Kindheit in den Siebzigern Bloß kein Mädchen sein!

Kindheit in den Siebzigern: Bloß kein Mädchen sein! Fotos
Petra Fastermann/Dirk Fastermann

Arbeitende Mütter waren suspekt. Das hatte Petra Fastermann rasch gemerkt, als sie in den siebziger Jahren in einem kleinen Dorf am Niederrhein aufwuchs. Dann machte sie Bekanntschaft mit der "Brigitte" und entwickelte als Grundschülerin ein untrügliches Gespür für die Ungerechtigkeiten im Alltag. Von

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Meine beste Grundschulfreundin war ein Schlüsselkind. Sie trug den Haustürschlüssel an einer Schnur um den Hals, damit sie ihn nicht verlor. Familien, die Schlüsselkinder hervorbrachten, weil nicht nur der Vater, sondern auch die Mutter arbeiten ging, waren bei den Erwachsenen in meiner Umgebung nicht gut angesehen. Ich wurde 1966 geboren, das war das letzte Jahr der Regierung Ludwig Erhards, mit dessen Namen sich die Ära des Wirtschaftswunders verbindet.

1972, als meine Grundschulzeit in Wesel-Flüren, einem kleinen Ort am Niederrhein begann, galt es als fragwürdig, wenn eine Familie es nötig hatte, dass auch die Mutter arbeiten ging. Musste nicht eigentlich genug für alle da sein, wenn einer richtig arbeitete? Dass der Eine selbstredend immer der Mann war, schien für viele ein Naturgesetz zu sein. Wenn eine Mutter gar ohne zwingenden finanziellen Grund einer bezahlten Tätigkeit nachging, war es umso merkwürdiger.

Statt eines von der Mutter geschmierten Pausenbrotes hatte meine Freundin oft eine Mark in der Tasche. Die Tatsache, dass sie sich beim Bäcker selbst aussuchen konnte, was ihr schmeckte, wir anderen jedoch unser von zu Hause mitgebrachtes Pausenbrot essen mussten, erregte gründlich unseren Neid. Die Erwachsenen dagegen begriffen das Markstück als Zeichen grober Vernachlässigung und diskutierten darüber. Die Fantasie von uns Kindern reichte weiter: Eine Mutter, die nicht zu Hause war, weil sie arbeitete, kontrollierte bestimmt nicht, ob man seine Schulaufgaben gründlich erledigt hatte. Wir vermuteten, dass das Leben der Schlüsselkinder ein Leben voller unvorstellbare Freiheiten war.

Ein größerer Makel als ein Schlüssel um den Hals oder eine Mark in der Hosentasche waren geschiedene Eltern. Im Scheidungsrecht galt damals noch das Schuldprinzip. Wer schuldlos geschieden war, legte Wert darauf, das zu erwähnen. Ich erinnere mich daran, wie der von einem Mädchen in meiner Klasse als Vater bezeichnete Mann vom Lehrer mit einem anderen als dem Nachnamen des Mädchens angesprochen wurde. Dass Eltern andere Nachnamen als ihre Kinder trugen, war schwer vorstellbar - erst recht für ein Kind.

"Wilde Ehe"

Durch das Belauschen eines Erwachsenengesprächs erfuhr ich, dass die Eltern des Mädchens vermutlich geschieden waren und die Mutter mit dem Mann, der in der Schule vorgesprochen hatte, offenbar "in wilder Ehe" zusammenlebte. Das hörte sich sehr schlimm an und überstieg mein Vorstellungsvermögen. Genauer wollte ich es lieber nicht wissen.

In den siebziger Jahren, als ich eigenständig lesen konnte, begann ich, die Frauenbewegung wahrzunehmen - und zwar mithilfe der nicht gerade für ihren dezidierten Feminismus gerühmten "Brigitte".

Meine Familie wohnte eher ländlich. In meiner Jugend kannte ich keine bekennende Feministin. Hätte es eine gegeben, wäre sie in meinem Umfeld abfällig und verächtlich als Emanze bezeichnet worden. Meine Eltern führten eine traditionelle Ehe wie alle Paare, mit denen sie Umgang hatten. Mein Vater ging morgens ins Büro, um am späten Nachmittag nach Hause zu kommen, während meine Mutter den Haushalt führte und meinen Bruder und mich betreute.

Psychologie mit "Brigitte"

Als Kind las ich alles, was mir in die Hände fiel. Irgendwann begann ich, mich regelmäßig in die Psychologie-Rubrik der "Brigitte" zu vertiefen. Mit Begeisterung machte ich die Tests, die Selbsterkenntnis versprachen, und informierte mich über Eheprobleme und deren Bewältigung mit Hilfe des Rats von Psychologen. Am meisten aber begeisterte mich die unter der Rubrik "Freiheit der Frau" angelegte halbe Seite mit dem Titel "Gleichberechtigung?". Auf der Seite waren Zuschriften von Leserinnen und manchmal auch Lesern abgedruckt, die von ihren Erlebnissen im Alltag berichteten. In der Regel bewiesen sie - das Fragezeichen in der Überschrift ließ es vermuten -, dass es eine Gleichberechtigung mit den Männern nicht in dem Maße gab, wie es für die Frauen wünschenswert gewesen wäre.

