Kinderspiele in der Nachkriegszeit Von Knallpistolen, Karbidbomben und Schleuderbüchsen

Kinderspiele in der Nachkriegszeit: Von Knallpistolen, Karbidbomben und Schleuderbüchsen Fotos
Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz/Friedrich Seidenstücker

Es hätte böse enden können: Ernst Pelzing und seinen Freunde erfanden in den ersten Nachkriegsjahren die abenteuerlichsten Spiele - ein lebensgefährlicher Zeitvertreib zwischen Ruinen und ausgedienten Flakstellungen. Von

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Nach der Rückkehr aus der Evakuierung ins zerstörte Nachkriegs-Bochum passten sich die Spiele und Freizeitbeschäftigungen von uns Kindern den veränderten Lebensumständen an. Hatten wir im beschaulichen Pommern noch hauptsächlich Verstecken bzw. "Räuber-und-Schanditz" in freier Natur gespielt, lockte uns jetzt die Erkundung der Spuren, die der Krieg hinterlassen hatte.

Eine zeitgemäße Variante des Suchspiels bestand darin, dass wir uns in die noch zugänglichen Bunker schlichen. Einer ist mir besonders in Erinnerung geblieben: Der unter der Bochumer Drusenbergschule, wo wir in den unterirdischen Gängen den Überraschungseffekt mit Knallkorkenpistole und plötzlich eingeschalteter Taschenlampe noch erhöhten. Oder wir spielten "Erobern". Das bedeutete, wir teilten uns in zwei Gruppen und mussten die jeweils gegenüberliegende Häuserruine einnehmen. Um die "feindlichen Truppen" in die Flucht zu schlagen, warfen wir dicke Wackersteine aus dem obersten Stockwerk. Gott sei Dank wurde nie jemand ernsthaft verletzt. Vieles, was wir taten, war lebensgefährlich.

Zündeln mit Munitionsresten

Heute hört es sich abenteuerlich an: An den vormaligen Flakstellungen, an denen wir spielten, lagen häufig Munitionsreste herum. Mit denen experimentierten wir. Für ein Feuerchen waren sie allemal gut, gab es doch dabei mächtig Zunder. Außerdem sammelten wir leidenschaftlich gern dort herumliegende Bomben- und Granatsplitter. Mein Bruder Karl und ich trugen eine stattliche Sammlung zusammen, sie waren wertvolle Tauschobjekte.

Zur zeitgemäßen Ausstattung eines jeden Kindes gehörte damals eine selbstgemachte Knallbüchse. Zur Herstellung schnitten wir uns von einem kräftigen Holunderstrauch einen etwa 20 Zentimeter langen Zweig ab - natürlich mit unserem in der Lederhose sitzende Bowimesser. Wir höhlten das Mark aus, bastelten uns einen passenden Stößel (mit Knauf) aus härterem Holz in gleicher Länge und pressten als Geschoss an ein Ende eine Eichel, die wir vorher mit den Zähnen halbiert hatten.

Durch einen Schlag auf den Knauf schoss dann die Eichelhälfte in die Luft. Damit der Stößel richtig passte, musste er vorne in Pinselform gebracht werden, dazu schlug man den Zweig am Boden auf und bearbeitete ihn zusätzlich mit Spucke.

Manche Spielkameraden hatten Väter, die in einer Dreherei beschäftigt waren, in Bochum waren das damals Firmen wie Mönninghoff und Jahnel. Die besaßen oft "Spezialanfertigungen" aus soliderem Holz, die auf der Drehbank entstanden waren und über einen maßgerechten Stößel und Stößelführungskanal verfügten. Die mit dieser Büchse erzielte Wirkung war natürlich erheblich besser als die der Marke Eigenbau. Und wer eine solche besaß, war entsprechend stolz.

Hauptsache, es knallt!

