Kino-Phänomen Midnight Movies Sie liebten ihre Wahn-Vorstellungen

Kino-Phänomen Midnight Movies: Sie liebten ihre Wahn-Vorstellungen Fotos
ddp images

Der gleiche Trash, immer und immer wieder: Nacht für Nacht pilgern in den siebziger Jahren Filmfans ins Kino, um B-Movies zu schauen und dabei zu kiffen. Die obszönen, blutigen, gruseligen "Midnight Movies" wurden zum Kult. Dabei hätte Ober-Beatle John Lennon das Phänomen fast zugrunde gerichtet. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 4 Kommentare
    4.0 (6 Bewertungen)

Als Ben Barenholtz im Dezember 1970 einen Zettel an das Kassenhäuschen seines Kinos hängte, ahnte er noch nicht, dass er gerade dabei war, einen neuen Kult zu erschaffen. Der Betreiber des Hippie-Kinos "Elgin" in New York wollte eigentlich nur einen Film ankündigen und dabei auf teure Werbung verzichten. Mit guten Kritiken seitens der Journalisten aus dem versnobten Manhattan rechnete er ohnehin nicht und ersparte sich deshalb Anzeigen und Pressevorführungen. Barenholtz wollte lieber die Zuschauer entscheiden lassen, ob sie den Film mögen oder nicht.

So kündigte der Kinomanager die Filmpremiere lediglich auf einem weißen Blatt Papier an: "'El Topo' um Mitternacht'' lautete die Notiz. Name, Uhrzeit - mehr brauchte es nicht. Denn für Barenholtz stand fest: Der ungewöhnliche Starttermin würde die Menschen anlocken. Und so war es auch. Bei der ersten Vorstellung blieben die 600 Sitzplätze noch zum Großteil leer, zwei Nächte später standen die Menschen Schlange.

"El Topo" von Regisseur Alejandro Jodorowsky wurde zum ersten Mitternachtsfilm der Vereinigten Staaten. Der surrealistische Western des Chilenen über einen Verbrecher in Schwarz, der zum Heiligen mutiert, lief sechs Monate lang ohne Unterbrechung im "Elgin". Jede Nacht kamen Studenten und Filmfans ins Lichtspielhaus, Taxikolonnen brachten Bürger aus den noblen Vierteln vor das schäbige Gebäude im westlichen Stadtteil Chelsea. Es wurde das wichtigste kulturelle Ereignis im Frühjahr 1971 - und der Beginn eines Kinophänomens, das sich bald über das gesamte Land ausbreitete.

Drogen, Lesben und kultische Messen

Dabei war die Idee, Filme um Mitternacht zu zeigen, nicht neu. Schon in den dreißiger Jahren boten einzelne Kinos B-Movie- und Horror-Programme zu später Stunde an. Mitte der sechziger Jahre zeigten Künstler wie Andy Warhol oder Kenneth Anger ihre Filmarbeiten in Mitternachtsshows. Underground-Regisseur Jack Smith, Schöpfer des experimentellen Travestiefilms "Flaming Creatures", bestand sogar darauf, dass seine Werke nur zur Geisterstunde liefen.

Doch die Nächte im "Elgin" waren anders. Die Kinobesucher kamen eben nicht, um immer neue Filme eines Genres zu sehen. Sie sahen immer wieder das gleiche Werk. Monatelang. Irgendwann kannte das Publikum den Text auswendig. Die Zuschauer wussten, wann der Filmheld El Topo ("Der Maulwurf") seine Gegner niederstrecken würde. Sie applaudierten beim Lesbenkuss der beiden weiblichen Darstellerinnen. Und sie begannen, die Figuren lautstark anzufeuern.

Das "Elgin" wurde zu einer Kathedrale, in der allnächtlich die Messe des Alejandro Jodorowsky abgehalten wurde: Durch die Wiederholungen hatte der Film einen geradezu rituellen Charakter bekommen; die Besucher fühlten sich wie Auserwählte. Statt Weihrauch erfüllte der Duft von Marihuana den Saal - Cannabiskonsum gehörte im "Elgin" dazu. Die Drogen bewirkten, dass das mystische Werk für viele Zuschauer zu einer Art Offenbarung wurde. Inmitten der Gewaltbilder suchte man Erleuchtung - genau wie der Titelheld.

Immer mehr Besucher kamen in schwarzem Cape und Cowboyhut zur Show. Die Mundpropaganda zog auch bekannte Namen an: Andy Warhol, Dennis Hopper oder John Lennon. Der Beatles-Sänger wollte den Film sogar noch bekannter machen - und sorgte dabei unbeabsichtigt für das Ende des Kults. Lennon erwarb die Filmrechte, mietete ein Kino am Broadway und ließ ganze Häuserreihen mit Werbepostern für "El Topo" behängen. Jeder sollte den Film sehen, im normalen Programm und nicht mehr um Mitternacht. Drei Tage nach der Broadway-Premiere war die Begeisterung vorbei. "El Topo" hatte die Aura des Verrucht-Verbotenen verloren.

Doch Barenholtz kannte nun das Potential des Mitternachtsprogramms, das zwischenzeitlich bereits Nachahmer in San Francisco, Los Angeles und Boston gefunden hatte. Allerdings mit mäßigem Erfolg. Seinen Kollegen riet der Kinobetreiber deshalb: "Einen Mitternachtsfilm kann man nicht planen. Nur das Publikum erschafft den Kult."

Mutprobe des schlechten Geschmacks

Die Aufgabe des Kinobesitzers bestand darin, ungewöhnliche Filme zu finden. Die Werke mussten in irgendeiner Weise schockieren, nur dann sprach man darüber. Sie mussten Grenzen durchbrechen - die des Geschmacks, der sexuellen Norm, der gesetzlichen Regeln. Wie etwa Tod Brownings "Freaks", in dem eine Horde verkrüppelter Zirkusartisten eine Akrobatin verstümmelt. Erfolg hatte auch ein Streifen aus Jamaika: "The Harder They Come" erzählte vom Aufstieg und Fall eines Drogendealers und machte die Reggae-Musik salonfähig.

Barenholtz' nächster großer Coup aber hieß "Pink Flamingos" von John Waters. Die Trash-Komödie mit dem 150-Kilo-Transvestiten Divine, der in einem Wohnwagen lebt und gemeinsam mit seiner Ersatzfamilie als "abscheulichste Menschen der Welt" bezeichnet wird, versammelte Sodomie, Inzest und Kannibalismus. Das Schock-Ende, in dem Divine einen Hundehaufen verzehrt, brachten viele Zuschauer an ihre persönlichen Grenzen. "Wenn sich jemand übergibt, während er meine Filme ansieht, fühle ich mich, als hätte ich Standing Ovations erhalten", sagte Regisseur Waters. Dass die Geschichte dennoch von Komik strotze, verstärkte ihren Kultcharakter.

Barenholtz pries den Film als Mutprobe des schlechten Geschmacks. Er ließ spezielle "Pink Flamingos"-Kotztüten verteilen und zeigte einen Trailer, der aus Publikumsreaktionen bestand. Darin erzählten die Zuschauer, wie "eklig", "abstoßend" und dennoch "phantastisch" der Film sei. "Pink Flamingos" lief ein ganzes Jahr im "Elgin" und stellte einen neuen Besucherrekord auf. Doch diese Dauer war nichts im Vergleich zum erfolgreichsten Mitternachtsfilm aller Zeiten: der "Rocky Horror Picture Show".

Außerirdische in Strapsen

Die Erfolgsgeschichte des außerirdischen Transvestiten Dr. Frank N. Furter, der in seinem viktorianischen Anwesen einen Sexsklaven erschafft und dabei ein verklemmtes junges Paar auf Abwege bringt, begann 1973 in London. Das Musical "Rocky Horror Show" war ein Publikumsmagnet, weswegen das amerikanische Filmstudio Fox beschloss, das Stück in einen Film zu verwandeln. Alle wichtigen Rollen wurden von der Originalbesetzung gespielt, darunter Tim Curry als irrer Doktor in Strumpfbändern.

