Kinky Friedman Der texanische Paradiesvogel

Provokateur oder böser Clown? Der Texaner Kinky Friedman war erst Countrysänger, traf dann Jesus, schrieb Krimis und machte schließlich auf Politiker - bevor er seine Berufung in der Tierpflege fand.

AP

Von Jürgen Ritter


Manche hielten ihn für einen bösen Clown. Kinky Friedmans Auftritte im texanischen Gouverneurs-Wahlkampf 2006 waren bizarr. Er versuchte sich als authentischer Texaner und Antipolitiker zu profilieren, was ihm auch gelang. Er trug immer einen schwarzen Stetson, Blue Jeans und Cowboystiefel, in der Hand meistens eine Zigarre. Er wollte das Glücksspiel erlauben, falls er Gouverneur würde, und damit Schulen finanzieren.

Er brauche den Job, so Friedman damals, weil seine umfangreiche Garderobe den Platz im Gouverneurspalast benötige. Sein Freund, die Country-Ikone Willie Nelson, sollte Chef einer neuen alternativen Energiebehörde werden.

Immerhin wählten 13 Prozent der Wahlberechtigten den Paradiesvogel. Nach Meinungsumfragen vor der Wahl war der Unabhängige sogar eine ernsthafte Bedrohung für die Republikanische Partei in Texas. Sie wurde ausgerechnet von einem Mann bedroht, dessen Vita so rein gar nicht zu seinem konservativen Heimatland passen wollte. Ein Countrymusiker, der Rechtsradikale reizte und Frauenrechtlerinnen provozierte. Ein Drogenabhängiger, der Jesus getroffen haben will. Ein Krimiautor und Pfleger misshandelter Tiere. Und ein Politiker mit absurden Forderungen.

Rotes Tuch für Antisemiten

Richard "Kinky" Friedman, 64, hatte schon früh eine Vorliebe für politische Inkorrektheiten und Provokationen. Seine Band "Kinky Friedman and The Texas Jewboys" hatte in den siebziger Jahren mit Songs wie "I'm proud to be an asshole from El Paso" (Ich bin stolz darauf, ein Arschloch aus El Paso zu sein) provoziert. Es kam schon mal vor, dass die Musiker fluchtartig die Bühne verlassen mussten.

Nicht nur "Rednecks" aus den Südstaaten konnten sich darüber erregen, dass ein Jude den Cowboy spielte und auch noch deutlich sagte, was er von ihnen hielt - nämlich wenig. Für Antisemiten war Kinky Friedman ein rotes Tuch: In seinem Song "They ain't makin' Jews like Jesus anymore" (Sie machen keine Juden mehr wie Jesus) gibt es Dresche für einen Südstaatler, der sich mit einem Juden anlegt. Sogar mit der Frauenbewegung legte er sich an. 1974 erhielt er von der Woman´s Lib-Bewegung die wenig schmeichelhafte Auszeichnung "Chauvi des Jahres".

Friedman lebte in dem New Yorker Künstlerviertel Greenwich Village in Manhattan, wenn die Band nicht gerade auf Tournee war. Er konsumierte eine Menge Kokain und Alkohol und war auf dem besten Weg, im Drogensumpf unterzugehen. Um von den Drogen loszukommen machte er 1985 Schluss mit der Band, getreu seinem Motto "Wenn das Pferd stirbt, steig ab".

Jesus bekehrt den Drogensüchtigen

Es kursieren diverse Legenden darüber, wie er den Absprung geschafft haben soll. Eine davon lautet: Nachdem er eine Frau vor einem Überfall bewahrt hatte, sei es Jesus persönlich gewesen, der ihm gesagt habe, sofort mit den Drogen aufzuhören. So sagte es zumindest sein Musikerkollege Tom Waits. Jedenfalls setzte Friedman sich im selben Jahr auf die Ranch seiner Eltern nach Texas ab, fing zu schreiben an, und kümmerte sich fortan um herrenlose Hunde.

"Für mich gibt es keinen großen Unterschied zwischen meinen Songs und den Büchern. Das Härteste ist immer nur der erste Satz. Danach fällt mir das Schreiben leicht", so Friedman über seine neue Tätigkeit als Schriftsteller. Er schrieb über 20 Bücher, fast jedes Jahr eines, meistens Krimis, die bald Kultstatus hatten. "Greenwich Killing Time" kam als erstes Werk auf deutsch 1992 heraus. Das Buch verkaufte sich auf Anhieb 100.000 Mal.

Friedman schreibt in der Ich-Form. Die Hauptfigur seiner Krimis ist wie selbstverständlich der Privatdetektiv Kinky Friedman - ein ehemaliger Countrysänger. Reale Freunde, Bekannte und Feinde - alle kommen sie in seinen Büchern vor. "Nur eine dünne Linie trennt Fiktion und Wirklichkeit. Manchmal weiß ich selbst nicht mehr, wo was aufhört oder anfängt", so Friedman. Die Frage, wer der Mörder war, wird so in den Romanen zur Nebensache. Friedmans Krimis sind voll von lakonischen, melancholischen, komischen und philosophischen Anspielungen. Stets geht es um New York, um Greenwich Village, die dortigen Kneipen und Typen, um Menschen und ihre Schwächen, um Zigarren und Musik.

George W. Bush, die gute Seele

Kinky Friedman hat viele Fans. Der US-amerikanische Ex-Präsident Bill Clinton schrieb einmal an den Mann mit den vielen Identitäten: "Lieber Kinky: Ich habe jetzt alle deine Bücher gelesen. Mehr bitte! Ich brauche die Lacher einfach." Auch Georg W. Bush huldigte der "texanischen Legende", wie er Friedman nannte. Er lud ihn wie Clinton ins Weiße Haus ein, Friedman hielt dort eine Lesung und beide zusammen rauchten anschließend auf dem Balkon Zigarren. Kinky Friedman wusste sich zu revanchieren und sagte, Bush sei eine gute Seele, die leider im Körper eines Republikaners gefangen sei.

Heute kümmert sich Kinky Friedman auf seiner "Utopia Animal Rescue Ranch" um streunende, misshandelte und alte Tiere.



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