Kinogeschichte Unter Sauriern

Kinogeschichte: Unter Sauriern Fotos
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Brüllende Riesenechsen, sinkende Luxusdampfer und mittendrin - ein begeisterter Hellmuth Karasek: Anfang der neunziger Jahre revolutionierten digitale Spezialeffekte das Kino so grundlegend wie einst der Farbfilm. Plötzlich waren die Bilder so perfekt, dass sie ihre Vorbilder in den Schatten stellten. Von

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Es war ein Meilenstein für die Umwälzung der Bildmaschine Kino. 1993 löste Steven Spielbergs "Jurassic Parc", "E.T. - Der Ausserirdische" als erfolgreichsten Film aller Zeiten ab - und behielt diesen Titel vier Jahre lang. Bis 1997 James Camerons "Titanic" alle denkbare Rekorde brach. Wie "Titanic" erzählt "Jurassic Park" eine Geschichte, die eigentlich auserzählt schien. Schließlich gab es schon vorher unzählige Dino-Verfilmungen, die auf den immer selben aber wirkungsvollen Plot hinausliefen, dass Menschen und Dinosaurier plötzlich in ein und derselben Epoche aufeinander treffen.

Neu an Spielbergs Spektakel war nicht der Plot. Es war die Möglichkeit, Dinosaurier nicht mehr als statische Kulissen-Konstruktionen zu zeigen, sondern auch in komplizierten Bewegungsabläufen - genau so, wie die ausgestorbenen Urzeitriesen nach Erkenntnissen der Forschung tatsächlich ausgesehen haben könnten. Der Film konnte durch seine auch heute noch beeindruckenden PC-Animationen somit genau das zeigen, was das Zentrum seiner fiktiven Erzählung war: Spielberg holte "echte" Dinosaurier auf die Leinwand - so realistisch, dass die Spezialeffekte für das menschliche Auge nicht mehr als solche zu identifizieren waren.

Obwohl kein Besucher jemals zuvor einen Dinosaurier gesehen hatte, fühlten sich doch fast alle in ihrer Erwartungshaltung bestätigt. Natürlich gab es einige eifrige Wissenschaftler, die sofort Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Hollywood-Wiederauferstehung der Riesenechsen anmeldeten. Doch dass es darum in Spielbergs Verfilmung gar nicht ging, erkannte Hellmuth Karasek:

"So treffen auch Einwände die Lebendigkeit der fossilen Wiedergänger nicht, die da meinen, wir wüssten von den Sauriern viel zu wenig, um sie zu rekonstruieren: Waren sie wirklich grün wie Krokodile, konnten sie ihre massigen Körper nur im Wasser bewegen oder wirklich über Wiesen stampfen, lebten sie allein oder zutraulich in Herden? Sie leben, wie Spielberg eindrucksvoll beweist, in der kollektiven (Kinder-) Phantasie, die sich aus wissenschaftlichen Spekulationen, Drachensagen und Zoobesuchen speist."

Geschichte aus dem Computer

Die Möglichkeit längst versunkene Epochen digital noch perfekter und vor allem gigantischer wiederauferstehen zu lassen, als das auch die emsigsten Kulissenbauer Hollywoods je vermochten, verhalf nicht nur dem Abenteuer-Genre zu einer spektakulären Rückkehr auf die Leinwand. Auch der Monumentarfilm, der seit den sechziger Jahren weitgehend ausgestorben war, feierte 2000 mit Ridley Scotts "Gladiator" eine spektakuläre Wiederauferstehung. Dass es in Scotts digitaler Rekonstruktion des alten Rom - trotz behaupteter Authentizität - von historischen Fehlern nur so wimmelt, tat dem Erfolg keinen Abbruch. Es unterstützte nur die These, dass die digitale Rekonstruktion von Vergangenheit so perfekt geworden war, dass sie die echte Geschichte in den Schatten stellte.