Doch trotz guter Kritiken und einer erfolgreichen Werbekampagne floppte die Sci-Fi-Parodie an den Kinokassen. Der Film, der in New York in mehreren Broadway-Kinos gezeigt wurde, war zu trashig für das normale Programm. Während sich die Crew enttäuscht nach Großbritannien zurückzog, entwickelte der Film ein Eigenleben. Im kleinen Kino "Waverly" in New York wurde er 1975 erstmals um Mitternacht gezeigt, jeden Freitag und Samstag. Wie bei "El Topo" versammelte sich bald eine lebhafte Fangemeinde - mit neuen Ideen.

Als Erstes kamen die Zwischenrufe. Während der langen Dialogpausen begann das Publikum, die Show zu kommentieren. Jedes Mal, wenn der junge Brad zu sehen war, riefen die Besucher laut "Arschloch". Bei Brads Verlobten Janet wurde deren Nachname "Weisssss" gezischelt. Als Nächstes folgten Verkleidungen und Accessoires. Filmfans liefen in Korsagen durch die Sitzreihen, schminkten ihre Gesichter weiß und zogen Strapse an. Sie brachten Wasserpistolen mit, um den Regenschauer zu Beginn des Films nachzustellen. Schließlich standen sie bei den Tanzszenen auf, liefen vor die Leinwand und stimmten den "Time Warp" an. Der Kinosaal verwandelte sich in einen Rockpalast, der Film wurde zur Kult-Party, die selbst 38 Jahre nach Beginn immer noch in einzelnen US-Kinos zu erleben ist.

Ein so langer Erfolg war dem "Elgin" nicht beschieden. 1978 erreichten Anwohner durch ein Bürgerbegehren, dass das heruntergekommene Haus abgerissen wurde. Ben Barenholtz musste seine Mitternachtsfilme in andere Kinos verlegen. Der Siegeszug des Videorecorders und die damit verbundene Möglichkeit, Filme zu jeder Zeit zu schauen, versetzten den Mitternachtsshows den Todesstoß. Anfang der achtziger Jahre ging das Angebot drastisch zurück. Barenholtz konzentrierte sich nunmehr auf Filmproduktionen und half jungen Talenten wie den Coen-Brüdern, ihre Projekte zu verwirklichen. Damit blieb er zumindest seinem Motto treu, dass gute Filme keine große Werbung benötigen.

Artikel bewerten
4.0 (6 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Winfried Köhler, 17.04.2013
Seit ich Liquid Sky mitte der 80'er zum ersten Mal sah, ist er mein Lieblingsfilm. Echt toller Film, sehr zu Empfehlen. Fast noch besser ist der Soundtrack dazu.
2.
Peter Steinacher, 18.04.2013
Ja stimmt das mit diesen "Midnight Movies" denn wirklich oder ist das nur ein bezahlter Versuch der Filmindustrie Leute für ultra-brutalen Nonsense wie die Neuauflage von "Tanz der Teufel" zu interessieren? Ich jedenfalls hab davon noch nie was gehört.
3.
Heinrich Bietz, 18.04.2013
Ist schin interessant, welche Filme hier in einen Topf geworfen werden. "Alice's Restaurant" war schon zu meiner Jugendzeit (Ende 70er) mitnichten ein Skandalfilm, kaum Drogen und Gewalt und schon gar kein Sex... Dafür einer der wenigen Filme über die Hippie-Kultur, der werder verherrlichend noch dämonisierend ist, sondern das ganze Phänomen differenziert betrachtet. Darüber hinaus zum großen Teil nach wahren Begebenheiten erzählt. Kein Vergleich zu Zombie-Trash (der natürlich auch seinen speziellen Charme hat)
4.
Maximien Penzel, 18.04.2013
Witzig, was hier über "Midnight Movies" alles verbraten wird. In erster Linie ist das Trash vom Feinsten - und der hat auch heute noch ungebrochen Fans zu Hauf. Trash ist sogar wieder "im Kommen", wenn man z.B. cmv-Laservisions erfolgreiche Reihe "Trash Collection" ansieht, die mittlerweile bei #100 angekommen ist. Nonsens ist herrlich, z.T. sind sie unfreiwillig komisch und manche sind zum Schreien, die kann man nur in größerer Runde auf 'ner Party sehen. Ein Hoch auf den Trash-Film! :)
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH