Kinderstar Michael Jackson Der Junge, der seine Stimme verkaufte

Kinderstar Michael Jackson: Der Junge, der seine Stimme verkaufte Fotos
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Superstar, Sexsymbol - und gerade elf Jahre alt. Michael Jackson wurde von seinem Vater zum Erfolg geprügelt, trat im Alter von acht Jahren in Stripclubs auf und wurde auf Bühnen erwachsen. Immer in Angst, von seinen hysterischen Fans zu Tode geliebt zu werden. Von Benjamin Maack

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Er sitzt allein in einem dunklen Wald, umringt von hohen Tannen, ein sternenklarer Nachthimmel über ihm. Seltsam verletzlich sieht Michael Jackson aus in dem Video, das 1995 zu seinem Song "Childhood" erschien, einem Lied so traurig und kitschig wie die sehnsuchtsvollen Balladen aus Disney-Filmen. Hier ist er nicht der grandiose Tänzer aus "Billie Jean", der Weltenheiler aus "Earth Song" oder das Sexsymbol, das sich bei "Dirty Diana" fordernd in den Schritt greift. Statt dessen fragt ein schmächtiges, blasses Wesen "Have you seen my childhood?". Selbstvergessen verknotet er dabei die schmalgliedrigen Hände - kein Superstar, sondern ein verirrtes Kind.

"It's been my fate / to compensate / for the childhood / I've never known", singt er, während über ihm eine Flotte von Segelbooten vorbeizieht in denen Jungs und Mädchen träumen, miteinander lachen oder einen Baseball bis zu den Sternen schlagen. Unerreichbar für Michael Jackson, den Mann, der vor den Augen von Millionen Fans aufgewachsen ist und dabei seine eigene Jugend verpasst hatte.

Es muss eine Kindheit wie in einem merkwürdigen Traum gewesen sein.

Michael Jackson wurde am 29. August 1958 als siebtes von neun Kindern in Gary, einer Stahlarbeiterstadt im Nordwesten des US-Bundesstaats Indiana, geboren. Sein Vater Joseph war Kranfahrer in einem Stahlwalzwerk, seine Mutter Katherine besserte die immer knappe Haushaltskasse mit einem Job in einem Warenhaus auf. In seiner raren Freizeit spielte Jacksons Vater in einer R&B-Band namens The Falcons. Seine Gitarre war ein absolutes Heiligtum. Wer sie anrührte, musste mit schlimmen Strafen rechnen. Jacksons ältere Brüder nahmen sie trotzdem - und übten die Songs, die sie im Radio hörten. Die Mutter wusste davon, verbot es aber nicht, um die Kinder von der Straße fernzuhalten - das Viertel in dem sie lebten, war berüchtigt für sein Gangwesen.

Ochsentour durch Nachtclubs und Strippschuppen

Die Erfolgsgeschichte der Jackson Five, wie sich die Band der Brüder nannte, begann mit einem schrecklichen Dilemma. Eines Tages riss einem der Brüder eine von Papas Gitarrensaiten. Als der Vater es bemerkte, wütete er, bis die Kinder zugaben, dass sie damit gespielt hatten. Doch gegen alle Erwartungen setzte es keine höllische tracht Prügel. Joseph Jackson forderte die Jungs auf, ihm zu zeigen, was sie drauf hatten. Als sie tatsächlich auf dem Instrument spielen konnten, beschloss er, seine Söhne berühmt zu machen. Joseph Jackson hängte seinen eigenen Traum vom Leben als Musiker an den Nagel und begann, mit seinen Jungs zu proben. Erst mit Jackie, Tito und Jermaine, den drei ältesten Brüdern, später stießen der sechsjährige Michael und der zwei Jahre ältere Marlon dazu.


König Einsam: Triumph und Tragödie des Michael Joseph Jackson

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Zuerst spielte Michael nur Tambourine und Congas, zeigte aber bald schon großes Talent als Sänger und Tänzer. Mit sieben Jahren wurde Michael Jackson zum Frontsänger und Bandleader auserkoren. Es begann eine Ochsentour auf dem Weg zum Ruhm. Sie spielten auf lokalen Talentwettbewerben, in Nachtclubs und Strippschuppen. "Wir spielten zwischen den Auftritten von schlechten Komikern, Cocktail-Organisten und Striperinnen", schrieb Jackson in seiner Biografie "Moon Walk" von 1988, "es war ein schreckliches Leben, und es bestärkte uns alle in unserem Entschluss, aus diesen Kreisen zu entkommen und dieses Leben so weit wie möglich hinter uns zu lassen."

In einem Nachtclub in Gary traten sie sechs Tage in der Woche auf - fünfmal pro Abend. Und wenn Joseph Jackson eine Chance sah, weitere Auftritte zu organisieren, standen sie auch noch den siebten Tag auf irgendeiner Bühne.

Die Fans schlugen alles kurz und klein

Dazu kamen die Schule und die Proben. Statt seine Kindheit zu genießen, wurde Michael zu einem hart arbeitenden Entertainer. "Einmal sah ich spielenden Kindern zu", erinnert er sich später, "ich konnte nur verwirrt hinüberstarren - solche Freiheit, solch ein sorgloses Leben konnte ich mir nicht vorstellen." Der Vater war ein bedingungsloser Perfektionist, der nicht zögerte, seinen Söhnen die falschen Noten mit Schlägen auszutreiben. "Wenn wir es verpfuschten, gab es Prügel, manchmal mit dem Gürtel, manchmal mit einer Rute."

