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Kino und Realität Die echten Nazi-Jäger

Kino und Realität: Die echten Nazi-Jäger Fotos
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Jüdische GIs gehen hinter deutschen Linien auf Nazi-Hatz: Der Plot des neuen Tarantino-Films "Inglourious Basterds" klingt irre. Doch tatsächlich jagten nach Kriegsende 1945 jüdische Kommandos SS-Schergen. Einige planten gar einen Sühnemord an sechs Millionen Deutschen - das Gift stand schon bereit. Von

Der Befehl ist unzweideutig: "Wir haben nur eine Aufgabe, eine einzige: Nazis töten", schärft der zackige Offizier Aldo Raine seinen Männer ein. Raine und seine Eliteeinheit treibt ein einziger Gedanke: Rache. "Wir werden grausam zu den Nazis sein. Die Spuren unserer Grausamkeit finden sie in den ausgeweideten, zerstückelten und entstellten Körpern, die wir ihnen zurücklassen", erklärt Raine im neuen Film des US-Regisseurs Quentin Tarantinos kühl. "Nazis verdienen keine Menschlichkeit."

Die Order in "Inglourious Basterds", der am 20. August in den deutschen Kinos anläuft, ist reine Fiktion; mit der historischen Realität hat das Werk kaum etwas gemein: Jüdische GIs sollen im Film im besetzten Frankreich auf Nazi-Jagd gehen und ihrem Anführer sogar die Skalps der von ihnen getöteten Deutschen bringen. Cowboys gegen das "Dritte Reich" - Tarantino hat wieder munter Genres gemischt. "Zeitgeschichte", so hat der Starregisseur jüngst dem SPIEGEL gesagt, "beschränkt meine Figuren. Sie ist ein Korsett für sie." Deshalb fliegt im Film auch die ganze NS-Führungsriege in die Luft.

Doch trotz aller Überdrehtheiten und Überzeichnungen - es gab tatsächlich großangelegte Rachepläne jüdischer Gruppen, die den Massenmord an den Juden auf eigene Faust sühnen wollten. Mit der slapstickhaften Gewalt à la Tarantino allerdings hatten die nichts zu tun, und sie fanden auch nicht im besetzten Frankreich während des Krieges statt - sondern in Italien, Österreich und Deutschland unmittelbar nach Kriegsende, als jüdischstämmige Soldaten SS-Männer per Standgericht aburteilten und exekutierten. Und einige jüdische Partisanen planten gar einen Rache-Massenmord an den Deutschen, nach der biblischen Losung: Auge um Auge, Zahn um Zahn, sechs Millionen für sechs Millionen.

Racheengel aus Palästina

Chaim Miller bereut bis heute nichts von dem, was er als junger Mann im Sommer 1945 in Norditalien getan hat. "Damals war es genau das Richtige", sagt der 88-Jährige ohne zu zögern. Genau das Richtige bedeutete: Entführen, vernehmen, hinrichten. Heute zählt er viele Deutsche zu seinen Freunden und würde so etwas niemals wieder tun, "doch nach dem Krieg waren die Bedingungen völlig anders". Es habe keinen Staat Israel und kein funktionierendes Rechtssystem gegeben, das die deutschen Verbrechen angemessen hätte verfolgen können. Miller und seine Mitstreiter quälte das Gefühl, dass nur ein paar NS-Größen festgenommen wurden. "Die anderen hat man einfach laufen lassen."

Es ist ein verschlungener Weg, der Miller zum Nazi-Jäger und Rachenengel aus Palästina werden ließ. In Wien geboren, schloss er sich 1934 einer zionistischen Jugendbewegung an und spürte bald den aufkeimenden Antisemitismus in seiner Heimat. Kurz vor dem Krieg gelang ihm auf illegalem Weg die Auswanderung nach Palästina. Dort begann er ein Leben in einem Kibbuz, trat aber schon bald der Palmach bei, einer militärischen Elitetruppe innerhalb der zionistischen Untergrundorganisation Hagana. Weil er fließend Deutsch sprach, landete er in der "deutschen Abteilung" der Palmach - in dieser Spezialeinheit trugen jüdische Kämpfer deutsche Uniformen, wurden nach deutschen Militärlehrbüchern ausgebildet und sangen sogar Wehrmachtslieder. Die "deutsche Abteilung" sollte als schlagkräftige Sabotagezelle hinter den deutschen Linien aktiv werden, falls Hitlers Wüstengeneral Erwin Rommel tatsächlich die Grenzen Palästinas erreichen sollte.

