Kiosk-Geschichte Alles im Griff

Wie bekommt man eine Zeitungsklammer-Sammlung? Nett am Kiosk fragen - oder einfach klauen. Genau so hat es Harald Falk gemacht. Seit Jahren jagt er die aussterbende Gattung, sogar US-Zeitungsstände macht er unsicher. Bekenntnisse eines Sammlers mit einem Hang zum Klammern.

www.zeitungsklammer.de

Mit 16 Jahren passierte es das erste Mal. 1977 wurde ich in meinem Heimatbezirk Berlin-Lankwitz auf die bunten Klammern aufmerksam, mit denen Zeitungen und Zeitschriften an einem Kiosk an Drahtgestellen befestigt wurden. Was mich damals trieb, in einem unbeobachteten Moment eine damals noch weitverbreitete Metallklammer mit dem Logo der "Bild" an mich zu nehmen, weiß ich nicht mehr: Die Einstiegsdroge hielt ich jedenfalls in meinen Händen.

Dreißig Jahre später zählt meine Sammlung 370 verschiedene Klammern, viele mit einer eigenen Geschichte. Während andere Sammlungen zusammengekauft werden können, bedarf es beim Sammeln von Zeitungsklammern neben dem Entdeckerglück kommunikativer Fertigkeiten oder - als Ultima Ratio - des schnellen unbeobachteten Zugriffs. Nach einer Sturm- und Drangphase beschränkte ich mich auf den Einsatz kommunikativen Fertigkeiten, um an die Objekte der Begierde zu gelangen.

Das Grundprinzip funktioniert so: wenn gerade kein großer Kundenandrang ist, Interesse am Tun des Verkäufers im Kiosk zeigen; eine Kleinigkeit kaufen, um das Eis zu brechen, sei es eine Süßigkeit für die Kinder, eine gute Reiselektüre oder auch nur die "Bild", weil die am billigsten ist; dann freundlich nach der Klammer fragen und im Zweifelsfall doppelte Klammern zum Tausch anbieten, wenn es am Kiosk zu wenige gibt.

Als Zeitungsklammersammler ist man oft allein

Bei meinen zahlreichen Nachfragen nach in meiner Sammlung noch fehlenden Exemplaren konnte ich eine grobe Unterscheidung von Verkäufertypen ausmachen. Der Hilfsbereite: "Sie können die Klammer gerne mitnehmen und sich auch noch welche aus meiner Kiste mit Reserveklammern aussuchen." Der Ängstliche: "Ich bin hier nur angestellt und darf darüber nicht entscheiden." Der Unwirsche: "Hier gibt's nur Zeitungen und Tabak." Der Experte: "Nur die Metallklammern taugen etwas, denn die aus Plastik zerbrechen schnell."

Die Kommunikation mit den Kioskbesitzern ist allerdings - egal welcher Gattung sie angehören - immer eine Wohltat, denn als Zeitungsklammersammler ist man oft allein. Lange Zeit kannte ich nur noch einen weiteren Sammler, meinen Freund Carsten. Ihm fehlte es jedoch an kommunikativer, sprachlicher und letztlich auch sportlicher Kompetenz. Nie werde ich vergessen, wie er sich in Paris mit einer Klammer zügig und unerlaubt von einem Kiosk entfernen wollte, die Kioskbesitzerin ihn einholte, ihm mit dem Ausruf "merde!" einen Tritt in den Hintern gab und ihm die entwendete Zeitungsklammer sofort wieder entriss.

Vermutlich war seine fehlende Qualifikation der Grund dafür, dass ihn die Zeitungsklammersammelleidenschaft schnell wieder verließ. Ich war zum Glück damals zur Stelle und übernahm für 500 Mark Carstens Sammlung, die fast genauso groß war wie meine.

Klammerlos in Seattle

Über meine Internetseite habe ich inzwischen noch weitere Sammler kennen gelernt. Auf www.zeitungsklammer.de kann man meine Sammlung bewundern. Was sonst sollte man mit fast 20 laufenden Metern Zeitungsklammern machen? Im Flur meiner Wohnung habe ich unter die Decke an ein Seil gehängt, so dass ich Gästen daran entlang von der Pressegeschichte und der Bedeutung von Grafik und Farbe erzählen kann. Das größte Interesse aber besteht stets an den Umständen, unter denen ich an die Klammern gelange.