Die Verwendung von in Knallpistolen eingesetzten Zündplättchen wurde von uns sozusagen technologisch erweitert. Wir stopften die Plättchen in einen Hohlschlüssel, in den dann ein an einer Schnur befestigter Nagel eingeschlagen wurde, das führte dann zum entsprechenden Knall. Das war bei allem fast das Wichtigste: Es musste ordentlich laut sein. Beliebt war daher auch, Karbid und Wasser in einem geschlossenen Behälter zu mischen, am besten in einer Mülltonne. Diese machte sich dann zu unserer Belustigung explosionsartig mit fliegendem Deckel Luft.

Die Schleuderbüchse war eine weitere Erfindung jener improvisationsfreudigen Jahre. Zu ihrer Herstellung benötigte man lediglich eine Konservenbüchse, durchlöcherte sie mit einem Nagel, setzte in der Büchse Holz, Kohle und Teerpappe in Brand und schleuderte das qualmende Gefäß an einer Metallschnur um sich herum. Besonders schön anzusehen war das Büchsenschleudern natürlich während der Abendstunden. Vor dem Nachhausegehen schleuderten wir die Büchse mit dem restlichen glühenden Inhalt hoch in die Luft und ließen sie auf den Boden fallen. "Ülma" nannten wir das.

Das harmloseste Spiel, an das ich mich erinnere, war das sogenannte Schabbeln. Wir warfen Geldstücke in Richtung Bordsteinkante und derjenige, der sein Geldstück am nächsten am "Abgrund" platzieren konnte, hatte gewonnen.

Diese zu den rauen Nachkriegsjahren passenden Spiele verschwanden Anfang der fünfziger Jahre mit dem Abtragen der Ruinen, dem aufkommenden Verkehr, der uns Kinder mehr oder weniger von der Straße vertrieb, und dem steigenden Wohlstand. Für die betreffende Generation allerdings waren diese Jahre prägend und ein wesentlicher Bestandteil ihrer Entwicklung.

