das sind Soldaten wie Vati", erklärt mir meine Mutter.

Mein Vater Heinz Klüsener, gelernter Drogist, war 1939 im Alter von 30 Jahren einberufen worden und hatte im Eifelstädtchen Prüm seinen Dienst angetreten. Meine Mutter Rosa konnte das Farbwarengeschäft, das meine Eltern im nordrhein-westfälischen Euskirchen aufgebaut hatten, nicht halten und gab den Laden auf. Sie entschied, in ein "luftsicheres Gebiet" zu ziehen: zu ihrer Schwester in der Mark Brandenburg. Meine Tante Else arbeitete dort als Gemeindesekretärin für den Bürgermeister von Wustermark - das Dorf, das nun meine neue Heimat werden sollte. Evakuierung nannte man damals diese Landverschickungen von Müttern und Kindern.

Doktorspielchen und kopflose Hühner

Im Zug machen uns die Soldaten Platz und helfen, unser Gepäck zu verstauen. Wir hatten nur unsere nötigsten Habseligkeiten mitgenommen. In dem Abteil brennt ein bläuliches, schummriges Notlicht - eine Schutzmaßnahme vor feindlichen Luftangriffen, damit die Piloten den Zug nicht erkennen können, erklärt mir einer der uniformierten Männer. Kurz darauf döse ich auf dem Schoß meiner Mutter ein. Die Flucht bei Nacht in die Mark Brandenburg habe ich verschlafen.

In Wustermark, ein Dorf westlich von Berlin, konnte ich trotz Kriegswirren eine sorglose Kindheit verbringen. In der "preußischen Sanddose", wie die Region wegen ihres lockeren Sandbodens genannt wurde, schien der Krieg weit weg zu sein.

Die Wohnung meiner Tante Else, mein neues Zuhause, lag nicht weit von der Straße nach Nauen. Das Haus gehörte dem Bauunternehmer Witt, der zwei Töchter - Renate und Brigitte - hatte. Die beiden waren in etwa in meinem Alter. Für Doktorspielchen und zum Verstecken diente uns ein aufgebockter Mercedes, der - ohne Räder - in Witts Garage stand. Die Familie Witt hielt auch Hühner und Kaninchen. Die Schlachtungen der Tiere waren für mich als fünfjähriger Knirps gewöhnungsbedürftig, zugleich aber auch beeindruckend, wenn ein Huhn ohne Kopf auf dem Hof umherirrte.

Voll mit Schlamm und blutverschmiert

Blutig ging es auch zu, als im Winter 1944/45 der Arbeitgeber meiner Tante, Bürgermeister Engel, zur Jagd einlud. Befreundete Gutsherren aus Wustermark und benachbarten Dörfern nahmen an dem Spektakel als Schützen teil. Zusammen mit anderen Jungen aus Wustermark durfte ich als Treiber und Wildträger mithelfen.

Wir gingen die Felder zu Fuß ab. Über uns sausten gelegentlich Bomber im Anflug auf Berlin hinweg: Westlich von uns waren die Amerikaner fast bis zur Elbe vorgedrungen, östlich von uns die Russen nahezu an der Oder. Das interessierte uns Kinder aber nicht weiter - Hauptsache es gab eine ordentliche Jagdstrecke. Besonders auf Hasen freuten wir uns. Denn selbst wenn wir nie zu hungern brauchten, weil meine Tante als Dorfangestellte gute Beziehungen hatte, gehörte im letzten Kriegsjahr Fleisch zu den raren Nahrungsmitteln.

Während der Jagd schoss der Bürgermeister Enten und Kaninchen. Hei, wie das donnerte! Die Hasen überschlugen sich im Flintenknall. Rechts und links schulterte ich die erlegten Tiere. Nach getaner Arbeit war ich voll mit Schlamm eingesudelt und blutverschmiert. Als Belohnung für meine Dienste durfte ich abends einen Hasen mitnehmen. Stolz brachte ich meine Beute, die unsere Abendmahlzeit bereichern sollte, nach Hause. Dieser Tag hatte meine Leidenschaft fürs Jagen geweckt.

Durch die eiskalte Nacht

In Erinnerung blieb mir auch eine abendliche Schlittenfahrt im selben Winter. Es war eiskalt, der Schnee lag tief, und der Havelkanal am Ende des Dorfes in Richtung Elstal war kilometerweit zugefroren. Wir hatten mehrere Holzschlitten aneinandergebunden, Mutter saß vor mir. Die Rappstute Mucki zog uns und Ruth, eine von Engels Töchtern, hielt die Zügel. Eingehüllt in dicken Decken zogen wir durch die Ländereien des Bürgermeisters. In der Dämmerung spendeten uns Peckfackeln Licht. Es war eine stimmungsvolle, schöne Fahrt: Dass Krieg herrschte, war an diesem Abend nicht zu spüren.

Als ich in die dritte Klasse der Volksschule kam, durfte ich Mucki, Engels edles Kutschpferd, in einer einachsigen Kutsche durch die Felder und Wälder selbst lenken. Auf Mucki machte ich auch meine ersten Reitversuche. Gemeinsam mit dem französischen Zwangsarbeiter Jean-Marie, der auf Engels 300 Hektar Land umfassenden Gut die Aufgaben eines Knechts wahrnahm, pflegte ich die Stute. Jean-Marie überließ mir auch die Zügel, wenn die Getreideernte eingefahren wurde, oder nahm mich mit in den Stall, wo mehr als 50 Milchrinder versorgt werden mussten. Hier stank es nach Dung, Gülle und Rübensilage, die das Vieh zu fressen bekam. Für das Melken war eigens ein Schweizer angestellt worden - eine Melkmaschine gab es damals noch nicht. Er weihte mich in die Geheimnisse seiner Arbeit ein, selbst zu Melken vermochte ich allerdings noch nicht: Meine Hände waren noch zu winzig und nicht kräftig genug.

Im April 1945 war mein idyllisches Landleben auf Engels Gut, wo ich viele Nachmittage verbracht hatte, vorbei. Meine Mutter und Tante Else hatten Angst vor den herannahenden russischen Soldaten, wieder flohen wir mit dem Zug. Dieses Mal lag unser Ziel in Schleswig-Holstein: das Städtchen Elmshorn.

Artikel bewerten
3.7 (13 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH