Kino in den Achtzigern Gefangen im Lichtspiel-Labyrinth

Kino in den Achtzigern: Gefangen im Lichtspiel-Labyrinth Fotos
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Wo "Rambo" tobte: In den achtziger Jahren wurden aus ehrwürdigen Lichtspielhäusern nach und nach gesichtslose Kinocenter. In den verschachtelte Minisälen war die Leinwand oft auf TV-Bildschirmgröße geschrumpft - und das Programm mitunter genauso verwirrend wie die Architektur. Von

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Irgendwann in den achtziger Jahren, die deutsche Kinolandschaft dümpelte so vor sich hin, passierte es: mehr oder minder über Nacht hatten sich die Kinosäle wie durch Zellteilung vermehrt. Plötzlich gab es an einem Ort nicht mehr nur einen großen Saal, sondern sechs, sieben, manchmal sogar acht: Das "Kinocenter" war erfunden.

Der Begriff sollte wohl signalisieren, dass es sich hier nicht um ein verstaubtes altes Filmtheater aus der Nachkriegszeit handelte, sondern um ein hochmodernes Entertainment-Komplex. Viele dieser Center sollten schon knapp 15 Jahre später durch atmosphärisch kalte Multiplex-Kinos abgelöst werden. Für eine kurze Zeit aber waren die Kino-Schachteln der letzte Schrei. Unter einem Dach vereint, trafen an dieser verwinkelten Spielstätte große deutsche Produktionen wie "Das Boot", "Männer" oder "Liebesgrüße aus der Lederhose" und Internationales wie "Eis am Stiel", der "Tanz der Teufel" oder "Ghostbusters" aufeinander.

Der große Saal war allein den Publikumsrennern vorbehalten. Wer Pech hatte und spezielles Genre-Kino sehen wollte, wurde mit 36 anderen Besuchern in einem niedrigen Raum zusammengepfercht, der überdies rundum mit hässlichem, dicken Teppichboden ausgeschlagen war. In manchen Sälen saß man direkt neben der Skyline von Manhattan, die eine Fototapete zierte. Die Leinwand allerdings war im schlimmsten Fall gerade so groß wie vier Fernseher - zwei oben, zwei unten. Wer keinen Kopf im Bild haben wollte, musste in der ersten Reihe Platz nehmen - hatte dann aber immerhin auch so was wie Beinfreiheit.

Störgeräusche von nebenan

Die oft merkwürdig unproportionierten Zuschauerräume waren die Notlösung aus der Teilung des ehemals großen Kinosaals. Häufig bestand die Abtrennung zum nächsten Kino nur aus einer Rigipswand, die unzureichend isoliert war, so dass man den Ton aus den umliegenden Kleinkinos quasi als Surround-Sound umsonst dazubekam. War die eigene Wahl zu langweilig und klang es von drüben interessanter, wechselte man einfach den Saal.

Meist gab es nur einen Vorführraum und einen Vorführer, der erst Kasse und später die Projektion machte. Die wurde mit diversen Spiegeln auf die Leinwand geleitet, die ein nicht unbedingt helles und scharfes, dafür aber schön trapezförmiges Bild auf die Leinwand warfen. Gerne verrutschten und verzerrten die Bilder, schließlich gab es Filme manchmal im 16-, manchmal im 36-Millimeter-Format. Dann suchte der Filmfan im verwaisten und verwinkelten Lichtspiel-Labyrinth nach einer Menschenseele, die das Bild wieder richten konnte. All dies und viele weitere Nachteile nahmen Kinobesucher damals in Kauf, denn das Kinocenter bot ja vor allem eines: Programmvielfalt!

Und die war zu Beginn der Achtziger schon gewaltig. Es war die Zeit vor dem Video-Boom und dem Privatfernsehen, die später den Großteil des filmischen Sondermülls direkt in die privaten Haushalte leiteten. Damals aber, also zu den Pionierzeiten von Video und Privatfernsehen, konnte es passieren, dass im Kinocenter in Saal 5 die niedersten Triebe befriedigt wurden, während im Furzkino nebenan das Spätwerk eines Rainer Werner Fassbinder oder die frühen Woody-Allen-Filme über die Leinwand flimmerten.

In den großen Sälen liefen Filme mit Stars, die überwiegend noch aus den Siebzigern stammten und für die heute niemand mehr auch nur einen Cent an der Kinokasse ausgeben würde. Ich denke da vor allem an die unzähligen Prügel-Lachnummern mit Bud Spencer und Terence Hill oder dem französischen Chef-Choleriker Louis de Funès. Bald jedoch machte sich in den deutschen Lichtspielhäusern das Blockbuster-Kino breit. Das waren Erfolgsfilme, für die das amerikanische Publikum angeblich um mehrere Häuserblöcke herum Schlange gestanden hatte und die mit immer größerem Werberummel, Pappaufstellern und Plakaten im Kinocenter präsentiert wurden.

Söldner gegen Sozialdrama

Amüsieren konnten damals auch die vielen Kriegs- und Söldnerfilme wie "Die Wildgänse kommen" oder "Stoßtrupp durch die grüne Hölle". Und nie sah man vermeintliche Umweltschützer und Kriegsgegner naiver als Terroristen entlarvt als in dem ärgerlichen Machwerk "Das Kommando" mit Lewis Collins aus dem Jahr 1982. Wer dann genug "Kampfkoloss" und "Megaforce" gesehen hatte und etwas Ruhe brauchte, ging beim nächsten Besuch ins Kino 4, wo mit "Kramer gegen Kramer", "Silkwood" oder "Heller Wahn" immer eines dieser für die Achtziger so typischen Sozialdramen lief.

