Kindheit im Zweiten Weltkrieg Als ich das erste Mal weinte

Nur nicht weinen - das hatte Christel Wachowski als Kind gelernt. Sie hielt sich daran, als ihr Vater in den Krieg zog. Und auch, als die Familie das Elternhaus in Danzig verlassen musste. Doch am 26. März 1945 ging es nicht mehr.

Christel Wachowski

Ich war ein vernünftiges Kind. Ich weinte nicht. Noch nicht. Es war Montag, der 26. März 1945. Zehn Uhr am Morgen. Das Donnern der russischen Kanonen kam seit Tagen näher. Ich hatte keine Träne verloren, als mein geliebter Vater in den Krieg eingezogen wurde. Ich beklagte mich nicht, als ich aus unserem Elternhaus in Danzig aufs Land evakuiert wurde. Genauso wenig zeigte ich eine Regung, als man mir mitteilte, dass wir aus unserer Heimat fliehen müssten. Doch heute, später an diesem Nachmittag, würde ich das erste Mal in meinem Leben hemmungslos in der Öffentlichkeit weinen.

Seit Februar hatte ich beständig Flüchtlingstrecks von Süden kommend durch die Dorfstraße in Suckschin ziehen sehen. Ihr Ziel war die Danziger Bucht im Norden. Manchmal waren es auch zerschlagene Truppenverbände, Soldaten, die vom Kampf gezeichnet mit hängenden Häuptern gen Westen zogen. In den Wochen vor der Flucht wurde bei uns noch nicht geschwiegen. Nur darüber, dass wir selbst irgendwann einmal fliehen müssten, wurde kein einziges Wort gesprochen. Für meine Großmutter, wie auch für uns anderen, war der Gedanke unvorstellbar.

Dann erhielten wir "Einquartierung" von drei deutschen Soldaten. So viele Betten hatten wir nicht zur Verfügung. Also schliefen sie im Wohnzimmer auf dem Fußboden. "Der Russe wird bald hier sein, stellen Sie sich darauf ein", klärten sie uns auf. "Ach nein", sagte Großmutter wie beiläufig, "wir bleiben hier. Wir haben doch niemandem etwas getan." Darauf entgegnete einer der jungen Soldaten: "Ja, was glauben Sie, was die Russen, wenn sie hierher kommen, mit Ihnen machen! Und mit Ihrer Tochter und Ihren Enkelinnen? Die werden alle vergewaltigt!" Großmutter erschrak. Die Worte des jungen Mannes klangen für sie wie eine Drohung. In einer derartigen Klarheit hatte noch niemand mit ihr über die Situation gesprochen. Ab diesem Zeitpunkt wurde umgedacht.

Nur keine Schwäche zeigen

Bereits am nächsten Tag erließ Gauleiter Albert Forster aus seinem Amtssitz in der Danziger Jopengasse den offiziellen Befehl, dass alle Bewohner aus Suckschin im Treck in Richtung Ostsee in Fahrt zu setzen seien. Bürgermeister Fuchs veranlasste, dass die Einwohner auf dem riesengroßen Mühlen- und Gutshof "Hassel" am Montag, dem 26. März 1945, einen Pferdewagen-Treck zusammenzustellen hatten. Zwei Tage blieb uns also Zeit zum Packen. Unseren Vater hatten wir seit anderthalb Jahren nicht gesehen.

Er befand sich noch immer an der Südfront in Italien. Täglich dachte ich an ihn. Ich vermisste ihn sehr. Er fehlte uns allen als wichtiger Teil unserer Familie. Doch ich nahm es hin, dass er nicht zu Hause war. Trotz meiner jungen Jahre verstand ich, dass es so zu sein hatte. Es herrschte Krieg und die Bedürfnisse des Einzelnen mussten zurücktreten. Man hatte es uns immer wieder eingebläut. Ich hatte eine straffe, preußische Erziehung genossen. Man zeigte keine Schwächen und öffentlich zu weinen galt als unschicklich. Die Möglichkeit, unseren Vater über unsere bevorstehende Flucht in Kenntnis zu setzen, gab es nicht. Wie wir ihn jemals wieder finden würden oder ob er überhaupt noch am Leben war, wusste zu diesem Zeitpunkt niemand zu sagen.

Am Montag früh belud mein Großvater den strohgepolsterten Wagen mit Koffern, Taschen und Bettsachen. Die Nachbarn vergruben ihre Wertsachen, Dokumente und Danziger Goldgulden in ihren Gärten oder unter ihren Veranden. Meine Großeltern verscharrten nichts. Ich zog meinen schönsten und modernsten, roten Mantel an. Mutti steckte den Schlüssel unseres Hauses in Danzig in ihre Handtasche. Als sie das letzte Mal in der Stadt gewesen war, hatte sie die Haustür ordentlich verschlossen. Dass unser Elternhaus in unserer Abwesenheit vollständig zerbombt worden war, wussten wir noch nicht.

Der Kanonendonner war deutlich zu hören

Als wir an der Sammelstelle ankamen, stand allen Anwesenden die Angst ins Gesicht geschrieben. Niemand wusste, wie weit die Russen entfernt waren, aber der Kanonendonner der Artillerie war deutlich zu hören. Zu fünft saßen wir mit unserem Gepäck auf dem Fuhrwerk, die Großeltern, unsere Mutter Hedwig Klatt und wir beiden Schwestern. Ich war zu diesem Zeitpunkt vierzehneinhalb Jahre alt. Ursula war dreieinhalb Jahre jünger als ich. Großvater kutschierte den Wagen. Der Treck setzte sich in Bewegung mit Ziel "Östlich Neufähr", einem Fischerdorf an der Danziger Bucht. Jeder der Flüchtlinge war in sich gekehrt. Die Frage, wie weit wir kommen würden und ob wir es schaffen würden, lag in der Luft, doch niemand wagte, sie auszusprechen. Und niemand wusste, wie es an unserem Zielort weitergehen würde, nur, dass man irgendwie auf ein Schiff kommen müsste.

Zu unserem Zweigespann gehörte auch ein blindes Fohlen. An der rechten Seite der Stute war es mit einem schmalen Riemen verbunden. Doch es half nichts - das Fohlen stolperte und stürzte immer wieder. Der Treck bestand aus etwa 30 Fuhrwerken. Nach ungefähr drei Stunden Fahrt stoppte der Treck. Alle Männer, die Jungen wie die Alten, sprangen von den Wagen, um die Pferde zu versorgen. Vor jedes der Tiere stellten die Helfer einen gefüllten Eimer mit frischem Wasser. Sie waren durstig, so dass sie gierig soffen. Danach hängte man jedem Pferd einen dreiviertel gefüllten Leinensack mit Hafer über den Kopf; dieses Futter fraßen sie wohl besonders gerne, da kein Körnchen übrig blieb. Auf der ganzen Strecke hatte sich der Gefechtslärm in der Ferne fortgesetzt. So auch jetzt. Auf einmal hörte ich einen Schuss ganz in der Nähe. Doch ich konnte nicht erkennen, was passiert war.

Als sich der Treck wieder in Bewegung setzte, trabte die Stute alleine im Zweiergespann. Das schöne Fohlen war nicht mehr neben seiner Mutter. Ja, ich erkannte, dass es einen Gnadenschuss erhalten hatte. Mir liefen Tränen über das Gesicht. Tief in meinem Innern wusste ich, es flossen auch Abschiedstränen über das Verlassen unserer geliebten Heimat.

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch "Als die Menschen verstummten: Erinnerungen an die Flucht aus unserer Heimat Danzig", Books on Demand Gmbh, 2009.



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