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1.
Ernst Pelzing 18.01.2010
Spiel mit dem Feuer Alle Jahre wieder. In den Nachkriegsjahren war es bei uns Kindern üblich, die ausgedienten Weihnachtsbäume um Mitte Januar von der Straße aufzusammeln und zu verbrennen. Das hatte inzwischen Tradition. Die bereits zu nadeln beginnenden Schmuckstücke brachten wir zu einem nahen Steinbruch, wo eine ehemalige bunkerähnliche Flakstellung als Brandplatz für das ansehnliche Feuer diente. Dieser inzwischen reichlich demolierte Betonbunker war nach oben offen und hatte nach dem Eingang zwei nebeneinander liegende, nach hinten verlaufende kurze Gänge. In einen dieser Gänge platzierten wir die Bäume und los ging's. Das war die übliche Vorgehensweise, bei der in den Vorjahren nichts Dramatisches geschehen war. Wir hatten nur unseren Spaß. Diesmal sollte es jedoch anders kommen. Nach der "Initialzündung" über Papier und einige abgebrochene dürre Tannen- und Fichtenzweige wurden die ersten ganzen Bäume von oben hineingeworfen. Die stocktrockenen Nadeln brannten wie Zunder, Begeisterung kam bei uns Kindern auf. War das doch eine Möglichkeit, regelrecht mit dem Feuer spielen zu können. Doch plötzlich hörten wir Hilfreschreie aus dem Bunkerinneren. Wir sahen uns ungläubig an. Was war geschehen? Die Schreie wurden lauter und verzweifelter ... einer von uns fehlte. Der musste sich also im Bunker befinden, und das hinter dem Feuer. Der hinter den Flammen verfügbare Raum war äußerst knapp. Feuer und Hitze nahmen an Stärke zu. Wir hatten diese Feststellung kaum zu Ende gedacht, da sahen wir, wie unser Kamerad durch die Flammen ins Freie torkelte. Er selbst stand in Flammen. Er taumelte einige Meter. Wir liefen zu ihm, um die Flammen zu löschen. Er hatte offensichtlich fürchterliche Verbrennungen davongetragen. Er hat überlebt. Nie wurde für uns Kinder so deutlich, was es heißt, mit dem Feuer zu spielen.
2.
Ernst Pelzing 21.01.2010
Flämmen Das Feuer hatte es uns Kindern angetan. Alljährlich wurde geflämmt. So nannten wir es. Es war das Abbrennen von abgestorbenem Altgras, also Wiesenbrand, in der Überangszeit vom Winter zum Frühjahr. Da es in den 50ern noch reichlich unbebaute Wiesen gab, war somit auch genügend Ausgangsmaterial für dieses Vergnügen vorhanden. Zu der Zeit war dieser Zeitvertreib noch ohne besondere Verbote der Behörden möglich. Wir mussten nur darauf achten, dass der Brand nicht auf Busch- oder Baumbestände oder auch Schrebergärten übergriff. Doch die über Jahre gewonnene Routine im Flämmen hat, so meine Erinnerung, nie dazu geführt, dass ein Wiesenbrand aus dem Ruder lief.
3.
Ferdi Keuter 26.04.2010
Erinnerung von einem kleinen Jungen aus Wennigloh / Arnsberg Am Donnerstag den 12. April 1945 ist der Krieg. Der Schützenhof, sonst ein sehr friedlicher Ort, ist von der deutschen Wehrmacht voll mit Munition, Granaten und Gewehren gepackt. Dieser Vorrat ist dann von den Alliierten am 13.04.45 angezündet worden. Tage hat es wie Zunder gebrannt und geknallt. Dicke Rauchwolken lagen über dem kleinen Dorf, gerochen hat es nach verbranntem Leder und Stoff. Als der größte Teil Ausrüstung verbrannt und verkohlt war, sind wir Kinder ohne Wissen der Erwachsenen, zum Schützenhof gegangen. Alles für uns noch Brauchbare wurde gesammelt und in Schuppen und Scheunen versteckt. Wir hatten nun Stahlhelme, Gewehre ohne Schaft, Pistolen mit Munition und Schultertressen aller Dienstgrade. Damit haben wir uns ausgerüstet und keiner hat uns daran gehindert. Mit Zangen wurden die Köpfe der Patronen entfernt und das Pulver in größeren Mengen angezündet. Die Streichhölzer hießen bei uns Sticken. Besonders hat uns das Abbrennen von Pulver am Wasserturm gefallen. Der Boden war besonders geeignet. Er bestand zum Teil aus Beton und weiter war Kies und Sand vorhanden. Von hier konnten wir das gesamte Dorf übersehen. Aber keiner störte unser Treiben. Die Erwachsenen hatten Wichtigeres zu tun und die Soldaten hatten unseren Ort bis auf wenige Posten verlassen. In nächster Nachbarschaft wohnte mein Freund Lorenz. Wenn wir nun Werkzeug zum Aufarbeiten unserer gefährlichen Spielzeuge brauchten, fanden wir das im Werkzeugschuppen von Lorenz Vater. Verletzt hat sich keiner bei unseren angeblich ungefährlichen Spielen.
