Kinogeschichte Im Bann des Killer-Froschs

Laszive Leichen, schräge Plots: 1959 kam der erste Edgar-Wallace-Krimi ins Kino und fesselte Millionen Deutsche. Blacky Fuchsberger als Inspektor erzielte Traumquoten - nur hier gab es glupschäugige Mörder im Frosch-Kostüm und Hunde mit vergifteten Zahnprothesen als Waffe.

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Von Ralf Klee und


Stuttgart, 4. September 1959. Das Universum Lichtspielhaus ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Doch auf der Leinwand läuft kein neuer US-amerikanischer Monumentalschinken in Technicolor. Nein, das Publikum wartet gespannt auf die Uraufführung des Schwarzweiß-Streifens "Der Frosch mit der Maske".

Die Produktion der "Rialto Film GmbH Preben Philipsen" in Kopenhagen (Originaltitel: "Frøen med masken") basiert auf einem Roman des englischen Krimiautors Edgar Wallace. Die Idee für das Filmprojekt stammt allerdings aus der jungen Bundesrepublik, ebenso wie der Regisseur und die meisten Mimen. Gespannt ist das Publikum besonders auf die Leistung des jungen Hauptdarstellers Joachim "Blacky" Fuchsberger, der sich erst wenige Jahre zuvor mit der Rolle des Gefreiten Asch in der Verfilmung der "08/15"-Trilogie ins Rampenlicht gespielt hat.

Der Streifen beginnt, und der flirrende Lichtstrahl führt den Zuschauer in ein Schloss. Dort treiben Schwerverbrecher ihr nächtliches Unwesen und machen sich am Tresor zu schaffen. Als das Publikum die Person am Schweißgerät sieht, stockt manchem der Atem. Es ist ein Mann in einem bizarren Froschkostüm - der im Folgenden schnell als größenwahnsinniger Gangsterboss reüssiert. Das "Hamburger Abendblatt" fasst den überschaubaren Plot zusammen: "Das Gesicht hinter einer Maske verborgen, aus der zwei riesige Glotzaugen drohen, terrorisiert der Frosch mit seiner Bande ganz London. An Atmosphäre fehlt es nicht: Nebelnächte, Sturm, einsames Haus, Hafen, Lolita-Bar." Nach 2474 Filmmetern und 91 Minuten endet der Spuk. Das Licht geht an und die Kritik weiß nicht so recht, wie sie mit dem Werk umgehen soll.

Der Killer-Frosch wird zum Kassenschlager

Der Berliner "Tagesspiegel" macht "ein paar logische Webfehler" aus, moniert dazu, die Gruseleffekte seien bieder und althergebracht. Am Ende steht das ambivalente Urteil: "Kriminalistische Hausmannskost mit ein paar drolligen kleinen Rosinen." Das "Filmecho" lobte den Streifen dagegen ausdrücklich: "Unter dänischer Flagge entstand ein erstklassiger deutscher Krimi: spannend mit einem ironischen Anflug von Grusel und sprödem Humor." In der Tat. Der Frosch mit der Maske wird zum Kassenschlager, 3,2 Millionen Besucher strömen in die Kinos. Nach der Erdal-Kröte, die bereits seit 1903 für Schuhcreme steht, und dem Molch Lurchi, der seit 1937 auftretenden Werbefigur der Schuhmarke Salamander, avanciert der Wallace-Bösewicht zur bekanntesten Amphibie Deutschlands.

Der Starterfolg ermutigt die Macher sogleich zu weiteren Produktionen. Brauchbare Vorlagen für die Drehbücher hat Vielschreiber Wallace schließlich genug geliefert. Die im Goldmann-Verlag erscheinende Taschenbuchreihe mit ihren rot eingeschlagenen Covern und dem verkaufsfördernden Slogan "Es ist unmöglich, von Edgar Wallace nicht gefesselt zu sein" sind längst gesellschaftsfähig geworden. "Der gut gemachte Kriminalroman ist längst kein 'Groschenheft' mehr, das man heimlich verschlingt und verschämt unters Sofakissen schiebt, wenn unerwartet Besuch kommt", beobachtet die "Münchner Abendzeitung": "Den guten Krimi findet man auf dem Nachttisch oder im Reisegepäck von Menschen aller Berufsschichten; Adenauer hatte zehn 'unpolitische Abenteuer' ganz offen mit im Urlaub."

Noch im Winter 1959 wird mit den Dreharbeiten zu "Der Rote Kreis" begonnen. In Akkordproduktion folgen schnell zahlreiche weitere Streifen. Dabei entwickelt sich ein Pool von bewährtem schauspielerischem Stammpersonal. Neben Joachim Fuchsberger (13 Filme) bekleiden häufiger auch der spätere Tatort-Kommissar Heinz Drache (neun) und der spätere "ZDF-Alte" Siegfried Lowitz (vier) die Rolle des Ermittlers. Zwielichtige Charaktere und Verdächtige werden regelmäßig von Harry Wüstenhagen (sechs Filme), Pinkas Braun (fünf) sowie den späteren Weltstars Christopher Lee (drei) und Klaus Kinski (16) verkörpert.

Es wird vergiftet, erstochen und manchmal auch ausgepeitscht

In den weiblichen Hauptrollen drängen attraktive, junge Schauspielerinnen wie Karin Dor (fünf Filme), Brigitte Grothum (drei), Karin Baal (drei) oder Uschi Glas vor die Kamera. Meist geben sie das Opfer, das es vor Intrigen und den finsteren Machenschaften zu schützen gilt. Nicht selten enden männlicher Ermittler und weibliches Opfer als glückliches Liebespaar.

Auch der Humor soll bei allem Grusel in den Wallace-Filmen nicht zu kurz kommen. Komische Rollen übernehmen mit gehörigem Verve Eddi Arent (23 Filme), meist als treuer Butler oder vorlauter Journalist, und Siegfried Schürenberg (16) in der Rolle des trotteligen Polizeichefs Sir John. Zudem treten immer wieder profilierte Film- und Bühnenschauspieler wie Elisabeth Flickenschildt, Brigitte Horney, Gert Fröbe, Dieter Borsche oder Lil Dagover in zentralen Gastrollen auf.

Mit Erfolg - es klingelt an der Kinokasse, und so wird bis 1972 erschossen, vergiftet, erstochen und manchmal auch ausgepeitscht. Die größten Blockbuster der Reihe sind "Das Gasthaus an der Themse", "Das Geheimnis der gelben Narzissen", "Die toten Augen von London" und "Die Bande des Schreckens", die wie der "Frosch" mehr als drei Millionen Besucher in die Lichtspielhäuser locken.

Spektakuläre Morde als Erfolgsgeheimnis

Das Erfolgsgeheimnis? Vielleicht ist es die typische Wallace-Atmosphäre, die sich aus einsamen Landsitzen, dunklen Wäldern im wabernden Trockeneisnebel und dem obligatorischen Krächzen eines Käuzchens zusammensetzt. Der Rest lässt sich unter "Crime, Cuties and Curiosity" (Verbrechen, Schönheiten, Bizarres) zusammenfassen.

Vor allem die Frage nach den Mordinstrumenten hält das Publikum in den Kinosälen bei Laune: Wie werden die Opfer denn diesmal ins Jenseits befördert? Auf den Zuschauer werden ausziehbare Katapulte ("Der Zinker"), Giftringe ("Im Banne des Unheimlichen"), handliche Harpunen ("Das Gasthaus an der Themse") und Hunde mit vergifteten Gebissprothesen ("Der Hund von Blackwood Castle") losgelassen. Da schaut selbst Doppelnull-Agent James Bond, der ab 1962 die Kinoleinwände erobert, mitunter neidisch.

Neben den Gadgets gibt es weitere Berührungspunkte zu Ian Flemings Spionageklassiker: Auch der später bondtypische Vorspann scheint in den Wallace-Filmen eine brauchbare Blaupause gefunden zu haben. Sie beginnen meist mit einem spektakulär in Szene gesetzten Mord. Es folgt eine akustische Maschinengewehrsalve, die auf der Leinwand kleine Blutlachen hinterlässt, in denen dann der Name des Autors erscheint. Dazu ertönen aus dem Off die Worte: "Hallo, hier spricht Edgar Wallace." Dieses Stilmittel wird ab 1962 zum cineastischen Markenzeichen der Serie.

Wallace fasziniert - bis heute

Mit der deutsch-italienischen Co-Produktion "Das Rätsel des silbernen Halbmonds" endet 1972 die Wallace-Reihe - nach 38 Filmen. Doch sie verstauben nicht im Archiv. Das Fernsehen sendet die Streifen in schöner Regelmäßigkeit und lässt die Deutschen auch im heimischen Wohnzimmer millionenfach erschauern. Und das auch jenseits des Eisernen Vorhangs: So sendet der Deutsche Fernsehfunk 1978 erstmals den "Frosch mit der Maske". Es ist eine gekürzte Version, da die Programmverantwortlichen den Zuschauern zwischen Rostock und Karl-Marx-Stadt einige Gewaltdarstellungen nicht zumuten möchten. Ein kleines Stück Fernsehgeschichte wird dann am 10. August 1985 geschrieben: Das ZDF strahlt den Wunschfilm aus. Zur Auswahl stehen: Das französische Drama "Die Dinge des Lebens" (1970) mit Romy Schneider und Michel Piccoli, die US-Komödie "Woody der Unglücksrabe" (1969) von und mit Woody Allen sowie "Der Frosch mit der Maske".