Mit heller Empörung und großem Unverständnis nahm ich die Ungerechtigkeit zur Kenntnis. Machten denn diese Erfahrungen nicht jeder Leserin und jedem Leser deutlich, dass Frauen zum Teil aus ganzen Bereichen des öffentlichen Lebens absichtlich ausgeschlossen wurden?

Die Benachteiligung von Frauen im Alltag drängte sich mir als Kind als unlogisch und ungerechtfertigt auf. Die "Brigitte" war es, die mich lehrte, dass es nicht selbstverständlich war, gleichberechtigt zu sein. Mehr noch: Es schien so zu sein, dass es ein großer Nachteil war, ein Mädchen zu sein. Noch schlimmer würde das Frausein werden. Vielleicht fiel mir damals ein, dass auch das Schicksal meiner Klassenkameradinnen, die zu Hause die Zimmer ihrer Brüder aufräumen mussten, mit dem Fragezeichen hinter der Gleichberechtigung zu tun hatte.

Stiller Protest

Ich begann, im Alltag angestrengt darauf zu achten, ob ich gleichberechtigt behandelt wurde. Immer wieder musste ich feststellen, dass das niemals ganz der Fall war. Niemand konnte mir die durch meine "Brigitte"-Lektüre und meine Beobachtungen provozierte Frage beantworten, warum ein Mädchen weniger wert sein sollte als ein Junge.

Ab der dritten Klasse begann ich, auch in der Schule die Dinge in Frage zu stellen. Auf der ersten Seite meines Grundschulzeugnisheftes war als Beruf des Vaters "Fernmeldeingenieur" vermerkt. Als Beruf der Mutter fand sich nur die Angabe "Hausfrau". Ich wusste sehr genau, dass meine Mutter eine Ausbildung als Sekretärin absolviert hatte und folglich über einen erlernten Beruf verfügte. Was in meinen Augen eindeutig ein Fehler war, schien meiner Mutter nicht bedeutend genug, um es korrigieren zu lassen. Nicht zuletzt, weil sie zu diesem Zeitpunkt wirklich Hausfrau war.

Außerdem stellte ich fest, dass es in dem Zeugnis ein Feld für die "Unterschrift des Vaters oder des Stellvertreters" gab. Von der Mutter war nicht die Rede. Darüber ärgerte ich mich sehr. Ab dem 1. Halbjahr des vierten Schuljahrs ließ ich meine Zeugnisse deshalb absichtlich von meiner Mutter unterschreiben - und zwar nicht nur mit ihrem Familien-, sondern auch mit ihrem Vornamen. Ich wartete gespannt darauf, ob sich der Lehrer nach Abgabe des nur durch meine Mutter unterschriebenen Zeugnisses provoziert fühlen und zu einer entlarvenden Äußerung hinreißen lassen würde. Aber ich wartete vergebens.

Vielleicht war mein Protest ein bisschen zu spitzfindig gewesen. Immerhin handelte es sich bei meiner Mutter in der Tat um die "Stellvertreterin" meines Vaters. Eigentlich. Aber warum hätte nicht auch mein Vater der "Stellvertreter" meiner Mutter sein sollen? Fragezeichen über Fragezeichen.