Da es vom Rom der Antike ebenso wie von Spielbergs Sauriern keine authentischen Bilder gibt, nahmen die Zuschauer Hollywoods Traum von Rom als perfektes Abbild der geschichtlichen Tatsachen. Für den Erfolg eines Films scheint die bloße Behauptung von Authentizität vollkommen ausreichend zu sein, wenn die Kenntnisse der Zuschauer der Leinwandimagination nicht entgegenstehen oder anders gesagt: Wenn das Kino den kollektiven Traum des Publikums von einer vergangenen Epoche überzeugend einlöst, braucht es keine sklavische Authentizität.

Mit dem Aufkommen der digitalen Bildtechnik waren Zeitreisen im Kino ohne Abstriche realisierbar geworden. Und nicht nur die: Seit den neunziger Jahren kann mit digitaler Unterstützung jede denkbare Kameraperspektive eingenommen und jedes denkbare Bild generiert werden - bis hin zur Perspektive einer Pistolenkugel, die ihr Opfer trifft in "Der Soldat James Ryan" (1998).

Inmitten einer Horde von Kleinsauriern

Die Tonspur ist ein weiteres Element des Films, das sich im Verlauf der neunziger Jahre entscheidend weiterentwickelte und im Zusammenspiel mit dem Aufkommen der technisch fortschrittlichen Multiplex-Kinos ein audiovisuelles Erlebnis ermöglichte, wie es vorherige Kinogenerationen nicht kannten.

Der Filmwissenschaftler Jürgen Müller weist zurecht daraufhin, dass der Erfolg von Filmen wie "Jurassic Park" nicht nur auf die visuell beeindruckende Neuschöpfung der verschwundenen Dinosaurier zurückzuführen ist. Der Film besticht außerdem durch sein überzeugendes Sounddesign: "Seit den neunziger Jahren können wir sogar mit den Ohren einer Spielfilmfigur hören", erklärt Müller. So ist es möglich, ganz und gar in ein subjektives Erlebnis einzutauchen. "Der große Erfolg, den Spielberg mit Jurassic Park feierte, beruht nicht zuletzt auf dem überzeugenden Sounddesign. Wir befinden uns scheinbar inmitten einer Horde von Kleinsauriern, und wer könnte die Szene vergessen, in der ein Jeep von einem Tyrannosaurus Rex verfolgt wird, dessen stampfende Schritte den Kinosaal erzittern lassen", so Müller.

Ähnliche Beispiele eines neuartigen Umganges mit der Tonspur lassen sich auch in der Eröffnungsszene von "Der Soldat James Ryan" finden. Der Zuschauer erlebt die Geräuschkulisse des Krieges an der Küste der Normandie, die peitschenden Schüsse, die verschwommenen Klänge unter Wasser - wenn Körperteile abgetrennt werden, ist das Geräusch so unmittelbar wie nie zuvor. Es gibt keinerlei emotionalen Rückzugsraum mehr.

Dass sich das eine Zeitlang verfolgte anachronistische anmutende Konzept, Filme wie in der Frühphase des "Kinos der Attraktionen" ausschließlich über die visuellen Sensationen verkaufen zu wollen, sich gegen Ende des Jahrzehnts schon wieder totlief, war allerdings auch absehbar: Die digitalen Effekte dienten als willkommener Verstärker neuer - alter - Geschichten, wie die eines vor Jahrzehnten gesunkenen Ozeanriesen. Doch nachdem das Publikum sich an sie gewöhnt hatte, konnten diese Effekte bald schon nicht mehr allein den Erfolg eines Filmes garantieren.

In den vergangenen Jahren fand dann auch eine gewisse Rückbesinnung in vielen Produktionen statt: Bestes Beispiel ist die James-Bond-Reihe, die mit Pierce Brosnan zuletzt sogar für 007-Verhältnisse jede physikalische Glaubwürdigkeit ad absurdum geführt hatte, und seit 2006 wieder auf klassischere und nachvollziehbare Spezialeffekte setzt. Gleichzeitig rückten die Produzenten in den Bond-Filmen mit Daniel Craig wieder das wichtigste Erfolgsrezept seit den Tagen des Stummfilms stärker in den Vordergrund: eine gut durchdachte Story.

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