Judenverfolgung in der NS-Zeit "Der Teufel schuf das Halbblut"

Judenverfolgung in der NS-Zeit: "Der Teufel schuf das Halbblut" Fotos
Ellinor Wohlfeil

Ihre Freundinnen zogen die BDM-Uniform an, doch Ellinor Wohlfeil gehörte nicht mehr dazu. Die Tochter eines jüdischen Vaters und einer arischen Mutter wurde in der Nazi-Zeit diskriminiert und verstand nicht, warum. Willkür und Grausamkeit des Hitler-Regimes wurden ihr erst bewusst, als der Vater ins KZ kam.

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Ich wurde 1925 geboren und erlebte zunächst eine unbeschwerte, fröhliche Kindheit. Mein Vater hatte ein gut gehendes Großhandelsgeschäft, meine Mutter war nicht berufstätig. So wuchsen mein Bruder und ich wohlbehütet auf. Als 1933 die Nationalsozialisten an die Macht kamen, sollte sich aber bald alles ändern. Denn mein Vater war Jude.

Zum ersten Mal merkte ich mit zehn Jahren, dass ich eine Außenseiterin war. In dem Alter wurden die Mädchen in den "Bund Deutscher Mädel" (BDM) aufgenommen, die Jungen in das "Deutsche Jungvolk"(DJ). Dort wurden sie auf die "Hitlerjugend" vorbereitet. Die "Kluft" der Mädchen bestand aus einem schwarzen Rock, einer weißen Bluse, einer braunen Jacke und einem schwarzen Halstuch mit Lederknoten. In dieser Uniform, die mir meine Mutter gekauft hatte, ging ich eines Tages mit meinen Freundinnen in unsere Schule in Bad Harzburg, um mich als "Neue" in den Bund aufnehmen zu lassen.

Eine BDM-Führerin, die bereits zu den Älteren in der Hitlerjugend gehörte, nahm mich beiseite und sagte mir, ich könnte nicht angenommen werden. Und die Uniform dürfte ich auch nicht tragen. Als ich nach dem Grund fragte, sagte sie nur: "Lass es dir von deiner Mutter erklären." Von ihr hörte ich dann nur einen Satz: "Dein Vater ist doch Jude." Ich verstand es nicht, denn mir war die Bedeutung des Wortes "Jude" unbekannt. Somit begriff ich auch nicht, warum ich aus einer Gemeinschaft ausgeschlossen wurde, der ich mich zugehörig fühlte. Was war denn anders an mir, anders an meinem Vater? Er war doch ein Mensch wie alle anderen auch. Von den politischen Hintergründen, von Diktatur und Ideologie ahnte ich als Zehnjährige nichts.

In den folgenden Jahren spürte ich immer wieder, dass ich minderwertig war und ausgegrenzt wurde. Wenn vor der Schule an bestimmten Tagen die Hakenkreuzfahne gehisst wurde und alle Kinder in ihrer Uniform antraten, stand ich als Einzige in meinem Schulkleid da. Ich hatte immer das Gefühl, dass mich alle anstarrten. Manchmal riefen mir andere Kinder "Jude" oder "Itzig" nach. Es war jedes Mal wie ein Spießrutenlaufen. Auf dem Heimweg von der Schule kam ich an einem Garten vorbei, in dem ein großer Schäferhund frei herumlief. Oft war auch ein Junge dort, der so tat, als wollte er den Hund auf mich hetzen. Ich hatte immer Angst, er könnte über den Zaun springen und mich tatsächlich anfallen.

Machtlos in der Schule

Im Unterricht stand die Nazi-Ideologie im Vordergrund. Einmal mussten wir einen Aufsatz zum Thema "Das nationalsozialistische Deutschland und das Weltjudentum“ schreiben. Bei der Vorbesprechung hetzte der Lehrer heftig gegen die Juden. Ich konnte mich nicht dagegen auflehnen, denn damit hätte ich mich in Gefahr gebracht. Vielleicht wäre ich der Schule verwiesen worden, oder es wäre noch Schlimmeres passiert. Also schrieb ich irgendetwas hin, von dem ich dachte, dass es passen könnte. Statt einer eigenen Meinung war Anpassung gefragt. Die Schüler von heute, die mit ihren Lehrern und untereinander diskutieren, wissen wahrscheinlich gar nicht, wie gut sie es haben.

