Kirche im Krieg Gottes Hausbau

Kirche im Krieg: Gottes Hausbau Fotos
Klaus Schmeh/Kirchengemeinde Wellendingen

Milch für die Innenwände, Familiengold für den Altar und viele unbezahlte Arbeitstunden: Während um sie herum die Bomben fielen, bauten unerschütterliche Katholiken im schwäbischen Wellendingen mit Hingabe an einer neuen Kirche. Gleich nach Kriegsende veranstalteten sie ihre ersten Passionsspiele. Von Klaus Schmeh

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
  • Zur Startseite
    3.2 (10 Bewertungen)

ERBAVT JM JAHRE 1937 steht über dem Altar der katholischen Kirche in meinem Heimatort Wellendingen in Baden-Württemberg. Als ich in den siebziger Jahren lesen lernte, gehörten diese Worte zu den ersten, die ich entziffern konnte - nicht ohne mich über die etwas seltsame Schreibweise zu wundern. Als Besonderheit betrachtete man die Kirche St. Ulrich, wie sie offiziell heißt, damals in Wellendingen nicht. Im Gegenteil, die meisten Gemeindemitglieder empfanden das Gotteshaus als nüchtern und wenig feierlich. Es habe keinen Stil, sagten diejenigen, die ein bisschen etwas von Kunstgeschichte verstanden. Neidisch blickte man ins Nachbardorf Schörzingen, das mit einer kleinen aber feinen Barockkirche aufwarten konnte.

Erst in den achtziger Jahren wurde den Wellendingern so langsam bewusst, dass ihre Kirche trotz allem etwas Besonderes ist. Erbaut wurde sie während des Nationalsozialismus, zwei Jahre vor Beginn des Zweiten Weltkriegs - nicht gerade eine ideale Zeit für einen Kirchenbau. Der Innenausbau fand - teilweise unter abenteuerlichen Umständen - während des Kriegs und unmittelbar danach statt.

Während andernorts die Bomben fielen, gestaltete man in der Ulrichskirche den Altarraum, und kurz vor dem berüchtigten Hungerwinter 1946/47 kümmerten sich Künstler um die Bemalung der Innenwände und fragten sich, ob sie die dabei verarbeitete Milch nicht lieber trinken sollten.

Abenteuerliche Baugeschichte

Der erste, der sich intensiver mit der abenteuerliche Baugeschichte befasste, war mein Vater Volker Schmeh. 2006 hatte die Kirchengemeinde ihn darum gebeten. Sein Ziel war die Zusammenstellung einer Festschrift zum 70-jährigen Jubiläum des Kirchenbaus. Neben einigen Zeitzeugen fand mein Vater in Archiven zahlreiche Unterlagen, die bis dahin noch niemand sortiert, geschweige denn ausgewertet hatte. Nach einem halben Jahr aufwendiger Wühlarbeit förderte er die bewegenden Umstände des Kirchenbaus zu Tage.

Der geistige Vater der Wellendinger Kirche war der damalige Pfarrer Eugen Neu. Wie in dieser Zeit noch üblich, glich seine Stellung im Dorf der eines Monarchen. Auch der Bürgermeister konnte kaum etwas ohne die Zustimmung des Kirchenmannes durchsetzen. So gab es auch keine Diskussionen, als Pfarrer Neu 1936 den Neubau der örtlichen Kirche anordnete.

Das alte Gotteshaus aus dem 15. Jahrhundert war zu klein geworden und wies Risse auf. Das Ordnungsamt drohte mit einer Sperrung des Gebäudes. Die Gemeinde zu großzügigen Spenden für den Neubau zu veranlassen, gehörte für Neu zunächst zu den einfacheren Aufgaben. Schwieriger war es, die benötigte Unbedenklichkeitsbescheinigung der Reichsarbeitsverwaltung in Berlin zu erhalten.

Arbeit für Gotteslohn

Die Behörde reagierte zunächst gar nicht auf die Schreiben des Pfarrers. Angesichts der damals laufenden Rüstungsprojekte gab es offenbar wichtigere Angelegenheiten als einen Kirchenbau. Pfarrer Neu reiste daraufhin kurzerhand selbst in die 800 Kilometer entfernte Reichshauptstadt, wo er schließlich das begehrte Papier erhielt.

Noch bevor die Baugenehmigung erteilt war, ließ Neu Teile der alten Kirche abreißen und einen Graben für das Fundament der neuen ausheben. Diese Arbeiten erledigten die Gemeindemitglieder, größtenteils Bauern, im wahrsten Sinne des Wortes für Gotteslohn. Von einem Mangel an ehrenamtlichen Arbeitskräften oder Kritik an der Arbeitsbelastung ist nichts bekannt.