Aber was gibt es schöneres als Bud Spencer, Söldnergewalt und Sozialschnulze? Sex! Und der durfte auf keinem Spielplan eines Kinocenters zu Beginn der Achtziger fehlen. Einige Häuser gingen dabei mit ihren pikanten Werken im Portfolio ganz geschickt um: Damit niemand an der Kasse mitkriegte, in welchen Film der Besucher wollte, löste der Porno-Freund eine ganz normale Karte für einen x-beliebigen Film, mit der er dann unbemerkt in seinen Wunschfilm verschwinden durfte. Neben Hochglanz-Hardcore aus dem Hause Uhse, der in der Spätvorstellung oder gleich in allen Vorstellungen nonstop lief, gab es den sogenannten Softsex-Bereich. Der bestand vornehmlich aus Reprisen des reichhaltigen Erbes, das die siebziger Jahre hinterlassen hatten, also Bayern-Sex, bunt gemischt mit blutjungen Schwedinnen und bis aufs Blut gequälten Hexen.

Quasi im Jugendprogramm gab es dann die dämliche "Eis am Stiel"-Reihe. Wer noch zu jung für "Caligula" oder "Katharina - Die nackte Zarin" war, aber dennoch sehen wollte, was Sache ist, wurde hier bestens frustriert. Erst in der zweiten Hälfte der Achtziger, als sich der ganze Sexschund in die Videotheken verabschiedet hatte, kam mit "9 ½ Wochen" erstmals Erotik in die Kinos, die man sich auch als Erwachsener und sogar in Begleitung von Frauen ansehen konnte.

Helden wie Mad Max und McQuade

Als Kontrastprogramm zur Erotik gönnte man sich wieder einsame Helden! Männer, die ihren Kampf zum Wohle der Menschheit - das hieß seinerzeit in der Regel gegen Kommunisten - führten. John Rambo, der im ersten Teil eigentlich gegen die USA antrat, für die er zuvor in Vietnam gekämpft hatte, wurde in Teil zwei zum Patrioten umgedreht, und keiner hat's gemerkt. Mel Gibson donnerte als Mad Max durch eine Endzeitwelt, um seine Frau zu rächen und mal kurz an der Tanke seinen Kanister vollzumachen. Wem das alles noch nicht hart und actionreich genug inszeniert war, der kam in den Chuck-Norris-Filmen bestens auf seine Kosten.

Auf andere Gedanken brachten einen danach die Tanz- oder Disco-Filme. Das Genre, das Kultfilme wie "Saturday Night Fever" hervorgebracht hatte, sollte das Ende der Dekade aber nicht überleben. Jennifer Beals in "Flashdance" war ja noch richtig mitreißend, aber der Reiz von "Dirty Dancing", dem größten Erfolg des Genres, hat sich mir bis heute nicht erschlossen. Jedoch lässt sich an diesem Film wunderbar die Funktionsweise des Kinocenters demonstrieren: Ohne große Erwartungen war er im kleinen Kino gestartet, um dann schnell ins große Haus verlegt zu werden und langsam, während vieler Wochen Laufzeit, von einem Kino ins jeweils kleinere, zuletzt in die Spätvorstellung, zu wandern.

Als die Achtziger vorbei waren, verschwanden mit den vielen kleinen, schmutzigen Filmen auch die kleinen, muffigen Schuhschachteln. Beiden weine ich keine Träne nach. Lediglich zu Beginn von Tarantinos "Death Proof", als die Bilder Streifen und Flecken wie von abgenudeltem Zelluloid imitierten, konnte ich mich einer gewissen Wehmut nicht erwehren - Erinnerungen an jene Tage, als man an einem kleinen Linoleumhäuschen mit verwarzten Scheiben eine Karte für "Ein Turbo räumt den Highway auf" verlangte.


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1.
Torsten Dewi 26.01.2009
Ein hübscher, launiger Bericht - sowas wollte ich auf meinem Blog auch immer mal machen. Ich erinnere mich gut an die Zeiten, als alljährlich die neuen Streifen von Belmondo, Delon, und Celentano in die Kinos kam, als "Cinema" noch über Schmuddelsex wie "Schulmädchen 84" (mit Terence Trent D'Arby!) berichtete, und Peter McCoy "der faszinierende neue Barbaren-Typ" war. In zwei Punkten muss ich allerdings widersprechen: Das Foto mit dem Stuhl-Ausverkauf ist definitiv falsch datiert. Den gezeigten Filmen nach reden wir hier von 1996, nicht 2003. Und die Schachtelkinos waren keine Erfindung der 80er, leider. Ich komme aus Düsseldorf, und da gab es die Schachtelkinos lange vorher: Residenz, Europa, Savoy - genau wie hier beschrieben. Wenn man nicht in den großen Saal kam, war das Filmvergnügen arg begrenzt.
2.
Markus Proller 26.01.2009
Schöner Text. Auch wenn ich die Zeit leider nicht mehr miterleben konnte. Die Tanzfilme sind allerdings übrigens ja wieder im kommen - sie Highschool Musical etc. - sie haben die 80iger Jahre zwar nicht überlebt, aber werden scheinbar gerade reanimiert. Allerdings wohl eher für eine jüngere Zielgruppe, als die Filme damals.
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