Kindheit mit Donald Duck Die Ente meiner Mutter

Kindheit mit Donald Duck: Die Ente meiner Mutter Fotos
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Donald Duck feiert 75. Geburtstag! Nikolaus Fuchs wuchs gemeinsam mit dem tollpatschigen Enterich auf - er ist der Sohn von Donalds deutscher Übersetzerin. Im einestages-Interview erinnert er sich an Freiexemplare und Weihnachtsenten - und verrät, woher die seltsamen Ortsnamen in den Disney-Comics stammen.

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einestages: Herr Fuchs, Ihre Mutter Erika hat ihr Leben den Comics gewidmet. Jahrzehntelang hat sie auch Donald Duck ins Deutsche übersetzt. Jetzt wird Donald 75 - hätten Sie geglaubt, dass der tollpatschige Enterich auch als Rentner immer noch so beliebt sein würde?

Nikolaus Fuchs: Eher nicht. Uns schien das damals sehr kurzlebig zu sein. Die Micky-Maus-Comics galten anfangs ja als Schundheftchen. Erst später kam dann eine erstaunliche Wendung, als das Ganze zur Kultur erhoben wurde. Für meine Mutter war das ein Wunder.

einestages: Als Ihre Mutter anfing, die Micky-Maus-Hefte zu übersetzen, waren Sie 13 Jahre alt. Wie hat das Ihre eigene Kindheit geprägt?

Nikolaus Fuchs: Wir bekamen vom Verlag fünf Freiexemplare, eines hat meine Mutter sofort archiviert. Ich bekam immer drei Exemplare und konnte sie in der Schule verteilen. Damit war ich natürlich der König. Die Hefte waren beliebt, hinterher kannten wir alle Geschichten auswendig.

einestages: Waren die anderen Kinder nicht neidisch auf Sie wegen der Arbeit Ihrer Mutter?

Nikolaus Fuchs: Nein, Gott sei Dank gar nicht. Heute wäre das vielleicht so.

einestages: Was fanden Sie denn persönlich an den Heften am witzigsten?

Nikolaus Fuchs: Meine Mutter hat Nebenfiguren oft echte Namen gegeben, die es in unserer unmittelbaren Umgebung oder Nachbarschaft wirklich gab. Die kannte ich oft und fand es natürlich sehr lustig, dass die plötzlich in Entenhausen auftauchten. Und meine Mutter hat auch komische Ortsnamen aus Oberfranken für die Hefte verwendet. Zum Beispiel Kleinschloppen. Da haben sich viele in Oberfranken gewundert, warum ihre Heimat auf einmal berühmt war.

einestages: Und was hat Ihnen an Donald Duck am besten gefallen?

Nikolaus Fuchs: Er war der Liebling meiner Mutter und eigentlich auch unser Liebster. Er war der Außenseiter, der Verlierer, der immer wieder aufsteht. Er hat diesen geschraubten Sprachstil, den meine Mutter für ihn erfand. Dagobert Duck sprach dagegen wie meine Großeltern, wilhelminisch. Außerdem waren die Donald-Duck-Geschichten länger und hatten mehr Tiefgang. Ich glaube, Donald Duck war uns Europäern näher als den Amerikanern.

einestages: War Donald durch die Arbeit Ihrer Mutter zu Hause oft Gesprächsthema?

Nikolaus Fuchs: Durchaus, wegen der Übersetzungen. Meine Mutter hat anfangs gezweifelt, ob das überhaupt funktioniert, die Comic-Sprache einfach ins Deutsche zu übersetzen. Mein Vater hat immer gesagt: "Wenn man das gut macht, geht das auch." Ich erinnere mich gut daran: Meine Eltern sind stets früh zu Bett gegangen, aber vorher hat mein Vater sich immer noch die Zeichnungen angeguckt und meine Mutter hat ihm dazu ihre Texte vorgelesen. Er hat dann gesagt: "Das ist frech!" oder "Das ist zu langweilig!" Meine Mutter war sehr gründlich in ihrer Arbeit.

einestages: Und am Essenstisch? Wenn zum Beispiel Weihnachten die Ente im Ofen schmorte, hat man da nicht automatisch einen Kalauer gerissen?

Nikolaus Fuchs: Nein, überhaupt nicht! Donald Duck ist ja eine menschliche Ente. Man denkt bei Donald Duck gar nicht an eine echte Ente.

einestages: Als Ihre Mutter mit den Übersetzungen anfing, war sie schon eine 44-jährige Erwachsene. Haben Sie ihr Tipps und Ratschläge für besonders freche Übersetzungen gegeben?

Nikolaus Fuchs: Meinem Bruder und mir hat sie wohl einfach aufmerksam zugehört und sicher manches übernommen. Aber mit ihren Enkeln hat sie sich oft unterhalten, um die Jugendsprache zu lernen. Manchmal ist sie mit ihnen deshalb extra mit der U-Bahn gefahren.

einestages: Haben Donald Duck und die anderen Comic-Figuren nicht auch mal fürchterlich genervt?

Nikolaus Fuchs: Gar nicht. Ich war froh, dass meine Mutter damit viel beschäftigt war. Denn dann war sie milder gestimmt durch die Arbeit. Sie konnte nämlich sehr streng, manchmal aufbrausend sein. Zum Beispiel wenn wir unsere Vokabeln nicht gelernt hatten.

einestages: Gab es auch mal Übersetzungen Ihrer Mutter, die Sie als Kind blöd fanden?

Nikolaus Fuchs: Ich fand das alles wahnsinnig witzig, besonders die ganzen Reime: "Und lieg ich dereinst auf der Bahre, dann denkt an meine Guithare." Das war doch super. Auch "Stöhn", "Keuch", "Seufz", diese Worte, die meine Mutter frei übersetzt hat, nicht als Verb, sondern als Adjektiv - das fand ich ebenfalls sehr lustig.

einestages: Kritiker haben damals genau das angeprangert und eine Verarmung der Sprache prophezeit. Hat Sie solche Kritik getroffen?

Nikolaus Fuchs: Ich glaube, dass meine Mutter die Sprache eher reicher gemacht hat. Ich habe im Laufe meines Lebens etliche kultivierte Menschen getroffen, von denen ich nie gedacht hätte, dass sie einmal ein Micky-Maus-Heft in der Hand gehabt hätten. Ich selber habe die Kritik damals nicht so mitgekriegt. Das ging ja auch schnell vorbei.

einestages: Stört es Sie nicht, dass man Ihre Mutter nur mit Comic-Figuren wie Donald Duck in Verbindung bringt? Dabei hatte sie einen Doktortitel und hat in Lausanne und London studiert.

Nikolaus Fuchs: Sie war eine hoch gebildete Frau, hat später eine eigene Schule gegründet. Und das Übersetzen war auch nicht einfach. Sie hat etwas Besonderes gemacht, ich bin stolz auf sie.

einestages: Wie feiern Sie denn den 75. Geburtstag von Donald Duck?

Nikolaus Fuchs: Feiern? Gar nicht. Ich denke einfach daran. Vielleicht hätte ich es vergessen, wenn Sie mich nicht angerufen hätten. Aber jetzt denke ich, dass Donald eine ziemlich alte Figur ist und es eigentlich ein Wunder ist, dass er in unserer schnelllebigen Zeit nicht längst auf der Müllkippe gelandet ist.

Das Interview führte Christoph Gunkel

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1.
leo meyer 16.03.2012
Carl Barks ist nicht der Erfinder von Donald Duck wie beim letzten Bild steht.
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