Kindheit in Nachkriegsdeutschland Kippen-Boogie und Schellekloppe

Kindheit in Nachkriegsdeutschland: Kippen-Boogie und Schellekloppe Fotos
Cordelia Rogge

Für Kinder gab es nicht viel gleich nach dem Krieg, sie mussten erfinderisch sein. Sie bastelten Kartenspiele aus Zigarettenschachteln und machten Bonbons aus Haferflocken. Cordelia Rogge erinnert sich an eine Kindheit zwischen Badetag und Kippen-Boogie. Von

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1946 zogen wir zurück nach Frankfurt. Mein Vater hatte zwei Zimmer zur Untermiete für die Familie gefunden. Zwei Zimmer, aus denen der Schutt der Zerstörung entfernt werden musste. Es gab keine Fenster aus Glas, nur Kunstglasfenster, die nur wenig Tageslicht in die Wohnung ließen. Im Winter hielten sie die Kälte natürlich nicht ab und es wurden Decken zum Abdichten davor gehängt.

Unsere Wohnungseinrichtung bestand aus Betten und Spinden aus alten Krankenhaus- und Lazarettbeständen. Die Matratzen waren mit Blutflecken übersät und ich habe mich oft gefragt, welcher Soldat wohl darauf gelegen und gestorben ist. War er noch jung? Hatte er eine Frau, hatte er Kinder? Wie ist er gestorben? Für mich gab es eine alte Couch, auf der ich geschlafen habe.

Ein großer alter Tisch und einige Stühle vervollständigten die Einrichtung. Unser Familienleben spielte sich in einem einzigen Zimmer ab. Hier wurde gekocht, gegessen, genäht, gelesen, geschlafen und ich machte meine Schularbeiten. Meine Geschwister Horst und Gisela schliefen im Zimmer nebenan.

Badetag im Wohnzimmer

Freitags war Badetag. Dazu wurde eine große Wanne im Wohnzimmer aufgestellt und nacheinander unterzogen wir uns der Reinigungsprozedur. Mir machte das plantschen im Wasser immer Spaß aber meine Schwester Gisela, immerhin schon 14 Jahre, ließ sich nur dazu bewegen, wenn sie ihren Badeanzug anbehalten durfte.

Das Schamgefühl meines Bruders Horst hingegen war noch nicht ganz so stark ausgeprägt. Er sang gern in der Wanne und wurde von Vater mit den Worten "ein deutscher Junge wäscht sich mit Kernseife" angefeuert, was er allerdings als Spaß verstanden haben wollte. Seinen Töchtern gab er den Spruch "ein junges Mädchen wirkt durch seine Natürlichkeit" mit auf den Weg, wofür er von Gisela spöttische Blicke einstecken musste.

Die Versorgungslage in Deutschland war zu dieser Zeit katastrophal.1947 war dazu ein so strenger Winter, dass die Bevölkerung zum Kohlenklau gezwungen war. Die Menschen hungerten und froren. Eis und Schnee legten den Verkehr lahm.

Zur Linderung der Nachkriegsnot in Deutschland war in Amerika bereits 1945 die private Hilfsorganisation CARE gegründet worden, die Pakete an Privatpersonen in Deutschland schickte. Die Pakete enthielten Lebensmittel wie Trockenmilch, Eipulver und Konserven, aber auch Kleidung.

Kindliches Weltbild

Die Schulkinder bekamen kostenlose Schulspeisungen. Auch dafür kamen die Zutaten aus den USA. Oft gab es Milchsuppe, Kakaosuppe und Erbsensuppe, manchmal ein Brötchen und ganz selten ein Stück Schokolade.

Das brachte mich zu der kindlichen Überzeugung, dass alle Amerikaner "die gütigsten Menschen der Welt" seien, während die Russen teuflische Verfolger und Banditen wären. Russen seien schlecht, würden kleine Kinder fressen, nagelten deutsche Bauern an den Zaun und schlitzen deutschen Müttern den Bauch auf. Dass die Russen den Blutzoll von über 25 Millionen Menschen entrichten mussten, war mir damals noch nicht bekannt.

In der Bratpfanne machten wir aus Zucker Bonbons. Durch Zugabe von Milch wurden es Sahnebonbons. Eine Köstlichkeit waren auch Haferflocken mit Milch und Zucker. Dazu tranken wir Essigwasser mit Zucker.

Klickern und Kippen-Boogie

Wir spielten in den Trümmern, suchten nach verborgenen Schätzen, sammelten Kippen, Altpapier und Flaschen und verkauften sie wieder für Pfennige wieder. Wenn wir Glück hatten, gab es dafür eine Portion unseres heiß geliebten Tutti-Frutti-Eis, eine Limonade oder Brausepulver.

Wir spielten auch Hickelkreis, liefen auf selbst gemachten Stelzen und spielten mit dem Hüpfseil. Bälle waren damals noch Mangelware, also spielten wir mit Klickern und schnickten mit Pfennigen. Wir ließen unseren Dobsch kreisen, spielten Karten mit den Deckblättern von Zigarettenschachteln: "Eckstein ist Trumpf".

Wir sangen auch den Kippen-Boogie: "Das ist der Kippen-Boogie, Camel and the Lucky, Camel and the Lucky-Strike".

Manchmal liefen wir durch die Straßen und spielten "Schellekloppe". Das heißt, wir klingelten irgendwo und liefen entweder gleich weg oder blieben stehen, bis sich ein Fenster öffnet. Dann fragten wir: "Haben Sie einen Gemüseladen?" Wenn die Antwort "nein" war, schrien wir lachend "dann tun sie auch Ihren Wersching rein".

Das Leben für uns Kinder war in dieser Zeit ereignisreich. Wir hatten die Straßen für uns. Nur selten sah man ein Auto. Wir waren arm, aber wir waren alle arm.

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