Kindheit in der DDR Wir haben die Geschichte gefälscht!

Faulig-feuchte Klamotten, eiskalte Füße und unzählige Sorten Alkohol: Marko Schuberts Erinnerungen an seine DDR-Kindheit in der Kleingarten-Parzelle sind düster. Komisch nur, dass die Fotos im Familienalbum eine ganz andere Geschichte erzählen.

Marko Schubert/Joachim P.

Die Reise mit meinen Kumpels war eine einzige Katastrophe. Ich kam frustriert zurück nach Berlin und beschloss: Diesmal merkst du dir aber genau, warum das so eine beschissene Tour war - bevor du noch einmal mit denselben Idioten verreist. Man muss nicht jeden Fehler zweimal machen.

Vor einigen Tagen bekam ich die Fotos aus diesem Urlaub wieder in die Hände. Darauf ist Folgendes zu sehen: Jenna, Göte und ich liegen lachend und bekifft an einsamen mexikanischen Traumstränden, schnorcheln mit riesigen Riffhaien und Manta-Rochen in der Nähe tropischer Inseln, paddeln durch geheimnisvolle dunkle Höhlen in Belize und bestaunen mit offenen Mündern die Pyramiden der Maya im Regenwald von Guatemala.

Es gibt kein einziges Bild von dieser Reise, auf dem nicht mindestens einer von uns glücklich in die Kamera grinst. Ich weiß heute beim besten Willen nicht mehr, was ich jemals daran auszusetzen hatte, was schief gelaufen war und ob wir uns gestritten haben. Die Bilder zeigen einen fantastischen, abenteuerlichen und entspannten Abschnitt meines Lebens. Ich habe alle negativen Erlebnisse komplett verdrängt.

Doch es gibt eine Entschuldigung dafür: "I was born in the GDR", wie ich auf dieser Reise immer wieder erklären musste - ich bin in der DDR geboren.

Kollektives Verdrängungssaufen

Es gibt viele Beschreibungen und Lieder, Bücher und Filme über dieses verschwundene Land hinter der dicken weißen Mauer. Besonders jungen Menschen muss es heute vorkommen wie ein fantastisches Märchenland, mit niedlichen Pappautos und Legoland-Neubaublöcken, in denen verschrobene, komisch bekleidete Menschen wohnten, die lustigen Bräuchen nachgingen. Eine Fantasiewelt aus dem Spielwaren-Katalog, die sich irgendjemand ausgedacht hat und von der er uns jetzt erzählt. Doch wer hat all dies erstunken und erlogen? Wer hat die Historie zu seinen Gunsten geschönt?

Ich kenne die Antwort: Wir Ossis haben euch diese Geschichte erzählt und wirklich nicht mit Absicht gelogen - wir haben alle negativen Erinnerungen aus unserem Lebensabschnitt in der Deutschen Demokratischen Republik einfach verdrängt! Nicht erst als alles vorbei war, sondern schon vorher - und in Verbindung mit unglaublich viel Alkohol.

Ein ganzes Volk hat bis zur Besinnungslosigkeit gesoffen. Es gab ungewöhnlich viele Sorten Alkoholika in den Plastik-Regalen der Kaufhallen. Pfeffi, Goldi, KiWi und Stoni waren liebevolle Kosenamen für hochprozentigen Stoff. Wenn eine Pulle 14,50 kostete, wurde sie "zehn vor drei" genannt, der etwas bessere Schnaps hieß "zehn vor sechs" und auch "blauen Würger" konnte man trinken. Man könnte meinen, die Staatsführung hatte kollektives Verdrängungssaufen angeordnet.

Dreckige Fingernägel, eiskalte Füße

Richtig: Es gab viele Opfer meines Ex-Staates, grausame Geschichten von missglückten Fluchten, menschenverachtenden Stasi-Gefängnissen und Polizeiterror. All das wird mit der Zeit aber immer mehr in Vergessenheit geraten - die DDR wird in Zukunft viel freundlicher und immer bunter! Das muss zwangsläufig so kommen, ist meine These.

Als ich sechs Jahre alt war, bekamen meine Eltern ein Grundstück in der Kleingartenanlage Panke-Niederungen in Berlin-Karow. Es war es eine winzige Parzelle auf einem riesigen Maisfeld ganz in der Nähe der so genannten Rieselfelder, also dort, wo die Scheiße der Ostberliner entsorgt wurde. Diese 300-Quadratmeter-Äcker hatten weder Strom- noch Wasseranschluss, weder Wege noch Straßen führten dorthin.

Es dauerte gefühlte fünf Jahre, bis dort unsere eigene Datsche stand und nochmals fünf, bis man sich hier auch ohne zu erfrieren aufhalten konnte. Meine Kindheitserinnerungen bestehen deshalb auch nur aus dreckigen Fingernägeln, Fäulnis durchtränkten Klamotten, eiskalten Füßen und der Vorstellung davon, in einem behelfsmäßigen Geräteschuppen, in dem die Familie Schutz vor sintflutartigen Regenfällen suchte, in einen Zinkeimer zu keckern.

