Kinderlandverschickung Angstfahrt durch die Nacht

Im oberschlesischen Städtchen Friedland glaubten die Jungen und Mädchen aus Berlin sicher vor den Bombenangriffen zu sein. Doch dann musste der neunjährige Peter Hannemann miterleben, wie die Kinderheime schlagartig evakuiert wurden - es ging zurück nach Berlin.

DER SPIEGEL

Als die Luftangriffe auf Berlin 1943 heftiger wurden, verließen viele Kinder die Stadt mit der sogenannten Kinderlandverschickung - ich was eines von ihnen. Man brachte mich im Knabenheim Bethesda im oberschlesischen Städtchen Friedland unter, dem heutigen Korfantow. Meine Mutter musste in Berlin bleiben, da sie als Postbeamtin zu arbeiten hatte, mein Vater war Soldat. Im Januar 1945 - ich war neun Jahre alt und hatte bereits ein Jahr in Friedland verbracht - wurde es auch dort brenzlig für uns. Die Rote Armee rückte immer näher, und in den Nächten seit Weihnachten hatten wir die Dauerfeuer der Artillerie wie Wetterleuchten am Himmel beobachtet. Die Schlacht um Oberschlesien war in vollem Gange.

Es muss die erste Januarwoche gewesen sein, da kam die plötzliche Aufforderung, Friedland zu verlassen. In dem Heim befanden sich Kinder aus Berlin und Schlesien. Es hieß, die Knaben aus Schlesien würden nach Böhmen und Mähren verlegt, während wir Berliner zurück in die Heimat geschickt würden. Die Verabschiedung war überstürzt und brutal: Es war schon dunkel, und wir bestiegen in aller Eile mit unseren Habseligkeiten einen Bus, den man zur Verfügung gestellt hatte, um uns in das 21 Kilometer entfernte Städtchen Neiße zu bringen.

Vom Personal blieben nur wenige zurück, um später in einem Auto zu folgen. Es stiegen noch einige Mädchen vom benachbarten Mädchenheim zu, und dann waren wir auf dem Weg. Erst war es still in dem Bus, ahnten wir doch, dass etwas Bedeutendes mit uns geschah. Aber bald stimmten die Mädchen ein Lied an, und die Stimmung erholte sich. Die Fahrt durch die im Dunkeln liegende verschneite Landschaft dauerte bestimmt nicht lange, aber uns Kindern kam sie wie eine Ewigkeit vor.

Lebensborn-Babys an Bord

Die Fahrt endete in Neiße am Bahnhof, wo wir aufgefordert wurden, schnell in einen bereitstehenden Zug zu steigen. Es war ein Lazarettzug! Bis auf eine Nachtbeleuchtung war es im Inneren des Waggons dunkel. Rechts und links, entlang der Wand, waren dreistöckig Betten angebracht. Rotkreuz-Schwestern eilten geschäftig hin und her und befahlen uns, sofort ein Bett einzunehmen und dieses nur zum Toilettengang zu verlassen.

Es dauerte nicht lange, da hatten wir uns an das Halbdunkel gewöhnt. Wir stellten fest, dass die Betten entlang der gegenüberliegenden Seite des Waggons mit schreienden Babys belegt waren und zwar quer - jeweils vier in einem Bett. Die Rotkreuz-Schwestern waren ständig mit ihnen beschäftigt, und wir anderen Kinder gewöhnten uns schnell an die Babys. Damals fragten wir uns nicht, wo sie wohl herkamen. Erst Jahre später, als die Nazi- und Kriegszeit aufgearbeitet wurde, kam mir der Gedanke, dass sie wohl zum Lebensborn-Programm gehört hatten.

Die Fahrt von Neiße bis Görlitz - mit etwa 220 Kilometern eigentlich keine lange Strecke - dauerte sage und schreibe über drei Wochen. Der Zug fuhr häufig langsam, mal vorwärts, mal rückwärts und stand oft lange auf irgendwelchen Abstellgleisen, während andere Züge, wohl Militärzüge, an uns vorbeidonnerten. Wir konnten nichts sehen, da die Scheiben aus Milchglas bestanden und auch abends verdunkelt waren.