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1.
Brigitte Beyrich, 05.09.2009
Ich gehöre auch zu dieser Generation und empfand folgende "Merkwürdigkeiten" als sehr diskriminierend: Warum musste eine Frau ihren Namen aufgeben, wenn sie heiratete? Bereits als Grundschülerin begehrte ich dagegen auf, damals noch mit dem aussichtslosen Vorsatz "dann heirate ich eben meinen Bruder!" Als dann Ende der 70er Jahre dass Namensrecht geändert wurde, nahm ich mir vor, einen Herrn "Müller, Maier, Schmidt oder Schulze" zu heiraten - den würde ich sicher davon überzeugen, dass er meinen Namen anzunehmen hätte. Hosen für Frauen war ein anderes Thema, das nicht ohne Kämpfe zur Selbstverständlichkeit wurde. Selbst im Winter wurden unseren Lehrerinnen Hosen in der Öffentlichkeit, an ihrem Arbeitsplatz verboten. Und als ich mich dann schließlich Ende der 70er Jahre nach einem Ausbildungsplatz umsah, wurde ich mehr als einmal beim Auswahlgespräch gefragt, wie ich denn diesen Beruf mit Ehe und Familie dann später ausüben wolle. In der "Brigitte" las ich dann auch, dass bis vor kurzem eine verheiratete Frau kein eigenes Konto ohne Zustimmung ihres Ehemannes haben konnte, auch bei Versicherungen hatte es ähnliches gegeben ... Und in unseren Pässen stand auf der ersten Seite: DER INHABER DIESE PASSES IST DEUTSCHER - wer war das nur?
2.
Elena Tiefenberg, 12.09.2009
Es gab noch mehr Merkwürdigkeiten in den 70ern ... Das Kind meiner Schwester (Deutsche) und ihres chilenischen Ehemannes wurde in Hessen 'staatenlos' geboren. Warum? Der Vater, als ausschlaggebender Faktor, hätte mit dem Säugling nach Chile fliegen müssen, um mit Betreten chilenischen Bodens vor Ort die chilenische Staatsbürgerschaft für sein Kind zu beantragen. Um die deutsche Staatsangehörigkeit zu erlangen, musste der Vater in Deutschland für sich die Einbürgerung beantragen - war damals noch schwierig und kostete 500 DM - damit das Kind in die Einbürgerung mit einbezogen werden konnte. Die deutsche Mutter und der deutsche Geburtsort spielten überhaupt keine Rolle;-) Dies änderte sich ABER bald nachdem sie diese Prozedur vollzogen hatten... Dennoch musste das staatenlos geborene und deutsch 'gewordene' Kind, das ausschließlich in seinem Geburtsland lebte, bei seiner standesamtlichen Trauung vor 2 Jahren noch den Staatsbürgerschafts-Nachweis erbringen. Zum Glück existierte noch die Einbürgerungsurkunde des Vaters ... Deutsche Mühlen mahlen langsam ;-)
3.
Marianne Reisch, 09.10.2009
70 er? Ich war schon schon Teenie. Aber schön hier zu lesen, dass man in den 70 ern Berufstätigkeit von Müttern noch so sah, wie ich es bei meiner Mutter erlebte. 1976 war ein entscheidendes Jahr im Familienrecht. Mich würde interessieren: Kennt jemand die genauen Jahreszahlen zum Namensrecht. Ab wann durften Männer den Namen der Frau annehmen? Mußten die dann einen Doppelnamen nehmen? . Ab wann gab es dann die Möglichkeit, dass in einer Ehe jeder seinen Namen behalten darf. Da tippe ich auf Anfang der 90er. Wo finde ich genaue Jahresangaben über Änderungen im Familienrecht? Mir ist nur bekannt, dass bis 1976 die sogenannte Hausfrauenehe galt. Das bedeutete, dass eine verheiratete Frau nur mit Zustimmung des Ehemannes berufstätig sein konnte. Es wurde zwar nicht so streng praktiziert, aber laut Gesetz konnte ein Ehemann Veto gegen Berufstätigkeit einlegen, wenn die Pflichten in Haushalt und Familie litten.
4.
Petra Fastermann, 11.10.2009
Ich dachte, ich würde mit der Eingabe "Familienrecht" und "Reform" bei Google mit wenigen Mausklicks recht schnell eine Antwort zu den Änderungen im Familienrecht finden. Aber die Eingabe war wohl zu allgemein? Ich habe keine Jahreszahlen dazu gefunden, die die auch für mich interessanten Fragen beantworten würden. Ich weiß aber: Männer durften wohl Ende der siebziger Jahre den Namen ihrer Frau annehmen, denn der Mann einer meiner Gymnasiallehrerinnen nahm ihren Namen an. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, weil das viele für sehr kurios hielten. Dass in Deutschland jeder Ehepartner seinen Namen behalten darf, ist erst seit Anfang der neunziger Jahre möglich. Da bin ich relativ sicher.
5.
Marianne Reisch, 13.10.2009
Hallo Petra, auch ich habe recherchiert. Bei Wikipedia steht unter Namensrecht: Vor der Eherechtsreform 1976 wurde der Name des Mannes stets Ehename der Eheleute. Ab 1957 konnte die Frau ihren Namen an den Ehenamen anhängen. Der Mann konnte der Frau, wenn die Frau schuldig geschieden wurde, die Weiterführung seines Namens untersagen. Seit einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom März 1991 ist es möglich, keinen Ehenamen festzulegen und die bisherigen Namen weiterzuführen. Geschichte des Namensrechts ab 1957 konnte ich noch nicht finden. Geschichte des Familienrechts ist bei wikipedia leider noch nicht vorhanden. Mich würde auch interessieren: Wann wurde das sogenannte "Recht zum Schutz der Frau" abgeschafft? So nannte man ein Gesetz, das vorsah: Kinder werden bis neun Monate nach einer Scheidung automatisch ehelich. Es konnte also passieren, dass der Name eines nicht leiblichen Vaters in die Abstammungsurkunde eingetragen wurde, obwohl die Mutter geschieden war und den Namen des leiblichen Vaters angab. Das gab es Anfang der 80 er noch. Die Änderung muss mit der Gleichbehandlung von ehelichen und nichtehelichen Kindern gekommen sein. Die sind im BGB auch verschieden behandelt worden. Im Grundgesetz stand nur in Artikel 6 (5) , dass gleiche Bedingungen für uneheliche Kinder zu schaffen sind. Die ganzen Änderungen im BGB brauchten wohl zuerst einmal Entscheidungen bis zum Bundesverfassungsgericht. Insofern finde ich eben spannend, wie lange es dauerte, bis die Grundrechte sich im BGB niederschlugen. Wer noch mehr zum Thema weiss. Ich bin für Hinweise dankbar.
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