Schäferhunde zählen

Mein Bruder Benny und ich teilten aus Langeweile Regenwürmer bis ins Unendliche und aßen Stücke davon, zählten ertrunkene Maikäfer und quälten kleine Frösche. Wir mussten mit unhandlichen manuellen Ostrasenmähern die Wiese stutzen, meterhohes Unkraut jäten und dann zu dem riesigen modrigen Komposthaufen karren. Selbst Obst und Gemüse blieben mir in schlechter Erinnerung, da besonders Benny bereits nach fünf gepflückten Erdbeeren stöhnend eine halbe Stunde Pause einlegte und besonders ich als der Ältere dafür angeschnauzt wurde. Schwarze Johannisbeeren einzeln zu pflücken, war eine Arbeit, die ich nicht einmal meinem schlimmsten Feind auferlegen würde.

"Wir fahren in den Garten!", war der Horrorsatz meiner Kindheit, zumal er freudig jeden Freitag von Mai bis September erklang. Falls mein Vater noch nicht so früh mit unserem Trabi von der Arbeit weg kam, fuhren wir mit der S-Bahn.

Es war eine ätzende Fahrt - mit nur einem Highlight: Wir hatten nämlich einen schönen Wettkampf ersonnen. Wer zwischen den S-Bahnhöfen Schönhauser Allee und Pankow die meisten Schäferhunde zählte, die dort unterhalb der Brücke - zwischen der weißen Mauer und einem Stacheldrahtzaun - auf und ab liefen, hatte gewonnen. Auch angekettete Hunde zählten. Die Sache wurde dadurch erschwert, dass der Zug auf diesem Abschnitt mit einem Höllentempo entlang raste. Dennoch konnten wir jedes Jahr neue Rekorde im Schäferhunde-Zählen bejubeln.

Laute Musik und Honecker-Witze

Jahre später gelangten genau hier, an der Bornholmer Brücke, die ersten Ostberliner nach 28 Jahren wieder in den Westteil der Stadt. Zufall oder nicht: Der von mir gezählte Weltrekord an Wachhunden im Grenzstreifen wird bis in alle Ewigkeit bei 28 liegen.

Sonst war in unseren Kinderaugen alles an dem Garten Mist. In den Anfangsjahren hatten wir gar keinen und später nur einen rauschenden Schwarzweiß-Fernseher mit Zimmerantenne in der Laube. Wir lagen in dem winzigen Zimmer in unserem ungemütlichen Doppelstockbett, umgeben von Monster-Mücken, in viel zu dünnen Decken frierend, und konnten vor allem wegen der ohrenbetäubenden Lautstärke nicht schlafen.

Meine Eltern und unsere Gartennachbarn feierten jeden Abend ein lustiges Beisammensein, und zwar meistens auf unserer Terrasse. Es kann sich kein Mensch vorstellen, schon gar nicht ein kleines Kind, wie viel Flüssigkeit, vor allem kistenweise Bier, süßen bulgarischen Rotwein und Nordhäuser Doppelkorn dieses Gartenkollektiv in sich hinein schütten konnte. Zunächst hörten wir sie nur lachen und singen - tief in der Nacht wurde dann bei lauter Musik getanzt und wurden Honecker-Witze gebrüllt. Zumindest wussten wir: Wer gerade am besoffensten war, der hatte am meisten zu verdrängen!

Glückliche Gesichter

Mit 14 Jahren fragte ich meine Eltern, ob ich am Wochenende auch allein in unserer herrlichen Neubauwohnung in Friedrichshain bleiben dürfte, und mit 15 beschloss ich das einfach.

Doch Stopp! Ich muss mich entschuldigen. Die Geschichte von unserer kleinen Datsche hat so niemals stattgefunden. Denn unsere Familie besitzt ein Fotoalbum, das die wirkliche Historie unseres Gartens zeigt. Es sind Bilder voller Lebensfreude und Harmonie. Wir Kinder planschen im Bassin, spielen mit unseren Krocketschlägern und Wurfspielpfeilen, bauen bunte Indianerzelte auf und schneiden fast immer lustige Grimassen. Unsere Eltern stehen neben uns und beobachten stolz ihren Nachwuchs, grundsätzlich mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht. Mein Vater hält dabei fast immer ein halbvolles Glas Bier in der Hand. Es gibt kein einziges Foto von unserem Leben in der Datsche, auf dem nicht mindestens einer glücklich in die Kamera grinst.

Ich weiß heute beim besten Willen nicht mehr, ob es an der damaligen Zeit etwas auszusetzen gab, ob etwas schief gelaufen war und ob wir uns jemals gestritten haben. Das Album aus unserem Garten zeigt die DDR, wie sie wirklich war. Bunt!

