Kino-Drama mit Erinnerungslücke Strahlende Krieger, dunkle Vergangenheit

Kino-Drama mit Erinnerungslücke: Strahlende Krieger, dunkle Vergangenheit Fotos
BERENGAR PFAHL FILM

Das Kino feiert sie als Helden - und unterschlägt eine grausame Episode: Der Film "Die Männer der Emden" zeigt die Besatzung des Kreuzers aus dem Ersten Weltkrieg als sympathische Draufgänger. Doch nur wenige Jahre zuvor führte die "Emden" eine gnadenlose Bestrafungsaktion gegen ein Südsee-Volk an. Von

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Da war der Mythos plötzlich nur noch ein Wrack. Ausgerechnet der legendäre Kreuzer "Emden" - manövrierunfähig, zerschossen, die Schornsteine kippten, die Geschütze versagten.

Kein anderes deutsches Kriegsschiff hatte im Ersten Weltkrieg in der Südsee mehr feindliche Schiffe gekapert und versenkt. Selbst britische Reporter hatten fast ehrfürchtig über die Erfolgsserie der "Emden" berichtet. Eine australische Zeitung adelte die deutsche Besatzung wegen ihres ehrenhaften Verhaltens gegenüber Gefangenen gar als "Gentlemen of War".

Nun, am 9. November 1914, sank die "Emden" vor dem britischen Direction Island im Indischen Ozean, getroffen vom australischen Kreuzer "Sydney", der völlig unerwartet aufgetaucht war. Hilflos mussten 50 Marinesoldaten von der Insel aus dem Schicksal ihres Schiffes zusehen. Sie gehörten zu einem Landungszug, der ein Telegrafenkabel zerstören sollte, als der Angriff begann. Jetzt saßen die Männer in der Falle - und versuchten dennoch, sich in die ferne Heimat durchzuschlagen.

Die abenteuerliche Odyssee dieser scheinbar aussichtslos verlorenen Männer ist derzeit in den Kinos zu sehen, verfilmt mit prominenter Besetzung (Sebastian Blomberg, Ken Duken, Sibel Kekilli). "Nach einer wahren Begebenheit" wirbt der Film, allerdings sagt Regisseur Berengar Pfahl auch, dass "existierende Lücken in der Geschichte fiktional auszufüllen" waren. Viel interessanter sind aber die Begebenheiten, die der Film ausblendet.

Zunächst einmal: Die unglaubliche Geschichte des Films stimmt. Der verschollene Landungstrupp der "Emden" schlägt sich unter Leitung des Kapitänleutnants Hellmuth von Mücke tatsächlich von der gottverlassenen Direction Island mit einem morschen Schoner bis nach Sumatra durch. Von dort geht es, getarnt auf einem Handelsschiff, weiter bis zur arabischen Halbinsel und dann zu Fuß durch die Wüste. Als die Deutschen nach sieben Monaten ihre Heimat erreichen, sind sie Volkshelden.

Doch bis auf den Kommandanten Mücke, an dessen Tagebuchaufzeichnungen sich der Film orientiert, tragen alle anderen Figuren fiktive Namen. Historische Ungenauigkeiten werden zugunsten der Handlung in Kauf genommen. So gibt es natürlich das Duell zweier bis aufs Blut verfeindeter Marineoffiziere, die hinter derselben Frau her sind. Hinzu kommt eine Überdosis Patriotismus, die manche Grausamkeit romantisiert.

Die Deutschen wirken selbst dann noch grundsympathisch, wenn sie nach ihrer Landung auf Direction Island von den Einheimischen Schweine rauben. Verzaubert lächeln dunkelhäutige Schönheiten einem Matrosen zu, der geschickt ein Ei in seinem Helm verschwinden lässt. Und Kommandeur Hellmuth von Mücke hat noch Zeit, sich formvollendet und korrekt bis in die Haarspitzen vom britischen Inselverwalter zu verabschieden, bevor sein Landungstrupp zum Strand rennt und vergeblich versucht, rechtzeitig zur bedrohten "Emden" zurückzukehren.

Wie ritterlich kämpfte die "Emden" wirklich?

Keine Frage, diese Männer müssen "Gentlemen of War" gewesen sein. Schließlich blendet der Film eben diese Zeitungs-Schlagzeile gleich mehrfach ein.

Aber haben sich die Männer der "Emden", die dieser Film als Helden feiert, wirklich stets so ritterlich verhalten?

Daran gibt es begründete Zweifel. Zumindest, wenn man einen Einsatz berücksichtigt, der im Film nicht vorkommt - der auch nicht vorkommen muss, weil er drei Jahre vor Kriegsbeginn stattfand. Zudem ist heute nur schwer nachvollziehbar, wie viele Soldaten von damals auch 1914 noch an Bord waren. Doch für eine vollständige Beurteilung der "Emden" ist diese Episode unumgänglich.