Dazu kam es nicht. Doch die militärische Ausbildung sollte Millers weiteres Leben prägen: Jüdische Soldaten wie er brannten auf einen Kampfeinsatz gegen die Deutschen in Europa - und wurden bitter enttäuscht von den Briten, die damals per Völkerbundmandat über Palästina herrschten. Aus Angst vor dem Unmut der Araber zögerte London den Einsatz jüdischer Kampfeinheiten in der britischen Armee jahrelang heraus. Erst Ende 1944 stimmte Churchills Regierung der Bildung einer "Jüdischen Brigade" innerhalb ihrer Truppen zu. Für Chaim Miller kam die Entscheidung zu spät. Er landete genau am 8. Mai 1945 in Italien. Offiziell war der Krieg da gerade vorbei - nur für Miller und seine Kameraden noch lange nicht.

Todesurteil "im Namen des jüdischen Volkes"

Soldaten der "Jüdischen Brigade" blieben nach Kriegsende in der italienischen Kleinstadt Tarvisio an der Grenze zu Österreich, um zu helfen, jüdische Flüchtlinge nach Palästina zu schleusen. Gleichzeitig bildeten sich kleine Trupps, die nach SS-Leuten mit blutiger Vergangenheit fahndeten. "Wir erhielten Tipps und Namen von Titos Geheimdienst", erzählt Miller. Um nicht aufzufallen, verdeckten die jüdischen Soldaten den Davidstern, der sonst stolz auf ihrer Uniform prangte. Sie wollten aussehen wie normale britische Soldaten.

Die Nazi-Jäger fuhren über die Grenze nach Österreich, gaben sich als britische Militärpolizisten aus und luden gefangene SS-Männer auf ihre Wagen, vorgeblich um sie zur Vernehmung zu bringen. Dann kehrten sie zurück über die Grenze und fuhren in entlegene Waldstücke. "In dem Moment ahnten die meisten, dass wir keine britischen Polizisten sind", erinnert sich Miller. "Sie hatten Angst." Die Entführten wurden verhört, manchmal stundenlang. Man suchte nach verräterischen Blutgruppen-Tätowierungen unter dem Arm, die nur SS-Angehörige hatten. Manche leugneten alles, andere waren geständig. Am Ende urteilte ein Standgericht und verlas ein Todesurteil - "im Namen des jüdischen Volkes".

Was anschließend geschah, nennt Miller nicht beim Namen. Er umkreist es mit Andeutungen, spricht nicht von Exekutionen, sondern von "Dingen", die dann passiert seien. "Sie haben für ihre Verbrechen bezahlt. Sie sind alle im Wald geblieben." Bei zehn Hinrichtungen sei er anwesend gewesen. Einmal habe er selbst abgedrückt. Nur einen Mann ließ seine Gruppe wieder frei, weil sie sich nach dem Verhör unsicher geworden waren. "Wir wollten nur die bestrafen, die nachweislich Verbrechen begangen haben", sagt er.

Sechs Millionen für sechs Millionen

Nach drei Monaten endeten die Einsätze, Miller und seine Kameraden wurden in die Niederlande versetzt. "Wir bedauerten das. Sonst hätten wir noch mehr erwischt." Wie viele Nazis es wirklich waren, die der Selbstjustiz zum Opfer fielen, ist bis heute unklar. Schätzungen schwanken zwischen 100 und 300.

Ganz andere Dimensionen hatte eine jüdische Gruppe im Sinn, die sich "Nakam"nannte, Rache. Ihre Mitglieder hatten einen ganz anderen Hintergrund als die jüdischen Soldaten aus Palästina: Sie hatten Krieg und Judenvernichtung selbst miterlebt. Ihr charismatischer Anführer, der Dichter Abba Kovner, war aus dem Ghetto von Wilna geflohen und hatte seit 1942 als Partisan in den Wäldern außerhalb der Stadt gegen die Deutschen gekämpft.

Von Kovner stammt der Satz, dass sich die Juden "nicht wie Schafe zur Schlachtbank" treiben lassen sollten - eine Formulierung, die lange missverstanden wurde, weil sie wie Kritik an den Opfern klang. So hielt sich lange nach dem Krieg auch unter Historikern die Mär, es habe gar so gut wie keinen bedeutsamen jüdischen Widerstand gegeben.