Zum Weiterlesen:

Scheppert, Mark:" Mauergewinner. 30 DDR-Sättigungsbeilagen", BoD, Norderstedt 2009 .



insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
Manfred Haferburg, 18.07.2009
1.
Gut gemacht! selten habe ich eine Gschichte gelesen, die so treffend meine damalige Realität beschreibt. Ich habe noch hinzuzufügen, dass wir - ich und meine Freunde - uns mit dem zunehmenden Erwachsenwerden dieser Verhaltensweise nahtlos angeschlossen haben. Ungarischer gepanschter Wein mit dem kryptischen Namen "Murfatlar" wurde Kistenweise gekauft und gesoffen. Dazu gabe Fichtelwichtel, einen ekelsüßen klebrigen Kräuterlikör. Den nannten wir "Kommodenlack". Und natürlich Bier, auch Kistenweise. Muss ich erwähnen, dass die DDR Brauereien in Ermanglung von Hopfen das Bier mit Kuhgalle würzten? Die DDR, das war auch kollektives Komasaufen, immer hübsch im sozialistischen Kollektiv. Ich spielte damals in einer Band. Niemand heute kann sich nur im Traum vorstellen, was bei den Frauentagsfeiern am 8. März vor sich ging. Jede Frau bekam vom FDGB ein kleines Handtuch als Geschenk und eine halbe Flasche Wein. Meine Band spielte auf und die Frauen tanzten untereinander, weil keine Männer zu den Frauentagsfeiern eingeladen wurden. Dann kam mehr Wein auf den Tisch, noch mehr und diverse süße Liköre. Goldwasser, Apfelkorn, für die etwas robusteren Damen auch Weinbrandverschnitt. Nach drei Stunden war eine Horde volltrunkener englischer Fußball-Rowdies harmlos gegen die sich den sozialistischen Frust wegsaufenden Frauen. Am nächsten Tag sah das dann in der Zeitung ganz anders aus. Da wurden strahlenden sozialistischen Aktivistinnen Orden überreicht, für hervorragende Leistungen im sozialistischen Wettbewerb zur immer besseren Erfüllung der Bedürfnisse unserer Menschen. "Der Sozialismus siegt! Vorwärts immer, Rückwärts nimmer!" wie unser sich auch dichterisch berufen fühlende Generalsekretär zu reimen pflegte. Na dann Prost!
Markus Abt, 18.07.2009
2.
Ich weiß zwar nicht wie alt sie sind Herr Schubert, doch kann ich ihnen sagen, dass das Leben sich im Westen von dem im Osten kaum unterschied. Auch hier sind die Fotoalben bunt und auch hier sind die LKW Fahrer vor über 30 Jahre noch betrunken LKW gefahren. Gesoffen, geraucht, gefeiert und getanzt wurde hier im Westen in den Kleingärten genauso wie in ihrer Schilderung. Der einzige Unterschied. Überall stand patriotisch "Westen" - Made in Germany -drauf. Das suggerierte Gefühl, auf der richtigen Seite der Mauer und Kriegsgewinnler zu stehen. Der einzige wirkliche Unterschied zum Osten war und ist, dass im Westen seit Einführung des Kaugummi und der Coca-Cola der Klassenkampf im vollen Gange war. Doch auch diese Tatsache des sozialen Klassenkampfes wurde im Westen verdrängt. Vielleicht haben auch unsere Eltern nur die Erinnerungen an die Kriegsgräueltaten und Nachkriegszeit verdrängt. Dies liegt nahe.
Oliver Dräger, 18.07.2009
3.
Das im Artikel beschriebene Merkmal des Gedächtnisses hat absolut nix mit den Verhältnissen in der DDR zu tun (mögen sie nun schlimm oder toll gewesen sein). Gerade an Hand dessen, wie solche Familienfotos entstehen (bzw. wie die Motive in der Mehrzahl der Fälle ausgewählt werden), kann man das gut nachvollziehen - Der Amateurfotograph arbeitet auf dieselbe Weise wie sein Gedächtnis. Das zu zeigen liegt ja offenbar auch in der Absicht des Autors. Nur ist es eben unabhängig von DDR, BRD oder sonst irgendeinem Land in der Welt. Es besagt nur, dass eine gute oder schlechte Erinnerung eine Frage des Betrachtungswinkels ist.
Reinhard Munzert, 18.07.2009
4.
Der Rest der Geschichte: Stasi-Recycling in Ost und West Dieser Artikel ist gegen die Mauer des Schweigens gerichtet, die heimtückische und fast perfekte Verbrechen mittels Stasi-Methoden in ganz Deutschland umgibt. Zersetzung und Stasi-Methoden in Ost und West (2009): http://www.findefux.de/forum/read.php?84,10605,10605#msg-10605 Dr. Reinhard Munzert, Erlangen
Dieter Bernhardt, 19.07.2009
5.
Hiess es nicht immer in Ostberlin, wenn ich wieder nach Leipzig zurückmusste: "Was, du fährst wieder in die DDR"? Von daher lebt der Grössenwahn weiter, auch wenn Lachen ja nicht schaden kann und mir die Geschichte gefällt, denn Ostberlin war immer lustig DAMALS!
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