"Mit harter Faust durchgreifen!"

Ende Dezember 1910 brach auf der zu den Karolinen gehörenden Südseeinsel Ponape ein Aufstand gegen die deutschen Kolonialherren aus. Vier Deutsche und fünf verbündete Einheimische wurden vom Stamm der Sokehs ermordet. Der Anlass war ein umstrittener Straßenbau und die massive Ausbeutung der Einheimischen.

Nach der Bluttat rief die örtliche Kolonialverwaltung sofort um Hilfe. Zwei Versorgungsschiffe und drei deutsche Kriegsschiffe kamen, darunter die "Emden". Anfang Januar 1911 begann die Strafexpedition gegen die aufständischen Sokehs. Waldemar Vollerthun, damals Kapitän der "Emden", übernahm die Führung der gesamten Operation.

Von Beginn an planten die Deutschen, ein Exempel zu statuieren. Vollerthun wurde instruiert, es käme darauf an, "mit harter Faust durchzugreifen" und "reinen Tisch" zu machen; auf keinen Fall dürfe man mit einem "halben Erfolg" abziehen, so dass sich "die Ponapesen ins Fäustchen lachen".

Inferno in der Südsee

So begann am 13. Januar 1911 eine gnadenlose Strafaktion: Die Geschütze der Kriegsschiffe nahmen die befestigte Felseninsel Dschokadsch unter Beschuss, als gelte es, einen Weltkrieg zu gewinnen. Ein Augenzeuge notierte in sein Tagebuch:

Wie da die Basaltstücke flogen und ganze Baumstämme die steilen Felsenwände herunterkollerten. Und dann der braune Rauch der Granaten, der alles erstickte, was die Sprengstücke nicht vernichteten! Dazwischen die Schrapnells, die über dem Bergkamm explodierten (…). Und wie das donnerte und blitzte! Hören und Sehen wollte einem fast vergehen! Nicht bloß die Erde, auch die Luft zitterte mächtig.

Doch die Sokehs überstanden das Inferno überraschend unbeschadet. Als die Marinesoldaten und die verbündeten Melanesier aus der deutschen Kolonie Neuguinea den Berg stürmten, fügten die Sokehs ihnen sogar empfindliche Verluste zu. Am Ende der Operation gelang es ihnen dann wie durch ein Wunder, durch die Linien der Angreifer zu schlüpfen und auf die Hauptinsel zu entkommen. Eine Blamage für die Deutschen.

Grausame Räuber

Nun begann ein zäher Guerillakampf, in dem es den Sokehs gelang, einige Marinesoldaten und ihre Helfer aus dem Hinterhalt zu töten. Also griffen die Deutschen, darunter auch Soldaten der "Emden", zur Strategie der verbrannten Erde. Systematisch zerstörten sie Häuser, Boote und Farmen. Kokosnüsse wurden von den Bäumen geholt und vernichtet, Yamswurzeln zerhackt, Schweine und Hühner getötet.

"Es war eine mühselige, zeitraubende Arbeit", schrieb ein Soldat später. "Bei jedem Streich (mit dem Buschmesser) sank eine saftige Bananenstaude oder ein Zweig mit grünen Brotfrüchten zur Erde." Ein Teilnehmer bezeichnete sich und seine Kollegen sogar selbst als "grausame Räuber".

Die Strategie erwies sich als erfolgreich. Ausgehungert stellten sich immer mehr Sokehs den Besatzern. Im Februar 1911 gaben auch ihre Anführer auf. 17 Männer wurden von einem Standgericht zum Tode verurteilt. Das ganze Volk der Sokehs, 450 Männer, Frauen und Kinder, wurde auf eine weit entfernte Insel deportiert.

Unkultivierte Wilde? Beherrschen oder niederschießen!

An der Erschießung und Verschleppung waren die Soldaten der "Emden" zwar nicht direkt beteiligt. Aber: "Die 'Emden' hat 1911 zweifellos entscheidend an der Niederschlagung des Aufstands mitgewirkt", sagt der Ethnologe und Historiker Herman Mückler, Professor an der Uni Wien. Die Marinesoldaten hätten sich zudem eher dem Ethos des Seekriegs verpflichtet gefühlt. "Deshalb haben sie bei ihrem Landeinsatz 1911 weit weniger ritterlich gehandelt als 1914 gegenüber den Briten und Australiern." Das habe auch rassistische Gründe gehabt, so der Südsee-Experte weiter. "Die Sokehs waren für die Deutschen nur unkultivierte Wilde, die es niederzuschießen und zu beherrschen galt. Da war man nicht so zimperlich."

