Kintopp mit Krokodilen Die Rückkehr von Afrikas Fitzcarraldo

1907 machte sich ein Deutscher auf eine abenteuerliche Expedition quer durch Afrika - per Motorboot. Ein Safari-Unternehmer aus Windhuk hat nun verschollene Filmaufnahmen des einzigartigen Unterfangens entdeckt.

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Als Oberleutnant der Schutztruppen, stationiert in Deutsch-Ostafrika (heute Tansania) ritt Paul Graetz meist in weißer Uniform auf dem Zebra herum. Um 1905 verließ der Soldat die Armee und startete mit 75.000 Reichsmark Sponsorengeldern die verrückteste Autofahrt aller Zeiten.

Hunderte Fotos hat der mobile Abenteurer geschossen, um seine gefährliche Urwaldfahrt zu dokumentieren. Hernach schrieb er einen packenden Reisebericht und ließ kostbare handkolorierte Glasplatten-Dias fertigen, mit denen er wie ein Medienstar durch Europa tourte. Im Berliner Hotel Adlon besaß Graetz eine Dauersuite.

Seine zweite Expedition von 1911 mutet noch gewagter an. Der Plan sah vor, mit einem 8,20 Meter langen Motorboot von der Küste Mosambiks aus über Wasserwege zum sagenumwobenen Bangweulu-See in Sambia vorzustoßen. Von dort wollte man über den Kongo tuckern, um dessen Mündung am Atlantik zu erreichen - ein Durchstich von Ost nach West quer durch den Schwarzen Kontinent.

Wieder hatte Graetz hochwertige Fotoapparate im Gepäck. Zudem setzte er diesmal auch auf das Medium Film. Mit von der Partie war der französische Kameramann Octave Fière, der mit einem klobigen Cinematographen samt Holzstativ und Handkurbel an Bord der schwankenden "Sarotti" ging. In vorab eingerichteten Urwald-Depots entlang der Strecke lagerten 10.000 Meter Rohfilm.

Doch es kam anders. Die Mission scheiterte auf halber Strecke. Fière starb schon vorher nach einem Büffelangriff. 45 Minuten Film hatte er bis dahin abgedreht. Dieses Material - ein kostbares Dokument aus dem kolonialzeitlichen Afrika - war seit dem Zweiten Weltkrieg spurlos verschwunden.

Verstaubte Filmkopie im Keller

Erst dem in Windhuk ansässigen Safari-Unternehmer Carsten Möhle, der das Lebenswerk des vergessenen Abenteurers Graetz erforscht, ist jetzt die Auffindung des Zelluloids gelungen. "1926 wurde der Film zuletzt in einer Lehrfilmsammlung erwähnt, auch gab es Kopien von der UFA", erzählt er. Seine anfänglichen Recherchen stießen allerdings ins Leere.

Anfang 2007 wurde der Fahnder schließlich fündig - im letzten Wohnsitz des 1968 gestorbenen Pioniers, dem Haus "Afrikaruh" in Travemünde. Dort lebt heute dessen Tochter Uta Graetz-Africana, 65. Nach schwierigen Verhandlungen, die man teils auf Suaheli führte, kramte die Erbin im Keller eine kleine verstaubte Blechdose hervor: Darin enthalten war der Stummfilm von der "Sarotti"-Fahrt.

In Kintopp-Qualität und flimmernden Schwarzweiß zeigt das Werk, wie Graetz am Hebel eines Außenbordmotors mit hoher Bugwelle über schlammige Flüsse in Mosambik und Malawi braust - mitten hinein in eine wilde Natur aus Schlingpflanzen und Giftspinnen, deren menschliche Bewohner zum Teil noch unter steinzeitlichen Bedingungen lebten.

Kameramann Fière filmte sie auf der Krokodiljagd und beim Fischen mit Speeren am Malawi-See. Er lichtete Frauen in Bastkleidern ab, zeigte sie beim Ritualtanz und beim Kochen vor der Strohhütte. Dazwischen immer wieder Graetz. Insgesamt 240 Kilometer weit ließ er das Boot über Land schleifen, schweißnasse Schwarze zogen es mit Hanfseilen durch Urwaldschneisen und an Felshängen empor.

Fachleute wie der Dekan des Afrika-Instituts der Universität Leipzig halten die Aufnahmen für ein ethnologisches Kleinod. Weltweit lagen bislang nur 26 Vorkriegs-Filmminuten aus dem tropischen Afrika vor. "Nun sind zehn neue Minuten dazugekommen", freut sich Möhle.

Er spuckte Schleim und Blut

Doch so spannend die Szenen auch anmuten, sie wurden von einer schrecklichen Tragödie überschattet. Am 3. September 1911 war die Gruppe bis zum Chambezi in Sambia vorgestoßen. Brütende Hitze lag auf dem Land. Um Petroleum zu sparen, legten sich die boys an Bord der "Sarotti" in die Riemen.