In einer Unterrichtsstunde mussten wir einen Spruch auswendig lernen: "Gott schuf den Weißen, Gott schuf den Schwarzen, aber der Teufel schuf das Halbblut". Plötzlich sah der Lehrer mich an und sagte: "Das gilt aber nicht für dich." Alle Kinder starrten mich an. Ich fühlte mich bloßgestellt und gedemütigt. Am liebsten hätte ich mich irgendwo versteckt. Zu Hause fragte ich meine Mutter: "Was ist ein Halbblut?" Sie sagte nur: "Das verstehst du noch nicht."

Solche Ereignisse bestimmten meine ganze Kindheit und Jugend. Ich erlebte ein Klima der Bedrohung und Demütigung. Die Angst vor etwas nicht Fassbarem führte dazu, dass ich tief verunsichert war.

1938 wurde mein Vater nach der sogenannten "Reichskristallnacht" verhaftet und kam in das Konzentrationslager Buchenwald. Davon erfuhr ich auf dem Heimweg von der Schule. Die Mutter einer Klassenkameradin rief mir zu: "Geh mal schnell nach Hause. Deinen Vater haben sie gerade verhaftet." Ich bekam Angst und lief so schnell ich konnte. Als ich meine Mutter fragte: "Was hat Vati denn getan?", antwortete sie: "Er hat nichts getan." Erst in dem Moment fing ich an zu begreifen, was es damals in Deutschland bedeutete, Jude zu sein. Nämlich, der Willkür eines diktatorischen, grausamen Regimes preisgegeben zu sein.

Ausgemergelt und kahl geschoren

Nach einigen Wochen wurde mein Vater als sogenannter privilegierter Jude freigelassen, weil das Konzentrationslager überfüllt war. Zu der Kategorie zählte man alle Juden, die mit einem arischen Ehegatten verheiratet waren oder einen arischen Elternteil hatten. Meine Mutter holte ihn mit dem Auto vom Bahnhof ab. Als ich meinen Vater sah, packte mich das Entsetzen. Er war völlig ausgemergelt, der Kopf war kahl geschoren, und auf seinem Schädel sah ich kleine blutige Stellen. Diesen Anblick habe ich seitdem nie vergessen. 1943 nahm sich mein Vater das Leben.

Nach Kriegsende 1945 sagte mir meine Tante: "Du kannst jetzt frei leben. Alles ist doch nun für dich vorbei." Doch die Wunden, die einer Seele über einen so langen Zeitraum zugefügt werden, heilen nicht so schnell. Tiefe Verunsicherung, ein Mangel an Selbstwertgefühl, Versagensängste und daraus resultierende Depressionen haben mich mein Leben lang begleitet. Das Gefühl, kein vollwertiger Mensch zu sein, lauerte immer im Unterbewusstsein. Ich wagte es nie, mich durchzusetzen, nahm mich stets zurück und hielt mich im Hintergrund. Oft überließ ich anderen Menschen Entscheidungen, manchmal sogar über mein Leben. Diese Verhaltensweisen waren in meiner Kindheit und Jugend überlebenswichtig gewesen. Später wurden sie jedoch zum Hindernis für ein selbstbestimmtes, freies Dasein. Dies zu erkennen, ist für mich ein langer Prozess gewesen.

Zum Weiterlesen:

Ellinor Wohlfeil: "Kein menschlicher Makel - weder gestern noch heute", Verlag 3.0, 2013, 96 Seiten.

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1.
Marc Kroloff, 31.08.2013
[...] Die "Kluft" der Mädchen bestand aus einem schwarzen Rock, einer weißen Bluse, einer braunen Jacke und einem schwarzen Halstuch mit Lederknoten [...] Das ist nicht korrekt, der Rock war dunkelblau. Warum ist das der Autorin nicht bekannt?
2.
Ellinor Wohlfeil, 02.09.2013
Ursprünglich hatte ich auch von einem dunkelblauen Rock geschrieben. Bei meinen Lesungen wurde ich darauf hingewiesen, dass der Rock schwarz gewesen sein soll. Darum habe ich das geändert. Ich nehme an, dass beides möglich war. Ellinor Wohlfeil
3.
Ulrich Dinser, 09.09.2013
Danke für Ihren berührenden Bericht, Frau Wohlfeil. Ich finde es immer wieder atemberaubend, dass es Betroffene gibt, die diese grauenhafte Zeit überstehen konnten. [Und bitte ärgern Sie sich nicht über den ersten "Debattenbeitrag". Es gibt Fragen, die mehr über das Niveau des Fragers verraten als diesem lieb sein dürfte.]
4.
Ellinor Wohlfeil, 10.09.2013
Vielen Dank für Ihren verständnisvollen Kommentar, Herr Dinser!
5.
vladimir todorović, 16.09.2013
Frau Wohlfeil Ich wünsche Ihnen langes und gesundes Leben!
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