Während der Aufstand der Sokehs in Deutschland schnell in Vergessenheit geriet, auch weil die Deutschen dabei mehr Verluste erlitten als erwartet, sollten die späteren Kriegseinsätze der "Emden" dauerhaft zur Legende werden. Mückler spricht von einer "gewaltigen Heroisierung", besonders im "Dritten Reich"; es habe zudem eine "hohe Affinität" ehemaliger "Emden"-Fahrer zum Nationalsozialismus gegeben.

Der Film deutet das in seinem Abspann nur an, als das weitere Schicksal seiner Protagonisten erwähnt wird. Ein Matrose wird später NSDAP-Ortsgruppenleiter, ein anderer dagegen im KZ ermordet. Und Hellmuth von Mücke? Der setzte sich in der Bundesrepublik sogar gegen die Wiederbewaffnung ein!

Vom Kriegshelden zum Kriegsgegner

Was der Film verschweigt: Ganz so geradlinig verlief der erstaunliche Wandel des strahlenden Kriegshelden zum Kriegsgegner nicht. Denn Mücke war schon sehr früh, 1921, in die NSDAP eingetreten. Den versuchten Hitler-Putsch begrüßte er, und ab 1926 saß er als NSDAP-Abgeordneter im sächsischen Landtag.

Erst nach und nach entfremdet er sich von der NSDAP, als er sich im linken Parteiflügel immer wieder für die Kombination von nationaler und sozialistischer Revolution einsetzte. In Sachsen schlug er 1929 sogar eine gemeinsame Regierung der NSDAP mit SPD und KPD vor. Hitler war erbost, Mücke trat aus der Partei aus, wurde künftig als "Nationalbolschewist" diffamiert und geriet kurzfristig in KZ-Haft.

Womöglich half ihm am Ende nur sein früherer Ruhm als Offizier der "Emden", das "Dritte Reich" zu überleben.

Zum Weiterlesen:

Thomas Morlang: "Rebellion in der Südsee. Der Aufstand auf Ponape gegen die deutschen Kolonialherren 1910/11". Ch. Links Verlag, 2010, 200 Seiten.

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1.
Benjamin Mair 04.02.2013
Wie immer, wenn es um Deutsche in der Vergangenheit geht, muss man natürlich wieder irgendwelche "Verbrechen" ausgraben, um einem auch noch jeden letzten Rest aufkeimende Verbundenheit mit Deutschland madig zu machen. Anstatt einfach zu sagen "Hey, das ist ein guter Film" oder "der Film ist ist Mist, schaut in euch blos nicht an" wird einfach mal wieder lustig in der Vergangenheit gewühlt und irdendein unbedeutender Dreck rausgeholt. Als ob die anderen Kolonialmäche nicht noch größeren Dreck am Stecken hatten. Typisch deutsch, typisch Spiegel!
2.
axel kutter 04.02.2013
Nun ja, das war doch in den Tagen der Kolnialmaechte gang und gebe, man denke an die Herero Aufstaende, oder was die Briten mit den Buren in den von Ihnen erfundenen KZ's machten, aber Danke jetzt weiss ich das es in der Suedsee auch Aufstaende Einheimischer gab.
3.
Christian Schulz 04.02.2013
Im Geiste der damaligen Zeit haben sich die Männer ritterlich verhalten. Dass sie dabei ein paar Wilde massakriert haben, ist nicht weiter von Belang, dass haben damals alle "zivilisierten" Nationen als normal angesehen. Schließlich galt der ritterliche Ehrenkodex auch nur zwischen Rittern, dass Niedermetzeln von wehrlosen Fußsoldaten bleib davon unberührt. (Bis sich die Waffentechnik weiterentwickelte und diese auf einmal nicht mehr wehrlos waren)
4.
Janko Weise 04.02.2013
Ja. Und Griechenland hat auch nicht die Demokratie erfunden, weil ein Grossteil der Bevölkerung Sklaven waren und Frauen nicht wählen durften. Wenn man Begriffe, deren Bedeutung sich gewandelt hat im Lauf der Zeit in ihrer heutigen Bedeutung auf Vergangenes zupasst, waren das alles Barbaren und Unmenschen. Wie blöde muss man sein, um "Kontext" nicht zu begreifen? Sicherlich halten Sie auch "Auge um Auge" für eine Ausgeburt von Barbarei..
5.
Jens Kaiser 04.02.2013
Deutsche und sympathisch? Nein, das geht nicht fuer SPON. Sympathisch sind immer nur die Anderen, die Deutschen haben bittesehr als grausam, feige, hinterhaeltig, kriegsluestern, dumm etc. dargestellt zu werden. Wie einfach doch Rassismus und Stereotypen sind, wenn es gegen Deutsche geht, das ist gesellschaftlich erlaubt.
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