Kindheit in Bremen Heimliche Muttersprache

Kindheit in Bremen: Heimliche Muttersprache Fotos

Platt war verpönt: Kaum ein Wort brachte Karl Wilhelm Meier während seiner Schulzeit in diesem altertümlich anmutenden Dialekt hervor. Tatsächlich aber verstand er jeden Satz - denn seine Kindheit hatte er mit dem Bremer Original Ottjen Alldag verbracht. Von

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In meiner Kindheit in den fünfziger Jahren sprach man auf den Dörfern Platt - oder Niederdeutsch, wie man auf Hochdeutsch sagt. Ich habe es nie gelernt, obwohl es, wie mein alter Lehrer immer zu sagen pflegte, meine Muttersprache sei. Gemeinhin war Plattdeutsch damals verpönt - als die unzeitgemäße Sprache einfacher Leute.

Obwohl ich es selbst nicht sprach, konnte ich es immerhin verstehen. Bevor ich zur Schule kam, hatte mein Vater uns Kindern Georg Drostes Geschichten von Ottjen Alldag vorgelesen. Ottjen Alldag ist für Bremen, was Tünnes und Schäl für Köln und Klein Erna für Hamburg sind. Der gewitzte Junge, der am Osterdeich aufwuchs, erlebte so einiges - und zwar auf Platt. Ottjen Alldag war der Höhepunkt meines Tages. Einmal war ich so gebannt, dass ich mir die Haare am Zylinder der Petroleum-Lampe versengte, während ich der Geschichte lauschte.

Als ich für die Geschichten von Ottjen Alldag zu alt geworden war, begann ich plattdeutsche Radiosendungen zu hören. Beim "Gespräch über'n Gartenzaun" unterhielten sich Hein und Fiete über die Probleme, die sie ohne Kleingarten nicht hätten. Und dann gab es da noch regelmäßig das niederdeutsche Hörspiel. Es ist bemerkenswert, wie vertraut eine Sprache sein kann, ohne dass man selber spricht.

Meine Schwester Ruth war damals eine große Nummer bei den Laienspielern in der Schule. Kein Wunder, dass sie ihren bescheidenen Ruhm nach der Schule festigen wollte. Sie ging zu einer der vielen norddeutschen Speeldeels, jenen Bühnen, an denen Interessierte unter Anleitung plattdeutsche Stücke spielen und vor Publikum aufführen konnten. Allerdings: Meine Schwester sprach genauso wenig Dialekt wie ich. Ihre Texte lernte sie daher immer auswendig - keine guten Startbedingungen für eine Schauspielkarriere, aus der dann auch tatsächlich nichts wurde.

Als 1973 in Bremen das Institut für Niederdeutsche Sprache gegründet wurde, galt der Dialekt plötzlich wieder als schick. Radio Bremen sendete sogar Nachrichten auf Platt. Die habe ich immer gerne gehört. Nie aber verschwand das Gefühl, dass das Niederdeutsche in der modernen Zeit nicht angekommen war. Manche Vorgänge mussten umständlich umschrieben werden, weil es für bestimmte Dinge keine Worte gab. Die Sprache schien immun gegen die Moden der Zeit.

Erst Ende der neunziger Jahre wurde das Niederdeutsche offiziell als Minderheitensprache in Deutschland anerkannt. Mit diesem Status geht einher, dass die Sprache vermehrt an Schulen unterrichtet sowie an Universitäten gelehrt und erforscht wird. Vielleicht führt dies ja langfristig dazu, dass von dem Dialekt mehr bleibt als nur jene schönen Worte, die längst im Hochdeutschen ein zweites Zuhause gefunden haben: von Bernstein bis Bug, von Möwe bis Mettwurst, von Spuk bis schlabbern.

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