Der Bau schritt schnell voran, und schon nach sechs Monaten konnte die Gemeinde Richtfest feiern. Im Dezember 1937 weihte ein Weihbischof aus Rottenburg das neue Gotteshaus und übergab es seiner Bestimmung. Die Baukosten in Höhe von knapp 100.000 Reichsmark konnte Pfarrer Neu innerhalb von nur sechs Jahren begleichen, da die Gemeindemitglieder großzügig spendeten. Das Geld floss so reichlich, dass die Kirchengemeinde in dieser Zeit auch Messgewänder, Hostienkelche, eine Monstranz und ein Rauchfass anschaffen konnte.

Vergoldeter Altar

Erstaunlicherweise sorgte der Zweite Weltkrieg keineswegs für eine schöpferische Pause in der Wellendinger Kirche. So schaffte Neu 1940 einen Beichtstuhl und eine Marienstatue an, natürlich von Spenden finanziert. Anfang 1945 gestaltete ein Bildhauer den Hochaltar. Im Juli desselben Jahres galt es, eine Christusfigur für den Altarraum aus 80 Kilometern Entfernung in die Kirche zu transportieren. Ein Bauer stellte hierfür mitten in der Erntezeit seinen Traktor zur Verfügung, und irgendjemandem gelang es - möglicherweise auf dem Schwarzmarkt - den dafür benötigten Dieselkraftstoff zu besorgen.

Gleichzeitig kümmerte sich ein Maler um die Fresken, die im Innern der Kirche angebracht werden sollten. Einer der Helfer dieses Künstlers wurde Jahre später der Kunstlehrer meines Vaters. Trotz des Mangels in der unmittelbaren Nachkriegszeit versorgten die örtlichen Bauern ihn und seine Kollegen großzügig mit Lebensmitteln. Auch als die Maler zur Herstellung von Farbe Milch benötigten, ließen sich die örtlichen Viehzüchter nicht lange bitten. Zwar fiel es den Künstlern schwer, angesichts der damaligen Versorgungslage ein Lebensmittel zu Farbe zu verarbeiten, doch die Bauern lieferten so viel, dass noch genug Milch für die Familien der Maler übrig blieb.

Die Wellendinger halfen jedoch nicht nur mit unbezahlter Arbeit, Geld und Lebensmitteln. Als noch im Jahr 1945 das als Aussetzungsthronus bezeichnete Relief am Hochaltar vergoldet wurde, lieferten viele bereitwillig ihren Familienschmuck zum Einschmelzen ab.

Passionsspiele vor dem Hungerwinter

Als ob der Kirchenbau in schwerer Zeit allein nicht genug wäre, ließ Pfarrer Neu 1946 im neuen Gotteshaus Passionsspiele aufführen, wie man sie aus Oberammergau kannte. Eine auswärtige Schauspielerfamilie namens Fassnacht übernahm die drei Hauptrollen, während die restlichen Parts von Gemeindemitgliedern ausgefüllt wurden. Der Kirchenchor sorgte für die musikalische Begleitung, und die Kinder des Dorfes wurden für den sogenannten lebenden Vorhang verpflichtet. Nahezu die gesamte Gemeinde war über Monate mit den Vorbereitungen beschäftigt, natürlich ohne Bezahlung.

Der berüchtigte Hungerwinter 1946/47 warf seine Schatten voraus - da fand im November 1946 die Aufführung der Passionsspiele statt. Offenbar gab es in der Bevölkerung damals eine Sehnsucht nach derartiger Ablenkung, denn bei allen Terminen war die Kirche voll. Viele Besucher kamen von weither zu Fuß, da es nur wenige öffentliche Verkehrsmittel gab.

Nach dem Krieg war einmal mehr die Spendenbereitschaft der Wellendinger gefragt, denn Pfarrer Neu ließ neue Glocken für den Kirchturm anschaffen. 1948 wurden sie geweiht. Den größeren Teil der Rechnung für das Geläut beglich die Kirchengemeinde unmittelbar nach der Währungsreform. 12.000 DM spendeten die Gemeindemitglieder dafür - nicht gerade ein Pappenstiel für ein Dorf mit weniger als 1.000 Einwohnern, von denen viele zu dieser Zeit nur das damalige sogenannte Kopfgeld von 60 DM zur Verfügung hatten. Mit dem nun einsetzenden Wirtschaftswunder begannen jedoch bessere Zeiten. Als Pfarrer Neu 1955 starb, war der Kirchenbau, sein Lebenswerk, abgeschlossen.

Wie mein Vater herausfand, gab es in Südwestdeutschland noch weitere Gemeinden, die unmittelbar vor dem Krieg einen Kirchenbau in Angriff nahmen. Dazu gehören beispielsweise Herbertingen, Meckenbeuren-Hegenberg, Villingendorf und Freudenstadt-Zwieselberg.

Wie in diesen Dörfern die Bauarbeiten abliefen, wissen wir nicht. Mein Vater und ich würden uns über entsprechende Informationen von einestages-Lesern freuen.

Artikel bewerten
3.2 (10 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH