Kindertransporte im Dritten Reich "In wenigen Wochen sehen wir uns wieder..."

Flucht in letzter Minute: Mit einem Kindertransport nach London entkam der zwölfjährige Herrmann Hirschberger noch 1939 den Nazis. Seine Eltern sah er am Bahnhof zum letzten Mal, sie starben in Auschwitz. Heute behält die deutsche Regierung von seiner Rente einen Teil ein - aus fadenscheinigen Gründen.

Shila Behjat/Hirschberger

"Sei brav, sag deine Gebete", hatte die Mutter dem zwölfjährigen Hermann gesagt, dann rollte der Zug los. Die Kinder sollten in die Sicherheit Großbritanniens, bloß raus aus Nazi-Deutschland. Aber ein Wiedersehen sollte es für die Familie nie geben.

Seine blauen Augen sind trüb geworden, die Hände rau und faltig, Hermann Hirschberger ist jetzt 81 Jahre alt. "Aber ich erinnere mich an jede Kleinigkeit. An das Rumpeln des Waggons, an die schneebedeckte Landschaft. So etwas vergisst man nicht." Jetzt könnte er einen geruhsamen Lebensabend in seinem Haus außerhalb Londons verbringen. "Aber nicht mal das ist mir vergönnt", sagt er zornig. Denn: Von der ihm und anderen zustehenden Entschädigungsrente bekommen sie nur einen Bruchteil.

Hirschberger wurde 1926 als zweiter Sohn eines jüdischen Bankprokuristen in Karlsruhe geboren. Mit der Einschulung kamen die Qualen: Im selben Jahr war Hitler an die Macht gekommen, predigte seinen Rassenhass. "Judenschwein", "Judenstinker" nannten ihn die Mitschüler, lauerten ihm auf und verprügelten ihn. "Die Schläge waren nicht schlimm, schlimmer war die Angst." Als er sich über die Schmähungen beim Rektor beschwerte, schmiss dieser den Jungen aus dem Zimmer und schrie: "Aber bist du das nicht auch?".

"Jeder, der konnte, ging"

Die Mutter tupfte ihm die Wunden ab, trocknete seine Tränen, unternahm aber nichts. Wie die meisten anderen glaubte sie, dass Hitler bald wieder verschwunden, der Hass auf die Juden bald wieder vorbei sei. "Wir mussten es aushalten, wir hatten doch alle unsere Wohnung hier, unser Geschäft, unsere Sprache und Kultur."

Doch als der Vater am Tag nach der "Reichskristallnacht" am 9. November1938 gefangengenommen wurde und nur durch das Wohlwollen eines Polizisten wieder frei kam, waren Hermanns Eltern alarmiert. Sie bewarben sich um Visa nach Amerika, nach Palästina, Hauptsache weg. "Jeder der konnte, ging - ohne auf Wiedersehen zu sagen", erinnert sich Hermann Hirschberger.

Dann hörten die Eltern von der Zusage der britischen Regierung, jüdischen Kindern zwischen 6 und 17 Jahren in Großbritannien Asyl zu geben, von den "Kindertransporten". Erst viel später verstand Hirschberger: "Wenigstens wir Kinder sollten gerettet werden. Unsere Eltern schenkten uns zum zweiten Mal das Leben." Denn die Kinder mussten allein reisen. Mit je einem kleinen Koffer brachten sie die Kinder am späten Abend des 20. März 1939 zum Karlsruher Bahnhof. "Das war das letzte Mal, das wir unsere Mutter gesehen haben." Der Vater begleitete sie noch bis Hamburg, dann mussten sie sich auch von ihm verabschieden - und sollten ihn nie wieder sehen. 1942 wurden die Eltern nach Auschwitz deportiert und dort vergast.

Ein Schild um den Hals

"Bis zuletzt waren die Deutschen gemein zu uns", sagt Hirschberger bitter. "Am Zoll in Hamburg nahmen sie mir noch das neue Portemonnaie mit zehn Mark ab." Dann setzten die Kinder per Schiff über auf die Insel Großbritannien. "Ich hatte zwei Gedanken, die mich verfolgten: Der eine war, dass mein Leben nun - Gott sei Dank - gerettet war. Der andere war die Sorge um meine Eltern." Mit dem Schild "Refugee from Nazi Germany" um den Hals, betrat der Junge britischen Boden am Hafen von Southampton.

Hermann Hirschberger und sein Bruder schlugen sich irgendwie durch. Als Flüchtlingskinder ohne Eltern mussten sie arbeiten, um ihre Verpflegung in den Heimen zu bezahlen. Seinen ersten Job bekam Hermann im Alter von 15 Jahren in einer Rüstungsfabrik in London. Schon bald ging er in die Abendschule, zehn Jahre später war er Diplomingenieur. 1963 heiratete er Eva, deren Familie 1938 aus Deutschland nach Brasilien emigriert war. Kennengelernt hatten sie sich in London, wo sie Verwandte besuchte, die Hermann auch kannte. Hermann bekam später einen Job bei Kodak, die Familie kaufte das Haus, in dem Hermann und Eva seither leben. Sie sind Eltern eines Sohnes und einer Tochter, stolze Großeltern.

Doch Frieden finden sie nicht wirklich. "Ich empöre mich, wie gemein wir betrogen worden sind", sagt Hermann Hirschberger. Denn von der ihm zustehenden Entschädigungsrente, die der Europäische Gerichtshof den Überlebenden der Kindertransporte zugesprochen hatte, bekommt er nur einen Bruchteil, genau wie einige Hundert andere. Die Entschädigungsrente gibt es für die Jahre 1939 bis 1948 - doch die deutsche Regierung rechnet die Jahre an, in denen sie als Jugendliche in die britische Rentenkasse einzahlten und zieht diesen Betrag einfach ab.

"Da wird der Sinn einer Entschädigung ausgehöhlt", klagt Hirschberger: "Wer reiche Freunde oder Verwandte hatte, bekommt die volle Entschädigung. Aber die paar Hundert, die arbeiten mussten, weil sie niemanden hatten, bekommen weniger. Das ist doch verrückt." Seit Jahren kämpft der Rentner als Vorsitzender der "Kindertransport"-Organisation dagegen an. Er schreibt Briefe, trifft sich mit Politikern - bisher vergebens. Seine Wut ist groß, sein Groll ungebrochen.



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