Glück gehabt

Während der ganzen Fahrt lief ständig das Radio mit dem Deutschlandsender, und so waren wir immer über den Vormarsch der Roten Armee unterrichtet. Durch den Wehrmachtsbericht vernahm ich auch, dass Litzmannstadt (heute Lodz) von den Russen eingenommen, Breslau belagert und zur Festung erklärt worden war. Es sah sehr böse aus. Damals glaubten wir, dass uns das Zeichen des Roten Kreuzes am Zug vor Angriffen beschützen würde. Heute denke ich, dass wir einfach nur Glück hatten.

Die Fahrt wollte kein Ende nehmen. Da wir Kinder nicht aus unserem Waggon heraus konnten, fühlten wir uns wie in einem Gefängnis und hatten keine Ahnung, wo es hingehen sollte. So plötzlich wie wir den Zug bestiegen hatten, so plötzlich mussten wir ihn auch wieder verlassen. Wir dachten, wir wären nach Berlin gefahren, aber wir waren in Görlitz angekommen. Es war der Nachmittag des 30. Januar, der im "Dritten Reich" als Tag der Machtübernahme gefeiert wurde.

Wir rannten über den Bahnsteig, um in einen wartenden Personenzug zu steigen. Außer uns Kindern waren auch viele Soldaten in dem Zug, der nun nach Berlin eilte. Ich kann mich daran erinnern, dass er noch kurz in Spremberg hielt. Dann setzte starkes Schneetreiben ein und ich dachte darüber nach, wie es wohl den Soldaten an der Front gehen würde.

Mit der "Suppentriesel" ins Waisenhaus

Abends kamen wir in Berlin auf dem Görlitzer Bahnhof an. Es lag kein Schnee, aber der Himmel war bedeckt. Es gab Voralarm, ein einsamer "Mosquito"-Bomber der britischen Royal Air Force kreiste über Berlin, und wir durften den Bahnhof nicht verlassen. Wir warteten im warmen Bahnhofsrestaurant, wo wir so viel Graupensuppe essen durften, wie wir wollten. Nach der dreiwöchigen Fahrt, mit wenig warmen Essen, waren wir ausgehungert und begrüßten die Gelegenheit, uns die Bäuche vollzuschlagen. Niemals wieder hat Graupensuppe so gut geschmeckt!

Es dauerte eine ganze Weile bis zur Entwarnung, und wir konnten dann endlich aus dem Bahnhofsgebäude hinaus. Dort warteten sogenannte Suppentriesel auf uns, elektrische Lastwagen der Post. Mit denen ging es entlang der Skalitzer und Getschiner Straße und der Hochbahn zum Berliner Waisenhaus in der Alten Jakobstraße - eine Gegend, die mir als Kreuzberger durchaus bekannt war.

Das Waisenhaus schien noch vollkommen intakt zu sein. Die Zimmer mit angeschlossenen Badezimmern kamen uns wie reiner Luxus vor. Ich begann dennoch sogleich, einen Plan zum Ausreißen zu schmieden. Aber man musste damit gerechnet haben, dass einige von uns türmen wollten, denn wir wurden in unseren Zimmern eingeschlossen. Da wir im zweiten und dritten Stockwerk untergebracht waren, war uns auch der Weg durch das Fenster nicht möglich.

Im letzten Augenblick

Am 2. Februar wurden wir umgesiedelt. Eine Sonderbahn der Berliner Straßenbahn brachte uns nach Wilmersdorf zum Waisenhaus Blissestift in der Wilhelmsaue. Einen Tag später wurde das Berliner Waisenhaus in der Alten Jakobstraße bei einem verheerenden Luftangriff vollkommen zerstört, zahlreiche Kinder starben. Wir waren im letzten Augenblick entkommen. Wieder einmal, denn das Personal erzählte uns später, dass Friedland unmittelbar nach unserer Abfahrt dort von den sich zurückziehenden deutschen Truppen besetzt worden war.

Soldaten, die den Luftangriff am 3. Februar mit uns im Luftschutzkeller verbrachten, sagten, sie seien lieber an der Front, als im Keller auf eine Bombe zu warten. Wir blieben verschont, aber die nahe liegende Kaiserallee (heute Bundesallee) wurde schwer getroffen.

Nach einigen Tagen wurde ich von meiner Mutter abgeholt, die mich schon als vermisst gemeldet hatte, denn sie wusste, dass Oberschlesien längst gefallen war, und das Jugendamt hatte sie noch nicht über meinen Verbleib unterrichtet. Das Ende des Krieges erlebte ich zu Hause, am Kreuzberg.



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