4.
Ferdi Keuter 26.04.2010
Lieber Autor Kollege Ernst Pelzing, bei dem Begriff Flämmen kommt mir eine Begebenheit während meiner Kindheit wieder in Erinnerung. Am Morgen wurde ich meist von meiner geliebten Großmutter vor die Türe geschickt, um mir die Zeit als 6 jähriger zu vertreiben. Zu dieser Zeit, in den 40 er Jahren, gab es keine Vorgaben was zu tun erlaubt war und nicht. Ein völlig freies Kinderleben, so lange nichts passierte und keine Beschwerden von Obrigkeitspersonen kamen. Ein unterlassener Gruß konnte dann schon ein gelindes Donnerwetter nach sich ziehen. Aber ehrlich, es hat bei mir nicht viel gefruchtet. Am Bach namens ¿Wünne¿ war unser Paradies. Zum Mittag, wenn die kleine Glocke der Dorfkirche läutete, musste ich zum Essen heim. Das war meist gekocht mit Produkten, welche aus Garten und Stall kamen. Die Milch der Ziege gehörte fast zu jeder Mahlzeit als Grundnahrungsmittel dazu. Nach dem Essen ging es wieder vor die Türe bis zum Angelus am Abend. An einem dieser unbeschwerten Tage hatten wir kurz vor dem Heimgang noch wichtiges zu erledigen. Das große trockene ¿Schmielengrass¿ zwischen den Buchen musste weg. So sammelten wir einen riesigen Berg zusammen und zündeten ihn an. Unsere Freude am Riesenfeuer währte nicht lange. Das Feuer breitete sich rasend schnell aus und fast verloren wir die Kontrolle darüber. Das Ende der Lichtung war fast erreicht, die Fichtenschonung nicht mehr weit. Mit unseren Kleidungsstücken hauten und schlugen wir auf die Flammen bis diese erloschen waren. Mit hochrotem Kopf kam ich viel zu spät zum Abendessen. Von dem Feuer keine Silbe. Bis zum Schlafen gehen, dann stellte meine Oma fest, das mein Unterhemd fehlte. Ich musste Farbe bekennen. Am nächsten Tage haben wir das Teil neben einem verkokelten Aschehügel gefunden. Ganz ohne Brandspuren daran war das auch nicht geblieben. Friedlich war unser Heimweg sicher nicht. . Woher die Sticken* kamen, weiß ich heute nicht mehr, aber Jeuste** waren halt gut ausgerüstet. * Streichhölzer **Jungen
5.
Ferdi Keuter 26.04.2010
Lieber Autor Kollege Ernst Pelzing, bei dem Begriff Flämmen kommt mir eine Begebenheit während meiner Kindheit wieder in Erinnerung. Am Morgen wurde ich meist von meiner geliebten Großmutter vor die Türe geschickt, um mir die Zeit als 6 jähriger zu vertreiben. Zu dieser Zeit, in den 40 er Jahren, gab es keine Vorgaben was zu tun erlaubt war und nicht. Ein völlig freies Kinderleben, so lange nichts passierte und keine Beschwerden von Obrigkeitspersonen kamen. Ein unterlassener Gruß konnte dann schon ein gelindes Donnerwetter nach sich ziehen. Aber ehrlich, es hat bei mir nicht viel gefruchtet. Am Bach namens "Wünne" war unser Paradies. Zum Mittag, wenn die kleine Glocke der Dorfkirche läutete, musste ich zum Essen heim. Das war meist gekocht mit Produkten, welche aus Garten und Stall kamen. Die Milch der Ziege gehörte fast zu jeder Mahlzeit als Grundnahrungsmittel dazu. Nach dem Essen ging es wieder vor die Türe bis zum Angelus am Abend. An einem dieser unbeschwerten Tage hatten wir kurz vor dem Heimgang noch wichtiges zu erledigen. Das große trockene "Schmielengrass" zwischen den Buchen musste weg. So sammelten wir einen riesigen Berg zusammen und zündeten ihn an. Unsere Freude am Riesenfeuer währte nicht lange. Das Feuer breitete sich rasend schnell aus und fast verloren wir die Kontrolle darüber. Das Ende der Lichtung war fast erreicht, die Fichtenschonung nicht mehr weit. Mit unseren Kleidungsstücken hauten und schlugen wir auf die Flammen bis diese erloschen waren. Mit hochrotem Kopf kam ich viel zu spät zum Abendessen. Von dem Feuer keine Silbe. Bis zum Schlafen gehen, dann stellte meine Oma fest, das mein Unterhemd fehlte. Ich musste Farbe bekennen. Am nächsten Tage haben wir das Teil neben einem verkokelten Aschehügel gefunden. Ganz ohne Brandspuren daran war das auch nicht geblieben. Friedlich war unser Heimweg sicher nicht. . Woher die Sticken* kamen, weiß ich heute nicht mehr, aber Jeuste** waren halt gut ausgerüstet. * Streichhölzer **Jungen
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