1987 beispielsweise verpasste ich bei einer USA-Reise in Seattle fast den Rückflug. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits eine vierwöchige Odyssee hinter mir. In keiner amerikanischen Großstadt hatte ich auch nur eine einzige Zeitungsklammer entdeckt. Dabei hatte ich unzählige Hauptstraßen intensiv abgesucht. Meine Mitreisenden hatten sich bereits daran gewöhnt, dass ich immer wieder blitzartig die Straßenseite wechselte, sobald ein Kiosk in Sicht kam. Doch alle Mühe war vergebens - aus Sammlersicht war die Reise abgeschrieben.

Ich deponierte also mein Gepäck am Flughafen, um unbeschwert noch einmal durch Seattle zu ziehen. Dort erblickte ich an einem Kiosk neben vielen Wäscheklammern eine einzige Klammer mit einem Zeitschriftenlogo: "Winning Points", ein Sportmagazin. Ich bat freundlich um die Klammer, gab mich als Deutscher zu erkennen, was in den USA oft Pluspunkte brachte und bot schließlich Geld an. Nichts half - und ich musste lernen, dass auch im Musterland des Kapitalismus nicht alles käuflich war. Erst der Hinweis auf deutsche Tauschklammern öffnete das Herz des Zeitschriftenverkäufers. Drei Stunden vor Abflug holte ich also vom 20 Kilometer entfernten Flughafen meine Tauschware und bereicherte Seattle mit Klammern des dort nicht erhältlich "Rheinischen Merkur". Mit erhöhtem Adrenalinspiegel fuhr ich zurück zum Flughafen. Als ich ankam, wurde mein Flug gerade das letzte Mal ausgerufen.

Zum Glück keine Souvenirs

Für Freunde und Verwandte war nicht erst nach dieser Aktion klar, welches Souvenir mich am meisten erfreuen würde. Statt einer Miniatur des schiefen Turmes von Pisa bekam ich zum Beispiel eine Zeitungsklammer der italienischen Zeitung "Repubblica". So wuchs die Sammlung und internationalisierte sich - wobei Zeitungsklammern doch etwas vornehmlich Deutsches blieben. Eine nennenswerte Vielfalt gab es nur noch in Frankreich bis in die neunziger Jahre.

Mangels geeigneter Ansprechpartner bei Verlagen und Herstellern gelang es mir leider nie, etwas über die Geschichte der Zeitungsklammern zu erkunden. So bleibt für mich unklar, ob es schon vor dem Zweiten Weltkrieg Zeitungsklammern gab. Meine mutmaßlich älteste Klammer trägt das Logo der Re-Edukationszeitung "Neue Zeitung", die 1955 eingestellt wurde.

Wegen neuer Vertriebswege und modernerer Kioske mit Plexiglasauslagen sind Zeitungsklammern heutzutage weitgehend aus dem Stadtbild verschwunden. Meine Sammlung und mein Sammeleifer stagnierten in den vergangenen Jahren. Vielleicht ließe sich noch die eine oder andere Klammer aus Beständen von Herstellern und Verlagen hinzufügen, meine Interessen und Prioritäten haben sich in jüngster Zeit jedoch verschoben. Von den vielen Erlebnissen im Zusammenhang mit den Klammern möchte ich keine missen. Sie bleiben auch bei mir, sollte ich meine Sammlung einmal verkaufen.



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Maike Müller, 12.05.2009
1.
Ich habe gerade im Internet gesurft und gesehen, dass die Zeitungsklammersammlung wohl wirklich zum Verkauf ansteht: http://www.hood.de/auction/34968478/zeitungsklammern-groesste-sammlung-der-welt.htm 2500 ? sind zwar ne Menge Geld, aber so viele alte Stücke würde man heute wohl nicht mehr zusammenkriegen.
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