Mehr als eine Million Menschen greifen zum Hörer, wählen die "Telefonkennnummer -338". Der Trailer, der Blacky Fuchsberger im Kampf gegen ein messerwerfendes Mitglied der Froschbande zeigt, hat gezogen. Auch die beiden Verfasser dieses einestages-Textes - damals 11 Jahre alt - lassen in kindlicher Hysterie die Wählscheibe rotieren und treiben die elterliche Telefonrechnung in schwindelerregende und hausarrestverdächtige Höhen. An diesem Samstagabend aber zählt nur eines: Der Frosch hat gewonnen und darf einmal mehr vom Fernsehschirm quaken. Er beschert dem ZDF knapp 18 Millionen Zuschauer und eine Quote von 43 Prozent. Wallace ist Kult.

So verwundert es nicht, dass der Gangster mit den Glubschaugen in der Persiflage "Der Wixxer" (2004) einen Kurzauftritt hat, allerdings im Gewand der Kermit-Figur aus Jim Hansons Muppet Show. Auch Froschjäger Fuchsberger wird reaktiviert und kehrt 2007 nach 33-jähriger Leinwandabstinenz als pensionierter Scotland-Yard-Chef Lord David Dickham in "Neues vom Wixxer" ins Kino zurück. Insgesamt locken auch diese Filmparodien auf die berühmte Krimiserie noch einmal knapp drei Millionen Menschen in die Multiplexe - es sind sowohl alte Wallace-Fans, als auch junge Kinogänger, die am Spiel mit den Klischees interessiert sind.

Auf den Remake-Zug springt 2007 auch der Filmkaufmann und Buchautor Joachim Kramp auf, erwirbt die Rechte für die Nutzung der Tonspur der alten Wallace-Filme und bringt im Maritim-Verlag neue Hörspiele heraus - mit den Stimmen der alten Schauspieler. Natürlich ist auch das Quaken des Froschs auf CD zu hören. Es ist eben auch im 21. Jahrhundert unmöglich, von Edgar Wallace nicht gefesselt zu sein.



insgesamt 2 Beiträge
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Paul Schmidt, 05.09.2009
1.
Schöner Artikel über eine Kinoreihe, die nicht mal James Bond erreicht. (von der Anzahl der Filme angesehen). Vielleicht sollte man noch die kleine Fede zwischen Horst Wendlandt (Rialto Film) und Arthur Brauner (CCC Film) erwähnen. Wendandt ist quasi die ganze Reihe zu verdanken, dann sprang sein ehemaliger Chef auf den Zug und wollte ihm gleichziehen. Aber er hatte die Rechte nicht. Also besann er sich eines schönen Filmtricks. Er erwarb die Rechte an einigen (erfolglosen) Romanen von Edgar Wallaces Sohn Brian Edgar Wallace. Diese verfilmte Brauner minder gut, mit den Untertiteln B. Edgar Wallace. Die Rialto Filme, die echten also, sind ganz großes deutsches Nachkriegskino. All 30+ Titel laufen mit gewohnter Regelmäßigkeit im deutschen TV und lassen aktuelle Produktionen alt aussehen.
Markus Pflug, 07.09.2009
2.
Als Mitte der 70er die ersten Wallacefilme im TV kamen, mußte ich sie noch heimlich durch die Wohnzimmertür anschauen. Damals gerade 11 Jahre alt, waren meine Eltern noch der Meinung, das sei nichts für mich. Diese Krimis gehören zu meinen prägenden Erinnerungen. Heute noch vergleiche ich manch neuen Film mit ihnen und bin meistens schwer enttäuscht. Das war einfach gute Unterhaltung, frei von dem psychologischen oder sozialen Ballast, der heutige, vor allem deutsche, Krimis "auszeichnet". Noch heute schaue ich mir zum x-ten Mal die "Seltsame Gräfin" an, erschrecke bei der Balkonszene und bewundere Lil Dagover für ihren Selbstmord. Auch beim Team vom "Wixxer" merkt man, dass die mit Wallace aufgewachsen sind. Bei allem Klamauk und Blödsinn, man sieht den Filmen den grossen Respekt vorm Original an. Hoffentlich fällt den Autoren noch Einiges ein. Es müssen ja nicht 30+ Wixxerfilme sein, aber Vorlagen gäbe es genug.
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