Da passierte es: "Etwa 50 Schritt vor uns, dicht am Ufer in einer muldenartigen Einsenkung standen drei mächtige Büffel, uns verwundert anäugend", schilderte Graetz später den Vorfall. Sofort legte der Expeditionsleiter die Büchse an und traf einen am Schulterblatt. Doch das Tier konnte sich waidwund ins Unterholz retten.

Zwar sprang die Mannschaft umgehend aus dem Boot und verfolgte den verletzten Koloss. Doch der ging - jäh aus dem Sumpfgrasdickicht brechend - zum Gegenangriff über und rammte Graetz das linke Horn in die Wange. Der Kiefer barst. Kameramann Fière wurde "dreimal gespießt". Zwischen Herz und Hüfte klaffte ein Riss, Blut quoll aus einer tiefen Oberschenkelwunde. Der Mann starb.

Mit diesem Tod endete auch der filmische Teil der "Sarotti"-Reise. Graetz konnte die komplizierte Vorkriegs-Kamera nicht bedienen. Wenige Wochen später kam die gesamte Expedition an einem Wasserfall nahe der Grenze zur heutigen Demokratischen Republik Kongo zu erliegen. Der Verbleib der "Sarotti" ist unklar. Wahrscheinlich versank sie auf dem Fluss Luapula.

Auch der deutsche Expeditionsleiter befand sich damals in einer schlimmen körperlichen Verfassung. Er spuckte Schleim und Blut. Nach dem Büffelkampf trug er einen Gürtel, der seinen kaputten Kiefer am Kopf festzurrte. Immerhin gelang es dem Entdecker, die kostbaren Filmrollen nach Berlin zu retten, von wo aus eine Kopie nach Travemünde gelangt.

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
Jens Flottmann, 02.07.2008
1.
Eher peinlich. Hier werden unkommentiert koloniale Topoi in Bild und Text kolportiert. Eine kritische Analyse der neuen Quellenlage steht aus. Man kann nur hoffen, dass sie auch ein solches Forum finden. Ansonsten setzten sich "einestages" und der SPIEGEL dem Verdacht aus, für kommerzielle Zwecke exotische Themen im Stile der damaligen unsäglichen Afrikaschauen auszubeuten.
Ruediger Boeger, 03.07.2008
2.
>Eher peinlich. Hier werden unkommentiert koloniale Topoi in Bild und Text kolportiert. Eine kritische Analyse der neuen Quellenlage steht aus. Man kann nur hoffen, dass sie auch ein solches Forum finden. > >Ansonsten setzten sich "einestages" und der SPIEGEL dem Verdacht aus, für kommerzielle Zwecke exotische Themen im Stile der damaligen unsäglichen Afrikaschauen auszubeuten. Orwell lässt grüßen.
Balazs Pataki, 03.07.2008
3.
Ein bisschwen weniger Bigotterie bitte. Man kann halt nicht alles ins Feuer werfen das nicht in unsere heutige Weltanschauung passt, auch wenn so manche PC-Inkvisitoren es gerne tun würden.
thorsten doß, 03.07.2008
4.
Gerade jetzt, wo neue Aufnahmen gefunden wurden, besteht doch die Möglichkeit den Herrn Graetz ins rechte Bild zu rücken. Sicher war er auch "nur" ein Kind seiner Zeit und seine Anschauungen entsprachen den vorherrschenden Annahmen deutscher bzw. europäischer Kolonialpolitik. Schlußendlich sind alle Hinterlassenschaften (Manuskripte, Fotografien und auch der jetzt aufgetauchte Film) originale und wichtige Zeitdokumente unserer Vergangenheit und den kolonialen Zeitgeist repräsentieren. Eine ikonographische Analyse der Bilder wäre demnach mehr als wünschenswert, um auch Paul Graetz in dieser Zeit kontextuell einordnen zu können. In meiner Bibliothek steht befindet sich sein Buch mit dem hinfälligen DDR Vermerk: NICHT VERLEIHEN! Wie kann da aus der Geschichte gelernt werden?
Jens Flottmann, 04.07.2008
5.
Meine Einwände richten sich gegen den unkommentierten und unkritischen Grundtenor des Artikels. Der Bezug zu Fitzcarraldo wäre durchaus ausbaufähig gewesen. Vom SPIEGEL ist man im Übrigen einfach anderes gewohnt. Ich nenne z.B. den kürzlich erschienenen Artikel: MASSAKER IN SÜDWEST-AFRIKA - Wie die Hereros um Wiedergutmachung kämpfen von Thilo Thielke. Man muss nicht so weit gehen wie die BBC-Dokumentation "Namibia - Genocide and the Second Reich" aus dem Jahr 2005. Allerdings kann man sich schon fragen, warum sie dem heimischen Publikum meines Wissens bisher noch nicht in einer synchronisierten Fassung zugemutet wurde... Spiegel-Dokumentation übernehmen Sie!
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