Als Michael elf war, kam der große Erfolg. Die Jackson Five siegten bei einem Talentwettbewerb im legendären Apollo in Harlem und bekamen einen Vertrag mit Motown Records. Innerhalb weniger Monate entstanden 1969 und 1970 die Singles "I Want You Back", "ABC", "The Love You Save" und "I'll Be There" - die Jackson Five wurden zum ersten Act in der Popgeschichte, dessen erste vier Singles auf Platz eins der amerikanischen Charts schnellten. Innerhalb eines Jahres war das kleine Familienunternehmen zu einer weltweit erfolgreichen Marke gewachsen. Stets im Rampenlicht: das tanzende und singende Wunderkind Michael Jackson.

Doch der Erfolg machte den Teenager nur noch einsamer. "Die Fans verwandelten unsere ungezwungenen Einkaufsbummel in Nahkampfunternehmen", berichtet Michael später. Wo auch immer die Jackson Five auftauchten, ging die Welt, wie wir sie kennen, in einem Sturm kreischender Fans unter. "Es war die Hölle. Kaum betraten wir ein Warenhaus, bekamen die Fans Wind davon und verwüsteten den Laden, schlugen ihn kurz und klein." 1972 bedrohte ein neunjähriges Mädchen einen von Michaels bulligen Türstehern mit einem Messer, um in Michaels Hotelzimmer zu gelangen.

Ein elfjähriges Sexsymbol

Immer wieder stand der kleine Michael in Fan-Stampeden Todesängste aus. Jeder wollte einen Teil des Superstars nur für sich allein - buchstäblich. "Sie griffen nach meinen Haaren und zogen daran", erinnerte sich Michael, "es brannte wie Feuer. Du fühlst dich, als müsstest du ersticken oder würdest in deine Einzelteile zerlegt werden." Viele Auftritte in dieser Zeit mussten schon nach dem ersten Song abgebrochen werden, weil hysterische Fans die Bühne stürmten.

Eine der wohl absurdesten Nebenwirkungen des Ruhms: der vorpubertäre Teenager Michael Jackson wurde zu einem der größten Sexsymbole der frühen siebziger Jahre. Kein Wunder. In den Songs, die Michael sang, pflückte sich der Elfjährige die Mädels praktisch aus der Menge, um sie in seine Arme zu schließen. Oder er erklärte den schwärmenden Massen in forderndem Ton, dass die Liebe so einfach ist wie das ABC.

Der Junge, der auf Bühnen aufwuchs, das Kind, dessen Realität die Inszenierung war, sollte die Normalität seiner allerersten Lebensjahre nie wieder finden.

In dem Song "Childhood", den Jackson selbst als sein ehrlichstes Lied bezeichnete, fleht er um Verständnis: "Before you judge me / try hard to love me." Doch da war sein letztes wegweisendes Album "Bad" schon fast eine Dekade alt, war er wegen Pädophilie angeklagt worden und hatte sich mit jeder seiner Schönheitsoperationen mehr und mehr in ein Monster verwandelt. Da fiel es schon wirklich schwer, ihn zu lieben.

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1.
Rana Nakhaeizadeh 30.06.2009
Ich habe mir gerade eben den Artikel zu Michael Jackson durchgelesen und muss wirklich sagen, dass ich sehr, sehr enttäuscht über den letzten Abschnitt bin. Das einzige was die Presse wirklich gut kann, ist über Menschen herzuziehen, anstatt sich mal die Mühe zugeben auch das Gute in einem Menschen zusehen. Welchen Beitrag Michael Jackson für arme Menschen geleistet hat und seine Wohltätigkeiten werden verheimlicht, über sein gutes sensibles Herz wird nicht geredet, stattdessen wird er als Verrückter in der Öffentlichkeit dargestellt.Ich bin wirklich sehr enttäuscht und wütend über diesen letzten Abschnitt und wünschte, dass man Menschen einfach mehr Respekt zeigen könnte in der heutigen Zeit. Wenn alle so ein gutes Herz wie Michael hätten, wäre die Welt toleranter und friedlicher.... Michael wir werden dich niemals vergessen....
2.
Anahí Pérez 30.06.2009
Ich bin ebenfalls in höchstem Maße wütend über die aktuelle journalistische Nachbereitung seitens des Spiegels! Da werden Sachen zusammengeworfen, die aufgrund ihrer nachlässigen Recherchearbeit schon zu einer Frechheit mutieren. Weg vom sachlichen Berichterstatter, hin zum Klatschblatt, wirklich wahr. Ganz weit vorne darunter der Leitartikel der aktuellen Spiegel-Ausgabe: "König Einsam". Dazu will ich an dieser Stelle nicht bezug nehmen. Aber zum Artikel "Der Junge, der seine Stimme verkaufte", an dieser Stelle, ebenfalls zum letzten Absatz: Man kann nicht wegen Pädophilie verklagt werden!! Um Himmels willen! Gerade solche Themen, und besonders wenn wir über Michael Jackson sprechen, diskutieren wollen, in dessen Leben dieser Begriff fraglos eine Rolle spielte: Gerade solche Themen erfordern ein hohes Maß an Sensibilität, und von journalistischer Seite bedeutet das vor allen Dingen: Genauigkeit im Umgang mit solchen Begriffen.
3.
Bodo von Bitz 30.06.2009
Ich habe nur bis zur falschen Überschrift gelesen, die eigentlich hätte lauten müssen: "Der Junge, dessen Vater seine Stimme und ihn selbst verkaufte".
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