Kovner hingegen hatte einfach früh die Mordpläne der Nazis durchschaut und zum Kampf aufgerufen - und später zur Vergeltung. "Die Juden schrieben mit ihrem Blut an die Wände der Gaskammern: Rächt uns! Es ist die Pflicht von uns Übriggebliebenen, diese Rache durchzuführen", soll er Ende März 1945 in Bukarest zu Mitstreitern gesagt haben. "Wir müssen der Welt zeigen, dass niemand so viel Blut vergießen kann, ohne dafür entsprechend zu zahlen. Deshalb muss die Rache dieselbe Dimension wie der Nazi-Massenmord haben."

Aktion "Todesbrot"

Akribisch arbeitete die Nakam verschiedene Pläne zur Tötung von möglichst vielen Deutschen aus. Das Trinkwasser in deutschen Großstädten sollte vergiftet werden. Ein Nakam-Mitglied war bereits ins Nürnberger Wasserwerk eingeschleust worden und hatte herausgefunden, welche Leitungen in welche Wohnviertel führen - so wollte man Opfer unter den Alliierten vermeiden. Doch das Boot, das das Gift aus Palästina nach Europa bringen sollte, wurde von der britischen Polizei durchsucht. Kovner wurde festgenommen, das Gift konnten seine Begleiter noch im Meer versenken. Womöglich wurde Kovner Opfer eines Verrats - die Gegner einer Kollektivstrafe für das Volk der Holocaust-Täter fürchteten, dass eine so ungeheure Racheaktion die geplante Errichtung eines Staates Israel gefährden könnte.

Also trat Plan B der Nakam in Kraft, die Aktion "Todesbrot". Wieder wurde ein Verbindungsmann eingeschleust, diesmal in die Nürnberger Genossenschaftsbäckerei, die das US-Internierungslager Langwasser mit Brot versorgte. Dort saßen besonders viele SS-Angehörige ein. Der "Nakam"-Aktivist fand heraus, dass am Wochenende die deutschen Häftlinge dunkles Brot, die US-Wachen jedoch Weißbrot bekamen - der perfekte Zeitpunkt, die Richtigen zu treffen: Am 13. April 1946 brachen mehrere "Nakam"-Mitglieder in die Bäckerei ein und bestrichen die dunklen Brote mit einer Arsen-Lösung - insgesamt 3000 Stück.

Jahrelang glaubten sie, damit Hunderte Deutsche getötet zu haben. Doch die Konzentration des Giftes war zu schwach gewesen. Mehr als 2200 Gefangene erlitten zwar Vergiftungserscheinungen, Hunderten musste der Magen ausgepumpt werden und einige verloren kurzzeitig ihre Sehkraft - doch niemand starb.

Für die Rächer muss das wie eine Szene aus einem bizarren Hollywood-Film geklungen haben: ein Haufen fieser SS-Leute, die sich unter Bauchweh krümmen. Sicherlich surreal genug für einen Tarantino-Film.

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insgesamt 10 Beiträge
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1.
Karsten Rohweder, 12.08.2009
Ist es den soo schwer, Spoiler im Artikel zu vermeiden? Schon die Rezension zu dem Film vor einigen Monaten war in der Hinsicht eine Katastrophe. Hier hätte man nur einen Satz weglassen müssen...
2.
mittermayer christoph, 14.08.2009
Nun ist es gut das Naziverbrecher verurteiltwerden und dass soll auch so bleiben. Es verwundert aber, Interviews zu Israelis zu lesen die darin zugeben Soldaten ermodet zu haben- und keine stellt sie vor Gericht. Diese Leute gehören ebenso wie Nazikriegsverbrecher, als Kriegsverbrecher verurteilt. Gleiches Recht für alle, sonst können wir es gleich abschaffen.
3.
Susanne Modeski, 14.08.2009
Nur mal so eine Frage. Woher wussten diese Leute denn bereits Mitte 1945, dass es sechs Millionen Opfer gegeben hat? Die Vernichtungslager waren doch gerade erst entdeckt worden. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass die Alliiierten während des Krieges Buch über die europäischen Juden geführt haben.
4.
Jürgen Weihe, 14.08.2009
Was mich irritiert, wo bleiben die Staatsanwälte, die diese "Racheengel" anklagen? Immerhin handelt es sich um Mörder oder ist das ermorden deutscher Soldaten kein Verbrechen?
5.
Andreas Kaufmann, 14.08.2009
Interessant sind doch daran 2 Sachen. Woher wusste Herr Kovner unmittelbar nach Kriegsende von der Zahl 6 Millionen Toter? Wurde bereits Strafanzeige gegen Herrn Miller & Mittäter gestellt und wie ist der Stand des Verfahrens?
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